Nintendo-Test: Traumjob Arzt?

Der erste Tag im Job nach der Uni: Ob er tatsächlich ein Traumberuf oder eher ein Alptraum ist, zeigt sich so nach und nach. Junge Leute, die überlegen, ob sie Arzt, oder genauer gesagt Kinderarzt werden wollen, können den Berufsalltag schon mal simulieren – auf ihrem Nintendo. Sie tun so als ob sie eine Praxis übernehmen würden – von der Ärztin Frau Möller, die bald in Ruhestand gehen will. Gleich am ersten Tag stehen da etliche Patienten mit unterschiedlich schwerwiegenden Problemen mit Zecken entfernen, Pflaster aufkleben, kühlende Gels auftragen und Knochenbrüche eingipsen. Man muss nicht nur die richtigen Prioritäten setzen, sondern den Kindern – virtuell – die richtigen Fragen stellen, um herauszufinden, was ihnen fehlt. Nachuntersuchungen, Überweisungen ins Krankenhaus undsoweiter, alles wie im richtigen Job. Die Folge sind wachsende Herausforderungen: Wer richtig diagnostiziert und therapiert, steigert seinen Ruf und dessen Wartezimmer wird immer voller. Alles will organisiert sein samt Einkauf neuer Geräte und Einstellen von Personal. Jedenfalls können Medizin-Aspiranten schon mal am Nintendo austesten, welche Facetten der Job hat und ob man dann noch immer darauf hin arbeiten will. Etwa wenn der Druck laufend steigt, weil die Patienten im Wartezimmer immer mehr moppern, weil sie warten müssen. Dann wird das Ganze schon weniger heiter und deutlich unangenehmer.

Zur Erinnerung: Tivola war der Hersteller der ersten bilingualen Spiele-CD-Roms für Kiddies. Könnte sein, dass den Berlinern mit dieser neuen Idee – Job-Check mit Nintendo – ein ähnlich großer Wurf gelingt.
Richtig nah am Job wäre das Spiel natürlich, wenn der Medizin-Proband die halbe Arbeitszeit lang Ziffern eingeben, Ziffern verschlüsseln und Dokumentationen für die gesetzlichen Krankenkassen erstellen muss – und anschließend sechs Monate später erfährt, wieviel er für die geschätzten 66 Prozent seiner Patienten als Flatrate erhält, wieviele er und sein Team in der Zeit kostenlos behandelt haben und wieviel der Kollege im benachbarten Bundesland für dieselbe Leistung mehr erhält – oder weniger. Und ob die Arztpraxis Geld vomHonorar abgezogen bekommt, weil der Arzt aus Empathie oder Mitleid einem Patienten ein Medikament verschrieben hat, das er besser verträgt als das Standardmedikament seiner Krankenkasse – und dass der Mediziner zur Strafe dann aus eigener Tasche bezahlen muss. Ohne dass der Patient es je mitbekommt. Das alles wäre freilich noch näher am Berufsalltag. Zumindest hier in Deutschland. Die 80 Prozent der Bochumer Medizinstudenten, die sich nach einer aktuellen Umfrage ob dieser Aussichten ins Ausland abzusetzen trachten, haben sich deshalb schon in der Ausbildung gegen den Arztjob hierzulande entschieden. Locken doch die Schweiz, Norwegen und andere mit familienfreundlicheren Bedingungen, vernünftigeren organisationen und vor allem weniger Verwaltungskram – den ohnehin kein Mensch gesunder macht.
Wie dem auch sei: Im Tivola-Programm fehlen jetzt noch weitere Traum-Berufe wie Pilot, Ingenieur (der wird erst neuerdings, aber dafür ganz oft genannt von Kindern und ihren Eltern), Gerichtsmediziner oder vielleicht auch Modedesigner. Oder dieser „irgendetwas-mit-Medien“-Beruf. Mit allen Ups and downs. Und vor allem an den Downs können die Youngsters erst mal zusehen, ob sie wirklich Lust auf den konkreten Job haben, oder ob sie sich lieber noch umorientieren wollen. Ohne mehr oder weniger sinnvolle Praktika und Arbeitsamt-Vorträge.

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