Der BH ist ein Muss, ein Deo nicht

Es gibt Urteile, da reibt man sich erst mal die Augen. Oder fragt sich, ob 1.April ist oder ob der rheinische Karneval einen Einfluss hatte. Zumindest wenn das Urteil aus Köln kommt, einer der Karnevalshochburgen. Aber da kein Rückruf oder eine Warnmeldung erfolgte, muss es wohl ernst gemeint sein: Dass ein Dienstleister für Flughafenkontrollen seinen Mitarbeiterinnen BH´s, Bustiers oder ein Unterhemd vorschreiben darf. Und dass die Unterwäsche weiss oder hautfarben sein muss, aber kein Muster, Beschriftungen oder Embleme haben darf. Und wenn jemand bunte Unterwäsche trägt, dürfe sie nicht durchscheinen.

Selbst Feinstrumpfhosen und Socken dürfen weder Muster noch Nähte geschweige denn Laufmaschen haben.  Das alles hat das Landesarbeitsgericht Köln beschlossen (Aktenzeichen 3 TaBV 15/10). Vors Gericht gezogen war der Betriebsrat.

Schwer ins Detail gingen die Juristen auch für die Männer, die bei diesem Dienstleister arbeiten: Sie dürfen niemals fettige oder ungewaschene Haare haben. Nur ein gepflegter Bart ist gestattet, doch ansonsten muss Mann gründlich „komplettrasiert sein bei Dienstantritt“.

Suchen sich die Unternehmen überhaupt die richtigen Mitarbeiter?

Nachdem kürzlich die UBS aus der Schweiz ihren Bankangestellten ebenfalls auf 30 Seiten Vorschriften machte über das Erscheinungsbild, beginne ich mich zu wundern. Was für Leute stellen diese Unternehmen ein? Hauptsache, sie sind billig und vermutlich jung – und den Rest bringen sie ihnen dann schon bei, zur Not per Zwang? Haben die jungen Leute heute tatsächlich so wenig Kinderstube, dass sie derlei Dinge von ihren Eltern nicht gelernt haben? http://www.wiwo.de/blogs/management/2010/12/16/business-behave-dress-code-und-benimm-nachhilfe-bei-der-ubs/

Haben diese Unternehmen keine mittlere Führungsebene, die mit gutem Vorbild voran geht und auch die nachgeordneten Mitarbeiter einnorden kann? Haben sie keine Unternehmenskultur, die stark genug ist, optisch strauchelnde Mitarbeiter auf Kurs zu bringen?

Sind die Unternehmen so unbeständig geworden, dass der Satz „das tut man hier nicht“ im Betriebsalltag nicht mehr vorkommt? Dass altgediente Mitarbeiter entweder nicht mehr da sind – und samt und sonders aus Kostenspargründen in die Wüste geschickt wurden – oder keine Zeit dazu haben, sich um jungen Kollegen zu kümmern und ihnen notfalls deutliche Hinweise zu geben? Wenn jene ungepflegt herumlaufen?

Wo bleiben die Vorgesetzten?

Andererseits gehört es durchaus zu den Aufgaben eines Vorgesetzten in solchen Unternehmen, wo das Auftreten der Angestellten eine Rolle spielt, nachgeordneten Mitarbeitern zu sagen, wenn sie zum Beispiel Körpergeruch haben.  Doch ausgerechnet die Vorschrift eines Unternehmens, allmorgendlich ein wirksames Deo zu benutzen, regelmässig zu duschen und die Unterwäsche und Oberhemden täglich zu wechseln, die vermisse ich. Für die besteht nämlich in fast jedem Unternehmen, das ich kennen gerlent habe,   Bedarf. Skunkies sind weit verbreitet, da kommt auch noch soviel Axe-Deo-Werbung, die auf sexy macht, nicht gegen an.

Wer müffelt, ist die eigentliche Seuche

Und wissen Sie, wann die Müffeler so richtig unzumutbar werden? Wenn eine Schwangere zum Beispiel im Großraumbüro mit ihnen Rücken an Rücken sitzten muss. Denn Schwangere nehmen solch unangenehme Gerüche sehr viel stärker wahr, ihr Magen reagiert sehr schnell mit heftiger Übelkeit undsoweiter.

Fast hätte sich ja das Landesarbeitsgericht Köln im vergangenen Jahr mit Körpergerüchen eines Entlassenen befassen müssen – doch die Richter waren gottfroh, dass es nicht so weit kam: Der geschasste Mitarbeiter hatte noch Probezeit, und somit brauchte der Arbeitgeber ohnehin keinen Grund anzugeben. Punktum. Dabei wäre solch ein Urteil für viele gequälte Nasen ein wahrer Segen gewesen. Vielleicht wären auch Kunden-Nasen dabei gewesen, – und nicht nur Kollegen-Nasen.

Was bleibt dem Mitarbeiter überlassen? Wo beginnt seine Individualität?

Wo die Grenzen liegen? Bei Toupets darf der Arbeitgeber nicht dreinreden und auch nicht bei der Farbe des Nagellacks oder ein mehrfarbiges Muster auf den Nägeln. Aber dass Fingernägel nur 0,5 Zentimerter über die Kuppe ragen dürfen, das dann wieder schon.

PS: Erst kürzlich sah ich bei einer Beamtin auf höchster Ebene schwarze Spitzenunterwäsche aus dem Dekollete einer weiße0n Bluse aufblitzen. Gelten für die weniger Pflichten als für Servicemitarbeiter oder Banker? Wie war das mit dem Vorbild? An weniger Seriosität kann´s kaum liegen.

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Alle Kommentare [4]

  1. „Suchen sich die Unternehmen überhaupt die richtigen Mitarbeiter?“

    Das Problem ist der deutsche Kündigungsschutz. Trotz aller Sorgfalt bei der Personalauswahl: Nach dem Ende der Probezeit endet für den einen oder anderen Mitarbeiter manchmal die Wohlverhaltensphase und er zeigt ein anderes Gesicht.

  2. Dazu kann man kurz und knapp sagen: Wer seinen Mitarbeitern nur Peanuts bezahlt, darf sich nicht wundern, wenn nur Affen für ihn arbeiten.
    Hier im Artikel geht es wohl um die Sicherheitsbranche, wo 12-Stunden-Schichten die Regel sind. Beispiel Rasieren: Wenn man erst gegen 19 Uhr nach Hause kommt und um 4 Uhr morgens wieder aufstehen muss – Zeiten, wo so mancher Autor und Leser hier erst von der Szeneparty nach Hause kommt – dann fehlt manches Mal einfach die Zeit zum Rasieren; oder man kann sein schlafendes Kind nicht durch den Lärm eines Elektrorasierers wecken.
    Und während die Manager im bewachten Objekt oder am Flughafen ihren ungepflegten coolen 3-Tage-Bart präsentieren, soll der unausgeschlafene Sicherheitsmitarbeiter mit seinen 6,50 Euro/Stunde noch besser aussehen als ein CEO?
    Die Motivation und Loyalität in all diesen Billig- und Sklavenarbeitsjobs ist dermaßen im Keller, dass die Saat zur nächsten Revolution wohl bald aufgehen wird.
    Wer Hartz IV bekommt, lebt sowieso genauso gut und hat vor allem 40 bis 60 Stunden in der Woche mehr – oder überhaupt – Freizeit.

  3. Wieder eine weitere Demütung der Gleichstellung von Mann und Frau.
    Der darf seinen Hosenschlitz geöffnet zeigen! Vergesslichkeit….

  4. … ich bin froh über dieses Urteil und ich rege mich nicht darüber auf, dass es noch schlimme-re Fälle gibt, gibt es sicherlich! Ich denke, das Urteil ist ein wichtiger Anfang.
    Es sollte von Lehrern und Ausbildern aufgegriffen werden, um jungen Menschen eine Orien-tierung zu geben.
    Es geht hier auch nicht um Gleichstellung, denn weder die Unterhose noch der BH sollten mich von dem ablenken, weswegen ich in ein Geschäft gegangen bin.