PR: Das Beispiel der Kanzlei Shearman & Sterling – Das richtige Timing entscheidet:

Vergesst Düsseldorf, vergesst München – stattdessen setzen wir jetzt alles eine Karte, auf Frankfurt. Gemeint ist die Kanzlei Shearman & Sterling, bei der – wie aus heiterem Himmel – das amerikanische Mutterhaus jetzt plötzlich die Parole ausgab, dass zwei der drei deutschen Büros geschlossen würden. Die Kommentare der Insider klingen anteilnehmend: Shearman sei eine Erfolgsstory – mit einem traurigen Schlußpunkt.

Die renommierte Wirtschaftskanzlei mit Top-Mandaten von Daimler bis Ferrostaal zerbricht, zumindest an den beiden erstgenannten Standorten. Etliche Anwälte sollen auf dem Absprung sein. Fünf Partner waren schon im vergangenen Jahr von Bord gegangen, die von der Branche als Verlust für Shearman gewertet wurden. Jetzt geht auch noch der Rainmaker Hans Diekmann von Bord, der neben Senior-Partner Georg Thoma „die andere Galionsfigur“ bei Shearman Sterling ist, wie das Branchenblatt „Juve“ schreibt. http://juve.de/nachrichten/namenundnachrichten/2013/04/aus-angst-wird-gewissheit-shearmans-schliest-deutsche-buros

Sagen will man bei Shearman dazu wohl lieber nichts. Eine Pressemitteilung für solch einen einschneidenden Strategiewechsel, den das Mutterhaus angeordnet hat? Fehlanzeige.

Doch was stattdessen erschien zumindest vier Tage, bevor das Ende der zwei Standorte ruchbar wurde? Ein großer Artikel in der Düsseldorfer „Rheinischen Post“, der aus jetziger Sicht richtiggehend tragisch wirkt:  http://www.rp-online.de/regionales/extra/wirtschaftskanzleien/von-duesseldorf-aus-grenzen-in-der-beratung-ueberschreiten-1.3341459

 

„Düsseldorf ist ein idealer Standort“ – und wird geschlossen

Darin steht etwa: „Für Shearman & Sterling ist Düsseldorf ein idealer Standort, lebt und arbeitet doch ein Viertel der gesamten deutschen Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen – und in der Landeshauptstadt haben viele wichtige Gerichte ihren Sitz“, erklärt Rainer Wilke, Partner bei Shearman & Sterling Düsseldorf.“ Und dass gerade dieses Büro besonders stark positioniert und die größte der drei Shearman-Niederlassungen sei.

So, als habe Willke nicht die geringste Ahnung gehabt, was tatsächlich Sache war in seiner Law Firm. Dass Düsseldorf für Top-Kanzleien attraktiv ist, stimmt ja. Nur schreibt die Fachpresse der Top-Kanzlei gleichzeitig ins Stammbuch, dass sie 40 Prozent ihrer Anwälte verloren habe. Und dass das Vergütungssystem dafür sorge, dass gemeiname Arbeit der Anwälte an einem Mandat schwierig war und man immer „auf der Hut sein musste, um im Mandat zu bleiben“ („Juve“).

Vielleicht war es ja nur die Abteilung Künstlerpech, wenn sich der der Düsseldorfer Partner – scheinbar ahnungslos, fast wie im Elfenbeinturm sitzend – so positiv äussert kurz bevor das Fallbeil saust. Er als Stellvertreter für die ganze Kanzlei. Und nur so wenige Tage vor solch einem Bruch, den man allenfalls bei Linklaters erlebte, als sie den Standort Köln dicht machten und nur mit einem Teil der Anwälte nach Düsseldorf umzogen.

 

PR steht und fällt mit dem richtigen Timing

Das Timing ist das A und O in der PR, so wie in der Presse überhaupt. Es gab schon Chefredakteure in der Wirtschaftspresse, die abtreten mussten, weil pünktlich zum Börsenchrash ihr Aktien-Sonderheft erschien: dass man jetzt – und in welche – einsteigen solle. Ironie des Schicksals. Nur, dass die Börse traditionell schneller und drastischer reagiert als eine gediegene Anwaltskanzlei. Denn bei der Börse muss man mit völlig unvorhersehbaren Ausschlägen rechnen.

Es wirkt so, als sei es den Entscheidern im US-Mutterhaus egal, wenn sie ihre deutschen Partner derart vorführen. Schwer vorstellbar ist es ohnehin, dass die Düsseldorfer nichts ahnten von der einsamen Strategieänderung in den Vereinigten Staaten.

Wenn aber eine Kanzlei schon einen Partner nach dem anderen verliert, über Monate – und auch vorher schon bekannte Namen wie den Umsatzbringer Rolf Koerfer an Allen & Overy -, dann mutet solch ein positiver Auftritt in der Lokalpresse nur noch als ulkig an. Im Zeitalter des Internets, wenn interessierte Anwalts-Talente nur ein paar Klicks weiter ganz anderes lesen können.

Zumal: In den USA hatte die „einst stolze Wall-Street-Kanzlei“ („Juve“) schon in den vergangenen zehn Jahren in den Rankings einen gehörigen Absturz erlitten. Sie flog raus aus den Top Ten, konnte sich nicht mal mehr unter den Top 30 halten und verlor Umsatz wie Gewinn. In derselben Zeit war Shearman & Sterling in Deutschland – wie gesagt – eine Erfolgsgeschichte. Kollegen sprechen auch jetzt noch nur in höchsten Tönen über die Kompetenz der deutschen Shearman-Anwälte.

 

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