PR: „Do´s and Dont´s im Umgang mit Journalisten“ (1)

Wie Redaktionen ticken, scheint für Unternehmen und PR-Abteilungen immer noch ein Buch mit sieben Siegeln zu sein.

Meist ist ihr einziger Leitgedanke: Wie möchte ich mich in der Presse dargestellt sehen? Dass aber die Zeitungen und Zeitschriften sehr eigene Spielregeln haben, nach denen sie funktionieren – und die vor allem unabdingbar sind -, können sich manche nicht einmal vorstellen.

Unten steht der 1. Teil mein Prolog für das „Praxishandbuch Public Relations“ * (Wiley Verlag 2008) , das diese Woche hier zu gewinnen ist. Die PR-Agentur Faktenkontor spendiert den Lesern des Management-Blogs drei Exemplare dieses Buchs – unter Ausschluß des Rechtswegs.

Wer sie gewinnen möchte, schickt bitte eine Mail an claudia.toedtmann@wiwo.de mit dem Stichwort „Praxishandbuch PR“. Einsendeschluss ist Donnerstagmittag, der 18.10.2012, um 12 Uhr.

 

 

Dos and Don’ts gegenüber der Presse

Claudia Tödtmann

Wie man es sich mit Journalisten verscherzt – ohne es womöglich zu bemerken (1)

 

Was für Vampire das Kreuz oder eine Knoblauchknolle ist, ist für Journalisten das Wort »platzieren«. Dieses Wort sollte jeder, der eine Redaktion anruft oder besucht, vorher aus seinem Repertoire streichen. Ersatzlos streichen sollte er dieses Verb »platzieren«, das scheinbar ganz harmlos klingt. Etlichen Mitarbeitern von PR-Agenturen, die die Presse auf ein bestimmtes Thema aufmerksam machen möchten, rutscht nämlich dieses Wort heraus: »Hier ist die Agentur Hundnase. Kennen Sie … Und wie können wir denn die Firma Ratzputz bei Ihnen platzieren?« Dieses Verb führt dann dazu, dass die allermeisten Redakteure direkt rot sehen. Klappe. Schicht im Schacht, das Gespräch ist gelaufen. Selbst wenn sie es nicht sagen oder sich sonstwie anmerken lassen.

Durchschlagende Wirkung des Reizworts „Platzieren“

Warum? Ganz einfach: weil Journalisten nicht instrumentalisiert werden wollen. Und missbraucht. Und so plump schon gar nicht. Denn man kann Redaktionen durchaus Themenvorschläge machen und Anregungen geben – aber platzieren wollen Journalisten genau nicht. Das ist das, was die Anzeigenabteilung macht. Und zwar für zahlende Inserenten. Die platziert Anzeigen der Industrie auf Werbeseiten, die gekauft werden. Die Anzeigen sind fest gebucht und für die Leser als solche auch erkenn- und unterscheidbar von den Artikeln der Redakteure. Auf den Anzeigenseiten kann sich bewerben, wer will – aber eben nicht im redaktionellen Teil. Der ist Hoheitsgebiet der Redaktion, und da wird nichts platziert. Das ist der Teil eines Blattes, wo die Leser die Infos lesen möchten, die die Redaktion für sie vorgefiltert und aufbereitet hat, weil sie Wert genau darauf legen und eben keine Prospekte lesen wollen. Und wer als PR-Beauftragter das Verb unversehens verwendet – womöglich völlig arglos –, riskiert, dass das Gespräch dann ganz schnell zu Ende ist. Er riskiert vor allem, dass er den Journalisten gegen sich aufbringt. Denn ganz offensichtlich hält der Anrufer den Redakteur für einen Trottel. So nach dem Motto: Ich steuere den Journalisten mal kurz fern wie ein kleines Spielzeugauto. Ich rufe ihn an, und der schreibt dann das, was ich will. Wundert es Sie noch, wenn so ein Reizwort durchschlagende Wirkung hat?

Tabu-Wort „Schalten“

Übertroffen wird das Verb platzieren übrigens von dem Wort schalten. »Ich wollte einen Artikel bei Ihnen schalten«, das sagen nur die ganz blutigen Anfänger. Mancher Journalist reagiert darauf auch so: »Und warum rufen Sie mich dann an?« Redepause. Rückfrage: »Ja, bin ich jetzt nicht mit der Redaktion ›Stock und Schirm‹ verbunden?« Antwort: »Doch, genau das. Aber wenn Sie Anzeigen schalten wollen, sollten Sie unsere Anzeigenabteilung anrufen. Darf ich Sie eben durchstellen?«

Was heute erschwerend hinzukommt, ist die Tatsache, dass die Verlage über sinkende oder zu niedrige Anzeigeneinnahmen klagen und etliche Redaktionen riesige Personaladerlasse hinter sich haben, auf allen Ebenen. Die Zahl der festen Redakteure ist seit 1993 von 25 000 auf heute 17 000 gesunken, rechnete Götz Hamann in der Zeit in einem sehr lesenswerten Artikel über Verlage und Zeitungen im September 2007 vor. Kurz: Sekretariats-Support für Redakteure ist zuweilen komplett gestrichen, Fotoredaktionen und Abteilungen wie Layout, Grafik auf ein Minimum reduziert und die Aufgaben auf die Verbliebenen verteilt. Wo vor fünf Jahren noch eine Handvoll Tabellenerfasser arbeiteten, sitzt heute kein einziger mehr. Entweder verzichtet man also ganz darauf, oder andere Abteilungen müssen die Tätigkeiten mitmachen oder die Redakteure selbst in nächtlichen Sitzungen, oder – und hier kommen wieder die PR-Agenturen ins Spiel – PR-Leute liefern ihnen zum Beispiel Rankings oder Vergleichstabellen direkt komplett.

Die meisten Redaktionen sind heute immer schlechter ausgestattet, vom Drucker bis zum Kopierer, aber dafür mit immer mehr Aufgaben (insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Technisierung bis hin zum Profi-SAP-System für simple Reisekostenabrechnungen) belastet – ohne dass sich freilich die Arbeit oder die Zahl der zu füllenden Seiten mit verringert hätte. PR-Agenturen sind allein schon vom Material her besser ausgestattet als Redaktionen. Und nicht nur das: Die Schar der PR-Leute übersteigt die Zahl der Journalisten, wie der Spiegel jetzt vorrechnete.

Im Klartext: Die Arbeitsverdichtung in den Redaktionen kommt PR-Agenturen entgegen. Eigene Fotos, Grafiken und Tabellen bekommen sie heute viel schneller ins Blatt als früher. Wenn kein Geld da ist für einen Fotografen, freut sich die Redaktion, wenn sie wenigstens von den Unternehmen selbst kostenlos Fotos von dessen Führungskräften bekommt. Und diese Bilder sehen eben nicht abwechslungsreich, unterhaltsam oder gar entlarvend aus, sondern sind sorgsam so inszeniert, wie der Unternehmenslenker sich gerne sehen möchte. Langweilig eben. Das Ganze geschieht natürlich zur  Freude der Betroffenen. PR-Agenturen sind gut beraten, wenn sie stets von vornherein darauf achten, dass von den richtigen Managern gute Fotos vorrätig sind, und schon mal prophylaktisch Profifotos anfertigen lassen, die sie im richtigen Augenblick – wer hätte das gedacht – mal rasch der Redaktion schicken und damit aus der Verlegenheit helfen können. Sie ahnen, wie sich die Kette fortsetzt und wem diese Engpässe in den Redaktionen durchaus zugute kommen? Richtig.

Das Signal: „Sie sind inkompetent“

Zurück zu den kleinen und großen Pannen im Umgang mit Journalisten: Ähnlich gut wie das Verb platzieren kommt dieser Satz an, der mal väterlich besänftigend daherkommt oder auch mal fast verschwörerisch: »Und wenn Ihr Artikel fertig ist, können Sie ihn mir gerne schicken. Damit ich drüberschaue, ob auch alles richtig ist.« Der Satz ist ein Volltreffer. Das Ziel ist ohnehin klar. Gemeint ist nämlich eigentlich: »Ich schaue, ob Sie auch alles in unserem Sinne geschrieben haben.« Umgekehrt signalisiert er jedenfalls, dass man den Journalisten für inkompetent hält oder für begriffsstutzig.

Und gibt gleichzeitig zu, dass man es wohl nicht geschafft hat, sich verständlich zu machen. Ganz abgesehen davon verbieten oft übrigens die ganz großen Blätter, vor allem Magazine mit ihrem teureren und aufwendigeren Journalismus, ihren Redakteuren im Arbeitsvertrag – schon aus Gründen des Konkurrenzschutzes –, dass sie diese Manuskripte vor dem Druck jemandem zeigen. Sie halten die Sorge für übertrieben? Ich nicht mehr, seit ich bei einem Magazin erlebte, wie genau aus dem Grund ein Redakteur seinen Job verlor und in einem Schwesterblatt eine Sekretärin mir nichts, dir nichts ohne jeden echten Verdacht in die Gefahr einer Kündigung geriet, weil ihr liebe Kollegen etwas anhängen wollten und behaupteten, die Dame habe ein Manuskript aus der Redaktion herausgefaxt.

Warum das noch ein absolutes Tabu ist und auch sein muss? Sollte in dem Stück ein kritischer Satz stehen, von dem ein Unternehmen frühzeitig Wind bekommt, könnte jemand auf die Idee kommen, schon frühzeitig mit Hilfe der einschlägigen Medienrechtler mit juristischen Kanonen auf Spatzen zu schießen. Bei einem Wochenblatt ereignete es sich sogar schon, dass eine Großbank der Chefredaktion nur mit einer einstweiligen Verfügung drohte und am Ende die Staatsanwaltschaft ermittelte – und tatsächlich fündig wurde.

Eine Mitarbeiterin der Anzeigenabteilung – sie hatte sogar noch Probezeit – war während einer Redaktionskonferenz ins Zimmer des Redakteurs gegangen und hatte dort am PC des Redakteurs den Artikel ausgedruckt. Ihr Mann hatte den dann der Bank verkauft – und die Chefredaktion sah sich gezwungen, den Text so abzuändern, dass die Auflage erscheinen konnte. Sie sehen, warum das Ansinnen – vorab zu prüfen – erfahrene Redakteure in Harnisch bringt?

 

Leutselige PR-Profis

Etwas trickreicher wollen diejenigen PR-Profis daherkommen, die es auf die leutselige Tour versuchen: »Wir haben einen neuen Kunden, die Firma Wunderbar. Ich wollte mit Ihnen mal überlegen, was wir für die tun können.«

Wie bitte? »Wir«? Und weiter: »Welche Rubriken haben Sie denn so? Wo könnte die Firma da hinpassen?« Hallo? Da versucht jemand, mal eben den Spieß umzudrehen. Der Journalist soll plötzlich zum Anwalt eines einzelnen Unternehmens gemacht, quasi ins Boot geholt werden. Wenn ein PRler es wirklich geschickt anstellt, ist es plötzlich so, als müsse der Redakteur ihm den redaktionellen Teil schmackhaft machen. Psychologisch clever.

Aber ob diese Masche echt erfolgreich ist, bezweifle ich. Denn in Redaktionen – zumindest in großen Redaktionen – besteht meist eine straffe Hierarchie. Texte werden manchmal von mehreren gegengelesen und auch redigiert, wo derlei Nummern rasch auffallen. Und wenn nicht, bekommt der Redakteur, der sich so einlullen lässt, am Ende womöglich einen harschen Rüffel vor versammelter Mannschaft bei der Blattkritik – dann wird er künftig auch vorsichtig gegenüber PR-Annäherungsversuchen werden.

Und ein guter PR-Mann wird auch nicht auf seinen kurzfristigen Erfolg achten, sondern vielmehr darauf, dass er es sich nicht mit seinen Ansprechpartnern in der Redaktion verscherzt. Was hat er davon, wenn er sich ein Mal durchsetzt – und sich dann nie wieder blicken lassen kann bei dem betroffenen Redakteur? Und auch Redakteure tauschen sich über ihre Informanten aus, so dass eine PR-Agentur dann auch mal schnell in einer ganzen Redaktion in Verruf geraten kann. Warum es nun also so wichtig ist, dass PR-Leute den richtigen Ton treffen und die richtige Botschaft an den Mann und die Frau bringen?

Weil

a) das Durchkommen zu den oft eher hetzenden als arbeitenden Journalisten in den Redaktionen immer schwieriger wird und

b) es keine zweite Chance für den ersten Eindruck gibt, weil keine Zeit, siehe oben, und

c) die Journalisten gar keine Zeit für Experimente und Nachhilfestunden haben. Dann lieber einen bewährten Informanten oder PR-Profi anrufen,

als stundenlange Erklärungen geben zu müssen, um später dann doch eine Absage von schrecklich gutwilligen PR-Leuten zu bekommen, die leider ihrem Kunden nicht im richtigen Moment das Richtige entlocken

konnten. Und es auch nicht schafften, ihn davon zu überzeugen.

Die dämliche Drohung mit dem Chef

Einer der größten Fehler, den PR-Mitarbeiter begehen können, ist, zu versuchen, sich selbst die redaktionsinterne Hierarchie zunutze zu machen. Eine Kollegin, die im Finanzressort über Anlageformen schreibt, erlebte mal Folgendes: Sie hatte mehrere Fonds verglichen, und einem Anbieter, der mit einer mittelguten Bewertung wegkam, war das nicht genug. Er beschwerte sich schriftlich bei der Chefredaktion, und dieser Brief flatterte natürlich dann auch der Redakteurin auf den Tisch. Der Chefredakteur war weit davon entfernt, sich in die Tiefen der Fondsbewertung zu begeben, und hatte das Schreiben ihr dann einfach durchgereicht. Doch sie hatte sich so sehr geärgert über die Attacke des Fondsanbieters, dass sie ihn in sämtliche Vergleiche, die sie in den nächsten Jahren unter Fondsanbietern anstellte, erst gar nicht mehr mit einbezog. So, als gebe es ihn gar nicht. Sie war ja dazu auch nicht verpflichtet. Ob es ihm gefallen hat, nun ganz aus dem Spiel zu sein? Gute Chefredaktionen fallen nämlich ihren Redakteuren – zumindest nach außen hin – generell auch nicht so ohne Weiteres in den Rücken.

Gute PR-Leute sind ein Segen…

Gute PR-Leute hingegen – und nur die – sind ein wahrer Segen. Und zwar nicht nur für ihre Auftraggeber, sondern auch für Journalisten. »Aber sie sind leider so selten«, seufzt meine Kollegin Anja immer. Recht hat sie. Viele Öffentlichkeitsarbeiter sind nämlich leider eine Landplage – jedenfalls aus Sicht von Redakteuren. Warum? Das Grundproblem ist ganz einfach, meint auch mein Kollege Rüdiger: »Die PR-Leute wissen oft nicht, mit wem sie es zu tun haben, womit sie es zu tun haben und wie die jeweiligen Medien funktionieren.« Den ältesten Hasen bieten sie gut abgehangene Infos an. Oder sie geben Infos einem Magazin exklusiv, das vier Tage später erst erscheint und danach einer Tageszeitung, die sie fröhlich am nächsten Tag druckt – einen Tag vor dem Erscheinen des Magazins. Wo die Magazinjournalisten schon mal nachlesen können, was ihnen als »exklusiv« angedient worden war – zur Häme der Redaktionskollegen.

…und schlechte eine Landplage

Das bedeutet: Unprofessionelle PRler sind eine Landplage, weil sie Redakteuren die knappe Arbeitszeit stehlen, indem sie ihnen langatmig erzählen, über welches Unternehmen doch unbedingt was berichtet werden müsste. Statt zu mailen. Oder sie machen gar noch Scherereien, zum Beispiel, indem sie beim Abstimmen von Zitaten im entscheidenden Moment Rückzieher machen. Indem sie total umständlich und kleinlich auftreten und, statt zu vermitteln zwischen Journalisten und ihren eigenen Kunden, nur die Bedenken, Sorge und Nöte haarklein dem Journalisten rückkoppeln, dessen Arbeitsprozess behindern und so richtig Sand ins Getriebe streuen.

Denn wer mitten im Produktionsprozess ist, den nahenden Redaktionsschluss im Nacken hat und auf wen vielleicht noch Layouter und Bildredakteur warten, der muss mit seiner Zeit sehr streng haushalten. Ob er will oder nicht. Stil und Etikette die Vorfahrt zu geben ist in so einem Moment – leider – einfach unmöglich. Zumal sämtliche Telefonanrufe heute gleich zu jedem Schreibtisch durchkommen. Etwaige Redaktionssekretariate – soweit es noch welche gibt – sind meist nur noch für die Chefredaktionen da. Einfach nicht den Hörer abzunehmen ist auch keine Lösung. Mitten im Produktionsprozess kann keiner einfach das Telefon läuten lassen – schließlich könnte ja auch der Layouter dran sein und etwas Eiliges sagen wollen. Auf solche Situationen sollten Anrufer in Redaktionen einfach gefasst sein und es ja nicht persönlich nehmen, wenn sie vertröstet werden auf den nächsten Tag. Sie sollten nur schnell wieder einhängen und noch kurz sagen, dass sie mailen oder später noch mal anrufen. Und das dann aber auch tatsächlich tun.

Gute PR-Leute sind komplett uneitel

Bleibt die Frage: Was macht nun die guten PR-Leute zu guten? Gute PRLeute haben erst einmal ein klares Rollenverständnis. Sie kennen ihre Aufgabe genau und stellen professionell jedwede eigene persönliche Eitelkeit hintan. Ihnen ist bewusst, dass sie einzig und allein ihr Unternehmen gut vertreten müssen und ihrer Firma nicht noch Schaden zufügen, indem sie persönlich als Störfaktor wirken. Das ist nämlich dann der Fall, wenn ein Journalist eigentlich gerne bei einer Firma eine Information einholen würde, und die Firma sich vielleicht auch gerne damit in der Zeitung sähe, aber leider der Pressesprecher selbst wie eine Barriere wirkt. Oder weil er immer nur so langsam reagiert, so umständlich ist oder nur so schwer zu erreichen ist, dass man lieber gleich die Konkurrenzfirma anruft. Jedenfalls wenn man die Wahl hat. Oder weil es sich der Unternehmenssprecher schon vorher leider mit dem Redakteur verdorben hat. So schüttete mir schon der Pressechef eines großen internationalen Konzerns sein Herz darüber aus, wie er bereits auf die Nase gefallen war: Er hatte einen Jungredakteur einer Provinzzeitung nicht ernst genug genommen und ihn deutlich schlechter behandelt, als er es mit einer überregionalen Zeitung getan hätte. Dann kam der Tag, an dem sein Konzern böse in die Schlagzeilen geriet und eine Imagekrise durchmachte. Und wer saß plötzlich bei einer großen namhaften Zeitung und betreute genau seine Branche? Richtig, der junge Kollege aus der Provinz, der inzwischen Karriere gemacht hatte – und sich sehr genau daran erinnerte, wie er zuvor übergangen worden war. Der Pressechef hatte inzwischen die Lektion gelernt, dass er Journalisten in so einem Moment, in  dem sie Informationen nachfragen, gleich behandeln sollte – schon vorsichtshalber.

Gerade heute kommt der Faktor Internet ja hinzu. Wartet eine an sich unauffällige Redaktionswebseite plötzlich mit einer überraschenden Nachricht auf – es braucht ja nicht mal die Homepage zu sein –, findet manches Stück über die Google-News-Seite heute in wenigen Stunden Verbreitung durch die ganze Republik. Da kann ein unverdächtiges Markenwertranking der Werbeagentur BBDO je nachdem, wie die Nachrichtenlage ansonsten aus sieht, plötzlich über hundert Mal von anderen Medien online aufgegriffen und weiterberichtet werden.

Unabänderliche Redaktionsabläufe

Doch zurück zu den Eigenschaften guter PR-Leute: Sie wissen, wie Redaktionen funktionieren, sie kennen (und akzeptieren) ihre – zugegebenermaßen komplizierten, aber absolut unabänderlichen – Abläufe, Organisationen, Hierarchien und Zuständigkeiten. Sie mögen ja entsetzt sein, wenn sie nur zwei Stunden Zeit haben, um ein Zitat ihres Managers einzuholen, aber wenn die Nachrichtenlage in dem Moment dessen Kommentar erfordert und der Druckschluss naht, hat auch die Redaktion selbst keinen Spielraum.

Sie kann den Moment, in dem die Seiten an die Redaktion gesendet werden müssen, nicht verschieben. Da hilft nur Augen zu und durch, auch für PR-Vertreter. Sie haben gut zugehört, wenn Journalisten von ihren Zwängen berichten, und behalten diese im Hinterkopf. Denn Journalisten sind selbst alles andere als frei: Die Plätze im Blatt werden verteilt, die Längen ihrer Artikel vorgegeben, der Abgabezeitpunkt steht unverrückbar fest, bei der Bildauswahl haben sie manchmal gar nichts mitzureden, oft stammen nicht einmal die Überschrift des Textes oder sogar ganze Textpassagen von dem vermeintlichen Autor. Je größer das Blatt und je seltener es erscheint, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass viele Köche im selben Topf herumrühren. Was natürlich derjenige, dessen Name unter dem Artikel steht, kaum zugeben wird.

Aber das, was ein PR-Mann herausfinden kann, sind die Hausregeln jedes Blattes. Zum Beispiel wenn grundsätzlich keine Doktortitel genannt werden. Weil man sonst jedes Mal Dr. Dr. Helmut Kohl schreiben müsste und weil das Blatt ohnehin nur bedeutende Leute zitiert. Denn dann ist schon der Versuch zwecklos, wenn etwa ein Sprecher einer Kanzlei unbedingt durchsetzen möchte, dass seine Anwälte im Artikel mit ihrem Titel auftauchen sollen. Gute PR-Experten kennen die verschiedenen Blätter, deren jeweilige Zielgruppen und wissen vor allem eine Menge von ihren eigenen Kunden.

Zielgruppe 

Warum die Zielgruppe des jeweiligen Mediums so wichtig ist? Weil das Selektieren eine der Hauptaufgaben von Journalisten ist. Das Herausfiltern der News, die ihre Zielgruppe besonders interessiert. Und was das sein könnte, lässt sich auch von außen abschätzen – vorausgesetzt, man nimmt sich die Zeit, beschäftigt sich mit dem jeweiligen Blatt, analysiert mehrere Ausgaben, gleicht die Erkenntnisse ab mit dem, was der Auftraggeber erreichen möchte, und geht gut präpariert auf die Redaktion zu. Das wirkt Wunder.

Dann kann man schon im Vorhinein erkennen, dass sich Impulse ganz klar an Arbeitgeber richtet und die Story »Ihr Recht als Arbeitnehmer« nicht eben willkommen ist. Oder dass für ein überregionales Wirtschaftsmagazin das Thema, welch ein schöner Werbeagenturstandort Düsseldorf doch ist, an sich noch keine Geschichte ist. Den Vorschlag machte – Sie werden es kaum erraten – eine internationale Werbeagentur, die ihren deutschen Hauptsitz in Düsseldorf hat, und »sehr gerne etwas für den Standort tun wollte«.

Auch PR-Profis, die nur bewundern, wie wundervoll ihr Kunde ist oder dass der Unternehmenslenker »ein echt authentischer Typ« ist oder dass sein Produkt »ganz toll« ist, helfen nicht weiter. Jedenfalls nicht bei der Wirtschaftspresse. Besser ist es, wenn sie Zahlen, Fakten und Geschichten von dem Unternehmen parat haben. Es macht auch keinen Supereindruck, wenn man bei der ersten Rückfrage passen muss und womöglich noch ausdrücklichverweist, quasi zurückdelegiert: »Das können Sie Herrn Mayerhuber dann gleich selbst fragen bei Ihrem Termin.« Danke für die Anregung, darauf wäre ich sonst nicht gekommen. Nur – warum rede ich dann noch mit dem PR-Mann?

Erreichbarkeit

Gute PR-Leute kennen also ihre Aufgabe genau und sind einsatzfreudig. Notfalls von einer Minute auf die andere. Sie wissen, wie hektisch es im Redaktionsalltag zugehen kann. Sie signalisieren sofort: »Ich hab verstanden, ich besorge jetzt sofort die Fakten, die Sie brauchen.« Denn schließlich bietet die Verlegenheit einer Redaktion ihnen die Chance, im Handumdrehen ihre Kunden ins Blatt zu bringen. Sie sollten so sensitiv sein, zu merken, wann es brandeilig wird, oder fragen zurück. Sie wissen, dass es bei einer Tageszeitung eben keine zwei Tage dauern darf, wenn man ein Zitat abstimmen will. Und dass man auch tatsächlich erreichbar sein muss, wenn’s zur Zitatabstimmung geht. Notfalls auf dem Kindergeburtstag seines dreijährigen Sohns.

Mancher Manager braucht sich gar nicht zu wundern, dass immer nur sein Konkurrent in der Presse auftaucht – aber er nicht. Vielleicht liegt es einfach daran, dass der Schutzwall aus Sekretariat, Pressestelle und Presseagentur um ihn herum so hoch ist, dass ohnehin kein Journalist an ihn herankommt.

Es gibt tatsächlich solche Firmen, bei denen man als Redakteur schon vorher weiß: Dort macht man alles möglich, um das erbetene Statement vom Chef schnell zu besorgen. Und dass es solche Firmen gibt, bei denen die Generalhaltung der Pressestelle lautet: Ich tue alles, um die Presse zu behindern. Dass Aldi und zumindest bis vor kurzem Bosch so einen Ruf hatten, war unter Journalisten oft Gesprächsstoff. Oder dass die Pressestellen des Handels oft merkwürdig ticken. Da konnte es einem schon passieren, dass man wegen eines vergleichsweise harmlosen Managementthemas bei einem der großen Warenhauskonzerne anrief, um allein wegen seines Redaktionsnamens abzublitzen. Auf Nachfragen erfuhr ich damals wenigstens warum: Ein Kollege hatte in seinem Unternehmensbericht am Rande ein Kleidungsstück des Konzernchefs beschrieben – die Socken. Das hatte die Firma so erzürnt, dass die ganze Redaktion die nächsten Monate nicht mehr mit Informationen versorgt wurde.

Fortsetzung folgt 

 ————————————————————————————-

*Herausgegeben von Jörg Forthmann, Copyright © 2008 WILEY-VCH, Weinheim, ISBN 978-3-527-50329-0

 http://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss?__mk_de_DE=%C5M%C5Z%D5%D1&url=search-alias%3Daps&field-keywords=wiley+PR-Handbuch

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*