Buchauszug Michael Saller: „Lügen. Wie sie wirken und wie wir sie durchschauen“

Michael Saller (Foto: Privat)
Wie decke ich Lügen auf?
Getäuscht – warum wir Lügen so schlecht erkennen
Eine nette junge Frau am Prager Bahnhof erzählte mir, man habe ihr Gepäck gestohlen – ihr Geld, ihr Handy, ihr Zugticket für die Weiterfahrt, alles weg. Sie komme gerade aus Österreich und müsse nun in ihr Dorf weiterreisen. Ob ich ihr etwas Geld für ein Ticket leihen könne; sie würde es zu Hause sofort zurücküberweisen. Die Frau wirkte nett und sympathisch, also gab ich ihr 20 D-Mark, genug für die Weiterfahrt. Drei Stunden später: Ich kam erneut am Bahnhof vorbei und sah, etwas überrascht, wie die nette junge Frau gerade jemand anderen um Fahrgeld bat, weil ihr Gepäck gestohlen worden sei, sie noch die Fahrkarte nach Hause benötige – und so weiter. Ich sah sie böse an, doch das schien sie wenig zu stören. Wenig überraschend habe ich meine 20 D-Mark nie zurückerhalten. Ich war auf den wohl ältesten Trick der Welt hereingefallen. Zu meiner Rechtfertigung: Die Geschichte liegt mehr als 30 Jahre zurück, und ich war jung, naiv und leicht von hübschen Frauen zu beeindrucken. Ich kam aus einer behüteten Umgebung am Starnberger See, in der – so glaubte ich zumindest damals – wenig gelogen wurde, jedenfalls nicht wegen eines Kleinbetrags von 20 D-Mark. Ein Opfer des Truth Bias – dazu gleich mehr.
Menschen sind keine Lügendetektoren
Viele Menschen glauben, Unwahrheiten gut erkennen zu können. Studien zeigen jedoch etwas anderes. Die meisten überschätzen ihre Fähigkeit.1 Dies gilt gleichermaßen für Laien wie für Polizisten, die oftmals besonders überzeugt vom eigenen Urteilsvermögen sind. Meist schließen Fragesteller aus wenigen körperlichen Merkmalen oder aus dem Erscheinungsbild einer Person darauf, ob diese die Wahrheit sagt – der sogenannte Halo-Effekt. Deshalb wird auch Menschen, die ehrlich wirken, eher geglaubt – mögen sie später noch so oft lügen. Andere Menschen haben dagegen Pech: Irgendetwas an ihnen wirkt „windig“ oder „falsch“. Ihnen wird ihr Leben lang misstraut, auch wenn sie noch so häufig die Wahrheit sagen.
Metastudien zeigen, dass Lügen im Durchschnitt nur mit einer Trefferquote von etwa 54 Prozent erkannt werden – kaum besser als ein Münzwurf.4 Selbst Angehörige kritischer Berufsgruppen, die regelmäßig auf Lügner treffen – etwa Polizisten, Zollinspektoren oder Gefängniswärter –, schneiden nicht wesentlich besser ab. Die meisten Menschen haben bestimmte Vorstellungen davon, wie und woran man erkennt, dass jemand lügt. Viele nehmen beispielsweise an, dass Personen, die keinen Blickkontakt halten können, die Unwahrheit sagen. Schwammige Geschichten ohne Details wirken wenig glaubhaft, genauso wie Versprecher oder sehr kurze Antworten. Erzähler, die viel herumzappeln, häufig blinzeln oder sich ständig an die Nase fassen, gelten als unglaubwürdig.
Allerdings gibt es keine Lügendetektoren auf zwei Beinen. Oder wie Aldert Vrij schon vor vielen Jahren herausfand: Es gibt sie nicht, die Pinocchio-Nase – jenes eine Merkmal, an dem sich eine Lüge mit Sicherheit erkennen ließe. Der Glaube daran, dass es solche Anzeichen gebe, dass man also Lügen an verdächtiger Körpersprache erkennen könne, hält sich jedoch hartnäckig in der Bevölkerung. Und wenn dann ein Geschichtenerzähler – wie die nette Frau am Prager Bahnhof – keines dieser vermeintlichen Merkmale zeigt, glaubt man schnell, sie müsse eben die Wahrheit sagen.
Natürlich gibt es Körpersprache – nur eben keine lügenspezifische. Die Vorstellung eines eindeutigen körperlichen Signals für eine Lüge ist bereits logisch fragwürdig. Wenn große Teile der Bevölkerung vermeintliche Lügenanzeichen kennen würden, dann selbstverständlich auch die Lügner. Wer bewusst täuscht, kann sich vorbereiten und sein Verhalten kontrollieren. Mit etwas Übung ist es beispielsweise nicht schwer, das richtige Maß an Augenkontakt zu halten, aufrecht zu sitzen, ruhig und mit tiefer Stimme zu sprechen, wenig zu gestikulieren und sich nicht ins Gesicht zu fassen. Zudem ist Körpersprache so individuell wie ein Fingerabdruck. Manche Menschen gestikulieren lebhaft, andere sprechen nahezu bewegungslos. Einige halten beim Nachdenken die Hand vor den Mund, andere berühren sich häufig im Gesicht – ganz unabhängig davon, ob sie die Wahrheit sagen oder nicht. Nicht zuletzt äußert sich bloße Nervosität oft genau in jenen Verhaltensweisen, die landläufig als „Lügenanzeichen“ gelten.
Auch die Fähigkeit, viele Details zu schildern, ist kein verlässliches Wahrheitsmerkmal. Geschickte Lügner verweben ihre erfundenen Elemente mit überprüfbaren, wahren Fakten. Gerade diese Mischung aus Wahrheit und Fiktion erhöht die Glaubhaftigkeit einer Aussage – und erschwert die Unterscheidung zwischen authentischer Erinnerung und gezielter Konstruktion erheblich. Uns fehlen zudem verlässliche Erfahrungswerte. Woher sollten wir auch wissen, wie eine Lüge „aussieht“, wenn unser Wissen vor allem aus Hollywoodfilmen und wenigen persönlichen Erlebnissen stammt? Oft werden wir getäuscht, ohne es zu bemerken – oder erfahren die Wahrheit erst Monate später durch Zufall, manchmal auch nie. Anders als bei einer Klausur in der Schule erhalten wir nach dem Test keine Musterlösung. Wir wissen schlicht nicht, ob wir richtig lagen. Lügen haben eben nicht immer kurze Beine.
Höflichkeit macht uns blind – oder zumindest stumm
Selbst wenn wir eine Lüge zu erkennen glauben, sprechen wir sie aus Höflichkeit meist nicht offen an. Jemandem eine Lüge vorzuwerfen, ist starker Tobak. In Verhandlungen oder sensiblen Gesprächen wirkt ein solcher Vorwurf häufig deplatziert – selbst dann, wenn er zutrifft. In der Regel führt der Vorwurf allein auch nicht dazu, dass der Lügner seine Unwahrheit eingesteht und sich entschuldigt, sondern eher dazu, dass er mit Gegenvorwürfen reagiert und es zur Eskalation kommt. Deshalb ist es meist klüger, eine vermutete Lüge zunächst einfach stehenzulassen – und dann persönlich Konsequenzen zu ziehen.
Nicht nur der Vogel-Strauß möchte gar nicht die ganze Wahrheit kennen
Manchmal sind Lügen einfach zu schön, um sie aufzudecken. Wir verschließen dann lieber die Augen vor der Wahrheit. Kürzlich traf ich die neue Frau (zweite Ehe) eines guten Freundes. Sie erzählte mir sofort, wie spannend sie mein erstes Buch fand und dass sie gar nicht wusste, welch witzige Freunde ihr Mann habe. Ich glaube nicht, dass sie mein Buch gelesen hatte, und eigentlich hatte ich auch noch nichts besonders Geistreiches oder Witziges gesagt. Ich fand sie aber dennoch auf Anhieb sympathisch. Natürlich war mir klar, dass sie sich Mühe gab, sich schnell mit den Bekannten ihres Mannes anzufreunden. Aber Menschen mögen Komplimente. Selbst wenn wir wissen, dass positive Aussagen übertrieben sind, mögen wir unser Gegenüber nach einem Kompliment mehr, zumindest dann, wenn es sich nicht um allzu offensichtliche Schleimereien handelt. „Flattery will get you anywhere“, wie der Engländer sagt – oder auf Deutsch, wenn auch etwas altmodisch:
„Mit dem Hut in der Hand kommt man durch das ganze Land“ (wer trägt heute noch einen Hut?). Viele Menschen wollen gar nicht jede Lüge aufdecken. Möchte man wirklich wissen, ob der beste Freund an jenem Abend betrunken schlecht über einen geredet hat? Möchte man wirklich erfahren, ob der neue Partner kurz zuvor noch eine Affäre hatte – oder fragt man lieber nicht genauer nach? Manche wollen die Wahrheit mit allen Konsequenzen wissen und bohren nach – viele andere allerdings auch nicht!
Der Glaube an das Gute im Menschen – Truth Bias Wir wurden zur Wahrheit erzogen. Als Kinder hören wir, dass man seine Eltern, Erzieher oder Lehrer nicht anlügen darf. „Schau mir in die Augen und sag mir, dass du mich nicht anlügst“, ist ein häufiger Bluff von Eltern, die damit vorgeben, Lügen im Gesicht des Kindes lesen zu können. Wahrheit ist der Standard, die Lüge die Ausnahme. Im Zweifel gehen wir davon aus, dass unser Gegenüber die Wahrheit sagt. Dieses Phänomen nennt sich „Truth Bias“ oder Wahrheitstendenz.
Der Truth Bias ist durchaus sinnvoll. In den meisten Alltagssituationen wird häufiger die Wahrheit gesagt als gelogen. Ohne eine grundsätzliche Vertrauensannahme wäre Kommunikation kaum möglich. Menschen ohne Truth Bias haben es entsprechend schwer. Ein Leben im permanenten Misstrauen führt nicht zu besseren Erkenntnissen, sondern meist zu Konflikten, sozialer Isolation und innerer Unzufriedenheit. Ganz abgesehen von der enormen Energie, die erforderlich wäre, um jede Aussage auf Wahrheitsmerkmale zu überprüfen.
Vom Apple-Gründer Steve Jobs ist bekannt, dass er fast immer einen schwarzen Rollkragenpullover trug, um die Zahl seiner täglichen Entscheidungen zu verringern. Was meinen Sie, wie viele zusätzliche Entscheidungen Sie erst treffen müssten, wenn Sie bei jedem Gesprächspartner beurteilen wollten, ob dieser lügt? Morgens erst einmal die Kinder belehren, dass sie gefälligst wirklich in die Schule gehen und nicht schwänzen sollen – man werde das mit einem Anruf im Gymnasium überprüfen. Wenn der Nachbar ein Kompliment macht, lacht man höhnisch auf, weil man ja weiß, dass man morgens nicht gut aussieht. Beim Bäcker die Preise für die Brezeln im Internet überprüfen, um sicherzugehen, dass man nicht zu viel bezahlt hat. Wenn der Bus mal wieder wegen einer Umleitung zu spät kommt, dem Fahrer vorwerfen, er habe sich diese Ausrede sicherlich nur ausgedacht und es liege wahrscheinlich an seinen bemitleidenswerten Fahrkünsten. Und wenn der Kollege im Büro von seinem spannenden Wochenende erzählt, mit ein paar Detailfragen nachhaken, ob er sich das Ganze nicht wieder ausgedacht und in Wahrheit Netflix geschaut hat.
Die Wahrheitstendenz ist uns fest eingeimpft, und sie ermöglicht überhaupt erst ein normales Zusammenleben. Fast jeder zeigt diesen Truth Bias – nicht nur Menschen, die in einer heilen Umgebung aufgewachsen sind, sondern ebenfalls, wenn auch in etwas geringerem Maße, Strafgefangene oder Polizisten, die täglich mit Verbrechen und Lügen zu tun haben. Dabei tritt der Truth Bias sogar auf, wenn wir wissen, dass die andere Seite ein Motiv für eine Lüge hat. Erinnern Sie sich, dass wir Lügen von Partnern nicht unbedingt besser erkennen als die von Fremden? Denn die Wahrheitstendenz wird durch persönliche Nähe noch verstärkt:9 Je besser wir eine Person kennen, desto stärker die Annahme, dass diese uns nicht anlügt. Viele glauben sogar, dass sie überhaupt nie von ihrem Partner angelogen werden.
„Wie gehen Sie eigentlich persönlich mit Lügen um? In welcher Weise hat Ihre intensive Beschäftigung mit Lügen Ihre Beziehungen zu anderen Menschen verändert? Erkennen Sie auf Partys jede Unwahrheit – und lügen Ihre Kinder Sie überhaupt noch an?“, werde ich in Interviews oft gefragt. Meine Antwort lautet: „Privat achte ich erstaunlich wenig auf Lügen.“ Ich könnte den Schalter umlegen – doch meist lasse ich ihn bewusst ausgeschaltet. Auch mehr als 30 Jahre nach der Erfahrung in Prag bin ich im Alltag noch immer ein Opfer des Truth Bias. Wenn ich mit Freunden, Studierenden oder meiner Familie spreche, rechne ich schlicht nicht damit, belogen zu werden. Aber ich kann mich natürlich dazu zwingen, die Wahrheitstendenz für eine gewisse Zeit auszusetzen. So mache ich es, wenn ich in eine Vernehmung oder eine kritische Verhandlung gehe. Dann rechne ich mit der Möglichkeit, angelogen zu werden. Oder wenn ein Warnsignal auftaucht, beispielsweise ein erkennbares Motiv beim Gegenüber, oder wenn die Körpersprache sehr seltsam ist, wenn Details nicht zusammenpassen oder vorherigen Informationen widersprechen – dann lege ich den Schalter um, bin misstrauisch und prüfe, ob sich Aussagen verifizieren lassen.

Lügen – Frankfurter Allgemeine Buch 224 Seiten, 24 Euro
Eine traurige Geschichte über Lügen und Körpersprache
„Die Fahrt zum Mond hat sich gelohnt, weil man jetzt weiß, dass sich die Fahrt zum Mond nicht lohnt“, hieß es in den Sechzigern. Der letzte bemannte Flug zum Mond liegt jedenfalls mehr als 50 Jahre zurück, die Mission der Apollo 17 im Dezember 1972. Wie wäre es, wenn ein Wissenschaftler sein Leben einer Idee widmet, dazu Dutzende Artikel verfasst, Vorträge hält und damit internationale Anerkennung in der Fachwelt und Öffentlichkeit genießt – nur um am Ende festzustellen, dass seine Idee nicht trägt? Hat sich die Arbeit dann trotzdem gelohnt?
Der führende Lügenforscher des 20. Jahrhunderts
Sein Name: Paul Ekman. Ekman war von 1972 bis 2004 Psychologieprofessor an der University of California. Er bereiste die Welt, um nachzuweisen, dass Emotionen universell sind, also ebenso beim Investmentbanker in London auftreten wie bei einem Stammesmitglied in Neuguinea ohne Kontakt zur Außenwelt. Bereits Ende der 1960er-Jahre skizzierte Ekman einen „Atlas menschlicher Emotionen“.
Seine Erkenntnisse nutzte Ekman auch für die Erforschung von Lügen. Seiner Ansicht nach rufen Lügen beim Menschen drei grundlegende Emotionen hervor: Schuldgefühle, weil man ja nicht lügen soll; Angst, mit einer Lüge aufzufliegen; und Freude, den anderen erfolgreich getäuscht zu haben. Ekman vertrat die Auffassung, dass sich diese Emotionen – Schuld, Angst und Freude – für den Bruchteil einer Sekunde, konkret für etwa ein Fünfundzwanzigstel einer Sekunde, im Gesicht des Gegenübers zeigen und so Lügen erkennbar werden. Man müsse nur lernen, die entsprechenden Mikroausdrücke zu identifizieren, dann könne man Lügen durchschauen.
Fußnoten sind im Buch
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