PR: „Gezeichnet Dr.Marlboro“ und warum Eigenlob stinkt.

„Rauchen ist gesund“, gezeichnet Doktor Marlboro. So alt wie dieser Spruch ist, so wenig haben die Leute daraus gelernt.

Und selbst gerade jüngere Journalisten wühlen nicht gerne erst lange im Archiv, ehe sie sich verewigen, sondern schreiben lieber gleich drauflos. Auch mancher Mitarbeiter von einer PR-Agentur geht lieber frischweg ans Werk, ruft kackfrech in Redaktionen an und wollen ihren Auftraggeber dort für einen Promi-Fragebogen andienen, – der dann – wie sich eben doch rasch herausstellt – schon drei Jahre zuvor im Blatt im selben Fragebogen geantwortet hatte. Damals von einer anderen PR-Agentur vermittelt.

Ob der Betreffende es ahnt, wie auch sein Ruf dabei einen Kratzer abbekommt? Vermutlich bekommen es nicht mal die Vorgesetzten in der PR-Agentur mit. Schade auch.

 

Wenn PR-Agenturen nur noch kurze Projekte abarbeiten statt über Jahre betreuen

Letzteres habe ich gerade heute wieder erlebt. Von Entschuldigung oder Scham war aber keine Rede bei der Anruferin, im Gegenteil. Es kam stattdessen der fröhliche Zuruf zurück: Aber wenn Sie mal Bedarf haben, rufen Sie gerne an. Danke, die Qualität der Arbeit dieser Agentur ist mir nun bekannt. Und Autisten oder Lernunwillige scheint sie auch noch zu bevorzugen.
Hielt ich es vor einiger Zeit noch eher für eine Ausnahme, solche Pannen, so mehreren sie sich erschreckenderweise. Was sicher auch daran liegt, dass die Auftraggeber schneller die Agentur wechseln und manche Firmen nur Projekte vergeben. Das haben sie dann davon.
Doch zurück zum Thema, „gezeichnet Doktor Marlboro“: Dass jemand eine Studie in Auftrag gibt, die zu seinem Business passt, ist in Ordnung. Unternehmensberatungen, Banken, Oder große Wirtschaftskanzleien etwa nutzen solch ein Vehikel gerne,  um in die Presse zu kommen – können sie doch schlecht mit ihrer Kundenliste renommieren. Dann wird stattdessen die Meinung von vielen Kosumenten oder einer bestimmten Gruppe von Leuten wie Managern, Brillenträgern oder Hundehalter befragt und Auffälligkeiten bei den Antworten bestaunt, gewürdigt, aufaddiert oder erklärt. Kann der Auftraggeber zu dem Thema auch inhaltlich Erhellendes aus dem Praxisalltag zu einem Zeitungsartikel beisteuern, so ist das nicht per se verwerflich – im Gegenteil.

Doch wenn jemand eine Umfrage in Auftrag gibt, deren Ergebnis dann gezielt für Stimmung sorgen, Bedenken von Kunden zerstreuen und das Geschäft ankurbeln soll – und das Ganze daherkommen lässt, als läge eine wissenschaftlich wertvolle Untersuchung zugrunde – dann wird´s anrüchig. Die AFP-Meldung, die heute über den Ticker lief war so eine: „Mehrheit glaubt trotz Unglücks vor Giglio an Sicherheit von Kreuzern“, hiess es da. Wobei zumindest noch die Einschränkung folgte: Die „Umfrage fand aber vor Brand auf der «Costa Allegra» statt“. Doch flüchtige Leser werden die Botschaft sicher so verstehen, wie sie von der Reederei adressiert war.

 

Ganz unauffällig: Eigen-PR via Umfrage

Da hiess es: „Trotz des schweren Unglücks des Kreuzfahrtschiffs «Costa Concordia» vor der italienischen Küste ist eine Mehrzahl der Europäer nach wie vor von der Sicherheit von Kreuzfahrten überzeugt. Wie eine am Dienstag veröffentlichte Umfrage für die Kreuzfahrtgesellschaft MSC Crociere ergab, sind 78,5 Prozent der Befragten der Ansicht, dass Kreuzfahrten ein sicherer Reiseweg sind.“ Wie bitte? Da hat – so schreibt AFP – in der ersten Februarhälfte ein „Interactive Institute“ – was mir persönlich nichts sagt – anscheinend 2500 Leute aus Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien befragt zu ihren Zweifeln an der Sicherheit von Kreuzfahrtschiffen. Nein, das täten sie angeblich nicht, auch nicht nachdem gerade 32 Menschen an Bord der Costa Concordia gestorben waren. Ob die antwortgeber Beschäftigte der Reedereien waren? Oder  Aida-Kunden? Oder eine Online-Umfrage – vielleicht unter Besuchern eine Portals für Kreuzfahrten? Wer weiss das schon so genau. Lanciert wurde die stolze Meldung erst kurz nach dem zweiten Unglück, bei dem die Costa Allegra – aus derselben Reederei wie das erste Unglücksschiff – gebrannt hatte und drei Tage lang abgeschleppt werden musste. http://www.stern.de/news2/aktuell/mehrheit-glaubt-trotz-ungluecks-vor-giglio-an-sicherheit-von-kreuzern-1796273.html
Welchen Eindruck hat der flüchtige Leser? Richtig, so etwas wie: Sie können bedenkenlos auf Kreuzfahrt gehen, passiert nix. Faktenfrei. Gezeichnet Doktor Crociere. Mag ja sein, dass unterm Strich solche Unfälle selten sind, aber tot sind die Touristen dennoch, Wiederholungen sind nicht ausgeschlossen und dass Kostensparwahn auch auf solchen Schiffen Folgen hat, dürfte sicher sein.
Da ist die Meldung, die ebenfalls heute über den Ticker kam, und zwar von dapd, erheblich intelligenter: „Fliegen war 2011 so sicher wie noch nie“ verkündet da der Luftverkehrsverband IATA zwar sehr optimistisch. Doch er spricht der zumindest für eine ganze Branche und nicht nur ein einzelnes Unternehmen. Und er wartet mit Statistiken auf. IATA rechnet vor, wie hoch die weltweite und die westliche Verlustrate ist (eins  zu 2,7 Millionen Flügen), dass 2,8 Milliarden  Menschen in Flugzeugen 2011 sicher transportiert wurden, wieviele Totalschäden es gab mit wieviel Toten – und dass die Todesrate  0,07 Passagiere betrug undsoweiter.
Diese Zahlen sind zumindest eher überprüfbar, als eine Meinung von 2.500 Laien, die womöglich alle ziemlich uninformiert sind. Und die in dem Moment jedenfalls noch nichts von dem nächsten Schiffsunglück wußten.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Alle Kommentare [1]

  1. Mit Studien kommt man verlässlich in die Medien. Ich musste gestern fett grinsen als ausgerechnet die Medienprofis von Werben & Verkaufen über eine Studie berichteten, die die Chancen von Lanz bei „Wetten Dass“ abgefragt hatte. Der Name der Agentur war schön abgedruckt.