PR: Wenn Krankheiten zu Wirtschafts-Themen werden

Krankheiten finden sich üblicherweise eher auf den Wissenschaftsseiten der Zeitungen, oder schon mal im Lokalteil – wenn´s so ansteckend ist wie die Epidemica und ganze Kasernen wegen dieser hochansteckenden Augenkrankheit geschlossen werden müssen. Neuerdings finden Krankheiten aber auch im Wirtschaftsteil statt: Zum Beispiel bei Volvo-Vorstandschef Stefan Jocoby.

 

Volvo-Vorstand mit Schlaganfall

Der 54-Jährige habe einen Schlaganfall erlitten, schreibt mein sehr geschätzer Kollege Mark C. Schneider im „Handelsblatt“.  Er könne den rechten Arm und das rechte Bein nur eingeschränkt bewegen. Aber dass die Hirnblutung sehr schnell ärztlich behandelt worden sei, dass er schon wieder auf dem Weg der Besserung ist und für mindestens einen Monat ausfalle. Und: Jacoby selbst kommentiert: „Ich habe Glück gehabt, dass es ein leichter Gehinrschlag war.“ Und dass er sich auf seine Regeneration konzentrieren will, um so schnell wie möglich zurück zu kehren. http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/nach-hirnschlag-volvo-chef-stefan-jacoby-geht-es-besser/7172892.html

 

Erschöpfter Akzo-Chef

Nur wenige Tage zuvor widmet sich auch das „Manager Magazin online“ der Erkankung eines Top-Managers: Ton Büchner, der 47-jährige Chef des niederländischen Farbenherstellers AkzoNobel, fällt ebenfalls seit Anfang September aus. Er leidet nur ein halbes Jahr nach Antritt seines Jobs unter Erschöpfung, heißt es da.  Und dass er vermutlich bis Mitte Oktober abwesend sei.http://www.manager-magazin.de/unternehmen/industrie/0,2828,856488,00.html

 

Krebsverdacht bei Schauspieler Feddersen

Noch ein Beispiel gefällig? Heute schreibt die „Rheinische Post“ über den Schauspieler Jan Fedder, dass auch er aus gesundheitlichen Gründen vom „Großstadtrevier“ pausiert. http://www.rp-online.de/gesellschaft/fernsehen/jan-fedder-nimmt-auszeit-vom-grossstadtrevier-1.3017461An Details wird nicht gespart: Die Ärzte hätten bei ihm vor Wochen als Vorsichtsmaßnahme Gewebe am Gaumen entnommen. Und dass der 57-jährige Fedder selbst dazu sage: „Der Krebsverdacht hat sich glücklicherweise nicht bestätigt! Vorsichtshalber erhalte ich jetzt punktuell Bestrahlungen. Ein Warnschuss! Darum mache ich jetzt nach vielen Jahren mit nur wenigen drehfreien Tagen eine Pause bis Anfang 2013.“

 

Gesendete Signale

Fällt Ihnen was auf? Wer kann, meldet sich selbst zu Worte, um zu zeigen: Ich bin hier und bin bald zurück an Bord. Niemand braucht mich abschreiben, denn: das Ende der Krankheit steht schon fest. Es ist eher wie ein längerer Urlaub. Und schlimm ist es auch nicht. Und deshalb kann ich auch offen mit allen Details umgeben – als Beleg.

 

PR-Strategie: Eins Plus mit Sternchen

Diese PR-Strategie der absoluten und sehr frühen Transparenz ist schlau. Sie lässt Spekulationen relativ wenig Raum und indem der voraussichtliche Endpunkt der Krankheit genannt wird, wird suggeriert: es ist kaum der Rede wert. Das Unternehmen beziehungsweise das Team wird die kurze Zeit auch ohne den Erkrankten auskommen – auch wenns hart ist.

Und so ganz nebenbei zeigt das Unternehmen ein Bekenntnis zu Werten: Gesundheit geht dem Aktienkurs vor – denn die Akzo-Aktien fiel immerhin um fünf Prozent, weil sich das Unternehmen gerade mitten im Konzernumbau in einer kritischen Phase befindet.

 

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Liebe Claudia Tödtmann,

    ja, wenn es die Leute an der Spitze sind, dann kann man über solche Dinge reden – dann sind gesundheitliche Probleme ok und fast schon Ehrenzeichen, so wie es vor dreißig Jahren in der Hochphase des rheinischen Kapitalismus der Herzinfarkt war: ein Symbol für wahrhaft kriegerischen Einsatz für das Unternehmen und seine Eigentümer (die wahrhaft modernen Feldherren).

    Was leider niemand in Betracht zieht, ist das Leid derer, die wie einstmals die Frontsoldaten für das Heil ihrer Generäle für das Wohl dieser modernen Herren des Wirtschaftslebens geopfert wurden und werden – Menschen, die im Streben nach ein bisschen Glück und Wohlstand ihre Arbeitskraft einem Unternehmen zur Verfügung stellen, das dann irgendwann diese Kraft nicht mehr braucht. Das nicht, weil der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin nicht mehr tut, was er oder sie soll, sondern weil zwischendurch niemand von oben oder ganz oben ihm oder ihr gesagt hat, dass er oder sie inzwischen das Falsche tut …

    Mitarbeiter sind also heutzutage nicht nur daür verantwortlich, allen möglichen Reglen zu gehorchen und sich keine Verstöße gegen irgendeine Corporate Irgendwas zu Schulden kommen zu lassen, sondern sind gleichzeitig auch noch gehalten, stets ihr eigenes Bild an die jeweiligen Managementmoden angepasst zu halten …

    Wer darüber nicht irre wird, möge sich melden und sein Erfolgsrezept der WiWo zur Vermarktung anbieten … Von daher: Lasst doch die Chefs mit ihren Goldverträgen ihre Erschöpfung zelebrieren. Einige Ebenen tiefer sieht das alles viel realistischer aus.

    Einen schönen Abend!

    Joachim Bochberg