Manager unter Erfolgsdruck: Mit „Unterhaltungsdienstleistungen“ nachhelfen – EY-Studie Wirtschaftskriminalität

Jedes vierte deutsche Unternehmen gibt zu, schon Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden zu sein. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, aber etliche Unternehmen schweigen lieber dazu – aus Imagegründen. Eine weltweite Untersuchung von EY liefert Details.

 

20 Prozent der deutschen Manager wurden schon aufgefordert, Verträge vor- oder rückzudatieren, 14 Prozent sollten eine karitative Spende leisten und zwei Prozent wurden bereits wegen Schmiergeld angegangen. Diese Zahl ist im internationalen Vergleich sehr niedrig: Von 60 Prozent der ägyptischen, 37 Prozent der indischen und 16 Prozent der russischen Top-Manager wurde schon Schmiergeld gefordert.

Diese Ergebnisse liefert eine Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young), für die über 2700 Vorstandsvorsitzende, Finanzvorstände, Leiter der Revision, der Rechtsabteilung und des Compliance Managements aus insgesamt 59 Ländern befragt hat. 50 davon kommen aus Deutschland.

 

Einladungen zu Events oder ins Bordell

Vor allem: Weil die Investoren, Analysten und Anteilseigner so hohe Erwartungen an sie stellen, „brechen Manager in wirtschaftlich schwierigen Zeiten offenbar immer wieder die Regeln“, so die Studie. In Deutschland und weltweit finden es fast ein Drittel der Manager  (28 beziehungsweise 29 Prozent) gerechtfertigt, „Unterhaltungsdienstleistungen anzubieten“, wenn sie auf dem Weg Aufträge ergattern.

Im Klartext: Darunter ist alles Mögliche vorstellbar – von Einladungen zu Events wie Fußballspielen bis hin zu Anrüchigem wie Bordellbesuchen.

Barzahlungen sind als Schmiermittel für Aufträge jedoch in Deutschland tabu, antworteten die Manager. In Westeuropa liegt dieser Schnitt immerhin noch bei acht Prozent. Anders sieht es in Griechenland aus, wo 58 Prozent der Manager „Barzahlungen im Notfall gerechtfertigt“ finden und in China 46 Prozent.

Womöglich ist vielen Managern immer noch nicht klar, welche Risiken sie mit Korruption damit eingehen: „Etwa die harten Korruptionsgesetze der Vereinigten Staaten und Großbritanniens  auch für die Muttergesellschaften und die Auftraggeber regionaler Vertretungen“, warnt Stefan Heissner, der bei EY die Forensische Wirtschaftsprüfung und die Beratungssparten Compliance Management und Betrugsprävention leitet.

 

Blenden und Zahlen frisieren

Stimmen die Geschäftszahlen nicht, sind auch vier Prozent der deutschen Manager bereit, sie zu schönen.

In den Schwellenländern liegt diese Zahl laut EY-Untersuchung im Schnitt bei acht Prozent, in Indien sogar bei 24 Prozent.

 

 

Stefan Heissner,

Stefan Heissner, Compliance-Experte und Partner bei EY

 

Zwar sind die deutschen Top-Manager im internationalen Vergleich insgesamt recht unbesorgt über das Thema Korruption: Gerade mal sechs Prozent meinen, dass Betrug und Bestechung in Deutschland ein Problem ist. Noch seltener ist Korruption dagegen nur noch in Dänemark und Finnland. Dort geben nur zwei Prozent der Top-Manager an, dass Bestechung in ihrem Wirtschaftsleben eine Rolle spielt. Im weltweiten Durchschnitt sagen dagegen immerhin 39 Prozent der Manager, dass Bestechung in ihrem Land an der Tagesordnung ist.

Unrühmliche Schlusslichter sind diese drei afrikanischen Länder: In Ägypten halten 100 Prozent, in Nigeria 88 Prozent und in Kenia 87 Prozent der jeweiligen Top-Führungskräfte Korruption für üblich.

Dennoch betont Heissner: „Das Problem der Korruption ist auch in deutschen Unternehmen noch lange nicht vom Tisch“.

 

70 Prozent der Manager fürchten Hacker, Geschäftspartner und fremde Staaten

Dagegen sehen gerade die deutschen Manager – konkret 70 Prozent – Computer- und Internetkriminalität (Cyberkriminalität) als Bedrohung an. Zum Vergleich: Das ist viel mehr als der weltweite Durchschnitt mit 49 Prozent.

Woher kommen die Bedrohungen? In erster Linie Hacker und Geschäftspartner, sagen 42 Prozent der Manager. Aber auch fremde Staaten nehmen 24 Prozent der befragten Entscheider als potenzielle Angreifer im Internet wahr. Sie unterschätzen dagegen die Gefahren, die von Organisiertem Verbrechen ausgehen, ist die Heissners Erfahrung.

 

Die Probleme der anderen trotz besonderer Gefährdung

„Wenn es um ihre eigene Sicherheit geht, sind die Unternehmen leider oft blauäugig und wiegen sich in falscher Sicherheit. Sie sehen Wirtschafts- und Cyberkriminalität zu oft als ‚Problem der Anderen‘“ an, so der Kriminologe Heissner. Dabei seien gerade deutsche Unternehmen überdurchschnittlich stark gefährdet: „Deutsche Betriebe sind attraktive Angriffsziele für Cyberkriminelle: Es gibt überdurchschnittlich viele mittelgroße Unternehmen, die über herausragendes Know-how verfügen und auf ihrem Gebiet eine weltweit führend Rolle spielen – und sich dennoch nur unzureichend vor Datenklau schützen“.

 

 

Hohe Aufdeckungsquote

Wie ernst die Unternehmen das Thema Korruptionsbekämpfung inzwischen nehmen, zeigt auch die Aufdeckungsquote. „In Deutschland werden besonders viele Delikte aufgedeckt“, sagt Stefan Heissner. Er bescheinigt den Unternehmen „intensive Anstrengungen um Korruption im eigenen Haus zu verhindern und eventuelle Vorkommnisse tatsächlich aufzuklären“. Denn ihr „Bewusstsein für die Gefahren, die von Korruption für die Unternehmen selbst ausgehen, ist in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen“, beobachtet der Kriminologe. Viele Unternehmen hätten Risikoanalysen zur Korruption durchführen lassen und entsprechende Prozesse und Vorgaben entschlossen angepackt.

Das Ergebnis: In jedem vierten deutschen Unternehmen (26 Prozent) wurde in den vergangenen zwei Jahren mindestens ein größerer Betrugsfall aufgedeckt. „Nur in den Korruptionshochburgen Ägypten, Nigeria, Namibia und Kenia liegt der Anteil noch höher“, so Heissner.

 

Fast alle deutschen Unternehmen haben Antikorruptionsrichtlinien

Immerhin haben 96 Prozent der deutschen – und 82 Prozent der globalen – Manager zu Protokoll gegeben, dass es in ihrem Unternehmen Anti-Korruptionsrichtlinien gibt. 76 Prozent – global: 73 Prozent – haben auch konkrete Strafen für Verstöße gegen diese Richtlinien festgeschrieben.

Die sind aber nicht überall ernst gemeint: International tun das nur 35 Prozent der befragten Manager – anders als die Deutschen, wo 48 Prozent der Befragten diese Strafen auch schon verhängt haben.

 

Manager in der Zwickmühle

Probleme haben vor allem Unternehmen, die stark im Ausland engagiert sind:  Da in vielen Ländern Schmiergeldzahlungen immer noch Gang und Gäbe sind, stecken die Manager in der Zwickmühle. Halten sie sich an die Gesetze, gehen ihnen Geschäfte durch die Lappen und sie riskieren ihre Umsatzziele. 

Zuletzt wurde Mark Reilly von dem Pharmariesen GSK von den chinesischen Behörden ins Visier genommen: Ihm droht lebenslange Haft, weil er für hunderte Millionen Dollar Schmiergelder an chinesische Ärzte und Kliniken gezahlt haben soll, damit sie die Medikamente von GSK bevorzugen. In jüngerer Vergangenheit nehmen die chinesischen Behörden das Thema durchaus ernst. Ebenfalls in deren Schusslinien gerieten schon Bayer, Novartis, AstraZeneca, Sanofi, Eli Lily und Novo Nordisk.

 

Barzahlungen tabu

Barzahlungen scheinen in Deutschland aber tatsächlich weitgehend  tabu zu sein: Nur von zwei Prozent der deutschen Manager wurde schon einmal erwartet, Schmiergelder zu bezahlen. Weltweit liegt der Anteil bei sieben Prozent, in Ägypten, Indien und Russland – den weltweiten Spitzenreitern –  sogar bei 60, 37 beziehungsweise 16 Prozent, belegt die EY-Studie.

 

Blender, die Zahlen frisieren

Bisweilen werden dabei auch Zahlen geschönt: So geben in Deutschland
vier Prozent der Manager an, dass es aus ihrer Sicht gerechtfertigt sein kann, Geschäftszahlen besser aussehen lassen, als sie tatsächlich sind. In den Schwellenländern liegt der Anteil bei durchschnittlich acht Prozent, in Indien sogar bei 24 Prozent.

 

„Erstaunlich ist, dass offenbar immer noch viele Unternehmen sehr entspannt mit dem Thema Korruption umgehen“, so Heissner. „Inzwischen sollten sich die erheblichen Risiken herumgesprochen haben, die die harten Antikorruptionsgesetze etwa der USA und Großbritanniens auch für die Muttergesellschaften und die Auftraggeber regionaler Vertretungen mit sich bringen.“

 

Sorge vor Cyberkriminalität in Deutschland besonders groß

Als stark zunehmende Gefahr haben viele deutsche Unternehmen Cyberkriminalität identifiziert: 70 Prozent betrachten Computerkriminalität als leichte oder erhebliche Bedrohung für ihr Unternehmen – das sind deutlich mehr als im westeuropäischen (50 Prozent) oder weltweiten Durchschnitt (49 Prozent). Dabei sind es sowohl in Deutschland als auch weltweit vor allem Hacker, die den Managern Sorge bereiten: 42 (Deutschland) beziehungsweise 48 Prozent (weltweit) bezeichnen Hacker als besonders gefährlich.

 

Lieferanten und eigene Angestellte als größtes Risiko

Deutsche Unternehmen sehen zudem in eigenen Angestellten oder Lieferanten eine große potenzielle Gefahrenquelle (42 Prozent; Welt: 33 Prozent). Vielfach unterschätzt wird aber offenbar die Gefahr, die vom Organisierten Verbrechen ausgeht, das in Deutschland gerade einmal von 34 Prozent und weltweit sogar nur von 25 Prozent der Manager als Gefahr für das eigenen Unternehmen identifiziert wird.

 

Widersprüchlich ist die Wahrnehmung durch die Bedrohung von anderen Staaten: „Obwohl inzwischen öffentlich geworden ist, dass auch Staaten systematisch im Netz Spionage betreiben und den Email-Verkehr überwachen, werden sie relativ selten als Gefahrenquelle wahrgenommen,“ wundert sich Heissner. Weltweit bezeichnen nur sechs Prozent der Manager fremde Staaten als Akteure bei Cyberkriminalität.

In Deutschland ist das Problembewusstsein allerdings erheblich größer: 24 Prozent der Manager betrachten fremde Staaten als potenzielle Angreifer im Netz.

 

 

 

 

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