Der Gesundheitsminister befasst sich lieber mit Servicewünschen, statt der heimlichen Rationierung in der Medizin

Ein Wochenende, zwei Schlagzeilen zweier verschiedener Zeitungen – und man meint, nicht in ein und derselben Welt zu leben. Da titelt gestern die „Rheinische Post“, dass Hausärzte künftig keinen Kassenpatienten mehr länger als 30 Minuten warten lassen dürfen sollen. Klingt gut, jedenfalls im ersten Moment. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere: Im zweiten Moment, wenn man selbst der Patient ist und nicht nach Fahrplan abgefertigt werden will, ist es dann doch nicht mehr so toll. Weil der Arzt vielleicht an Ort und Stelle direkt noch weitere Untersuchungen machen muss, weil jemand noch – sprechende Medizin soll ja angeblich belohnt werden! – sein Herz ausschütten muss (vielleicht sogar berechtigt, weil eine Krankheit mit seinem Problem in Zusammenhang steht und eben weil´s ja der Hausarzt ist), weil ein Notfall vorgezogen werden muss oder weil der Arzt einen Fachkollegen hinzuziehen muss oder ein Krankenhaus anrufen muss. Um den Patienten rasch weiter zu überweisen. Oder ein Patient hat Venen, die Ärzte so schnell nicht treffen. Oder ein Patient kippt um. So vielfältig das Leben ist, so viele Möglichkeiten gibt´s eben auch, aufgehalten zuwerden.
Im Klartext: Wäre man selbst dieser Mensch, der plötzlich mehr ärztliche Betreuung braucht als zunächst erwartet, würde man dann ungerne – nach Ablauf der planmäßigen Zeit – nach Hause geschickt werden. Um sich einen neuen Termin geben zu lassen. Ein anderes Mal eben. Tschüss.

Ein hoher Preis, nur um nicht mal auf andere kranke Menschen warten zu müssen.

Ist das das wahre soziale System? Darüber kann man mal nachdenken. Der neue Gesundheitsminister Philipp Rösler, der selbst Bundeswehrarzt war und offenbar Abläufe in Hausarztpraxen mit Menschen für programmierbar hält, gibt offenbar der Praxis nach Zug-Fahrplan die Vorfahrt. So nach dem Motto: Ein Schaf scheren dauert x Minuten, da braucht ein Scherer x Minuten für x Schafe.
Nebenbei bemerkt: Der Arzt, der als Gynäkologe für drei Monate Behandlung egal mit welchem Einsatz und wie oft der Patient kommt, in Düsseldorf noch 13,37 Euro Flatrate bekommt. Oder als praktischer Arzt 31,28 Euro Flatrate.
Doch nun der Kontrast: Heute kommt die „FAS“ mit der weit wichtigeren Nachricht. Bei der geht es nicht nur um Wartezeit in einem Wartezimmer, wo man nicht friert, sitzen und Zeitung lesen kann. Bei der geht es in letzten Konsequenz in manchen Fällen ums Über-Leben. Darum, dass Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, plötzlich outet, was schon länger so ist, aber nach Kräften totgeschwiegen wird – von wem und aus welchen Partikularinteressen auch immer: „Im deutschen Gesundheitswesen wird heimlich rationiert, weil nicht genügend Geld zur Verfügung steht, um allen Menschen die optimale Therapie zu verschaffen“, prangert Hoppe in der „FAS an. Die Betonung liegt auf heimlich, denn der Patient erfährt es ja nicht. Und Hoppe forderte Gesundheitsminister Rösler dazu auf, eine offene Debatte darüber zu führen, welche Patienten und Krankheiten künftig mit welcher Priorität behandelt würden: „Diese Entscheidung muss die Politik treffen, nicht die Ärzteschaft.“ Derzeit sei es der einzelne Arzt, der dies verantworte. “ Ärzte und Krankenhäuser stünden unter Budgetdruck und entschieden deshalb, ausgehend im Einzelfall, bei welchem Patienten sich eine teure individuelle Behandlung besonders lohne.http://www.faz.net/s/Rub0E9EEF84AC1E4A389A8DC6C23161FE44/Doc~E44298A4FE8A8426DAF9A1116136DC4F6~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_googlenews .

Es wird wirklich allerhöchste Zeit, dass Aufrichtigkeit erste Priorität bekommt. In einer Zeit, in der den Krankenkassen die Beiträge der Arbeitslosen fehlen, die Menschen immer älter werden, ein Ärztemangel sich schon jetzt abzeichnet und 80 Prozent des Medizinnachwuchses auf keinen Fall im Land bleiben, sondern ins Ausland abwandern wollen. Der Arbeitsbedingungen wegen. Weil es immer schwerer wird den Anforderungen gerecht zu werden, ob als Krankenhausarzt oder als Niedergelassener, der erst mal rund 30 000 Mitarbeiter der Kassenärztlichen Vereinigung – im Zeitalter der Computer! – durchfüttert. Das ist viel Geld, das der wirklichen Versorgung der Patienten im System ebenfalls fehlt – ob das Krebspatienten tröstet, wenn sie nicht die teurere Medizin bekommen, aber dafür 1a verwaltet werden.
Aber wahrscheinlich kommen jetzt wieder die Funktionäre um die Ecke, die irgendwelche Partikularinteressen vertreten und die Heimlichkeiten perpetuieren wollen. Man könnte ja nachlegen bei den Anforderungen an die Wartezeit in Hausarztpraxen. Etwa, sie auszudehnen auf alle Fachärzte. Und die Krankenhäuser gleich mit. Um abzulenken von den gravierenderen Tatsachen.

PS: Könnte man nicht mal die Post verpflichten, die Berufstätigen, die Samstagsvormittags ihr DHL-Päckchen abholen kommen müssen, auch nur noch höchstens eine halbe Stunde warten zu lassen? Die Managementaufgabe wäre schneller in den Griff zu bekommen.
Und würde der berufstätigen, steuerzahlenden Bevölkerung das Leben echt erleichtern.

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Alle Kommentare [2]

  1. Ich warte gerne auch länger als 30 Minuten, wenn sich der Arzt dann auch so viel Zeit nimmt, wie er für eine gute Behandlung benötigt.

    Dass nicht jeder die bestmögliche Versorgung bekommt, ist ja schon länger bekannt. Da hilft nur der gute und persönliche Kontakt zum Arzt und der aufgeklärte Patient, der sich schon vorher über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten informiert hat. Dann sagt der Arzt auch schon mal, dass die Behandlung nicht in sein Budget passt. Da hilft es dann schon mal den Arzt zu wechseln . . .
    Das ist natürlich auch nicht im Sinne der Krankenkasse. Sind die Kosten für doppelte Arztbesuche auf der Suche nach der besten Behandlung auch schon berechnet worden?