WEF 2016 (5): CNN-Moderatorin Nina dos Santos über den weltfremden Elfenbeinturm Davos

Davos als Inbegriff des weltfremden Elfenbeinturms – Gastbeitrag von Nina dos Santos, Wirtschaftskorrespondentin und Moderatorin von CNN International

 

Nina de Santos (Foto: CNN International)

CNN-Moderatorin Nina dos Santos (Foto: CNN International)

Während das Weltwirtschaftsforum in Davos Einzug hält, durchläuft die Berg-Enklave eine Veränderung.

Für eine Woche räumt die Zoohandlung ihre Regale leer und selbst die Kirche ist vermietet, denn der uneingeschränkte Kapitalismus übernimmt das Regiment. 

Champagner im Belvedere Hotel 

Und was für eine Show er präsentiert. Hinter den Türen des luxuriösen Belvedere Hotels – Veranstaltungsort der extravagantesten Partys – sorgen selbst die wackligen Börsen nicht dafür, dass der Champagner weniger üppig fließt. Im Gegenteil, denn der niedrige Ölpreis bedeutet, dass es für jene, die es sich dieses Jahr gut gehen lassen möchten, um fünfzig Prozent billiger ist, die Limousine warten zu lassen. Läuft.

Und wenn es um die Entourage geht, gilt: je größer desto besser. 

So viele Egos im selben Raum

 So sehr es in Davos darum geht, die großen und ernsten Themen der Welt zu behandeln, ist es trotzdem auch immer wichtig, das passende Image zu verkörpern. Nirgendwo anders befinden sich so viele große Egos im selben Raum. Nirgendwo sonst wird mehr Pelz getragen. 

In diesem Jahr befindet sich man (und auch Frau, so selten sie auch vorkommen mag) unter den Augen einer neuen Spezies. Hubo, ein südkoreanischer Roboter, hat in der Kongresshalle seinen Platz als Ehrengast eingenommen und trägt als VIP das begehrte ‚weiße Namensschildchen‘ – als Erinnerung daran, dass künstliche Intelligenz bis Ende des Jahrzehnts fünf Millionen unserer Jobs übernehmen könnte.

Ist die Elite der Wirtschaftswelt also in Alarmbereitschaft? Wahrscheinlich nicht; zuerst werden ja die Fertigungshallen und Fabriken die Neuerungen zu spüren bekommen. Doch dies bedeutet nicht, dass Davos das Thema ignorieren kann. Diese Veranstaltung wäre nicht halb so spannend, würde die Welt von Androiden gelenkt.

500-köpfiger Pressetross  

Davos kann stets darauf zählen, dass die Prominenten ihren Glanz und Glamour beisteuern, was für den 500-köpfigen Pressetross ein Segen ist. Direkt von den Dreharbeiten zur vierten Staffel von „House of Cards“ fliegt Kevin Spacey ein, um zu den machiavellistischen Führungskräften des realen Lebens über die Theaterartigkeit der Politik zu sprechen, während der Black-Eyed-Peas-Rapper und heutige Technologie-Tycoon Will.i.am anwesend sein wird, um der Jugend zu erklären, wie sie sich im Markt eine möglichst gute Ausgangsposition verschaffen kann.

 

Black-Eyed-Peas-Rapper und Technologie-Tycoon Will.i.am mit CNN-Moderator Richard Quest (Foto: CNN International)

Black-Eyed-Peas-Rapper und Technologie-Tycoon Will.i.am mit CNN-Moderator Richard Quest (Foto: CNN International)

„Seid mehr Steve Jobs“

Seine Botschaft lautet: „Seid mehr Steve Jobs und weniger Stevie Wonder.“ Ziemlich schmissig. Inmitten von 2.500 Delegierten Gehör zu finden, ist durchaus eine Herausforderung. Es geht letztlich darum, den exakt richtigen Ton zu treffen.

Zum glanzvollen Ende der Konferenz wird man große Schlussworte zu hören bekommen. John Kerry, der im Kielwasser seines erfolgreichen Atomdeals mit Iran anreist, wird seinen Triumphzug fortsetzen. Saudi Arabien beteuert, der Absturz des Rohöl-Markts sei nicht der Fehler des Landes, während andere beharrlich versichern, dass sie das schwächere Wirtschaftswachstum Chinas nicht um den Schlaf bringt.

Jeder beteuert, die Welt sei in einem besseren Zustand. „Die Märkte reagieren über“, wiederholen sie gebetsmühlenartig. Und dies in einem Konjunkturzyklus, dessen Stärke seit sieben Jahren noch immer nicht beim durchschnittlichen Konsumenten angekommen ist.  

Durch die Schwaden teurer Parfums kann man hier in der frischen Alpenluft die Verleugnung förmlich riechen.

Doch man muss bedenken: 2.590 Meter über dem Rest der Welt gelegen, ist das mächtige Jakobshorn ein Ort der Weltfremdheit. Der ultimative Elfenbeinturm. 

 

 

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