Mieses Betriebsklima kann Unternehmen in die Insolvenz treiben

Üblicherweise reden nur Management-Coachs über die Notwendigkeit eine guten Betriebsklimas und Manager halten es für meist – sagen wir mal – ein Luxusthema. Oder für eins dieser Soft skills, das sie ohnehin nicht ernst nehmen, weil es sich nicht direkt in Euro umrechnen oder abbilden lässt.

Insolvenzrechtler Michael Pluta aus Ulm jedoch, der ich nicht nur selbst über 350 Mitarbeiter in seiner Rechtsanwalts GmbH beschäftigt, sondern vor allem viele Unternehmen in der Insolvenz erlebte und etliche von denen auch rettete, räumt einem guten Betriebsklima einen sehr hohen Stellenwert ein.  

 

„In einigen insolventen Betrieben, habe ich die Unzufriedenheit der Mitarbeiter sogar als Insolvenzursache beziehungsweise als Beschleuniger der Insolvenz erlebt“, sagt Sanierungsprofi Pluta.

Michael Pluta

Michael Pluta

 

Verhalten der Vorgesetzten:

Versagt der Chef bei seiner Führungsaufgabe, strahlt das auf das ganze Unternehmen aus. Dies sind vier typische Beispiele, die Michael Pluta miterlebt hat – und die sich so oder ähnlich tagtäglich auch anderswo wiederholen. Allen gemein ist ein schlechtes Betriebsklima:

 

  • Der Chef im zweiten Frühling, den seine Mitarbeiter nicht aufhalten

Der Chef kümmert sich mehr um seine Geliebte (Miss Tschechien 20soundso), als um seine Kunden und Mitarbeiter. Das führt zu schlechten Zahlen, zu schlechter Laune und das strahlt auf das Betriebsklima aus. Den Verfall versucht er durch Kürzungen bei seinen Mitarbeitern aufzuhalten, nicht aber durch das Herunterschrauben der Ansprüche der Geliebten. Die Aufwendungen für sie bezahlt er vom Geschäftskonto.

Das sieht die Buchhaltung und schweigt, die guten Mitarbeiter suchen sich einen anderen Arbeitgeber und verlassen das Unternehmen.

Die Firma geht insolvent, die Geliebte in die Heimat Tschechien zurück und der Unternehmer wandert ins Gefängnis.

Diese Firma war nicht mehr sanierbar und wir mussten sie schließen.

 

  • Der Knauser: Mies bezahlte Mitarbeiter holen sich Lohn auf anderem Weg 

Der fleißige Handwerksmeister expandiert und expandiert in Backfilialen. Die Erfahrung für die kaufmännische Kontrolle fehlt ihm. Die Bezahlung der Mitarbeiter ist schlecht. Dafür dürfen die Mitarbeiter abends die nicht verkauften Backwaren mitnehmen.

Das führt dazu, dass die benötigten Backwaren schon morgens für die Mitnahme zur Seite gelegt werden. Manche werden auch privat weiterverkauft. Es könnte ja sein, dass sie abends liegen bleiben. Wenn von den 500 Verkaufsmitarbeitern jeder nur für zwei Euro am Tag etwas mitnimmt, um die ungerecht empfundene Bezahlung auszugleichen, dann sind das bei 220 Verkaufstagen pro Mitarbeiter 220.000 Euro im Jahr. Der jährliche Verlust betrug 200.000 Euro. Nach drei Jahren war der Bäcker pleite.

 

  • Der Sparer, der auch gleich die Mitarbeitermotivation einspart 

Sparen kann man an allem und jedem. Allerdings kann man durch Sparen keinen Umsatz erhöhen und Marktanteile gewinnen und übertreibt man es, spart man die Motivation der Mitarbeiter weg.

Ohne Motivation seiner Mitarbeiter kann ein Betrieb auf Dauer nicht erfolgreich sein. Wer Gespräche in der Arbeitszeit bemängelt, die Arbeitsplatzausstattung karg und ärmlich hält, Fortbildung nicht bezahlt oder fördert oder sonstwie kleinlich ist, braucht sich nicht über einen kleinlichen Ertrag zu wundern.

Zur Kostensteigerung führt dann auch schon eine hohe Fluktuation mit Einarbeitungskosten neuer Mitarbeiter.

 

  • Der Ungerechte, der unfair handelte und Zurücksetzungen nicht stoppte

Wer Mitarbeiter ungerecht oder ungleich behandelt, wird auch keinen Erfolg haben. Unsachliche Bevorzugung bei Aufgaben oder Gehalt, ungerechtfertigte, nicht begründete Beurteilung bei unpassender Gelegenheit oder gar ungleiche Bezahlung führen zu schlechtem Betriebsklima und gefährden damit den Erfolg.

Ich habe eine Firma in der Insolvenz erlebt, in der ein Teil der Belegschaft 40 Stundenwoche ableistete und ein Teil 35 Stunden. Der monatliche Scheck war gleich hoch, nur hatte der eine Teil dafür mehr zu arbeiten. Die beiden Gruppen waren so zerstritten, dass es deshalb täglich große Reibereien gab. Das Unternehmen konnte mit dieser Struktur nicht einmal veräußert werden.

 

Das Fazit von Restrukturierungsexperte Pluta: „Für mich führt die Zufriedenheit der Mitarbeiter zu Motivation und ist Grundlage für einen Geschäftserfolg. Die Dienstleistung der Chefs ist die sachgerechte Führung eines Betriebes nicht nur nach außen sondern auch nach Innen. Vorbild sein, Respekt gegenüber den Mitarbeitern haben, Anerkennung zollen und Mitarbeiter gut und angemessen bezahlen. Und: Zur gerechten Führung gehört aber auch Einschreiten, wenn es Regelverletzungen gibt.“

 

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Alle Kommentare [3]

  1. Stimmt. Unternehmenskultur wird immer wichtiger. Korrupte Chefs haben auch korrupte Mitarbeiter. Unternehmen mit einer guten Unternehmenskultur und Compliance sind attraktiver als die, die „nur“ besser bezahlen. Das ist ein echter spürbarer Vorteil

  2. Hallo,

    wer in seinem Leben keinen Überblick über die Strukturen von Firmen gewinnen kann, wird diese Schilderungen gewiss überraschend bis schockierend finden. Wer wie wir im Bereich Executive Advisory (Schwerpunkt IT-Prozesse) tätig ist, kann nur zustimmend nicken und sagen:

    Ja, so etwas erlebt man öfter als man denkt. Und „überraschender“weise wachsen die Fehleranfälligkeiten aufgrund menschlicher Fehler und „Ticks“ zusammen mit der Firmengröße. Auf unserer Homepage – https://www.gambit.de/site/index.php/executive-advisory/business-structure-and-value-chain-optimization – nennen wir dieses Phänomen harmlos „historisch gewachsene Firmenstrukturen“ und die oft genug zunehmend „ineffiziente Ausgestaltung von Wertschöpfungsketten“. Was im oben geschilderten Fall mit dem Bäckermeister geschehen ist, nämlich das der Chef einfach aufgrund mangelnden kaufmännischen Wissens den „Karren gegen die Wand fährt“, geschieht gut und gerne auch in den vielen Start-ups, in denen sich zum Beispiel zwei frische Absolventen des Physikstudiums selbstständig machen und ab einer gewissen kritischen Größe (vereinfacht gesagt) die Balance aus Gesamt-Kosten, Human Resources Management, Kommunikation / Vermarktung und technischen Erfordernissen verlieren.

    Dabei ist nicht unbedingt immer gesagt, dass Angestellte zu mies behandelt werden; wir haben auch schon Unternehmen erlebt, die arg „in Schieflage“ gerieten, weil sie ihren Angestellten zu NETT begegnen wollten und aufgrund der zu großen Freiheiten auf, wie man so schön sagt, „keinen grünen Zweig“ mehr kamen. Externe Hilfe von professionellen Consultern ist auf jeden Fall sehr oft ein nicht nur wünschenswerter, sondern schlicht notwendiger Schritt.

    Mfg Rüdiger H., Gambit Consulting

  3. Es gibt ja auch Umfragen, die ergeben, dass Mitarbeiter eher auf Geld verzichten würden, wenn das Betriebsklima stimmt. ich muss sagen, dass es mir auch so geht.