Krisen-PR in Sachen Leiharbeiter: Meyer Werft zückt „Sozialcharta“ – übers Wochenende

 

„Es ist der blanke Horror für Unternehmen, wenn bekannt wird, dass bei ihrem Subunternehmern Dinge wie beispielsweise Kinderarbeit vorkommen“, schildert Frank Behrendt, Geschäftsführer in Köln von der PR-Agentur Fischer Appelt. Und der PR-Profi prognostiziert: „Irgendwann müssen Unternehmen dann eingestehen, dass sie verantwortlich sind für ihre Subunternehmer.“  Die Angestellten aus der Zentrale, die dann vor Ort sitzen und kontrollieren. So wie bei Foxconn und Apple, als herauskam, dass sich etliche Mitarbeiter wohl aus Verzweiflung über ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen das Leben nahmen. Denn: „Anders wird’s gar nicht möglich sein.“ Auch wenn ein Verhalten in Rede steht, das vor Ort gelernt ist und dort gar nicht als irgendwie anrüchig angesehen wird. Und ein Verhalten darstellt, das auf jeden Fall für uns Europäer hier ein Missstand ist.

PR-Profi Frank Behrend, Geschäftsführer der PR-Agentur Fischer-Appelt

PR-Profi Frank Behrendt, Geschäftsführer der PR-Agentur Fischer-Appelt

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Drei Euro die Stunde Verdienst für Leiharbeiter?

Zum Beispiel wie gerade bei der Meyer Werft in Papenburg im Emsland, die Luxus-Kreuzfahrtschiffe baut. Zwei Arbeiter aus Rumänien, die sich als Leiharbeiter bei der Meyer Werft für deren Subunternehmer SDS dort verdingten, waren bei einem Hausbrand wegen einer Rauchvergiftung zu Tode gekommen. Untergebracht waren sie wohl in einem Einfamilienhaus in Papenburg, wo laut Aussage eines Arztes im NDR allein im Wohnzimmer 13 Betten standen. Zeugen am Brandort sprachen von „katastrophalen Zuständen“ im Gebäude und dass die Leiharbeiter nur drei Euro die Stunde verdient haben sollen. Brutto.

Bei der Gelegenheit kam auch heraus, dass laut Umfrage der IG Metall Küste in deutschen Schiffbau-Unternehmen im September 2012 knapp 28 Prozent aller Beschäftigten mit Werkverträgen arbeiten, also Leiharbeiter sind. Bei Meyer Werft sollen es sogar 44,9 Prozent sein. Da kann von Puffern für Auftragsspitzen eigentlich nur noch schwer die Rede sein.

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Versprechen der Meyer Werft: Noch nachdrücklichere Prüfung

Ein typischer Fall jedenfalls für Krisen-PR. So verteidigte sich Werft-Chef Bernard Meyer im „Hamburger Abendblatt“: „Wir werden jetzt noch nachdrücklicher prüfen, ob es in der umfangreichen Liste unserer Lieferanten schwarze Schafe gibt, die die geltenden Sozialstandards in Deutschland unterlaufen.“ Lohndumping lehne die Werft ab. Dennoch: Subunternehmen seien für den wirtschaftlichen Erfolg seiner Werft unverzichtbar.

Die ganze Sache war der „Süddeutschen Zeitung“  gestern schon nur noch eine kleine  14-Zeilen-Meldung wert – so als sei alles erledigt und die Welt schon wieder in Ordnung. Unter der Überschrift  „Werft reagiert auf Todesfälle“ schrieb sie: Die Mayer Werft habe mit einer Sozialcharta und einem Verhaltenskodex auf die Tragödie zweier toter rumänischer Arbeiter reagiert.

Wohlgemerkt: Weder wurde offenbar dem Subunternehmer gekündigt, noch der Beschäftigung von Leiharbeitern unter der Flagge von Subunternehmern abgeschworen noch der eigentliche Missstand behoben zum Beispiel durch dem Inaussicht-Stellen von anderen Behausungen. Etwa auf dem Werksgelände. So wir früher, als es bei den Firmen noch Werkssiedlungen und Dienstwohnungen gab – statt Gemecker über angeblich unflexible Arbeitnehmer, die nicht für jede Job gleich mit der ganzen Familie oder gar nicht umsiedeln wollen.

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Öffentlichkeitswirksame „Sozialcharta“ – statt Taten

Ohne dazu zu sagen, dass diese „Sozialcharta“ (was immer das sein soll, wenn es sich ein Unternehmen übers Wochenende in aller Eile zulegt) mit ihren Statuten nicht etwa einklagbar ist, sondern eher deklaratorischen Charakter hat – sich aber in der Öffentlichkeitswirkung sicher prachtvoll macht. Kurz: Schlagkräftiges wie saftige Vertragsstrafen für die Subunternehmer kamen nicht vor.

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Stadt Papenburg will zertifizieren – statt zu helfen

Und die Stadt Papenburg? Der ist das Unglück offenbar so unangenehm, dass auch sie reagiert: Sie kündigt Kontrollen und Zertifizierungen menschenwürdiger Unterbringungen an. Und sie sind ja auch einfacher, als mit eigenen Hilfsangeboten anzutreten. Ein Wunder, dass sie nicht einfach die Unterbringung von 13 Menschen in einem Wohnzimmer verbietet – statt Lösungen zu bewerkstelligen. Und die Meyer Werft will diese Zertifikate der Stadt – dass die Leiharbeiter sicher und menschenwürdig untergebracht sind nach europäischem Verständnis – künftig laut Nachrichtenagentur dpa zur Grundbedingung machen für die Werkverträge. Das sind die mit den Subunternehmern.

Und der Betriebsratsvorsitzende Thomas Gelder kündigte an, er wolle nächstens „noch intensiver  prüfen, dass der Lohn auch bei den Mitarbeitern ankommt“. Was eigentlich gleichbedeutend ist damit, dass er die Subunternehmer ausschalten will – denn auch die wollen von dem Geschäftsmodell leben können.

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http://blog.wiwo.de/management/2010/01/08/kundenorieotnierung-lieber-ein-verbot-kreieren/

Zu den Todesfällen bei den Leiharbeitern der Meyer Werft:

http://www.abendblatt.de/wirtschaft/article118156225/Nach-zwei-Todesfaellen-Meyer-Werft-will-strengere-Kontrolle.html

http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/oldenburg/papenburg557.html

 

 

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