Buchauszug: „Das Leben. Ein bunter Hund“ von Sabine Hübner und Carsten K. Rath

Buchauszug aus „Das Leben. Ein Bunter Hund“ von  den Führungskräfte-Coaches Sabine Hübner und Carsten K. Rath.

Hübner (und Rath

Carsten K. Rath und Sabine Hübner

 

Unabhängig leben: Freiheit und Mobilität – Wie viel Freiheit vertrage ich?

 

Sister ohne Act

»Margarethe fährt leidenschaftlich gern Motorrad. Sie trinkt gern ein Bier mit Freunden, geht auf Partys und hat einen Freund. Eine lebenslustige Studentin.«

Klingt nach einer ganz normalen 24-Jährigen, sofern es so etwas wie »normal« überhaupt gibt. Manch einer mag vom Motorradfahren schon auf eine gewisse Freiheitsliebe dieser jungen Frau schließen. Nach einer konservativen Lebenseinstellung hört sich die Beschreibung zwar nicht wirklich an, aber auch nicht weiter aufsehenerregend. Vielleicht eine typische Kandidatin für einen Selbstfindungstrip nach Indien, eine studienabbruchsbegleitende Gründerphase oder möglicherweise eine Karriere in der Politik? Irgendjemand muss die Piraten ja retten …

Doch die junge Dame erfüllt die Erwartungshaltung so gar nicht, die diese ersten beschreibenden Sätze über sie schüren. Um Freiheit dreht sich ihre Geschichte allerdings durchaus. Ihre ganz eigene Interpretation von Freiheit.

Inzwischen heißt die junge Studentin nicht mehr Margarethe, sondern Sr. Maria Laetitia. Das »Sr.« steht für »Schwester«. Die motorradfahrende, biertrinkende Studentin mit Freund ist inzwischen Zisterziensernonne. Keine Motorräder mehr, kein Bier, kein Sex. Selbst wenn sie mitten in der Nacht mal ihre Meinung ändern würde: In ihrem Kloster in der Oberlausitz ist sie fernab der Versuchungen, die die Welt den Sündigen offeriert.

Margarethe, Pardon, Maria Laetitia vereint vermeintliche Gegensätze. Sie hat nicht etwa eine radikale Persönlichkeitsumwandlung durchgemacht: Schon in der Bier- und Motorradzeit hat sie Theologie studiert. Maria Laetitia hat es sich nicht anders überlegt – sie hat einfach Ernst gemacht mit ihren Motiven. Immer wieder hatte sie das Kloster St. Marienstern besucht, und schließlich beschloss sie, zu bleiben. Diese Entscheidung fiel nicht über Nacht, sondern in einem langen, konsequenten Entscheidungsprozess – einschließlich Zweifeln und vieler Diskussionen mit Freunden und Familie. Auch mit dem Freund, versteht sich. Margarethe wollte es so. Sie ist keiner Heilslehre aufgesessen und keinem Traum vom »einfachen« Leben wie manch anderer.

Einfach statt frei: Das ist die naheliegende Assoziation mit dem Klosterleben. Doch Sr. Maria Laetitia wollte es sich gerade nicht leicht machen. Freiheit ist nie leicht. Freiheit hat immer Konsequenzen und fordert stets Verantwortung. Und frei ist sie, die ehemalige Margarethe.

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„Das Leben. Ein bunter Hund“ von Carsten K. Rath und Sabine Hübner, Murmann Verlag, 269 Seiten, 24,90 Euro: http://www.murmann-verlag.de/das-leben-ein-bunter-hund.html

 

Maria Laetitia ist der lebende Beweis dafür, dass Freiheit ein sehr individuelles Thema ist und Mobilität auch im eigenen Kopf stattfinden kann. Ihre Freiheit besteht in der Wahlfreiheit – und ihre Wahl ist darauf gefallen, ihren Radius zu verkleinern. Von schnellen Überlandfahrten mit dem Motorrad und im Zweifel auch der großen, weiten Welt, die heute auf der Agenda der meisten Studenten steht, hat sie ihre Bewegungsfreiheit auf die Mauern von St. Marienstern beschränkt. Freiwillig. Und deshalb frei.

Sr. Maria Laetitia ist nicht allein mit ihrer Sehnsucht nach Überschaubarkeit. Auch und gerade Führungskräfte, die normalerweise um die Welt jetten und beim Aufwachen im Hotel schon mal vergessen haben, wo sie gerade sind, suchen verstärkt nach Orientierung. Sie besuchen Kurse über Achtsamkeit und Work-Life-Balance, in denen sie lernen, ihre gefühlte Omnipotenz wieder auf ein überschaubares Maß an Notwendigem herunterzubrechen. Coaches und Psychologen bringen ihnen bei, wieder auf sich selbst zu achten. Im eigenen Körper und im eigenen Kopf zu leben, nicht nur im Außen der Erwartungen und globalen Märkte. Ihren Urlaub verbringen diese Menschen wieder in einer Hütte am See in der Mitte von Nirgendwo anstatt in Miami. Freiheit heißt für sie – und nicht nur für sie – wieder Nichterreichbarkeit anstatt permanenter Erreichbarkeit. Freiheit durch Mobilfunknetz und Internet? Diese erste große Verheißung der digitalisierten Arbeitswelt hat sich schneller überlebt als die dritte Ehe von Lothar Matthäus.

Reduktion auf das Wesentliche scheint auf den ersten Blick ein Antifreiheitsprogramm zu sein. In Wirklichkeit ist es ein Phänomen einer Gesellschaft, in der ein hohes Maß an formaler Freiheit herrscht. Ein zu hohes Maß, heißt es inzwischen immer häufiger. Wohlstandsprobleme einer Gesellschaft, die glaubte, ohne persönliche Grenzen auskommen zu können, bis das »Anything goes« anfing, uns über den Kopf zu wachsen. Der neue Luxus: die schiere Verfügbarkeit der Welt durch selbst gesetzte Grenzen in sinnhafte Muster überführen. In neue Schubladen, könnten wir auch sagen. Warum denn auch nicht? Wir haben Jahrzehnte damit verbracht, gegen das Schubladendenken anzukämpfen – nur um festzustellen, dass eine Welt so ganz ohne Schubladen ganz schön anstrengend sein kann.

Die Fragen, die sich vielen heute stellen, lauten nicht mehr: Was fange ich mit meiner Freiheit an? Wie kann ich ein möglichst mobiles Leben einrichten? Sondern umgekehrt: Wie viel Freiheit vertrage ich? Und wie mobil muss ich unbedingt sein? Was kostet die Freiheit, diese formale, eigentlich?

 

Das Dilemma der Vielflieger

An einem eiskalten Januarabend stecken wir beide fest. Die eine am Flughafen Düsseldorf, der andere in einem Schneegestöber in Zell am See. Der Flug von Düsseldorf nach München wurde storniert, in Zell am See ist Stau aufgrund des Schneechaos.

Eigentlich hätten wir den Abend gemeinsam verbringen wollen, aber daraus wird nun nichts. Also telefonieren wir. Wir telefonieren lange, denn etwas anderes können wir beide gerade nicht tun. Wir sprechen über alles Mögliche an diesem Abend: Beratungsprojekte, geplante Reisen, dieses Buch. Und auch über Mobilität – oder das, was wir gerade davon haben.

»So viel zur grenzenlosen Freiheit: Hier sitze ich mit meiner Bordkarte und komme nicht weiter. Tolle Sache, die grenzenlose Mobilität.«

»Du kannst wenigstens was essen! Ich stecke mit dem Auto im Schneegestöber! Ich habe Hunger. Und wer weiß, wann ich das nächste Mal auf die Toilette kann …«

»Stimmt schon, ich kann hier was essen oder später an Bord, aber weißt du … Manchmal habe ich keine Lust mehr auf das immer gleiche Flugzeug-Essen.«

»Da hatte wohl jemand zu viele Flüge diese Woche?«

»An manchen Tagen, Carsten, fühle ich mich eingekerkert in dem, was wir Freiheit nennen.«

Am Ende telefonieren wir vier Stunden lang und trösten uns so über den verlorenen Abend hinweg – denn so lange dauert es, bis endlich eine Maschine nach München abhebt und auf der Autobahn München in Sicht kommt.

 

Die Freiheit der Mobilen

Um eine Frage kreisen wir an diesem Abend immer wieder: Wie frei sind wir Mobilen eigentlich wirklich?

Wir beide fliegen beruflich etwa 250 000 Meilen (also über 400 000 Kilometer) im Jahr. Das reicht locker für den Komfort der Lounges und Extra-Services mit blumigen Bezeichnungen, die die Fluggesellschaften ihren besten Kunden angedeihen lassen; dort, wo man die Welt mal eben vergessen können soll, bei Espresso und einer Mahlzeit fernab des Trubels der Urlaubsreisenden. Was natürlich nicht wirklich funktioniert. Die »busy people«, die diese Lounges bevölkern, machen jede Illusion von Freiheit effektiv zunichte. Da geht es außerhalb der Lounge, inmitten der angeschickerten Familienväter auf dem Weg nach Fuerteventura, allemal entspannter zu.

Viel fliegen gilt in bestimmten Berufsständen als das Statussymbol schlechthin. Manchen jener »Überflieger« in den Lounges ist die persönliche Meilenzahl wichtiger als jede Benchmark in ihrer Firma. Sie definieren sich darüber, dass sie auf dem Platz 1D sitzen. Als wären sie frei wie Vögel, nur weil sie ständig in der Luft sind.

Wer diesen Menschen während des Boardings beim Telefonieren zuhört, stellt alsbald fest: Niemand in der freien Welt ist unfreier als sie. Doch sie stört das nicht – im Zweifel haben sie es noch gar nicht gemerkt.

 

Die CGeneration

Wir beide sitzen, wenn überhaupt, eher aus praktischen Erwägungen manchmal in der Businessclass. Und wir geben zu, dass auch wir mit den Nachteilen der beruflichen Mobilität zu kämpfen haben. Vor 20 Jahren wären wir noch schief dafür angeschaut worden, so etwas überhaupt auszusprechen. Die »große Freiheit« des mobilen Arbeitslebens ist – oder war – eine der großen Errungenschaften unserer Generation. Wir nennen sie die CGeneration: C für »Corporate«. Heute spüren wir die Folgen: die Unstetigkeit, die die geforderte Mobilität in die Lebensplanung bringt, die ungesunden Nebenwirkungen des Dauerfliegens, die Auswirkungen auf das soziale Netzwerk (das reale). Und auch: wenig da sein zu können für die Mitarbeiter, die am Firmensitz dafür sorgen, dass der Laden läuft, wenn wir nicht da sind. Also meistens.

Mobilität und die Freiheiten, die sie mit sich bringt, sind für viele Menschen heute mindestens genauso viel Fluch wie Segen. An die Vorteile haben wir uns längst gewöhnt: jeden Tag in einer anderen Stadt aufwachen; flexibel für den Kunden da sein können, indem man »schnell mal rüberfliegt«; da sein können, wo die spannenden Dinge passieren. Das Reisen an sich aber fühlt sich inzwischen eher für diejenigen als echte Freiheit an, die es zum Selbstzweck betreiben. Die in den Flieger steigen, um an ihren Urlaubsort zu gelangen und eine sichere Landung manchmal tatsächlich noch mit Applaus quittieren. Oder die das Reisen tatsächlich zu ihrem Lebensinhalt gemacht haben, wie die wachsende Zahl von Reisebloggern. Für die meisten aber ist Reisen zu einer Notwendigkeit geworden, die vieles eher erschwert als erleichtert. Was andere am Schreibtisch mit direktem Zugriff auf ihre Mitarbeiter tun, müssen wir beispielsweise unterwegs erledigen. Das operative Tagesgeschäft geschieht bei uns im Taxi, zwischen Sicherheitskontrolle und Boarding und nachts im Hotelzimmer.

Was Urlaubsreisende am Reisen genießen und als persönliche Freiheit betrachten, ist für Geschäftsreisende Verhandlungsmasse im Rahmen der effizienten Lebensplanung.

 

Keine Grenzen bei Arbeit und Privatem

Davon unbeeinflusst sind die Vorteile der Mobilität, die unsere Generation als erste in vollen Zügen auskosten kann. Wir sind flexibler als jede Generation zuvor. Wir müssen bei der Arbeit und auch im Privaten keine Grenzen scheuen, können Gelegenheiten effizienter wahrnehmen, weil wir gleich morgen an jedem beliebigen Ort der Welt sein können. Wir kommen schneller voran, im wörtlichen wie im Karrieresinn.

Doch Vorankommen und Vorwärtskommen sind nicht immer das Gleiche. Je seltener man die Füße auf festem Boden hat, desto schwerer ist es, zu wissen, wo man steht. Damit gehen diejenigen am besten um, die wissen, warum sie sich das eigentlich antun.

»Wenn ich länger als drei Tage am selben Ort bleibe, wird mir langweilig. Mobilität ist für mich immer noch Freiheit, und jeder Ortswechsel potenziell sinnstiftend.« (Carsten K. Rath)

Mobilität fällt leichter und entfaltet ihre Reize immer wieder aufs Neue, wenn sie im Kopf beginnt, nicht auf der Straße oder in der Luft. Wenn wir nicht reisen, um eine Checkliste abzuhaken, sondern um uns inspirieren zu lassen. Ganz gleich, warum wir unterwegs sind: für einen Termin, einen Vortrag, ein Buch. Das Geheimnis eines erfüllten mobilen Lebens liegt darin, sich die Faszination der Mobilität zu erhalten – im Kopf frei zu bleiben, auch wenn gerade die Mobilität uns in ein terminliches Korsett zwingt. Das schafft nur, wem die Mobilität und die Freiheit, die sie mit sich bringt, über andere Werte gehen: Beweglichkeit statt Bindung, Wandel statt Sicherheit, Spontaneität statt Gewissheit.

Und das ist ein Trend, der sich zunehmend in sein Gegenteil verkehrt. Statt der beruflichen und physischen Mobilität, die einander bedingen, rückt gesellschaftlich inzwischen eine ganz andere Form von Mobilität in den Vordergrund. Eine, die ganz bewusst auf viele Freiheiten verzichtet, die sich die CGeneration noch hart erkämpfen musste. Eine Mobilität, die nach innen zeigt – die Reise zum Zellkern, quasi.

 

Die Generation der virtuell Mobilen

So selbstverständlich Mobilität im Berufsalltag heute ist, so unattraktiv erscheint sie vielen heute auch. Der Mythos der Reisefreiheit hat für viele seinen Glanz eingebüßt, seit Reisen kein Luxus für wenige mehr ist.

Wo wir uns gefragt haben: »Wie mobil können wir sein?«, fragen viele Vertreter der Generationen Y und Z stattdessen: »Wie mobil müssen wir sein?«

Einer unserer Mitarbeiter beispielsweise würde unsere Vielfliegermeilen nicht geschenkt nehmen. Nicht weil er Flugangst hat, sondern weil er aus schlichtem Mangel an Interesse noch nie geflogen ist. Klingt geradezu exotisch, ist es aber gar nicht: Er hat die fliegerische Jungfräulichkeit mit etwa jedem sechsten Düsseldorfer gemeinsam. Wie viele andere könnte er fliegen, wann immer ihm der Sinn danach steht. Aber er will das gar nicht. Das Fliegen an sich hat für ihn keinen Reiz, und die Vorstellung, von jetzt auf gleich woanders sein zu können, auch nicht. Seine Kernwerte sind statischer Natur: Familie, Gemeinschaft, Nähe.

 

Mobilität kein Statusgut – Mobilitätsverweigerung

Was nicht heißt, dass dieser Mitarbeiter nicht mobil wäre. Seinen Freiheitsdrang lebt er nur auf andere Weise aus, nämlich virtuell. Und da ist er extrem mobil, so wie viele in seiner Generation. Für ihn ist geografische Mobilität kein begehrtes Statusgut und kein Ziel, das es leidenschaftlich zu verfolgen lohnt. Sie ist ja verfügbar. Mobilität bedeutet ihm nicht Freiheit, sondern ist ein Faktor von Unfreiheit. Und das obwohl – oder gerade weil – er uns permanent reisen sieht.

Freiheit bedeutet für ihn eher: Zeit. Für Familie, Freunde und Sozialleben. Und viel Zeit für solche »statischen« Werte zu haben – da können wir ihm schwerlich widersprechen –, erfordert ein gewisses Maß an Mobilitätsverweigerung.

Vielen Unternehmen macht die nachlassende Mobilität der jungen Generationen Sorgen. Angesichts des Fachkräftemangels scheint der Umstand, dass immer weniger Menschen für ihren Job umziehen würden, ein bedrohliches Szenario zu sein. Aber ist er das wirklich?

 

Nur die Medien wollen weismachen, dass Leute von jedem Ort aus arbeiten können

Einiges spricht dagegen, denn die Digitalisierung verschiebt die Rahmenbedingungen erfolgreichen Wirtschaftens längst wieder hin zu kleineren Einheiten. Lokalisierung statt Globalisierung: Selbst per Definition globale Geschäftsmodelle setzen heute nicht mehr zwingend eine weltumspannende physische Präsenz voraus. Von Kreativen und Wissensarbeitern, denen nach einhelliger Meinung der Arbeitsforscher die Zukunft gehört, ganz zu schweigen. Sie könnten zwar theoretisch von jedem Ort der Welt aus arbeiten, tun das in Wahrheit aber viel seltener, als die Medien es uns weismachen wollen. »Remote« (das heißt, nicht in unmittelbarer Nähe befindlich, aber miteinander verbunden) arbeiten zu können heißt in der Realität öfter Homeoffice als Mobileoffice. Und gerade das ergibt für viele Unternehmen durchaus Sinn, die global zwar von irgendwo aus geleitet werden, ihr Kerngeschäft aber vielmehr an vielen Orten vor Ort machen. Selbst ein Unternehmen wie Airbnb, dessen Geschäftsmodell die Globalisierung der Lebensgestaltung auf die Spitze treibt, profitiert von Menschen, die vor Ort verwurzelt sind. Die Gastgeber, die ihre Lebensorte vermieten, zeichnen sich gerade durch Lokalkolorit aus. Das ist ihr Beitrag zum Geschäft.

 

Unerlässlich: Qualifizierte Mitarbeiter vor Ort

Auch Unternehmen, die auf der anderen Seite des Globus produzieren lassen, brauchen in erster Linie qualifizierte Mitarbeiter vor Ort an den Produktionsstätten. Und auch im Handel geht der Trend zunehmend wieder zu regionalen Produkten, lokalem Design, zum Austausch auf Armlänge. Von wo aus die Plattformen gesteuert werden, die diesen Handel organisieren, ist letztlich relativ egal: Für den umweltbewussten Kunden spielt es eine Rolle, wo der Bauer sitzt, von dem er seine Lebensmittel kauft – nicht, wo die Software gepflegt wird, über die die Transaktionen laufen. Die viel gepriesenen ultramobilen Talente der globalen Wirtschaft sind keineswegs am Aussterben. Doch sie sind eine Gruppe, deren Wirkungsradius sich zunehmend auf eine relativ hohe Führungsebene beschränkt. In diesen Kreisen wird jener Form der Mobilität, die wir »Vorankommen« nennen, seit jeher ein höherer Wert eingeräumt als statischen Werten. Jedenfalls für eine gewisse Spanne in der Lebenszeit.

Doch immer mehr junge Menschen, insbesondere unter den »Millennials«, entscheiden sich ganz bewusst gegen die Priorität der Mobilität und für die Vorteile eines stetigeren Lebensstils.

 

Warum es lohnt, Mitarbeiter aufzubauen, die vor Ort bleiben wollen – im Gegensatz zu ultramobilen High Potentials

Sicher auch deshalb, weil ihnen die Demografen dafür die Freigabe erteilt haben: In Zeiten, wo in fast allen Branchen qualifizierte Arbeitskräfte händeringend gesucht werden, gibt es keinen Grund mehr, anderswo mühsam neue Wurzeln schlagen zu müssen, wenn man das nicht von sich aus möchte. Letztlich hat das für die Unternehmen durchaus auch Vorteile. Einen ultramobilen High Potential hält es nämlich nie lange an einem Ort. Ein Mitarbeiter dagegen, der vor Ort bleiben möchte, ist emotional genauso an seinen Lebensort gebunden wie das Unternehmen, für das er arbeitet. Es lohnt sich, ihn aufzubauen, denn er wird mit großer Wahrscheinlichkeit bleiben.

 

Status, aber anders

Natürlich wäre es ein Trugschluss, zu glauben, dass den jungen Generationen das Statusdenken vollkommen fremd wäre. Um Vielfliegermeilen mögen sie sich nicht scheren, und das Auto mag für sie mehr Gebrauchsgegenstand sein als Objekt materieller Sehnsüchte. Doch auch die Generationen Y und Z befriedigen ihre Statusgelüste durch eine Form der Mobilität, nämlich die virtuelle. Nur sind sie eben nicht mehr stolz darauf, die Welt zu kennen wie ihre Westentasche, sondern darauf, sie sich umgekehrt in die Tasche stecken zu können. Vielen von ihnen gilt es als schick, sich so wenig wie möglich statt so viel wie möglich bewegen zu müssen. Ihr Statussymbol ist das Smartphone, oder vielmehr: die mobilen Lösungen für alle Fragen der Lebensgestaltung, die es ihnen bietet.

 

Smartphone wichtiger als aktuelles Automodell

Wie eine Umfrage der Markenberatung Prophet ergeben hat, ist für mehr als die Hälfte der Menschen von 18 bis 34 ein aktuelles Smartphone wichtiger als ein aktuelles Automodell. Sie fahren lieber auf der Datenautobahn als auf der asphaltierten.

Auch wenn unsere eigene Lebensgestaltung oft noch für das Gegenteil steht: Wir können durchaus nachvollziehen, warum diese Generation den Begriff der Mobilität neu definiert. Doch wir stellen auch die Frage, ob das eine gesunde Perspektive ist: zu glauben, man könne sich die Welt in die Tasche stecken. Rückt die Welt wirklich näher an uns heran, oder entfernen wir uns mit abnehmender Mobilität wieder von ihr? Wir für unseren Teil möchten nicht darauf verzichten, die Welt jeden Tag aufs Neue für uns zu erobern. Ganz physisch, Reisestrapazen hin oder her: Für uns bedeutet Mobilität trotz aller Nachteile zuerst Freiheit, nicht Opfer. Und für die Arbeit zu reisen ist uns allemal lieber, als wegen der Arbeit nicht zum Reisen zu kommen.

 

Von Freiheit keine Ahnung

Wir wissen möglicherweise gar nicht, was wir an unserer selbstbestimmten Mobilität haben. Denn da sitzt, wie bei allen anderen Themen auch, der Relevanzkern: Sinnstiftend, produktiv und erfüllend ist auch Mobilität nur, wenn wir sie selbst kontrollieren können. Wenn wir in unserem Sinne, und überhaupt irgendwie sinngetrieben, frei sind.

Während wir unsere Grenzen wieder enger ziehen, um unsere Mobilität auf ein »erträgliches« Maß zu begrenzen, gibt es mitten unter uns eine wachsende Zahl an Menschen, die schon zufrieden damit wären, in ihrem eigenen Land frei leben zu können. Ja, überhaupt in ihrem Land leben zu können! Die Mobilität der Flüchtlinge aus Kriegsgebieten hat mit Freiheit rein gar nichts zu tun, sondern mit schierer, menschenverachtender Unfreiheit. Sich ihre Schicksale zu vergegenwärtigen, heißt überhaupt erst zu begreifen, wie existenziell bedeutsam schon eine der banalsten aller Freiheiten ist: am selbst gewählten Ort leben zu dürfen, ohne an Leib und Leben bedroht zu sein.

Fragen Sie mal einen Flüchtling aus Syrien, ob geografische Mobilität für ihn etwas Erstrebenswertes ist. Basel Taifour zum Beispiel, der heute mit Dutzenden anderen auf engstem Raum in einem Asylbewerberheim im nordwestdeutschen Ganderkesee leben »darf«, nachdem sein Haus im Bürgerkrieg zerbombt wurde. Er hat schlicht keine Heimat mehr, in die er zurückkehren könnte – weil dort der Tod an jeder Ecke lauert, oder die Einberufung ins Militär, was ungefähr auf das Gleiche hinausläuft. Mitten unter uns leben Menschen, deren Familien auf der Flucht auseinander gerissen wurden und quer über Europa verstreut sind, wenn sie überhaupt noch leben. Für sie ist es schon Freiheit, wenn es kein Bombenalarm ist, der sie morgens weckt. Diese Menschen sind nicht freiwillig mobil geworden. Jede Lebensbewegung gegen den eigenen Willen ist Unfreiheit, ebenso wie jeder Schritt, den wir mit irgendeiner Art von Bedrohung im Nacken tun.

Oder fragen Sie mal jemanden, der den Großteil seines Lebens unschuldig hinter Gittern saß, wie viel Mobilität er zum Leben bräuchte. Als die Richter zu Wiley Bridgeman und Ricky Jackson aus Cleveland/Ohio sagten: »Sie sind frei!«, war dieser Satz mit einer Bedeutung aufgeladen, die sich uns längst entzieht. Beinahe 40 Jahre haben die beiden im Gefängnis verbracht – für einen Mord, den sie nicht begangen hatten. Wir beide gingen noch in die Grundschule, als sie inhaftiert wurden. Vier Jahrzehnte nach ihrer Verurteilung gab der Kronzeuge – damals ein Kind – zu, seine Aussage unter dem Druck der ermittelnden Polizisten erfunden zu haben.

Und dann fragen Sie mal Ludwig Lübbers, wo Mobilität wirklich anfängt. Der Studienrat aus Münster kam ohne Hände, ohne Unterarme und mit nur einem Bein zur Welt. Er wurde drei, bis er gelernt hatte, auf seiner Prothese zu laufen. Mal eben Fußball spielen mit den anderen Jungs – das gab es für ihn kaum. Für viele Verrichtungen des täglichen Lebens braucht er die Hilfe anderer Menschen, obwohl er ein umgebautes Auto fahren und seinen Beruf als Lehrer beinahe uneingeschränkt ausüben kann. »Mobilität ist Freiheit für mich«, sagt er. Und plötzlich trauen wir uns gar nicht mehr, diesen Satz für uns in Anspruch zu nehmen, der uns so logisch erscheint, so selbstverständlich.

Diese Menschen hatten keine Wahl. Sie hatten nicht das Glück, mit dem Komfort gesicherter Lebensumstände über Themen wie Freiheit und Mobilität nachzudenken. Basel Taifour hat Mobilität als Zwang erlebt. Wiley Bridgeman und Ricky Jackson die versagte Freiheit als seelische Folter. Ludwig Lübbers war unfreiwillig gezwungen, Mobilität zu seiner Lebenspriorität zu machen, um sich so frei fühlen zu können, wie es für alle anderen um ihn herum selbstverständlich war.

Ganz ehrlich: Von Freiheit, in ihrem ursprünglichen, existenziellen Sinne, haben wir doch überhaupt keine Ahnung.

 

Auf hohem Niveau unfrei

Was uns allerdings nicht daran hindert, über die Freiheiten zu jammern, die uns fehlen – und gleichzeitig jovial anzuerkennen, dass ja alles viel schlimmer sein könnte.

Wir sind in Deutschland auf extrem hohem Niveau unfrei, das aber ganz eloquent. Wenn wir hinter unseren bequemen Schreibtischen, auf unseren Sofas oder hinterm Steuer unseres Dienstwagens an Freiheit denken, dann meinen wir damit Dinge wie den Urlaub an der Nordsee, eine sichere Rente und mehr Freizeit für unsere Hobbys. Gefühlt sind wir wahnsinnig unfrei, denn wir haben zu selten nichts zu tun.

Eine merkwürdige Definition von Freiheit ist das: Öfter nichts zu tun haben zu wollen.

Und eigentlich ist uns das auch klar, mehr oder weniger jedenfalls. Denn bevor wir ernsthaft anfangen, Maßnahmen zu ergreifen, um freier zu werden, überlegen wir es uns ganz schnell wieder anders. Machen Sie sich mal den Spaß und konfrontieren Sie einen notorischen Jammerer mit seiner realen Freiheit: Wenn du bereit bist, die Konsequenzen zu tragen, hast du alle Freiheiten. Dann schaltet sich ganz schnell ein anderes Programm hinzu: der Blick nach unten. »Es könnte ja alles viel schlimmer sein.« Wir sind nicht nur Meister im Jammern – wir sind auch Meister darin, uns unsere Unfreiheit schön zu reden.

In Wahrheit ist es keine tatsächliche Unfreiheit, die uns runterzieht, sondern genau diese unfreie Haltung. Diese Mischung aus Akzeptanz und Jammern, die jedes Freiheitspotenzial im Keim erstickt und doch den Anspruch nicht aufgeben will, uns stünde etwas Besseres zu.

Gar nichts steht uns zu. Wir alle, hier in unseren sicheren Herkunftsländern, haben genau die Freiheit, die wir uns nehmen. Und wenn wir sie uns nicht nehmen, weil wir die Konsequenzen scheuen, dann ist das niemand anderes Schuld als unsere eigene.

 

»Die eigene Unfreiheit akzeptieren und darüber jammern – das ist ein unfreiwilliges Eingeständnis der eigenen Beschränktheit.« (Carsten K. Rath)

 

Die Freiheit, die uns eigentlich fehlt, ist die Fähigkeit, Verantwortung für unser Leben und unsere Entscheidungen zu übernehmen. Aber die gibt es nicht ohne Schmerzen. Und so richten wir es uns in unserer Unfreiheit ein, denn das Ungewisse fürchten wir mehr als die Unfreiheit.

Ein Indiz dafür, dass die freiesten aller Bürger am wenigsten mit ihrer Freiheit anzufangen wissen, ist das politische Klima, das derzeit in Deutschland herrscht. Und damit meinen wir nicht einmal die Tendenz der Freiheitsverächter, am liebsten wieder Zäune um Länder oder wenigstens Kontinente ziehen zu wollen. Sondern die sinkende Bereitschaft, sich auf die Konsequenzen der Meinungs- und Wahlfreiheit einzulassen. Erst 1989 haben wir in diesem Land mit aller Leidenschaft für Freiheit demonstriert – und haben sie errungen. Und heute, noch im Morgengrauen des 21. Jahrhunderts, geht die Hälfte von uns aus lauter Überforderung an der Freiheit schon wieder nicht mehr wählen.

Wir in Westeuropa müssen uns in tiefem Ernst und ohne jeden Zynismus fragen lassen und auch selbst fragen: Haben wir unsere Freiheit verdient? Wie viel Freiheit vertragen wir denn eigentlich, bevor wir neue Mauern – physische und metaphorische – bauen wollen?

Im großen Zusammenhang der Politik und im Mikrokosmos der eigenen Lebensumstände: Zu viele Menschen in unserer freien Gesellschaft haben Angst vor der Freiheit. Nicht weil sie keine freien Menschen sein wollen – sondern weil sie vergessen haben, dass sie es schon sind.

 

Maximal frei im Radius von zehn Kilometern

»Mein Vater war der freieste Mensch, den ich kenne. Nicht weil er viel rum gekommen wäre im Leben. Vielmehr hat ihm ein Radius von etwa zehn Kilometern um den Mondsee im Salzkammergut für ein vollkommen erfülltes Leben gereicht. Doch innerhalb dieses Radius war er maximal frei, denn er hat sich nie verbogen. Bis in die Konsequenz, unhöflich zu wirken, ist er sich treu geblieben, einen um den anderen Tag.« (Sabine Hübner)

 

 

Lebensmotive: Welche Freiheit zählt für mich?

Ein Schluss, den man daraus ziehen kann: Freiheit nützt nichts, wenn wir nichts damit anzufangen wissen. Mit anderen Worten: wenn wir nicht wissen, welche Freiheiten für uns überhaupt relevant sind und welche nicht.

»Freiheit bedeutet für mich, Ja zu sagen zu dem, was ich will. Und vor allem: Nein sagen zu können zu dem, was ich nicht will.« (Carsten K. Rath)

Bei aller Skepsis vor neuen Grenzen: Dass wir uns mit der Freiheit so schwer tun, ist ein Zeichen dafür, dass wir sie im Rahmen unserer Lebensgestaltung nicht zu nutzen wissen. Freiheit nützt uns offenbar nur, wenn sie uns hilft, Muster zu erkennen. In diesem Sinne kann Freiheit tatsächlich einer gesunden Abgrenzung dienen: Als Werkzeug der Unterscheidung, was wir im Leben brauchen und was nicht, wozu wir Ja sagen wollen und wozu wir Nein sagen können.

Sr. Maria Laetitia hat genau das getan: Sie hat Nein gesagt, indem sie sich gegen den Wettlauf entschied, den die Allverfügbarkeit der Welt uns beschert hat. Die Freiheit, die sie braucht, beschränkt sich auf die Mauern des Klosters, in denen ihre Seele und ihr Kopf ganz allein ihr gehören, ihr und Gott.

 

Jeder hat seine eigenen Lebensmotive

Jeder Mensch hat seine eigenen Lebensmotive. Deshalb braucht jeder von uns andere Freiheiten, um diesen Motiven folgen zu können. Unfrei sein, das heißt: gegen diese Motive zu arbeiten, gegen das eigene Naturell. Viele Menschen, die sich als unfrei bezeichnen, tun das, ohne sich dessen bewusst zu sein. Zum Beispiel durch die Beziehungen, die sie wählen, wie etwa Claudia und Christoph, ein ehemaliges Paar, das wir kennen. Christophs oberstes Lebensmotiv ist und war immer ein Familienleben mit Kindern. Claudias oberstes Lebensmotiv war die Karriere. Die Beziehung der beiden ist an diesen unterschiedlichen Relevanzkriterien gescheitert.

Wie konnte das bloß passieren – dass eine solche Diskrepanz in den Lebensmotiven über viele Jahre verborgen blieb? Die Antwort ist einmal mehr: Die beiden hatten es sich in ihrer Unfreiheit eingerichtet – aus Angst vor den Konsequenzen der Freiheit. Die Beziehung hatte beide unfrei gemacht, ohne dass sie es gemerkt hatten. Anfangs hatte Christoph es noch als Scherz abgetan, wenn Claudia sagte: »Lass uns nächstes Jahr wieder über Kinder sprechen.« Aus dem Jahr wurden zwei, dann fünf, dann acht. Irgendwo unterwegs hatte Christoph eigentlich verstanden, dass Claudia keine Kinder wollte, obwohl sie es nicht aussprach. Trotzdem hielt er an ihr fest, denn er liebte sie. Er entschied sich, mehr unbewusst als klaren Kopfes, für die Beziehung – und gegen sein Naturell. Weil die Trennung ihm keine Alternative zu sein schien.

Wenn wir an entscheidenden Gabelungen im Leben Kompromisse machen, geben wir Freiheit auf. Freiheit ist, unseren Lebensmotiven zu folgen. Gegen unser Naturell zu arbeiten, macht uns unfrei. Im Leben eignen wir uns oft Dinge an, von denen wir glauben, wir hätten sie selbst entschieden beziehungsweise gewählt. In Wahrheit handelt es sich dabei um externe Motivationsfaktoren die mit unseren Lebensmotiven möglicherweise gar nicht konform gehen.

 

»Mit 28 habe ich an einem Seminar über Erfolgsplanung teilgenommen. Damals habe ich eine Woche lang unter Aufbietung all meiner Fantasie und entlang teils abstrusester Übungsroutinen aufgeschrieben, was ich im Leben so alles vor zu haben glaubte. 20 Jahre später fand ich diesen Ordner zufällig während eines Umzugs wieder und stellte fest: Nichts, aber auch gar nichts davon war eingetreten. All diese Ziele waren nämlich nicht meine gewesen. Vielmehr hatte ich aufgeschrieben, was man damals von mir erwartete. Die vermeintlichen Erfolgsmotive waren fremdgesteuert. « (Sabine Hübner)

Tatsächlich sind oft ganz andere Dinge für uns relevant, als wir glauben – oder man uns glauben macht.

»Wie viele Menschen sind schon mit völlig überzogenen Erwartungen aus »Tschakka«-Seminaren herausgekommen, die sie dann nie erfüllen konnten? Wie viele Menschen haben der Motivationswahn und die Benchmarking-Sucht unglücklicher gemacht, als sie ohne all das je geworden wären?« (Carsten K. Rath)

 

Zeit verlieren mit den Glücksideen anderer

Bestimmte Lebensmotive, sagen Forscher, sind wahrscheinlich sogar angeboren – doch wir entdecken sie oft erst sehr spät. Bis dahin ist es leicht, viel Zeit zu verlieren mit den Glücksideen anderer. Und mit Vorsätzen, gefasst im Verlangen, einem Ziel zu dienen, das greifbarer ist als die Freiheit des Suchenden. Die Konsequenz aus diesen Erkenntnissen kann nur sein, dass wir unsere Freiheiten maximal nutzen sollten, um unseren Lebensmotiven den Weg zu bahnen. Indem wir nicht aufhören, zu experimentieren, und uns dagegen wehren, uns zu früh festzulegen. Wenn die Relevanzexpedition mit fremdgesteuerten Motiven endet, fristen wir unser Leben in einer Sackgasse der Unfreiheit. Die Freiheiten nutzen, das heißt: nie die Freiheit aufgeben, die eigenen Motive zu hinterfragen. Die entscheidenden Freiheitsmomente sind oft eben nicht die, wo wir Ja sagen. Sondern die, wo wir Nein sagen zu Motiven, die nicht unsere eigenen sind. Nein sagen ist Freiheit.

 

Freiheit, eine Illusion der Mobilen?

»In gewisser Weise ist die Freiheit der Entscheidung eine Illusion«, sagt Heiko Steffens vom Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre an der TU Berlin. Und meint damit, auch wenn der Forscher selbst es wohl nicht so nennen würde, die soziale Verschleierung der Lebensmotive. Die Entscheidungen, die wir treffen, sind in hohem Maße sozial geprägt, erklärt er sein Urteil. Elternhaus, Beruf der Eltern, Bildungshintergrund, Lebensstil des Freundeskreises – all diese Dinge wirken sich auf unsere eigenen Entscheidungen aus.

An jeder Gabelung in der Lebensgestaltung haben wir die Wahl zwischen Freiheit und Sicherheit. Der Schluss liegt nahe: Behütete Kinder aus konservativen Elternhäusern werden sich eher für die Sicherheit entscheiden, ihren Lebenslauf am Reißbrett entwerfen und durchziehen. Die Kinder von Lebenskünstlern, die in einer bunten sozialen Umgebung aufwachsen, eher für die Freiheit.

Oft, es wurde bereits erwähnt, ist es allerdings auch genau umgekehrt. Denn zu viel Sicherheit kann auch Sehnsucht nach Freiheit wecken. Und zu viel Freiheit den Wunsch nach Sicherheit. Wie im Werbespot, wo das Kind von Hippies zu seinen Eltern sagt: »Wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden.«

Der Entscheidungsforscher Ulrich Hoffrage aus Lausanne schlägt vor, dass wir uns an den Gabelungen die Frage nach der Motivation für eine Entscheidung stellen: »Würde ich es nur deshalb tun, weil es mir nützt oder vor anderen besser aussieht, oder tue ich es um der Sache selbst willen?«

 

Fremdsteuerung überwinden – der eigenen Lebensmotive bewusst werden

Das funktioniert, wenn wir uns der eigenen Lebensmotive bewusst sind – aber nicht, wenn wir die Fremdsteuerung noch nicht überwunden haben.

Einfach das andere tun, immer »das Andere«, wäre eine nahe liegende Lösung. Das, was keiner erwartet. Doch wie frei ist eine Entscheidung, die nur um der Wirkung willen getroffen wird? Ist sie nicht genauso prätentiös wie eine Entscheidung aus Statusgründen? Ein Leben für die Bestandswahrung oder ein Leben für die Flucht vor der »Normalität« – beide Antworten blenden den individuellen Antrieb aus.

 

»Mein Stiefvater meidet Autobahnen, weil er sich dort nicht sicher fühlt, und fährt lieber Landstraße. Macht ihn das unfrei? Ich finde: Auch wer sich für Sicherheit entscheidet, hat auf seine Weise frei entschieden.« (Carsten K. Rath)

Beständigkeit auf hohem Niveau kann manchem ein erfüllteres Leben bescheren als Freiheit um jeden Preis. Auf »Sicherheitsmenschen« hinunterzuschauen ist genauso naiv, wie zu jedem »Freiheitsmenschen«, der sich für einen Eroberer hält, hinaufzuschauen. Freiheit ist nichts ohne Verantwortung. Und Sicherheit ist nichts ohne Empathie.

 

Eine Gesellschaft nur aus Generälen kann nicht funktionieren

Tatsächlich werden wir Entscheidungen nie wirklich unbeeinflusst treffen – diese Forderung ist unrealistisch. Wir alle sind eingebunden in Verbindlichkeiten, in soziale Netzwerke jenseits des Netzes, in existenzielle Notwendigkeiten. Mobilität hat natürliche Grenzen – und die Rückbesinnung der Millennials auf konservative Werte zeigt, dass die grenzenlose Verfügbarkeit der Welt allein uns nicht automatisch glücklich macht. Wir werden nicht zufriedener und auch nicht erfolgreicher dadurch, dass wir die Erweiterung des eigenen Radius erzwingen. Wir müssen nicht zufrieden sein mit dem, was wir haben. Stillstand ist tödlich, ist es immer gewesen. Doch wir sollten auch den Sinn von Freiheiten hinterfragen. Wir können nicht alles können, und wir sind nicht alle als Eroberer geboren. Eine Gesellschaft, die nur aus Generälen besteht, kann nicht funktionieren.

Wenn alles geht und jede Entscheidung mindestens theoretisch gelebt werden kann, ist die größte Freiheit vielleicht die des Abwählens im fortlaufenden Prozess der Relevanzerprobung. Nein sagen können und weitergehen.

Für diesen Weg hat der Entscheidungsforscher Hoffrage auch eine sehr praxisorientierte Entscheidungshilfe parat: »Würde ich auch dann dafür eintreten, wenn es mit persönlichen Opfern verbunden wäre?« Das scheint uns die Relevanzfrage der Freiheit zu sein:

 

»Würde ich es trotzdem tun?«

Relevanz ist, wenn man bereit für den Schmerz ist. Für vier Stunden im Schneegestöber in Zell am See zum Beispiel, oder einen Abend am Flughafen bei Automatenkaffee und trockenen Brötchen.

Oder auch viel, viel Dramatischeres – eine gescheiterte Karriere etwa, oder die späte Einsicht eines verpassten Lebens. Freiheit hat immer Konsequenzen – bin ich bereit, sie zu tragen? Sr. Maria Laetitia hat diese Frage für sich mit Ja beantwortet. Sie hat Freiheiten wie die Mobilität aufgegeben, um Freiheit im Geiste zu gewinnen. Nach einem reibungsreichen Entscheidungsprozess. Sie hat erst durch den Zweifel erkannt, was für sie wirklich relevant ist.

Relevant ist etwas, wenn wir zweifeln und trotzdem Ja sagen. Und wenn wir Relevanz entdeckt haben, dann erhöht das automatisch unseren Freiheitsgrad. Auch dann, wenn es für andere nach Unfreiheit aussehen mag. Nur dann sind wir tatsächlich: unabhängig.

Mobilitätspioniere und ihre Entscheidungsfragen

Was, wenn sie doch eine Scheibe ist?

Trotzdem losgesegelt: Ferdinand Magellan, der erste Mensch, der die Weltumsegelung versuchte

Reichen Flügel dem Menschen, um liegen zu können?

Trotzdem gelogen: Otto Lilienthal, erster Mensch, dem der Gleitflug gelang

Kann man im vierten Anlauf erfolgreich werden?

Trotzdem gegründet: Max Levchin, der nach drei gescheiterten Unternehmensgründungen ein weiteres, und zwar PayPal, gründete

Werden sie sich in eine Kutsche ohne Pferde setzen?

Trotzdem ans Geschäftsmodell geglaubt: Carl Benz, Erfinder des Automobils

Kann man als gescheiterter Geschäftsmann und Politiker amerikanischer Präsident werden?

Trotzdem kandidiert: Abraham Lincoln, der sich zuvor fünfmal vergeblich auf politische Ämter beworben hatte und auch als Unternehmer pleite gegangen war

Was, wenn ich einfach oben bleibe?

Trotzdem ins All gelogen: Juri Gagarin, erster Mensch im Weltall

Sind wir wirklich bereit?

Trotz Absturz eines Mitarbeiters mit Todesfolge an seiner Raumfahrtmission festgehalten: Richard Branson, Gründer von Virgin Galactic

Wird es wehtun, wenn der Fallschirm nicht aufgehen sollte?

Trotzdem gesprungen: Felix Baumgartner, der erste Mensch, der freiwillig aus der Stratosphäre fiel (und überlebte)

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