
Bodo Bimböse, Chef der Agentur für Marketing-Kommunikation Markenzeichen
Am 16. September im vergangenen Jahr antwortete Bodo Bimböse, der Chef der Marketingagentur Markenzeichen, im „Fragebogen „Nahaufnahme“ hier im Management-Blog auf die Frage: „Wenn Sie für einen Tag den Job von jemand anderem übernehmen könnten – welcher wäre das? Den eines Krankenpflegers auf einer Palliativstation. Da begreife ich das Leben und die nötige Demut.“
Elf Monate später erlebte Bimböse eine Überraschung: Dr.Christiane Gog, die Leiterin der Palliativstation der Uniklinik Frankfurt schrieb ihn an, dass sie im Management-Blog seine Antwort gelesen habe. Und dass er diesen Tag gerne einmal als Pfleger bei ihr – genauer in der Palliativmedizin am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen (UCT) in Frankfurt am Theodor-Stern-Kai 7 – absolvieren könne.
Bimböse musste erst mal schlucken, sagte aber keine drei Stunden später zu. Vor zwei Tagen, am 8.November, war es dann soweit. Der Marketingagentur-Chef zog den blauen Pflegerkittel an und wurde bei Dr.Gog vorstellig. Sie hätte übrigens nicht gedacht, dass er sich tatsächlich traut, zu kommen, erzählte sie ihm.

Für den „Management-Blog hat er Handy-Fotos von seinem Einsatz gemacht und anschließend seine Eindrücke für uns aufgeschrieben. Es ist ein sehr persönliches und bewegendes Stück geworden – herzlichen Dank dafür Bodo Bimböse.

Dr. Christiane Gog, Leiterin der Palliativstation der Uniklinik Frankfurt

Bodo Bimböse in der Palliativstation
Ein Schnuppertag auf der Palliativstation der Uniklinik Frankfurt – von Bodo Bimböse
Häufig kommen sie weinend. Doch sie lernen den letzten Lebensabschnitt selbst zu gestalten.
Damit hatte ich nicht gerechnet, als ich im Management-Blog von Claudia Tödtmann schrieb, dass ich auf einer Palliativstation gerne das Leben und die nötige Demut kennenlernen möchte. Rund ein Jahr später rief mich Dr. med. Christiane Gog, Leiterin der Palliativstation der Uni -Klinik Frankfurt an, um mich zu einem Schnuppertag einzuladen. Ich am Schreibtisch sitzend, im Alltag eingespannt.
Die aufkommende Panik während und nach dem Telefonat katapultierte mich sofort aus aller Arbeit und Routine. Ich bat um Bedenkzeit, las noch einmal den Management–Blog und da stand es. Ok, ich sagte zu. Doch mit banger Stimme.
Heute, am 8.November 2016 war der Tag gekommen. Pünktlich um acht Uhr betrat ich die Abteilung voller Ungewissheit und mit sehr großem Respekt.

Und es sprengte alle meine Erwartungen. Das Schönste und Wundervollste zuerst: Diese Mannschaft um Frau Dr. Gog herum lebt den ersten Artikel des Grundgesetzes stärker, besser als wir alle anderen in unseren Alltagen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Noch nie habe ich eine solch individuelle, professionelle, distanzierte, nahe Pflege von wundervollen Menschen so erlebt, wie hier. Dabei sind die Arbeitsverhältnisse nicht luxuriös, sondern ehr karg. Das Geld ist knapp. Die Abteilung muss sich den Platz mit einer anderen teilen, welche ebenfalls nur über geringe Mittel verfügt. Denn das Leben „nach hinten raus“, wie ich lernte, interessiert das Gros der Gesellschaft nicht mehr.
Der ältere Mensch hat halt seine Schuldigkeit getan.
Hier auf der Station fängt Leben und Sterben an. „Viele Patienten weinen, wenn sie auf unsere Station kommen“, so Dr. Gog. Gleichzeitig lernen sie neu zu leben. Zuversicht zu bekommen, dass die zu verbleibende Zeit noch wunderbar werden kann. Es wurde eine Ehe auf der Station geschlossen und unzählige Partys gefeiert. Ein Todkranker wollte – und ist- selbstverständlich mit der freiwilligen Begleitung eines Mitarbeiters der Dienstfrei hatte – zum Heavy-Metal-Rock-Konzert. Dort ging es, wie mir der Mitarbeiter sagte, heckenhoch her. Ein anderer Patient ohne große Lebenserwartung will noch einmal nach Paris. Auf Montmartre frühstücken, den Mädels hinterher gucken und das Leben ein letztes Mal genießen. Auch das machen die Menschen auf dieser wundervollen Station ihren Patienten möglich! Wieder mit privater Finanzierung, wieder mit privatem zeitlichen Engagement, wieder mit dem Tauschen von Dienstplänen.
Zum Helfen hat Frau Dr. Gog mit einigen anderen ehemaligen Patienten, einen Förderverein gegründet: Die Brücke e.V. ist das freiwillige Engagement für die Menschen, die in die Obhut von Dr. Christiane Gog kommen.
Doch mein Tag war wirklich nicht nur von diesen wunderbaren Bildern gekennzeichnet: Der Tod ist ein ständiger Gast auf der Station. Offen wird darüber gesprochen, unheilbar sind häufig die Diagnosen, es gibt viele Tränen, Ängste, es gibt Sterbende und noch mehr Menschen, die durch eine Laola-Welle des gesamten Teams wieder verabschiedet werden. Auch da kommt es wieder zu Tränen. Zum Abschied. Von denen, die gehen. Das Gros der Patienten hat während des Aufenthaltes die Angst vor dem Sterben überwunden.
Ich habe einen tollen Tag erlebt. Nein, mir geht es nicht gut, dafür waren die Eindrücke einfach zu heftig. Aber ja, dieser Schnuppertag hat viele Eindrücke vor allem Mut bei mir hinterlassen. Ich glaube, für den Rest meines Lebens.
Bodo Bimboese
Blog von Dr. Christiane Gog beim Förderverein zugunsten krebskranker Patienten
am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen (UCT) http://www.die-bruecke-frankfurt.de/blog/


Danke! Ihnen beiden! Für diesen mutigen, offenen Text. Für die Erinnerung an genau solche Momente, die Sie beschreiben, an die Ärztinnen und Ärzte, die Pflegerinnen und Pfleger, die sich Zeit nehmen, für ihre Patienten, die Angehörigen, die schwere Zeiten leichter machen.
Super, Bodo, danke für die tolle Beschreibung der Eindrücke!
Thilo