Jörg Eschenbach wagte den Selbstversuch: statt zu Beginn einer neuen Aufgabe in einer fremden Stadt – in München – in ein Boarding-House, eine möblierte Wohnung oder ein Hotel zu ziehen, nistete er sich lieber auf dem Campingplatz Thalkirchen ein.
Warum? ” Auf Nachfrage antwortet Eschenbach:
“Da gibt es ohne Priorisierung mehrere Gründe:
1. Ich mußte nach München, die erwünschte Wohnung war aber noch nicht fertiggestellt
2. Ich hatte schon einige berufsbedingte Umzüge hinter mir und kenne daher die üblichen Interimsmöglichkeiten. Das ist extrem anonym, steril und langweilig.
3. Ich wollte meinen Hausstand auf das Minimum reduzieren, mein Umfeld einfach aber persönlich gestalten und mich frei bewegen und ernähren können.
4. Ich wollte nach getaner Arbeit in eine andere Welt eintauchen und diese Dreimonatslücke nutzen, einmal außerhalb des Urlaubs viele Leute kennenlernen, die aus anderen Ländern und Kulturkreisen kommen.
5. Sicher wollte ich mich mal komplett “erden” und testen, wie ich damit zurechtkomme (ich bin gut damit zurecht gekommen).
6. Und dann die Aufgabe mit der Buchidee. Eine hohe Messlatte. Gelingt es mir ein Buch zu schreiben, das meine Situation und Gedankenwelt eindrucksvoll schildert? Kann ich mit meinem Buch den Leser erreichen und Spaß beim Lesen erzeugen?”
Aus dem Selbstversuch wurde tatsächlich ein Buch und aus diesem Werk können Sie hier im Folgenden ein Kapitel lesen.
Am Parkautomaten
Mittwoch, 24. Juni 2009 – Der Regen lässt allmählich nach, vorsichtshalber nehme ich trotzdem einen Schirm mit auf den Weg zum Waschhaus. Heute erledige ich die morgendlichen Routinen wieder im Schutz des regendichten Waschhausdaches.
Mittags geht es mir überdurchschnittlich gut. Mein Freund Hans aus München hat Mitleid und lädt mich in ein Münchner Innenstadt-Fine-Dining-Restaurant ein. Er hat wohl Sorge, ob man mir, dem Camper vom River, dort wohl auch Einlass gewähren wird. Nicht dass er erwartet hätte, ich käme statt im grauen oder dunkelblauen Anzug und feiner Krawatte in Camperbekleidung, nämlich Adiletten sockenfrei, blaue Baumwolltrainingshose leicht ausgebeult, mit ein paar Zahnpastaflecken drauf, labbriges Urlaubs-T-Shirt aus Jesolo und Caterpillar-Kappe. Nein, es geht um mögliche eingetretene körperliche Veränderungen. Kopfbemoosung? Hungerödeme? Schwimmhautbildung an Füßen und Händen? Geistige Verwirrnis?
Nichts von alledem! Wenn sich auch einige Freunde ernsthaft Sorgen machten wegen meines an den Bahndamm verschleppten Wohnanhängers. Alles okay. Auch der Kopf! Natürlich hat man mich nicht zusammen mit meinem Wohnanhänger entführt. Das Bahngleis ist weit. Keine Bedrohung. Aber es hätte ja sein können.
Nach ausgiebiger Begutachtung meines Zustandes steht dem geplanten Restaurantbesuch nichts mehr entgegen.
Zuerst reichlich Fisch, was sollte ich, als einer, der am Fluss lebt, auch sonst zu mir nehmen, etwas Sauvignon Blanc vom Polz aus der Südsteiermark und zum Abschluss noch einen Espresso; der sollte mich wachhalten bis zum heutigen Abend.
Herzlichen Dank, das hat gutgetan. Ich muss leider weiter. Notartermin in Stuttgart. Da ist persönliches Erscheinen notwendig. Ich parke mein Fahrzeug am Münchner Hauptbahnhof. Inzwischen schüttet der bayerische Himmel wieder größere Wassermengen herab. Mein Kollege nimmt mich in seinem Auto mit nach Stuttgart, die Rückfahrt nach München ist per Bahn geplant.
Und die beginnt Am Abend mit den üblichen Herausforderungen am Ticket-Automaten der Deutschen Bahn. Wie lange wirst du heute brauchen? Kommt deine Bahncard wieder raus? Wird die Kreditkarte akzeptiert? Hast du alles fünf Mal richtig eingegeben. Wirst du mit einem gültigen Ticket belohnt? Ja, keine Systemstörung, alles richtig gemacht. Der Automat klopft mir anerkennend auf die Schulter. Die hinter mir Wartenden klopfen mit und seufzen erleichtert auf, auch sie haben heute noch eine Chance auf Reiseantritt.
Der Zug kommt nicht pünktlich, fährt aber pünktlich ab. Das geht in Ordnung. Vorher war ich noch beim Burger King und habe einen USB-Stick in Form einer Pommes-Tüte für vierneunundneunzig erstanden. Wie viel in die Tüte passt? Das weiß ich noch nicht.
Ich sitze im Zug von Stuttgart nach München. Ein ganzes Abteil für mich. Die Sitzbank erinnert mich an meine Zugfahrten als Kind, ich erkenne den Schokoladenfleck, den ich hier vor einundfünfzig Jahren hinterlassen habe. Die Heizung lässt sich immer noch nicht regulieren. Im Abteil hat es tropische Temperaturen, der Schalter steht auf dem Gefrierpunkt. Dafür knackt es alle vier Sekunden irgendwo in der Heizung. Bei einer Fahrzeit von 143 Minuten (ab 18:53 – an 21:16) knackt es also 2145mal bis München. Toll. Ich bin fasziniert.
„Guten Abend. Noch jemand zugestiegen?“

„Ja, ich.“ Strecke mein Ticket hin.
Kritischer Blick und fachmännischer Zwick.
„Danke schön, und gute Weiterreise.“
Die Pommes-Tüte steckt jetzt im Computer. Sieht echt supergeil aus. Ich schreibe bis nach München. Der Tag ist eigentlich schon gelaufen, aber dann hat er doch noch was zu bieten. Oft sind es ja die kleinen Ereignisse, die das Leben so spannend machen.
Komme leicht verspätet so circa 21:30 am Münchner Hauptbahnhof an. In meinem Magen knurrt es begehrlich. Ich kaufe ihm eine frische Brezel, die nicht mehr ganz frisch ist, aber wer ist noch wirklich frisch um diese Zeit. Brezel in die Tüte, Tüte in die Manteltasche.
Leider muss ich den überdachten Bahnhofsbereich Richtung Außenparkplatz verlassen. Es regnet. So ganz fein. Ich beschleunige meine Schritte zum nahe gelegenen Parkplatz. Wo ist der Kassenautomat. Rechts neben der Garageneinfahrt, genau außerhalb der Überdachung. Wirklich geschickt angebracht.
Ticket rein. WAOH! 48 Euro! Was? Quatsch! Kann nicht sein. Ticket raus, noch mal rein. 48 EURO. Ich drücke die Ruftaste. Keine Antwort. Noch mal. Keine Antwort. Okay, jetzt checke ich mal die Tariftafel links der Garageneinfahrt. So klein geschrieben und natürlich unbeleuchtet, dass ich Mühe habe beim Lesen. Eine Stunde 3 Euro, ein Tag 22 Euro.
Mein Auto steht seit 8 Stunden hier, macht maximal 22 Euro. Scheiße, da stimmt doch was nicht. Zurück zum Automaten, Ticket rein. 48 Euro. Da steht eine Mobilnummer: „Wählen Sie bei Störungen“. Wenn das keine Störung ist. Also krame ich mein Mobiltelefon aus der Tasche und wähle: 0176-129669889.
„Die gewählte Rufnummer ist nicht vergeben“, weist mich die weibliche Automatenstimme hin. „Bitte rufen Sie Ihre Auskunft elf-acht-drei-drei an.“
Ja, spinn ich den komplett, so ein Scheißladen. Habe ich mich im Dunkeln vielleicht vertippt. Ich gebe die Nummer erneut ein, vielleicht war da ein Neuner zu viel. Okay, jetzt klappt es. Rufzeichen. Ich warte. Nichts, keiner hebt ab.
Ich gebe auf. Stecke Firmenkreditkarte rein. Das dauert! Was ist los, kommt die vielleicht auch wieder raus? Ich warte. Anzeige: Kreditkarte ungültig, Fehler 912pg. Es regnet. Kreditkarte kommt aus dem Schlitz wieder zum Vorschein. Wenigstens das funktioniert.
Okay, dann halt die private. Reingesteckt. Nichts. Same procedure. Kreditkarte ungültig, Fehler soundso. Karte raus.
Also dann bleibt nur noch das Bargeld. 50-Euro-Schein in den Geldschlitz: Rein und gleich wieder raus. Okay, Entschuldigung, jetzt muss es raus: So ein Oberscheißdrecksautomat, so eine beschissene Dreckskiste. Ich drehe den Schein um, noch mal rein, wieder raus.
Halt, jetzt sehe ich was im Halbdunkel. Der nimmt nur Fünfer, Zehner und Zwanziger. Ja Himmelkreuzkruzifix. Hab ich nicht. Da muss ich wohl zurück in den Bahnhof zum Wechseln.
Ich gehe los, da sehe ich links neben der Einfahrt zu den Außenparkplätzen noch ein Schild mit Tarifen. Und ich kanns kaum glauben. Kurzparker. 20 Minuten 2 Euro, macht 6 Euro die Stunde, macht in 8 Stunden: 48 EURO! Ja, so eine Pisse. Was hilft’s, das habe ich beim Einfahren, möglicherweise wegen des heftigen Regengusses, einfach nicht gesehen.
Zurück in den Bahnhof. Dort in den ersten Laden: Burger King. Mein neuer Lieblingsladen, du kriegst dort alles, was du brauchst: Cola, Wraps, Burger, USB-Sticks, hoffentlich auch Wechselgeld.
Jetzt bin ich schon an der Reihe.
Könnten Sie mir bitte den Fünfziger wechseln? Ich muss mein Parkticket zahlen.
Ja gern, aber die Kasse ist zu, Sie müssen bis zum nächsten Kunden warten.
Okay, okay. Haben Sie vielleicht einen Coca-Cola-USB-Stick für vierneunundneunzig?
Haben wir USB-Sticks? (Ruf nach hinten)
Nein, alles weg.
Schade.
Nächster Kunde: Double Big Burger, Cola XXXL, Chicken Wrap und was weiß ich noch alles.
Zack, die Kasse geht auf. Zwei Zwanziger, ein Zehner.
Äih toll! Superfreundlich, danke und tschüss.
Raus in den Nieselregen, zum Kassenautomat. Zwanziger rein und wieder raus. Die jetzt von mir ausgestoßenen Flüche übersteigen die Vorstellungskraft eines anständigen deutschen Lesers bei Weitem. Sie sind nicht erwachsenenfrei und auch nicht aufschreibbar. Kreuzverfluchteroberscheißdreck.
Versteckte Kamera? Hat man mich schon entdeckt, den komischen Rivercamper? Ich kann nichts feststellen.
Try-and-error-Versuche. Irgendwann ist das Scheißgeld endlich drin und das bezahlte Ticket wieder da. 30 Minuten Zahlvorgang, 30 Minuten Lebenszeit vergeudet und um eine Geschichte reicher. Wie schön kann das Leben sein.












3 Kommentare zu “Ein Manager auf dem Campingplatz: Jörg Eschenbach (Buchauszug)”
….köstlich zu lesen. Ein herzerfrischendes Etwas, pfiffig und gewitzt….
Ist bestimmt ein koestliches Buch, habe Herrn Eschenbach gerade bei Markus Lanz erlebt, sehr sympathisch
Ein sehr amüsantes und unterhaltsames Werk, dass ich jedem nur empfehlen kann – z.B. als Bettlektüre im Hotelzimmer oder am Wochende zur Erholung, habe es auch umgehend auf meinem Blog http://www.interim-magazin.de posten müssen.