Der vermeintliche Makel „Verfügbarkeit“

Berufstätige Frauen mit Kind – oder schlimmer noch, mit Kindern (Plural!) – haben einen gewaltigen Makel. Automatisch. Selbst wenn sie ihre Kinderbetreuung hervorragend organisiert haben. Selbst wenn sie NIE ausfallen wegen kranken Kindern, Arztbesuchen mit Kindern oder Elternsprechtagen in der Schule und ähnlichem. Mütter im Job gelten als „nicht verfügbar“, erzählte mir kürzlich ein Manager. Sie haben richtig gelesen. Gelten, heißt das Verb. Auch wenn sie tatsächlich Tag und Nacht erreichbar sind und auch noch nie gefehlt haben wegen Kiddies – gelten reicht. Dem Vorurteil sei dank. Studien aus Banken haben schon vor Jahren dasselbe ergeben: Selbst wenn Frauen schon über das gebärfähige Alter hinaus waren, bekamen sie keine Chance – rein hypothetisch könnten sie ja schwanger werden.
Was genau „verfügbar“ heißt? Wäre es eindeutig definiert, könnte frau sich ja drauf einstellen. Ist es aber nicht. Es wird nirgendwo als Kriterium aufgestellt – oder offen zugegeben. es spukt offenbar nur in den Köpfen der männlichen Hierarchen in den Unternehmen.
US-Manager haben es da besser: Sie dürfen sehr wohl mitten am Tag aus ihrer Firma verschwinden, um zum Beispiel ein wichtiges Basketballspiel ihres Sohns anzusehen. Oder eine Schulaufführung ihrer Tochter. Das mindert ihre Karrierechancen nicht im geringsten.
Bei deutschen Unternehmen wäre das nicht möglich – und schon dreimal nicht für Frauen. www.rp-online.de/beruf/arbeitswelt/Warum-Kinder-oft-Karrierekiller-sind_aid_801242.html . „Warum Kinder oft Karrierekiller sind“ titelt die „Rheinische Post“. Und weiter: „Für Frauen ist es immer noch ganz schwierig, auf der Karriereleiter weit nach oben zu kommen“, sagt Elke Holst vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Im Wettbewerb mit männlichen Konkurrenten können Kinder dann leicht zum Nachteil werden: „Ein Kind wird zum Risikofaktor.“ Frauen versuchten deshalb oft, sich zunächst eine berufliche Position zu erarbeiten und verschieben den Kinderwunsch, bis das geklappt hat.
Das ist freundlich ausgedrückt. Schön, wenn alles so nach Plan läuft. Dürfte aber eher der Ausnahmefall sein, weil im wirklichen Leben eben doch nicht das Reißbrett regiert. Aus welchem Grund auch immer.
Trotz Grundgesetz und AGG sind auch heute noch nur Frauen stigmatisiert, wenn sie Kinder haben – Männer nicht. Männer bleiben verfügbar. Was immer das konkret bedeuten mag.

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Alle Kommentare [1]

  1. Liebe Frau Tödtmann,
    habe gerade in Ihrem Blog mal kreuz und quer gelesen. Ihre Kommentare rund um „berufstätige Frauen“ mit besonderem Blick auf die Teilgruppe der Mütter sprechen mir aus der Seele. Sei es die Ermahnung, dass Frauen das neue Scheidungsrecht zum Anlass nehmen, sich doch bitte mal an die eigene Nase zu packen und darüber nachzudenken, dass es auf Dauer unklug sein könnte, sich allein auf den Mann als Ernährer der Familie zu verlassen. Oder Ihre ironische Verwunderung darüber, dass es tatsächlich Exemplare des weiblichen Geschlechts gibt, die es wagen, ebenso gerne beruflich erfolgreich wie Mutter sein zu wollen. Oder immer wieder die Hinweise auf die mangelhaften Rahmenbedingungen (Betreuungsplätze in guter Quantität und Qualität, Verfügbarkeitsansprüche der Unternehmen, starre Arbeitszeitregelungen, klischeehafte Zuschreibungen…). Mehr davon – und gerne mehr auch im „richtigen“ Handelsblatt. Her mit den Vorbildern, die Kinder und Karriere unter einen Hut bringen (wo ist die Liste mit 10 männlichen Vorbildern dieser Art?), die zeigen, dass man auch mit Zeithoheit als Führungskraft erfolgreich sein kann, die beweisen, dass Familienfreundlichkeit in Unternehmen Rendite steigernd ist (was schließlich nicht verwerflich sondern ein weiterer Pluspunkt ist).
    Sabja