Buchauszug Daniel Goffart und Angelika Melcher: „Boomer gegen Zoomer – Der neue Generationenkonflikt und wie wir uns besser verstehen können“

Daniel Goffart (Foto: Privat)

Angelika Melcher (Foto: PR/Falk Engelhardt)
Arbeit und Karriere – der schmale Grad zwischen Übereifer und Work-Life Balance
Momentan gehören 14,5 Prozent der Beschäftigten in den Top- 1000-Unternehmen und 13 Prozent in den IT-Firmen der Gen Z an. Nur jeder fünfte Kandidat sagt, er lebe, um zu arbeiten, die absolute Mehrheit hingegen will die Arbeit nicht über das Privatleben stellen. Über 90 Prozent der Gen Z meiden Arbeitgeber, die im Freundeskreis nicht empfohlen werden. Sie können wählerisch sein und Ansprüche stellen: Aufgrund des Fachkräftemangels machen sich einer Forsa-Umfrage zufolge 65 Prozent keine Sorgen um ihren Job; nach einer Studie des Netzwerks Xing weist die Gen Z die geringste Loyalität gegenüber ihrem Arbeitgeber auf. Mehr als ein Drittel denkt allein deshalb über einen Wechsel nach, weil sie sich berufliche Abwechslung wünschen.
Daniel: Die meisten Begegnungen zwischen Jungen und Alten finden heute bei der Arbeit statt. In manchen Unternehmen sind gleich vier verschiedene Generationen vertreten. Da fallen sehr schnell und deutlich die unterschiedlichen Denk- und Sichtweisen auf. Wir alle kennen die gegenseitigen Urteile und Vorurteile. Und vielleicht beginne ich deshalb mal mit ein paar Fragen: Was denkst du über eines der beliebtesten und hartnäckigsten Vorurteile gegenüber den Jungen, das besagt, ihr seid nicht sonderlich fleißig oder gar faul? Sehen die Alten das vielleicht falsch? Oder denkst du, dass die Boomer sich nur deshalb über die Jungen ärgern, weil sie neu ins Unternehmen kommen und gleich hohe Ansprüche stellen können? Glaubst du, es könnte auch einfach nur ein bisschen Neid im Spiel sein – weil die Älteren sehen, dass die Jüngeren vielleicht die bessere Work-Life-Balance hinbekommen als sie selbst? Anders gefragt: Ist Fleiß noch ein Ziel und ein Wert an sich, oder sind solche Kategorien heutzutage einfach überholt?
Angelika: Das waren sehr viele Fragen. Aber erst mal vorweg: Ich habe das Gefühl, dass gerade in der Berufsausübung große und ziemlich offensichtliche Generationenunterschiede bestehen. Ich bin jetzt seit zwei Jahren im Berufsleben und habe schon viele Situationen erlebt, in denen mir das aufgefallen ist, weil auch bei uns im Unternehmen alle Generationen vertreten sind. Nun zu den Vorurteilen: Zum Glück wurde mir noch nie direkt ins Gesicht gesagt, ich sei faul oder arbeitsscheu. Ich glaube, das sind zwei Wörter, die vor allem medial aufgeladen werden und die mit irgendwelchen Studien belegt werden sollen. Natürlich sind wir nicht faul. Wenn wir faul wären, würden wir gar nicht arbeiten. Ich glaube, dass dieses Vorurteil daher rührt, dass wir in unserem Leben die Arbeit nicht mehr an die erste Stelle setzen.
Daniel: Faulheit ist natürlich ein sehr zugespitzter Vorwurf. Ich glaube, es geht eher darum, dass man bei den Jungen und ihrer Einstellung zum Beruf oft den Eindruck gewinnt, dass ihnen die Arbeit nicht mehr so wichtig ist und dass sie weniger bereit sind, für die Arbeit das Letzte zu geben. Es gibt diesen englischen Spruch, »running for the extra mile«. Der besagt, dass man immer noch einen drauflegen sollte, wenn man Karriere machen will. Diese Haltung ist den Älteren anerzogen worden, aber man findet sie bei den Jüngeren, vorsichtig gesagt, eher seltener.
Angelika: Dem würde ich zustimmen. Natürlich gibt es auch in meiner Generation genug Menschen, die extrem ambitioniert sind, sogenannte High Performer. Aber das ist sicher nicht der Mainstream, und das hat auch Gründe. Ich nehme jetzt mal mein eigenes Beispiel: In meiner gesamten Kindheit und Jugend hatte mein Vater immer zwei Jobs, er arbeitet auch heute noch unterm Strich locker zehn bis 13 Stunden am Tag. Ich habe meinen Vater noch nie unter der Woche abends auf der Couch liegen gesehen oder morgens mal ausschlafen, wenn er danach eine Spätschicht arbeitet. Ich kann an zwei Händen abzählen, wie oft er sich in 26 Jahren krankgemeldet hat. Das hat mich geprägt, nicht im positiven Sinne. Ich glaube, so geht es vielen von uns. Wir haben jahrelang unseren Eltern dabei zugeschaut, wie sie private Angelegenheiten für die Arbeit zurückgestellt haben, und haben festgestellt, dass dieses Leben nicht mehr unseren Vorstellungen entspricht. Wir leben nicht, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu leben. Unsere Generation ist von einer großen Zukunftsangst geprägt, ausgelöst durch den Klimawandel, Kriege, einen Rechtsruck in der Gesellschaft und weitere schlechte Nachrichten. Wir wissen nicht, was in 20 Jahren sein wird – wollen wir bis dahin wirklich jeden Tag unentwegt schuften, wenn wir das Geld und das Standing, das wir dadurch bekommen, am Ende womöglich gar nicht nutzen können?
Das führt auch dazu, dass wir uns nicht mehr über unseren Job definieren. Ich bin genervt davon, wenn meine Eltern als Erstes fragen, was Freund*innen oder Partner*innen beruflich machen. Und wieso fragen Millennials auf Partys immer als Allererstes, was ich beruflich mache? Wen interessiert’s! Frag mich, welche Musik ich gern höre, was ich in meiner Freizeit mache, was meine Lieblingseissorte ist. Versteh mich nicht falsch – ich liebe meinen Job, und ich bin sehr dankbar und froh, dass ich ihn habe, aber er macht nicht mein ganzes Leben aus und definiert nicht, wer ich bin.
Daniel: Ja, das ist wirklich eine andere Einstellung. Ich habe das auch an uns beiden schon einmal bemerkt, als wir vor ein paar Tagen einen gemeinsamen Termin für unser Buchprojekt hier gesucht haben. Erinnerst du dich? Obwohl die Suche nach gemeinsamen Terminen schon schwer genug war, hast du meinen Vorschlägen einmal nicht zugestimmt, weil du mit Freundinnen verabredet warst, ein anderes Mal wolltest du Sport machen. Freizeittermine über berufliche Termine zu stellen – so was wäre mir nie eingefallen. Das ist eine Art von Prioritätensetzung, die bei den Jungen an der Tagesordnung ist und die für mich und auch für viele in meinem Alter einfach fremd ist, weil wir darauf konditioniert worden sind, dass man sich im Beruf anstrengen muss. Wie bereits mehrfach angesprochen, mussten wir uns aufgrund der großen Zahl immer gegen viele andere Bewerber durchsetzen. Es gab immer mehr als genug Leute, die einen Job, den man selbst gern gehabt hätte, auch ins Auge gefasst hatten. Mit dieser Konkurrenz sind wir von klein auf groß geworden. Ich hatte mal einen Chef, der immer sagte: »Erst nach ›Ich kann nicht mehr‹ fängt Leistung an« – das ist die Einstellung, die wir als Boomer während unseres Berufslebens aufgesaugt haben. Natürlich arbeitet auch bei uns nicht jeder gern, und nicht jeder macht gern Überstunden. Es gibt genug Leute, die groß darin sind, mit wenig Arbeit durchs Leben zu kommen. Aber generell ist die Sicht auf Arbeit eine andere.
Trotzdem haben die Boomer sich jahrzehntelang in ihrem Berufsleben angestrengt, um etwas zu erreichen, und sehen jetzt, dass die Jungen kommen, aufgrund der Demografie von den Personalabteilungen umworben werden und dort vom Start weg Ansprüche stellen, die wir wahrscheinlich erst nach zehn oder 20 Jahren gewagt hätten auszusprechen. Da schwingen dann ein bisschen Neid und Empörung mit, aber auch Kopfschütteln und Unverständnis. Das wird oft auch als dreist empfunden.
Angelika: Es ist keine Frage, dass wir von unserer Knappheit auf dem Arbeitsmarkt profitieren. Wir finden unter Umständen bessere Jobs, bei denen wir besser bezahlt werden und höhere Forderungen stellen können. Angefangen von Sabbaticals bis hin zu einer Vier-Tage-Woche und dem Anspruch auf Homeoffice. Es ist aber auch ein Startvorteil, für den wir nichts können. Wieso gönnt ihr uns das nicht einfach? Es ist doch schön, dass sich die Welt verändert und Lohnarbeit nicht mehr mit Ausbeutung gleichgesetzt wird.
Außerdem machen wir mit unseren »hohen Ansprüchen« die Arbeitswelt für uns alle, also auch für euch, besser. Nehmen wir das Thema Überstunden: Klar lässt sich das nicht immer Vermeiden, aber am Ende arbeitest du in den meisten Fällen unbezahlt mehr. Eine Freundin hat mir letztens erzählt, auf wie viel Unverständnis sie bei der Arbeit gestoßen ist, als sie ihr Diensthandy nach Feierabend ausgemacht hat. Wir können doch nicht immer auf Abruf sein oder Zeit dafür haben, unsere Abende mit unbezahlter Arbeit zu füllen.
Daniel: In unserem Beruf mache ich auch viele Über stunden, ich bin zwei bis drei Mal die Woche bei Abendveranstaltungen, Hintergrundgesprächen, politischen Diskussionen oder anderen Einladungen, um mein Kontaktnetz zu erweitern. Da sind kaum junge Leute dabei, es sind meist ältere Kollegen.
Angelika: Das wundert mich nicht.
Daniel: Ich sehe ein, dass Arbeit nicht alles im Leben ist. Aber ich vermisse manchmal, gerade im Journalismus, den Stolz und das echte Interesse an diesem Beruf. Ich rede auch gern mit anderen Leuten über meinen Job. Meist natürlich nicht ungefragt. Aber ich werde als Journalist oft gebeten, aus meinem Alltag zu erzählen. Mein Beruf hat für mich eine große Stellung im Leben und ist nicht nur eine Sache, bei der ich in möglichst nur acht Stunden für möglichst viel Geld irgendwo sein muss. Die Jüngeren gehen da mit einem viel pragmatischerem Verhältnis ran, nur um eine Berufstätigkeit zu haben.
Angelika: Das heißt ja alles nicht, dass ich keinen Stolz oder echtes Interesse für meinen Beruf empfinde, das tue ich natürlich, und ich weiß auch, wie wichtig es ist, Netzwerke aufzubauen. Ich konnte schon einige Gesprächspartner*innen gewinnen, weil ich Menschen von meinem Beruf erzählt habe. Aber ich kann nicht immer ein ehrliches Interesse für die Jobs aller meiner Freund*innen und random Personen, die ich auf Partys kennenlerne, empfinden. Und nach einer langen Arbeitswoche kann ich mir Schöneres vorstellen, als am Freitagabend über die Arbeit zu sprechen. Irgendwann muss man auch abschalten. Am schlimmsten ist, wenn jemand damit angibt, wie viel er oder sie arbeitet, und daraus ein Überbietungswettbewerb entsteht.

Daniel Goffart und Angelika Melcher: „Boomer gegen Zoomer – Der neue Generationenkonflikt und wie wir uns besser verstehen können“ – Piper Verlag, 224 Seiten, 22 Euro https://www.piper.de/buecher/boomer-gegen-zoomer-isbn-978-3-8270-1516-7
Daniel: Ja, das ist der Unterschied. Wir haben früher mit Überstunden Posing betrieben, wenn man es in moderne Sprache übersetzt. Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit galten als etwas Positives. Das hat sich gewandelt. Aber ich finde schon, dass der Beruf ein wichtiger Teil des Lebens ist – ob bei Anwälten, Ärzten, Ingenieuren oder anderen Berufstätigen, die an komplizierten technischen Fragen arbeiten. So was beschäftigt einen über den Feierabend hinaus.
Angelika: Was natürlich auch nicht übersehen werden darf, ist, wieso wir diese hohen Ansprüche stellen dürfen. Uns wird oft vorgehalten, dass wir beim Einstellungsgespräch nach einem Sabbatical oder Ähnlichem fragen. Mal abgesehen von den ganzen Argumenten, dass Arbeit nicht mehr unbedingt der Kern unseres Lebens ist und wir eben eine kleine Generation sind, die das zu ihrem Vorteil nutzt und sich diese Forderungen leisten darf und kann. Was in der Debatte oft übersehen wird, ist nämlich, dass wir diejenigen sind, die unter dem massiven Fachkräftemangel leiden werden, wenn ihr in den nächsten Jahren in Rente geht. Wir sind diejenigen, die allein gelassen werden, weil Deutschland es immer noch nicht schafft, Fachkräfte anzuwerben, lieber werden Bezahlkarten an Geflüchtete verteilt. Ich möchte unserem nächsten Kapitel zur Demografie nichts vorwegnehmen – aber das sind Aspekte, die betrachtet werden müssen, weil wir die Arbeit von nicht existenten Kolleg*innen mit übernehmen müssen. Hinzu kommt die Digitalisierung: Die jungen Mitarbeitenden sind diejenigen, die den technologischen Fortschritt in viele Unternehmen tragen. Von wem lasst ihr euch Programme erklären? Wer muss euch zeigen, wie man eine Reisekostenabrechnung anlegt? Viele Boomer weigern sich, neue digitale Tools zu benutzen, das verdichtet auch unsere Arbeit und führt letztendlich zu Überstunden.
Daniel: Man darf nicht übersehen, dass das die Älteren auch unter Druck setzt. Ihr seid mit Computern und Internet aufgewachsen und könnt natürlich viel besser mit digitalen Instrumenten umgehen. Wir haben das alles erst viel später gelernt und mussten uns von Grund auf umstellen. Da rührt häufig der Unwille her, sich jedes Jahr mit einem neuen Tool auseinanderzusetzen. Zudem finde ich es komisch, wenn sich junge Leute beim Einstieg ins Berufsleben schon Sorgen um die Rente machen. Ich kann das vor dem Hintergrund der Demografie zwar ein bisschen verstehen, es passt aber nicht mit eurem Wunsch nach Work-Life-Balance und einer Vier-Tage-Woche zusammen. Die Höhe der Rente hängt bekanntlich davon ab, wie viel man verdient und gearbeitet hat. Ich glaube, dass das alles Themen sind, die rational erklärbar und vielleicht gar nicht so konfliktträchtig sein sollten.
Was meiner Meinung nach konfliktträchtig ist, ist die Anspruchshaltung, die beim Vorstellungsgespräch oder gleich zu Beginn der Arbeit geäußert wird. Da fühlt man sich nicht nur als Arbeitgeber ein bisschen seltsam, sondern auch als Kollege, der fünf Tage mindestens 40 Stunden die Woche arbeitet und noch nie ein Sabbatical gemacht hat oder vielleicht erst mit Mitte fünfzig darüber nachdenkt, mal eins zu machen. Da prallen Welten aufeinander. Das ist nicht nur eine Frage des Neids, es ist auch eine Frage des Unverständnisses und der fehlenden Wertschätzung, die gegenüber älteren Kollegen an den Tag gelegt wird.
Angelika: Es ist auch eine Frage des Gönnens.
Daniel: Ja, das stimmt. Aber man gönnt jemandem doch etwas, weil man denkt, dass er es verdient. Wenn man aber das Gefühl hat, da ist noch nichts oder nicht genug verdient worden, dann ist es schwieriger zu gönnen.
Und es kommen noch weitere Dinge hinzu: Jüngere Angestellte melden sich statistisch gesehen deutlich häufiger krank als ältere. Nach einer Auswertung der AOK ist der Anteil an Fehltagen bei jüngeren Beschäftigten in den vergangenen zehn Jahren um 50 Prozent gestiegen. Um 50 Prozent! Seid ihr wirklich so stark belastet, oder habt ihr einfach nur eine andere Einstellung? Es gibt die Diskussion um ein »Recht auf Krankentage«. Die Gen Z ist im Schnitt 30 Tage im Jahr krank, das ist sehr, sehr viel. Es gibt Menschen, die der Meinung sind, dass ihnen noch 20 Krankheitstage zustehen, wenn sie erst zehn hatten. Wie kommt man auf so eine Idee? Das hat doch auch was mit der Frage nach der Leistungsethik zu tun.
Angelika: Vielleicht müsste man sich anschauen, warum sich die Gen Z so häufig krankmeldet. Die meisten geben nämlich psychische Erkrankungen als Grund an. Wir haben eine andere Einstellung zur Gesundheit und nehmen eben auch psychische Belastung ernst, sorry. Ich habe kein Verständnis für Menschen, die sich völlig krank ins Büro schleppen oder krank aus dem Homeoffice arbeiten. Ich frage mich dann immer, ob die denken, dass sie so systemrelevant sind, dass sie keine zwei Tage ausfallen können. Spoiler: Es wird das Unternehmen sehr wahrscheinlich auch geben, wenn man gar nicht da wäre. Man sollte sich vielleicht nicht immer so wichtig nehmen.
Daniel: Eine Krankschreibung kann aber nur erfolgen, wenn man wirklich nicht arbeiten kann, und nicht, wenn man sich gerade mal nicht so gut fühlt. Und das ist der Unterschied.
Angelika: Das sind verschwommene Grenzen. Einige fühlen sich bei Kopfschmerzen arbeitsunfähig, andere erst, wenn ihnen der Arm abfällt. So was kann nicht von außen definiert werden.
Daniel: Es gibt aber auch etwas dazwischen. Und ich glaube, dass bei der Gen Z ein leichter Schnupfen ausreicht, um sich arbeitsunfähig zu fühlen, bei den Älteren ist es dann eher das Fieber, das sie arbeitsunfähig macht. Die Voraussetzung für die Lohnfortzahlung ist eine Arbeitsunfähigkeit und nicht ein leichtes oder mittleres Unwohlsein, das muss man trennen. Und man kann das nicht immer damit begründen, dass das Leben schwer genug ist und man nicht weiß, was in fünf Jahren kommt. Das klingt für mich nach einer Ausrede.
Angelika: Aber inwiefern tut dir das weh, wenn sich ein Kollege krankmeldet oder eben ein Sabbatical macht?
Daniel: Es tut an sich nicht weh, aber man denkt darüber nach, dass man selbst so etwas noch nicht gemacht hat, und in meinem Fall habe ich auch noch nie daran gedacht. Und damit bin ich natürlich auch kein Vorbild, aber ich finde, ein Sabbatical kann man erst machen, wenn man ein paar Jahre gearbeitet und etwas geleistet hat. Man muss sich das zuerst verdienen und wirklich den Drang nach neuen Perspektiven und Ruhe verspüren. Aber wenn jemand frisch von der Uni oder aus der Ausbildung kommt und schon danach fragt, ist das ein krasses Missverhältnis von Leistung und Anspruch. Dafür fehlt mir jegliches Verständnis. Und das hat nichts mit Neid zu tun.
Ich denke, das ist eine neue Kultur, in der wir immer weniger Bereiche haben, in denen Leistung wirklich honoriert und belohnt wird. Das geht noch viel weiter, etwa bei sportlichen Leistungsvergleichen. So sollen beispielsweise die Bundesjugendspiele abgeschafft werden, und man spricht davon, dass es beim Fußball keine Ergebnisse mehr geben soll. Heutzutage hat das Einser-Abitur Inflation, Noten will man auch keinem Schüler mehr zumuten, niemand fällt mehr in Uni-Kursen durch, weil sich sonst alle beim Dekan beschweren gehen.
Wenn man immer die Wahl hat, auch etwas anderes machen zu können, werden bestimmte Optionen auch entwertet. Das sieht man ja am häufigen Wechsel des Arbeitgebers, der bei euch statistisch sehr hoch ist. Wenn im Job etwas nicht so ist, wie von euch gewünscht, sucht ihr euch gleich einen neuen Arbeitsplatz. Das zeigt, dass eure Frustrationsgrenze sehr niedrig ist. Viele ältere Arbeitgeber sagen, dass die Generation Z keine Kritik mehr verträgt, die aber gerade in den ersten Monaten und Jahren eines neuen Jobs enorm wichtig ist.
Angelika: Das klingt für mich nach Einzelfällen, die du pauschalisierst. Dass sich Kinder nicht mehr bei bescheuerten Disziplinen bei den Bundesjugendspielen miteinander vergleichen müssen, ist für mich übrigens ein großer Gewinn.
Die Wechselwilligkeit bei unserem Arbeitsplatz können wir uns nur leisten, weil es tatsächlich Unternehmen gibt, die unsere Bedürfnisse und Ansprüche ernst nehmen, die sich auf eine neue Arbeitswelt einstellen und das sehr erfolgreich leben und trotzdem schwarze Zahlen schreiben. Wenn das einige Unternehmen nicht schaffen und nur über die jungen Menschen schimpfen, ist es ihr Fehler, dass alle Nachwuchskräfte das Unternehmen wieder verlassen oder sich gar nicht erst bewerben.
Daniel: Natürlich ist es richtig, dass man als modernes und erfolgreiches Unternehmen sehr viel Mühe darauf verwenden muss, die Beschäftigten an sich zu binden und die Arbeit so zu organisieren, dass niemand überfordert wird. Trotzdem muss die Arbeit effektiv geleistet werden, das Unternehmen ist kein Ponyhof, sondern eine Veranstaltung zum Geldverdienen.
Gleichzeitig werden ältere Arbeitnehmer mehr und mehr aus den Unternehmen herausgedrängt. Viele Firmen nehmen sehr viel Geld in die Hand, um Leute über 50 loszuwerden. Bei den Abfindungen, die da manchmal gezahlt werden, frage ich mich, ob man die Älteren nicht für dasselbe Geld hätte noch weiterarbeiten lassen können, anstatt sie hinauszuekeln. Es findet zwar gerade ein Umdenken im Zuge des Fachkräftemangels statt, aber vielleicht sollten die Jüngeren einmal darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn sie fordern, dass Boomer ihre Rente nach hinten verschieben sollen, sie aber gleichzeitig aus den Unternehmen gedrängt
werden.
Angelika: Ich würde nicht sagen, dass viele junge Menschen die Führungsetagen besetzen und so was entscheiden.
Daniel: Das sind in der Regel Manager und vor allem Unternehmensberater im jüngeren und mittleren Alter, die in solchen Fällen über Leute entscheiden, die deutlich älter sind.
Was ich sagen will, ist, dass es viel mehr Entspannung geben könnte, wenn die Vorurteile zurückgestellt würden, wenn man sich gegenseitig mehr zuhört und mehr aufeinander achtet, denn genau das ist nicht immer der Fall. Es muss offen über die Dinge, die einen stören, geredet werden können.
Viele ältere Menschen beschäftigen sich sehr wenig mit den Jungen, weil sie das vielleicht zu anstrengend finden. Andersrum streichen viele junge Menschen die Älteren aus ihrer Wahrnehmung, weil sie denken, dass die eh in ein paar Jahren weg sind. Dadurch wird ein gewisser Erfahrungsschatz, den die Älteren mitbringen, beschnitten, auch abseits von der Arbeit und dem Unternehmen. So geht viel Verständnis für eine andere Denkweise verloren.
Angelika: Da stimme ich dir zu. Leider geht die gegenseitige Ignoranz, die du schilderst, von beiden Seiten aus. Ich denke auch, dass sich weder Ältere noch Jüngere einen Zacken aus der Krone brechen, wenn sie den anderen einmal in Ruhe zuhören, ihre Vorurteile einmal beiseiteschieben und sich mit dem Gehörten beschäftigen. Da ließe sich mit etwas mehr gutem Willen schon eine Menge erreichen, glaube ich.
Daniel: Also so eine Art »Achtsamkeit zwischen den Generationen «? Ich meine das wirklich nicht ironisch, obwohl ich dieses Buzzword »Achtsamkeit« nicht sonderlich mag. Wäre vielleicht nicht schlecht. Und ich räume gern ein, dass die Älteren wirklich versuchen sollten, neue Lebensstile und Anschauungen mehr oder leichter zu akzeptieren, auch wenn sie ihnen fremd oder gar unsympathisch vorkommen. Wir Älteren haben am Ende die Pflicht, den Nachwuchs anzuleiten und zu befähigen – und das bedeutet eben nicht nur Anweisungen geben, sondern auch zuhören können und sich auf Neues einlassen. Vielleicht ginge es dann besser.
Angelika: Anstatt bald in Rente zu gehen, könntest du ja eine späte zweite Karriere als interkultureller Achtsamkeits-Coach starten …
Daniel: Das meinst du jetzt aber eher ironisch, oder?
Angelika: Ja, schon – obwohl, wenn ich jetzt mal ernsthaft darüber nachdenke … Du bist ja eigentlich durch die Gespräche mit mir schon ganz gut im Training.
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