Wenn das Notizbuch vom Aufsichtsrats-Chef partout keine Frauennamen enthält

 

Was die männlichen – oder auch weiblichen – Aufsichtsräte heute von der Frauenqote halten, ist nicht wirklich relevant: die Würfel sind längst gefallen und das war auch seit Jahren erwartbar. Schließlich hatten die sogenannten Selbstverpflichtungen der Wirtschaft über mehr als zwölf Jahre nicht funktioniert.

Fakt ist, dass die Frauenquoten erfüllt werden müssen – spannend wird es, wie sich die Unternehmen dabei anstellen. Dafür hat ein ungewöhnliches Team, die Top-Kanzlei Hengeler Mueller und der Dax-Headhunter Heiner Thorborg, vom Deutschen Kundeninstitut (DKI) in Düsseldorf, die 160 Aufsichtsräte im DAX, MDAX, SDAX und TecDAX befragen lassen, ingesamt also 928 Aufsichtsräte.

Die Antwortquote betrug zwölf Prozent. Immerhin ist fast jeder dritte der Antwortgeber (30 Prozent) sogar Aufsichtsratsvorsitzender.

 

Auffallend weiterhin: 40 Prozent der Antwortgeber waren Frauen, aber sie stellen auf der Arbeitgeberbank nur knapp zwölf Prozent der Aufsichtsräte. Mithin antworteten 20 Prozent aller Aufsichtsrätinnen.

 

 

Wenn die Notizbücher nichts mehr hergeben

Die Ergebnisse im Detail: 77 Prozent der männlichen Aufsichtsräte erwarten, dass es künftig kompliziert wird, geeignete Aufschtsrat-Kandidaten zu finden. Die Gründe liegen klar auf der Hand. Brauchten die Aufsichtsratschefs bislang nur in ihr persönliches Notizbuch schauen, fanden sie dort genug Männer, die sie als Ex-Kollegen, Rotarier-Freunde, Ex-Kommilitonen oder sonstwoher kennen. Ganz abgesehen davon, dass die weiblichen Kandidaten im Schnitt deutlich jünger sind und sie sie schon deshalb nicht kennen.

Dumm nur, dass dabei keine Frauen sind. Das Good-Old-Boys-Netzwerk funktioniert an der Stelle nicht mehr und sie sind darauf angewiesen, bei der Suche professionelle Hilfe beispielsweise von Headhuntern in Anspruch zu nehmen. Denn an geeigneten Kandidatinnen mangelt es nicht, sie stehen nur nicht in den Notizbüchern der bereits amtierenden Aufsichtsräte.

 

Lang prophezeite Professionalisierung der Aufsichtsräte

Headhunter sprechen freilich seit zehn Jahren schon von der zunehmenden Professionalisierung der Aufsichtsräte und spekulierten schon länger auf ein neues Einsatzfeld, doch dass es ausgerechnet über die Frauen käme, hatten sie nicht erwartet.

Das spiegelt auch die Hengeler Mueller/Thorborg-Umfrage wider: „Weibliche Aufsichtsräte waren in 45 Prozent der Fälle über Headhunter gesucht und gefunden wodern, aber nur 23 Prozent der Männer“, vergleicht Daniela Favoccia, Partnerin bei Hengeler Mueller.

Daniela Favoccia, Partnerin und Ex-Managing-Partnerin bei Hengeler Mueller

Daniela Favoccia, Partnerin und Ex-Managing-Partnerin bei Hengeler Mueller

 

Denn: Männer werden in rund jedem zweiten Fall immer noch direkt vom Aufsichtsratsvorsitzenden angesprochen und an Bord geholt – laut DKI-Umfrage sind es immerhin 48 Prozent, wo das alte Buddys-Netzwerk noch funktioniert.

Dementsprechend erwarten 61 Prozent der Befragten, dass die Kandidatensuche für Aufsichtsräte künftig schwieriger oder sogar erheblich schwieriger wird. Erwartungsgemäss glauben dies insbesondere die Männer – zu 77 Prozent – und weniger die Frauen – nur 34 Prozent.

 

Selbstbewusste Aufsichtsrätinnen

Die Erwartungshaltung an gemischte Aufsichtsräte ist zumindest bei den Männern gedämpft: Nur 44 Prozent glauben, dass mit Frauen im Aufsichtsrat künftig effektivere Lösungsansätze entstehen. Die Aufsichtsrätinnen sind da optimistischer und selbstbewusst: 95 Prozent von ihnen glauben, dass mit ihnen bessere Ergebnisse entstehen. Dass sich reinweg gar nichts ändern wird, glauben übrigens 32 Prozent der männlichen Aufsichtsräte nach den DKI-Befragung.

 

Wie Aufsichtsräte ihre Mandate bekommen: Die meisten Frauen über Headhunter

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Goldröcke auch in Deutschland?

Weil die Aufsichtsratschef lieber auf Nummer Sicher gehen und nur den Frauen ein Mandat anvertrauen, die bereits eins haben, sagten in der Umfrage 58 Prozent der Aufsichtsrätinnen: Für sie ergeben sich durch ihren ersten Aufsichtsratsposten weitere. Das Stichwort heißt Goldröcke. Als Norwegen die Frauenquote zum Gesetz machte, sammelten die wenigen Frauen, die es in einen Aufsichtsrat geschafft hatten, gleich eine handvoll Posten ein.

 

Bleibt die Frage nach der Qualifikation der Aufsichtsräte. 93 Prozent der Befragten waren ausgewählt worden, wel ihre speziellen Kompetenzen bis dahin dem jeweiligen Aufsichtsrat fehlten.

 

Wer gezielt wegen seiner zusätzlichen Kompetenzen ausgewählt wurde

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„Immerhin vermutet jede zweite Aufsichtsrätin, dass ihr Geschlecht eine entscheidende oder zumindest große Rolle bei ihrer Berufung gespielt hat“, sagt Dax-Headhunter Heiner Thorborg.

Dax-Headhunter Heiner Thorborg

Dax-Headhunter Heiner Thorborg

Interessant ist, dass sich am Ende alle arrangieren: 97 Prozent der Frauen  und 98 Prozent der Männer fühlen sich als Neue im jeweiligen Aufsichtsrate voll und ganz oder wenigstens überwiegend akzeptiert.

Mit einem kleinen Unterschied: Voll und ganz akzeptiert fühlen sich 84 Prozent der männlichen Aufsichtsräte, aber nur 74 Prozent der  weiblichen.

 

Die DKI-Umfrage weiter: „Aufsichtsräte haben oft Schwierigkeiten, unternehmensbezogene Sachfragen zu beurteilen.“ Mal, weil ihnen die Infos des Unternehmens fehlen, mal wegen eigener fehlender Branchenkenntnisse. Woran es im Detail hapert, zeigt die Rangfolge unten:

 

Mit welchen Schwierigkeiten Aufsichtsräte konfrontiert werden

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Karrieresprungbrett Aufsichtsrat

Ob ein Aufsichtsratsposten ein Karrierespung ist? Für Frauen jedenfalls ist er das deutlich öfter als für Männer. Nur neun Prozent der Aufsichtsräte glauben, das ihre Berufung ein Karrieresprung war – aber 55 Prozent der Frauen. Was damit zusammen hängen kann, dass man ihnen weitere Aufsichtsratsposten nur dann zutraut, wenn sie bereits einen oder mehrere innehaben. Stichwort wiederum: Goldröcke.

Ein weiterer Beleg: Männliche Aufsichtsräte haben in 48 Prozent der Fälle bereits eine Führungsposition – nur. Denn bei den Aufsichtsrätinnen haben immerhin 63 Prozent eine Führungsposition woanders inne.

Wobei man auch einfach Headhunter mit der Suche beauftragen könnte, denn die wissen durchaus, wo sie fündig werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Ich finde es nach wie vor unverständlich, weshalb nur wenige Headhunter eingesetzt werden, um geeignete Mitglieder für das Aufsichtsratsgremium zu finden. Es sollte sowieso bei der Besetzung nicht zwischen Männern und Frauen unterschieden werden. Vielmehr sollte die Besetzung auf der Basis des Leistungsprinzips vonstattengehen. Ich kann daher nur empfehlen, einen Headhunter (z. B. https://www.board-experts.de/aufsichtsrat-finden.html ) einzusetzen.