Es gibt Männer, die haben einen besonderen Gang – und das ist ihnen oft nicht mal bewußt. So jemand ist Claus Eßers, denn er tanzte zehn Jahre lang Formation und das hat seinen Gang geprägt. Man riet ihm damals zu Diplomatenlaufbahn, doch es kam anders. Eßers ist Steuerrechtler bei der Wirtschaftskanzlei Hoffmann Liebs Fritsch & Partner in Düsseldorf und ist “sehr gerne Anwalt”, erzählt er. Früher in Pension zu gehen kann sich Eßers deshalb auch nicht vorstellen. Obwohl er eigentlich mal Elektrotechnik studieren wollte. Und Jura nur nebenbei, um Patentanwalt zu werden. Doch ihm wurde klar, dass er lieber “etwas mit Menschen machen” wollte und ließ die Elektrotechnik sausen. Anwalt wurde dann seine Berufung – und nicht Richter , wie sein Vater, wie er klar stellt. “Richter sehen nämlich nur einmal die Woche Menschen.”
Manchmal beginnt im Leben eine Leidenschaft als Pflicht
Ähnlich lief es mit seinem Desinteresse an seinem ersten Tanzkurs, das ebenfalls in Begeisterung umschlug. Eßers, der zehn Jahre lang Formation getanzt hat, wollte zuerst gar nicht in die Tanzstunde. Eigentlich. Doch seine Eltern wollten, dass er daran teilnimmt: um auf seine Schwester ein Auge zu haben. Um ihr Tanzpartner zu sein und auf sie aufzupassen. Der Deal war dann: Er bekam als Gegenleistung eine Blinklichtanlage für sein Mofa. Das Ende vom Lied: Die Schwester hörte nach dem ersten Kurs auf, Eßers aber war so begeistert, dass er sich sämtliche Abzeichen ertanzte bis hin zu Gold Star und Formation in Standard und Latein.
“Ich habe Ihren Prozess gewonnen”, – aber “Sie haben Ihren Prozeß verloren”
Eßers hat für unseren Lunch das italienische Restaurant “Rosati” im Düsseldorfer Norden zwischen Messe und Theodor-Heuss-Brücke, am Reeser Platz, ausgesucht. Das Restaurant ist die Art Italiener, der sich schon seit Jahrzehnten in Düsseldorf hält, seine Stammkundschaft hat und den modische Trends nicht sonderlich interessieren. Eßers bestellt Kalbsgeschnetzeltes mit Pasta – und ist davon ganz angetan. Dabei erzählt er von den Anwälten, die ihren Klienten sagen “Ich habe Ihren Prozess gewonnen”, aber “Sie haben Ihren Prozess verloren”. Und er spricht von der Sorte Manager, die übers Wasser gehen. Bis ihnen die Justiz eines Tages vielleicht ihre Grenzen aufzeigt. “Wenn der gebrochen deutsch sprechende Gefängniswärter in der U-Haft entscheidet, ob und wann kalt geduscht wird und ob überhaupt. In der Totalisolation, in der man nichts machen kann – nur Briefe schreiben.” Da hat er schon so manchen Wirtschaftsboss erlebt, der bis dahin nicht das Gefühl hatte, dass Gesetze auch für ihn gelten. Der sich benahm, als würden Regeln nur für die anderen gelten, die nicht so hoch oben auf der Leiter der Unternehmenshierarchie standen wie er selbst. Manager, die sich noch hoch erhobenen Hauptes abführen ließen, doch nach spätestens zwei Tagen in der U-Haft ganz kleinlaut wurden.
Eßers Ding ist die Beratung der Mittelständler, erzählt der Rheinländer. Jener Haudegen, die China nicht einfach Produkte abkaufen. Sondern die selbst hinfahren und sich vor Ort ansehen, wie ihre Produkte gebaut werden. Die sich von den Geräten und den Methoden selbst überzeugen. Warum? “Die Beratung der Mittelständlers erfolgt auf Augenhöhe”, erzählt Eßers. Nur so geht es, sagt er. “Denn im Unternehmen selbst traut sich keiner, mit einem gestandenen Mittelständler konstruktiv und in der Sache hart zu diskutieren. Da bestehen einfach zu viele Abhängigkeiten.” Schließlich müsse auch er im richtigen Moment mal “nein” sagen können.
Manchmal schmollt auch der Mandant
So wie in dem Fall aus den Zeiten des neuen Marktes. Als ein Mittelständler sein Unternehmen an ein englisches Unternehmen veräußern wollte – und schon nur noch seine spätere Fahrt in die Toskana im Kopf hatte.
Der Kaufpreis sollte allein in Aktien den englischen Unternehmens gezahlt werden, das sei damals der Königsweg und sehr hipp gewesen. Aber: Die deutsche Steuer fällt sofort im Jahr des Verkaufs an. Somit hätte der Verkäufer – sein Mandant - die Steuern aus eigenen Mitteln vorfinanzieren müssen. Das kann fast keiner, auch Eßers Mandant nicht. Er bat dann den englischen Käufer (“aus heutiger Sicht eher den englischen Patient”), einen Teil des Kaufpreises bar zu zahlen, damit Eßers Mandant das Geld für die Steuer hatte. Das lehnte der Brite strikt ab, – der Jurist zog die Reissleine. “Sonst wäre das Unternehmen weg gewesen, wir hätten das Risiko des Schicksals der Aktien des Käufers gehabt – der kurz darauf in die Insolvenz ging – und hätten zugleich aus eigenen Mitteln die fälligen Steuern vorfinanzieren müssen”, erinnert sich der Düsseldorfer. Auf dem Rückflug habe der Mandant kein Wort mehr mit mit ihm gesprochen. Doch als der englische Käufer drei Wochen später insolvent wurde, bekam Eßers eine Kiste Wein – aus der Toskana, wo der Mandant dann ein mittelständisches Unternehmen gekauft hat. Und das gehört ihm noch heute.












