Ob die Kollegen der DAX-Betriebsratschefs wissen, dass sie bei der Betriebsrats-Wahl deren Gehalt mindestens vervierfachen? Arbeitsrechtler Frings findet´s unfair.

Die Betriebsratswahlen sind erst nächsten März, die ersten Kanzleien machen schon jetzt ihre Mandanten, die Unternehmen nervös und schicken entsprechende Mandanten-Newsletter herum.

Was aber merkwürdigerweise nicht oft erzählt wird ist der seltsame Gehaltssprung von Betriebsräten nach ihrer Wahl. Bei DAX-Betriebsratschefs ist die Wahl so lohnenswert, dass sie ihr Gehalt damit im Schnitt vervierfachen, wie „Bild am Sonntag“ errechnete.

Arbeitsrechtler Arno Frings

Ob deren Kollegen wissen, dass sie das Gehalt der Betriebsräte vervielfachen, wenn sie sie zu ihren Arbeitnehmervertretern wählen? „Sicher nicht“, meint Arno Frings-Top-Arbeitsrechtler aus Düsseldorf.

So rechnete die „Bild am Sonntag“ vor knapp vier Jahren mal exemplarisch vor: Lothar Adler, Chef des Gesamtbetriebsrats von Siemens und gelernter Fernsehtechniker erhielte 300 000 Euro nach seiner Wahl zum Chef des Gesamtbetriebsrats 2008 und machte einen Gehaltssprung von 100 000 Euro. Vergleichsgehalt vorherigen Jobs: 50 000 Euro.

Oder Uwe Hück, früher Lackierer mit rund 46.000 Euro Jahresgehalt sprang als Konzernbetriebsratschef und Aufsichtsratsvize von Porsche auf ein Jahresgehalt von rund 250 000 Euro.

Bernd Osterloh, Konzernbetriebsratschef und Aufsichtsratsvize bei Volkswagen, verdient rund 250 000 Euro, nachdem er bis 1990 als Montagekraft am Band arbeitete, wo er Ende 2013 rund 53 000 Euro verdient haben würde.

Erich Klemm, zunächst Maschinenschlosser im Werk Sindelfingen, jetzt Konzernbetriebsratschef und Aufsichtsratsvize bei Daimler mit damals 55.000 Euro Jahresgehalt, bekam Ende 2013 200.000 Euro Jahresgehalt.

Wie das? Klemm etwa wurde kurzerhand als Führungskraft in Ebene E2 umgestuft – mirnichtsdirnichts. Nur aufgrund seiner Wahl durch die Kollegen.

 

Kein Problem im Mittelstand

Arbeitsrechtler Frings beobachtet solche wundersamen Gehaltserhöhungen nicht im Mittelstand, nur bei DAX-Konzernen. Da werden aus den – als Ehrenamt vom Gesetzgeber angelegten – Jobs über Nacht Quasi-Manager.

 

Kein Erklimmen der Karriereleiter, sondern Vertrauen der Kollegen

Und zwar nicht durch mühseliges Erklimmen der Karriereleiter nach harter Ausbildung und viel Arbeitseinsatz wie echte Manager – sondern durch das Vertrauen, das ihnen die Kollegen vom Band entgegen bringen und sie bei der Betriebsratswahl wählen.

„Ich frage mich seit Jahren, warum die Staatsanwälte bei so hohen Betriebsratsgehältern in den Konzernen nicht nachfassen wegen strafbarer Untreue“, sagt Frings. Unternehmen lassen schon seit Jahren von Arbeitsrechtsanwälten per Gutachten absichern, dass sie ihren Betriebsräten keine überhöhten Gehälter zahlen, damit ihre Vorstände und Aufsichtsräte deshalb nicht selbst wegen Compliance-Verstößen in die Schusslinie der Staatsanwälte geraten.

 

Wenn Betriebsräte gar nicht dieselbe Sorgen haben wie ihre Kollegen am Band

Doch die Anwälte vergleichen dann nicht etwa die Löhne der Ex-Kollegen am Band mit den Ehrenämtlern, sondern kamen auf die Idee, außerordentliche fiktive Karrieren einzelner, besonders talentierter Überflieger als Maßstab zu nehmen – weil Betriebsräte doch nach ihrer Wahl zum Arbeitnehmervertreter am selben Verhandlungstisch sitzen und mit derselben Materie umgehen wie Manager, so die Argumentation. Dabei: „Wer x-mal so viel verdient wie normaler Arbeiter, der entfernt sich auch von dessen Sorgen und Nöten“, so Frings. Ganz abgesehen davon, dass er parteiisch sein soll und kein Co-Pilot der Unternehmenslenker.

 

Welche individuelle Betriebratsleistung ist Boni wert?

Bleibt vor allem noch eine weitere Frage: Individuelle Boni – wofür kann ein Betriebsrat überhaupt solche hohen Prämien erreichen? Welche Betriebsratsleistung als Arbeitnehmervertreter kann dem Arbeitgeber so viel wert sein? Arbeitsplatzabbau bei gut durchgezogener Restrukturierung? Den Umsatz kann der Betriebsrat jedenfalls kaum ausweiten. „Zeit.de“ rechnete jedenfalls im Mai vor, dass Osterloh von VW in guten Jahren bis zu 750.000 Euro bekommen habe und aktuell immer noch 290.000 Euro. http://www.zeit.de/2017/21/vw-betriebsrat-chef-bernd-osterloh-gehalt

 

Links:

http://www.wiwo.de/my/politik/deutschland/gewerkschaften-berlin-streitet-ueber-die-betriebsratsgehaelter/20024902.html

http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Zu-hohes-Gehalt-Osterloh-legt-VW-Bezuege-offen,vw3770.html

http://www.bild.de/geld/wirtschaft/gehalt/wie-glaubwuerdig-sind-betriebsrats-bosse-33140430.bild.html

 

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Bei einem enger werdenden Stellenkegel können Karrieren zwangsläufig nicht beschleunigt werden. Nur bei DAX-Betriebsräten scheint sich dies genau umgekehrt zu verhalten.
    Ebenso fehlt es an einer nachvollziehbaren Bonusberechnung nachdem gesetzte Ziele deutlich besser als geplant erreicht wurden.
    Wer dort warum über Geld verfügt ist sicherlich eine Überprüfung wert.