Nur absurd (3): So läuft Xing? Erst bei Fremden anbiedern, um sie dann schnöde zu kappen? (Gastbeitrag Matthias Goeken)

Sind soziale Medien sozial?
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Gelten bei Social Networking und noch dazu beim Business-Netzwerk Xing andere Regeln über Anstand und Respekt als in der realen Welt? Obwohl es sozial heißt und mit dem Wort Business so etwas wie Professionalität signailisert? Mir scheint es, dass sie bei Lichte besehen eher weniger sozialverträglich sind, als wenn man sich tatsächlich begegnen würde.
Matthias Goeken, Hochschullehrer

Matthias Goeken, Hochschullehrer

Ein Mensch – nennen wir ihn hier mal Rolf Schneider – wollte mit mir „in Kontakt sein“. Wir waren uns nie persönlich begegnet und ich kannte seinen Namen auch nicht – insofern wunderte ich mich. Doch er fragte mich ganz konkret, ob er mich in sein Netzwerk aufnehmen dürfe, er arbeite zu gleichen Themen und so wäre das ja eine gute Sache. Das leuchtete irgendwie ein und so waren wir nun verbandelt.
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Man kann sich ja auch grundsätzliche freuen…über Hochzeiten
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Es verging ein halbes Jahr und er teilte seinem Netzwerk mit – zu dem ich mich ja auch zählen durfte – dass er jetzt seine große Liebe geheiratet habe und dass er jetzt nicht mehr Schneider, sondern Schulz hieße, da er den Namen seiner Frau angenommen habe. In meinen Augen stellte der neue Name keinen Gewinn dar. Dass er seine große Liebe geheiratet hatte, freute mich aus eher grundsätzlichen Erwägungen, aber nicht wirklich persönlich, weil ich ihn ja schließlich nicht persönlich kannte. Vor allem beeindruckte mich aber, dass er diese Motive als Teil seines Lebens einschließlich seines Namens- und vielleicht Identitätswechsel mit Menschen teilen wollte, die er eben nicht kannte.
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…über Nachwuchs
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Wieder einige Monate später durfte ich daran teilhaben, dass er nun Vater geworden war – Papa Schulz – und sich sehr über und auf seine neue Rolle freue. Abermals fand ich es eher grundsätzlich schön, wenn Kinder geboren und Netzwerker Vater werden. Da wir uns aber unterdessen immer noch nicht persönlich begegnet waren, konnte ich mich wiederum nicht so richtig persönlich mit ihm freuen. Aber egal. Schadet ja auch nicht, wie der Rheinländer sagt.
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Schnöde Mitteilung
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Doch dann, kaum ein halbes Jahr später bekam ich eine weitere Nachricht von ihm, in der er mir dies schnöde mitteilte: „Ich habe mir eine Regel auferlegt. Um mein Networking produktiv halten zu können lösche ich Kontakte wieder, die seit einigen Monaten ruhen und ohne Austausch geblieben sind. Aus diesem Grunde habe ich mich entschieden, den Kontakt mit Ihnen nicht weiter bestehen zu lassen.
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Entziehen, was man nie wollte
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Das sass. So viele Gefühle hatte er noch nie bei mir ausgelöst – nur jetzt eben negative. Erst will dieser Mensch mein Geschäfts-Freund sein, ohne dass wir uns je begegnet sind. Dann zwangsbeglückt er mich mit Details aus seinem Familienleben, die mich nicht wirklich interessieren – zumal in einem Business-Netzwerk – und schließlich kündigt er mir mit Ankündigung diese virtuelle Geschäfts-Freundschaft, auf die ich nie scharf war.
Ich gebe zu, ich war im ersten Affekt versucht, in die Tasten greifen und meine Verwunderung über solches Verhalten kundzutun. Was ich dann doch lieber ließ, denn wer nicht mein Freund sein will, nicht mal virtuell und der gemeinsamen Sache zuliebe, für den brauche ich keine Zeit aufwenden und an ihn schreiben.
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Kein Business Behave
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Aber grundsätzlich stelle ich mir die Frage, ob soziale Medien nicht doch im Wesentlichen ein Mittel sind, das übersteigerte Mitteilungsbedürfnis von Menschen, die eigentlich nichts zu sagen haben, zu befriedigen?
Fest steht jeden falls eins: Business Behave sieht anders aus.

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Alle Kommentare [5]

  1. Nun, Matthias, Kontakte kommen und gehen. In den Social Media ist es wie im „echten Leben“: Meistens merken wir das Schwinden garnicht so recht, bis es dann irgendwann als „zu spät“ erscheint. Meine Erfahrung mit Social Media ist: Man muß schon aktiv mitmischen, sonst macht’s keinen Sinn. Und: Alle meine Facebook-Freunde (besser: Kontakte) kenne ich wirklich, duze sie und mag sie auch – zumindest soweit, dass ich sie potentieller Weise zu einer Gartenparty einladen könnte. Wenn das nicht gegeben ist, lasse ich den Kontakt lieber (von vorn herein) sein. Mit dieser Regel fahre ich seither besser, denn die ausgetauschten Informationen werden auch relevanter.
    In XING bin ich nicht mehr aktiv. Der Hintergrund der „professionellen“ Kontakte kann schnell ambivalent werden, da sich die Beteiligten leicht gegenseitig (monetäre/ meßbare?) Vorteile erhoffen. Aber hier wie in FB gilt: Wenn man sich nicht wirklich kennt, ist es ein Kontakt „auf Kredit“ – ehrlich gesagt, will ich auch auf sowas gerne verzichten.

  2. Ein „Stupid“ schrieb hier, er (oder sie?) fände dieses Post sinnlos; dem kann ich mich nicht anschließen. Überhaupt nicht.

    Ich finde es im Gegenteil,
    a) sehr interessant, welche Gefühle solche Netzwerke und einem vollkommen unbekannte Menschen auslösen können,
    b) wie sich Begriffe und Erfordernisse des Anstands und des miteinander-umgehens in diesen Medien abbilden und
    c) kann ich das Gefühl der Verärgerung, ja Kränkung sehr gut nachvollziehen, wenn ein, einem vollkommen unbekannter Mensch, sich zunächst zu interessieren scheint, man selbst die Freundlichkeit besitzt, dessen ausschließliche Selbstbekundungen (offenkundig ohne einen Funken des Interesses an dem Angefragten) zu erdulden, weil man ja eben den Anfrager nicht kränken will – und dann maßt dieser sich an, den Kontakt zu kappen, als habe der ursprünglich Angefragte ihn, den stetigen Erzähler seiner privaten Freuden, mit seiner Anfrage belästigt!

    Verkehrte Welt! Es wäre mir genauso gegangen, dass mich im ersten Moment eine Mischung aus – ja doch – Kränkung und Wut erfasst hätte.

    Hinter diesem konkreten Erlebnis steckt ja die andere Dimension der Komplexität und Dynamik unserer „Beziehungen“ durch die virtuellen Netzwerke. Hier wird eine -vermeintliche – Nähe geschaffen, das Gefüge von Nähe und Distanz gerät durcheinander. Und das alles auf der Basis unserer tiefverankerten Werte, wie man miteinander umzugehen habe. Die Werte haben sich grundsätzlich nicht geändert, geändert haben sich die Kontexte. Und hier gilt es eine neue Balance zu schaffen, unsere Regeln den neuen Gegebenheiten anzupassen.

    Persönlich halte ich den Ausweg, den „Detlef“ nun wählt, nicht für den genuinen Sinn sozial-virtueller Netzwerke. Der Charme dieser Netzwerke besteht ja auch gerade darin, dass man Menschen kennenlernen kann, die man eben so im gänzlich realen Leben wohl nicht kennengelernt hätte. Ich selbst habe bspw. via XING einen nun mittlerweile wirklich bewährten Geschäftspartner kennengelernt, der mir wohl mit extrem geringer Wahrscheinlichkeit mal eben so über den Weg gelaufen wäre. Mittlerweile haben wir schon einige sehr gute Projekte miteinander gestemmt – und kennen uns natürlich nun auch persönlich.

    Umgekehrt ist es natürlich richtig, dass die „Freunderei“ bei Facebook bisweilen schon regelrecht groteske Züge annimmt. Wir kommen also immer wieder zurück auf das so wichtige Nachdenken darüber, was ich mir generell an und von Kontakten erhoffe und wie ich dies adäquat im Netz umsetze. Pure Selbstbespiegelung jedenfalls kann nie die ultima ratio sein, egal ob im realen Leben face-to-face oder im virtuellen Netzwerk.

  3. Business Behave sieht anders aus? Aber wie eigentlich bitte, in der mehrheitlich gewünschten und korrekten Form? Rolf Schneider, wie er hier genannt wird, hat sich sicherlich ungeschickt angestellt. Dies hätte er ebenso gut auf anderen sozialen Plattformen tun können und vielleicht war dies auch der Fall. Gerade bei einer Business-Plattform, wie XING, wird so eine Vorgehensweise natürlich nicht gut ankommen, wie auch dieser Artikel beweist. Andere sind da womöglich geschickter und haben bezüglich ihrer Kontaktanbahnung ein klares Konzept und eine ausgetüftelte Strategie um ihr Ziel zu kommen. Diese Ziel im Visier, werden dann auch korrekte Umgangsformen eingehalten und unter der Rubrik „Privates“ bestenfalls unverfängliche Hobbys wie Joggen oder Hunde preisgegeben. Mehr will der „normale“ XING-Nutzer auch nicht wissen ohne peinlich berührt zu sein. Aber wer weiß, warum soll nicht auch ein „Rolf Schneider“ noch lernfähig sein?