Wie schützen Sie sich gegen Unternehmens-Demenz? Die meisten gar nicht
Gastbeitrag von Frank Dopheide, Gründer der Unternehmensberatung Human United und Ex-Sprecher der Geschäftsführung der Handelsblatt Media Group*
Deutschlands Unternehmen verlieren in absehbarer Zeit knapp dreißig Prozent ihrer Gehirnmasse. Die vorhersehbarste Krise des Jahrhunderts ist da. Fast 14 Millionen Mitarbeitende verabschieden sich demnächst aus den Unternehmen in Richtung Rente. Nun dämmert es den Arbeitgebern, dass mit den Menschen auch Wissen, Erfahrung, Netzwerke, Persönlichkeit und Kultur verloren gehen. Demenz nennt die Medizin den Verlust geistiger Fähigkeiten. Überraschenderweise weist der Unternehmensorganismus dabei dieselben Symptome und denselben Krankheitsverlauf auf.
Stufe 1 Vergesslichkeit: Kleine Selbstverständlichkeiten ohne die dann fette Schäden eintreten
Was zeitlebens selbstverständlich war, löst sich still und leise auf. Es beginnt mit Kleinigkeiten. Man blickt rücksichtsvoll darüber hinweg, bis es eines Tages unübersehbar wird. Wie in diesem Fall: Der alte Werkstattleiter hatte es im Blut und hatte zu Urlaubszeiten immer ein paar Teile extra auf Lager. Doch mit seinem Weggang ging auch das Gespür verloren. Ein Zehn-Euro-Kleinteil fehlte, musste bestellt werden und legte die Produktion zwei Tage still. Vergessen kostet.

Frank Dopheide (Foto: C. Tödtmann)
Stufe 2 – Erschrecken: Wenn das nötige Expertenwissen schon in Rente entschwunden ist
Unternehmen beschäftigen sich mit der Zukunft und nicht mit dem Gestern. Da ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis das böse Erwachen kommt und damit die Angst. Wie bei diesem Weltmarktführer. Dank seiner „Made-in-Germany“- Qualität waren Hunderte großer Antriebsmaschinen der ersten Generation immer noch im Einsatz – weltweit. Als im letzten Jahr Probleme auftraten, fand sich im gesamten Unternehmen niemand mehr, der sie beheben konnte. Mit der Vorruhestandsregelung hatte man den Reputationsschaden gleich miteingebaut.
Stufe 3 – Orientierungslosigkeit: Keine Ahnung, wohin man steuert
Früher wurde Wissen im täglichen Miteinander weitergegeben. Begreifen hatte etwas mit Ärmel-hochkrempeln und in die eigenen Hände nehmen zu tun. Heute ist Wissen in PowerPoint-Folien und Datenbanken abgelegt. Doch Content ohne Kontext bleibt oft unerklärlich. Man hat zwar Geschwindigkeitsmesser und Umdrehungszahl im Blick, aber keine Ahnung, wohin man steuert.
So wie hier: Der Vertriebler kannte seine Pappenheimer auf Kundenseite. Er hatte den Blick hinter die Kulissen und einen Draht zu den unsichtbaren Entscheidern hinter den Einkaufsabteilungen. Ohne diesen Kontext dauerte es nur wenige Wochen, bis Sand ins Getriebe geriet. Das informelle Netzwerk war abgeschaltet, die Orientierung und der Kunde gingen verloren.
Stufe 4 – Veränderte Persönlichkeit: Daten ersetzen keine Weisheit
Allmählich verändert der fortschreitende Wissensverlust den Charakter der Betroffenen. Geht das informelle, das kontextuelle und das persönliche Wissen verloren, verlieren Organisationen sich am Ende selbst. Sie werden unsicher und verändern ihr Wesen. Es ist das finale Stadium. Langgelebte Werte gehen unwiederbringlich verloren und die Seele des Unternehmens nimmt Schaden.
Wo früher Werte und Wissen Orientierung gaben, klammern sich die Mitarbeiter nun an Regeln, KPIs und Jobdescriptions, wie an das Geländer im Treppenhaus. Weisheit wird durch Daten ersetzt. Erfahrung durch Prozesse. Intuition durch Meetings. Bei Generationswechseln ist dies besonders spürbar. Doch der Alltag und die Aufgaben sind zu komplex, um sie per Bedienungsanleitung zu lösen. Am Ende verliert das Unternehmen lebenswichtige Fähigkeiten und sich selbst.
Vorsorge als Wettlauf gegen die Zeit – denn leider ist 70 Prozent des kritischen Wissens nirgends dokumentiert
Die gute Nachricht ist: Unternehmens-Demenz lässt sich wirksam behandeln. Auch hier ist Vorsorge das beste Rezept, aber ein Wettlauf gegen die Zeit. Künstliche Intelligenz verspricht dabei gute Behandlungserfolge. Doch Vorsicht. Unternehmens-Demenz nachhaltig zu kurieren, ist kein IT-Projekt, sondern echte Pflegearbeit. Studien haben berechnet, dass 70 Prozent des kritischen Wissens nicht dokumentiert sind.
Unternehmen brauchen Erfahrung, Weisheit und Intuition
Der Fokus ist, anders als bisher gedacht, nicht das Fakten-, das Projekt- und Steuerungswissen, sondern vor allem auch das implizite, das menschliche, das ankedotische aber unerzählte Wissen für die nachkommenden Generationen zu erhalten und nutzbar zu halten. Das Unternehmen braucht Erfahrung, Weisheit und Intuition. Es braucht inoffizielle Netzwerke und jede Menge Tipps und Tricks. Ein Unternehmen ohne Erfahrungsschatz, Bauchgefühl und Wertebild ist der Welt orientierungs- und hilflos ausgeliefert.
Inneres Firmen-Vermögen schutzbedürftig wie die Goldreserve der Bundesbank
Das alles muss erfasst, strukturiert, verbunden, geteilt und weiterentwickelt werden, dann sind Unternehmen auf der sicheren Seite. Diese Maßnahme schützt die Identität der Organisation und macht sie für die Zukunft schneller, schlauer und weniger fehleranfällig. Wie der Mensch braucht auch das Unternehmen die linke und die rechte Gehirnhälfte, um für alle Herausforderungen gewappnet zu sein. Das innere Vermögen des Unternehmens muss gesichert werden wie die Goldreserve der Bundesbank. Diesen einzigartigen Erfahrungsschatz sicherzustellen, ist weniger schwierig, als man denkt. Die Technologie ist da, jetzt muss nur noch der Mensch mitmachen, mit all seinen Sinnen, damit Unternehmen auch ohne Babyboomer gesund und munter und Weltmarktführer bleiben. Am besten sichern Sie sich schnell einen Vorsorgetermin.
* Der Text erschien zuerst im Handelsblatt am 21.1.2026
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