Ein Teller Tintenfisch-Salat mit Patrick Cowden: Firmen sparen sich ins Nirwana

„Sie werden mich erkennen“, hatte Patrick Cowden am Telefon gesagt. Und nach einer Kunstpause: „An meinem breiten Grinsen“. Und so war es. Und noch leichter war es, weil er mir schon entgegenkam. Nicht nur mit einem breiten Lachen, sondern mit ausladender Geste – so freundlich, wie man eben jemand willkommen heißen kann.

Kaum dass Cowden – er ist nicht nur Management-Coach und Buchautor, sondern auch Ex-Deutschland-Chef von Dell und Hitachi -, seinen Salat mit Tintenfisch bestellt hat, sind wir in binnen Sekunden mitten im Gespräch: Er beschwert sich, dass die Menschen im Arbeitsleben keine Zeit mehr fürs Miteinander haben. Über die „Überfokussierung der Unternehmen nur auf den Profit“, dass die „Ergebnisorientierung zum Mittelpunkt wurde“ und „Kostenreduktion nur eine Effizienzmaßnahme“ ist. Und das das ganze System an einem wesentlichen Faktor vorbeischrammt: Am Menschen.

 

Cowden

Patrick Cowden, Gründer und Chef von Beyond-Leadership.de, Buchautor und Ex-Chef von Dell und Hitachi

Nun aber, nach jahrzehntelangen, immer wieder kehrenden Sparappellen, Restrukturierungsmaßnahmen undsoweiter, wüßte der normale Top-Manager nun nicht mehr weiter. „Aber so lange keiner ausbricht aus der Zahlen-Manie, fällt auch keiner auf“, urteilt Cowden.

Cowden beobachtet, dass die Top-Manager nicht mehr weiter kommen, mit ihren bisherigen Maßnahmen. Sie treten auf der Stelle, erzählt er. Wissen nicht, wie es weiter gehen soll. Und dass er noch nie gehört habe, dass ein Dax-Vorstand seine Malaise zugibt und einfach mal sagt: „Ich habe keine Ahnung.“  Aber das zuzugeben, sei der Anfang des nächsten Schritts. Einem Dax-Vorstand, den Cowden beraten sollte, verliess er deshalb schon nach der Hälfte der geplanten Zeit – ergebnislos. Der Betroffene war so verbohrt und beratungsresistent.

 

Die Angst der Top-Manager vor der Wahrheit

Was er genau meine, frage ich nach. Und da nimmt Cowden nimmt kein Blatt vor den Mund: „Die Unternehmenslenker haben Angst vor der Wahrheit“. Und dass sie keinesfalls wissen wollen, was die Belegschaft denkt. „Die Leute hassen ihre Top-Manager für die 18. Kostensenkung, Reduzierungs- statt Motivationsmaßnahmen. „Wir müssen das Potenzial, das da ist, reaktivieren“, heisst Cowdens Lösungvorschlag. Und er spart nicht mit Kritik: „Die Top-Manager stellen nicht einmal die Frage, ob in den Mitarbeitern das Potenzial steckt.“ Würde sich ein Dax-Kapitän hinstellen und sagen, dass er zu seinen Kollegen steht, er alles tun würde, um sie – die wichtigste Ressorce – zu motivieren, alles  tun, damit das Unternehmen die besten Leute der Branche hätte und er ihnen das beste Arbeitsumfeld geben, hätte derjenige die engagiertesten Mitarbeiter der ganzen Branche.

 

Über Cowdens Essen, einen Salat mit Tintenfisch, sprechen wir gar nicht mehr. Wir kommen gar nicht dazu. Doch sein Teller wird trotz der angeregten Unterhaltung leer, so dass es ihm im Basils vermutlich schmeckt.

 

Tintenfisch im Basils

Salat mit Tintenfisch im Basils

Cowdens Generalkritik: Heute werde schon optimiert, wo es sinnlos sei. Mitarbeiter lehnten Beraterhilfe ab mit dem Argument: Sie brauchten heute 30 Minuten, wofür sie drei Minuten brauchten – und dagegen machtlos sind. „Wir sparen uns ins Nirwana, reduzieren uns aufs Nichts.“ Am Ende spart man sich um die eigene Existenz. Doch wo kein Mensch mehr ist, findet keine Menschlichkeit statt – und auch keine soziale Marktwirtschaft.

 

Unattraktiver Firmenalltag – außer für Top-Manager

Er vermisst die Tassen mit Firmenlogo, Kekse in Meetings, stattdessen gebe es nur einlagiges Toilettenpapier und die Hydrokulturpflanzen bekämen kein Wasser mehr. „Der gelebte Firmenalltag ist nicht mehr attraktiv – außer in der Chefetage“.

Die Call-Center de Unternehmen etwa laufen nur nach vorgegebenen Prozessen – sie können nicht tun, was sie könnten. Das System sei höherwertig als der Mensch. Und das System will nicht dulden, dass eine Alternative nicht in Excel-Tabellen vorkommt. Man wolle aber so kontrollieren. Die Excel-Tabelle sage: Vertrau nicht dem Menschen.“ Dabei ist gerade der gesunde Menschenverstand Herz und Kopf“, sagt der Managementprofi.

 

Die meist-geachteten Berufsbilder

Und dann spricht Cowden über diese Rankings der beliebtesten Berufe. „Wer ist am meisten geachtet und respektiert?“ fragt er. Und beantwortet es gleich selbst: „Der Feuerwehrmann“ – und zwar in allen Ländern weltweit. Die Plätze zwei bis 20 in diesen Rankings, die ändern sich von Land zu Land. Aber wer immer oben stehe, sei der Feuerwehrmann. Warum? Weil der bereit ist, sein Leben zu geben.

Cowden spricht nicht einfach in der Rolle des Beraters, der selbst nie in der Verantwortung war. Auch wenn er irgendwann auch mal bei der Beratung Cap Gemini war. In 30 Jahren hat er in zehn Unternehmen gearbeitet, darunter als Manager bei Bertelsmann, war jeweils Deutschland-Chef bei Dell und Hitachi – bis vor gut zwei Jahren. Für ihn als Sohn einer Deutschen und einem amerikanischen Soldaten war die Veränderung zeitlebens Programm: insgesamt ist er schon 33 mal umgezogen und hat zwölf Schulen besucht.rechnet er mir vor.

 

Der Stolz, gefeuert worden zu sein

Und dann kommt der Satz, den ich nur selten so zu hören bekomme: „Viermal wurde ich im Leben meinem gefeuert“, erzählt Cowden richtig stolz. Stolz? Genau. Weil er „nein“ zu  Mütterhäusern mit ihren Reduzierungsplänen undsoweiter sagte. Man wollte ihn mit der üblichen Sprachregelung „in gegenseitigem Einvernehmen“ loswerden. Doch er konterte: „Bullshit, Ihr feuert mich trotz Rekordgewinnen.“ Und nach seinem Weggang seien die Zahlen denn auch engebrochen.

Er erinnert sich, wie ihm in seiner Manager-Zeit mal ein Europachef offen auf den Kopf zusagte: „Ich hasse es, wie Du arbeitest – aber es geht so verdammt gut, die Sache mit dem Vertrauen.“ Leute wie der seien immer nur zahlenfixiert. Denen geht es ums Standardisieren der Prozesse und um Kontrolle – um sicherzustellen.

Seine Gegenthese dazu sei: „Der Mench ist selbstmotiviert, wenn er die richtige Umgebung hat“.

.

www.beyond-leadership.de

Buchauszug von Patrick Cowdens „Neustart“ im Management-Blog:

http://blog.wiwo.de/management/2013/11/12/management-autor-patrick-d-cowdens-neustart-sinnloser-optimierungswahn-bei-siemens-co-der-am-ende-milliardenschaden-auslosen-buchauszug/

 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*