Wenn Internetsurfen nur der vorgeschobene Kündigungsgrund ist

Wer feuert schon einen – ansonsten bewährten – Mitarbeiter, weil er in der Arbeitszeit im Internet mal gesurft hat? Richtig. keiner. Er ist froh, dass er ihn hat und verdonnert ihn höchstens, die Zeit nachzuarbeiten.

Da gibt es Heerscharen von Mitarbeitern, die kostenlos jahrelang Überstunden schrubben. Überstunden, die nie von jemand ausdrücklich angeordnet wurden (aber dennoch erwartet) und die auch nicht bezahlt oder wenigstens in Freizeit ausgeglichen werden. Da fielen Lohnerhöhungen aus und im Gegenzug wurde per Tarifvertrag die Arbeitszeit gesenkt. Nur: weil die Arbeit selbst natürlich gar nicht weniger wurde, blieb es bei den meisten Angestellten auch bei der alten Wochenarbeits-Stundenzahl. Zumindest bei denen, die nicht nur Zeit absitzen und vor der Stechuhr warten, sondern von denen auch Erledigungsquoten erwartet werden oder sonstwie fristgebundene Tätigkeiten. Will man allen Ernstes einen Mitarbeiter feuern, der diese Einbusse (wie manche andere in den vergangenen Jahren) hinnahm und auch sonst nicht unbedingt auf die Uhr guckt – jedenfalls ab einer bestimmten Ebene, weil er sein Online-Banking erledigt (in die Banken kommt man zu deren Öffnungszeiten als guter Angestellter ohnehin nicht), weil man seine Essenlieferung bei Bofrost bestellt oder sonstwas Lebensnotwendiges erledigt?

Was tatsächlich stört….

Richtig, wer seine Leute schasst wegen Internet-Surfens, dem ging tatsächlich meist etwas anderes auf die Nerven. Oder ihn stört, dass der Betroffene im Personalrat sitzt und etwas unbequem ist. So wie der Hausmeister einer niedersächsischen Schule, der für die halbe Arbeitszeit freigestellt war für die Personalratsarbeit. In der anderen Hälfte sollte er in seiner Hausmeisterloge am PC privat gesurft haben: in sieben Wochen (vermutlich 266 Arbeitsstunden) insgesamt zwölf Stunden, warf ihm der Arbeitgeber vor – und kündigte ihm fristlos.

Das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht machte das jedoch nicht mit und entschied: eine fristlose Kündigung ist nur zulässig, wenn ein Mitarbeiter exzessiv im Internet surft in der Arbeitszeit (Aktenzeichen 18 LP 15/10).

 

 Weniger als fünf Prozent der Arbeitszeit Surfen im Netz ist noch nicht „exzessiv“

Und  zwölf Stunden Internetnutzung sei in sieben Wochen mit geschätzten 266 Arbeitsstunden – als unter fünf Prozent – eben doch nicht exzessiv. Insbesondere wenn nicht mal eindeutig ist, ob die besuchten Seiten privat oder dienstlich angesehen wurden.

Und was dazu kommt: Ein Raucher, der für seine Rauchpausen heute vor die Tür muss und dabei in vielen Fällen wohl kaum ausstempelt, kommt auch garantiert mehr als fünf Prozent seiner Arbeitszeit. Und eine entsprechende fristlose Kündigung wegen Raucher-Abwesenheit ist mir noch nicht begenet. Ihnen vielleicht?

Was bezeichnenderweise dazu kam: Der Mann war schon viele Jahre bei ein und demselben Unternehmen beschäftigt, ohne dass es zu irgendwelchen Vorwürfen gekommen war. Im Klartext: Eine Abmahnung hätte erst mal ausgereicht, wenn es dem Arbeitgeber denn tatsächlich ums Surfen gegangen wäre.

Tatsächlich war es wohl etwas anderes, was den Arbeitgeber an dem Hausmeister störte – und sein Internetsurfen eher ein Vorwand, um sich die Abfindung zu sparen oder wenigstens herunterzuschrauben.

 

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