Buchauszug Volker Schrader: „KI und der Biber – 7 ungewöhnliche Begegnungen und Perspektiven auf Arbeit, Sinn, Werte und KI“

Volker Schrader (Foto: Privat)
Elena aus 2154
Das Fenster ist wunderbar groß und sammelt so viel Licht und Leben ein, dass es für mich der beste Platz ist, um an Ideen zu arbeiten. Mein Lieblings-Café. So viel Stille, dass ich in die Gedanken eintauchen kann, genug Ablenkung, dass ich nicht zu tief versinke und immer wieder die Richtung wechseln kann.
Laptop auf, Notizen verstreut. Ich sitze da und versuche, die klinische Klarheit eines KI-Gesprächs in eine menschlichere Sprache zu übersetzen.
„Entschuldigung, ist dieser Platz frei?“
Ich blicke auf. Eine Frau, vielleicht Mitte 40, steht vor mir. Sie trägt etwas zwischen Wanderjacke und elegantem Blazer – einen Stil, den ich nicht wirklich einordnen kann.
„Ja, klar“, sage ich und mache auf dem Tisch ein wenig Platz.
Sie setzt sich, bestellt nichts. Stattdessen zieht sie ein altes, zerlesenes Buch aus ihrer Tasche. Mein Buch. Die gleiche Covergestaltung, nur abgegriffen, mit Eselsohren. Wie kann das sein?
„Sie sind der Autor“, stellt sie fest.
„Ja. Aber woher haben Sie das? Ich deute verblüfft auf mein Buch. „Das erscheint erst nächsten Monat.“
Sie lächelt. „In meinem Studium war es Pflichtlektüre. Wirtschaftsgeschichte des 21. Jahrhunderts. Das Kapitel über den Biber hat mir damals die Augen geöffnet.“
Brüderchen Eitelkeit hat zuallererst das Wort „Pflichtlektüre“ gehört. Das lenkt mich kurz ab. Dann fällt mir auf, dass sie von „damals“ in Bezug auf das Biber-Kapitel gesprochen hat. Außerdem hat sie das fertige Buch mitgebracht!? Ich entscheide mich für eine oscarreif vorgespielte Souveränität: „Das freut mich aber. Was hatten Sie gesagt, wann das war?“
„Mein Name ist Elena. Ich komme aus dem Jahr 2154.“ Sie sagt es so beiläufig, als würde sie über das Wetter plaudern, und blättert währenddessen in meinem Buch. „Wir nennen Ihre Zeit die ‚Große Schwellenphase‘. Jede und jeder wusste, dass sich alles ändert, aber niemand wusste genau wie.“
Ich starre sie an. Passiert mir das gerade? „Ich nehme an, Sie haben Beweise?“
Sie hält ihr zerlesenes Buch ein wenig höher. „Ich halte einen in der Hand. Erstausgabe! Dieses Exemplar ist 128 Jahre alt.“, Klappt es zu und legt es auf den Tisch. „Ihr Werk ist für uns, was Adam Smiths ‚Wohlstand der Nationen‘ für Sie ist – ein Zeitdokument, das erfasst, wie Menschen dachten, bevor sich alles änderte.“
Die Forscherin der Übergänge
„Warum sind Sie hier?“, frage ich, die Absurdität der Situation außer Acht lassend.
„Ich habe eine Frage, die in den Geschichtsbüchern unbeantwortet bleibt.“ Sie lehnt sich vor, ihre Neugier ist greifbar. Ein kleines Licht blinkt kurz an ihrer Schläfe – ein Implantat, das offensichtlich meine Körpersprache liest. Sie bemerkt meinen Blick und lächelt entschuldigend. „Sorry, affektives Feedback. Hilft mir, die emotionale Dimension zu erfassen, die in Archivdaten fehlt.“
Sie streicht, wie aus Gewohnheit, flüchtig über die Stelle. „Alle Daten zeigen den strukturellen Wandel“, fährt sie fort. „KI übernahm Routinearbeiten, neue Berufe entstanden. Aber was ich nicht verstehe: Wie fühlte es sich an? Diese tägliche Unsicherheit? Dieses Gefühl, dass das, was gestern noch wertvoll war, morgen schon obsolet sein könnte?“ Sie spricht nicht wie eine Prophetin, sondern wie eine Doktorandin, die eine Primärquelle interviewt.
„Es war … ist … beunruhigend“, gestehe ich. „Als würde der sichere Boden, auf dem ich gestern noch stand, langsam unter den Füßen wegbrechen.“
„Ah.“ Sie macht sich eine Notiz auf einem kleinen, eher unscheinbaren Tablet. Ihre Finger bewegen sich nicht – sie diktiert stumm, eine integrierte KI-Agentin transkribiert ihre Gedanken. „Das ist interessant“, sagt sie, ohne den Blick von ihrem Tablet zu wenden. „In unseren Simulationen modellieren wir leider nur die wirtschaftlichen Schocks, aber nicht diese existenzielle Erosion.“ Sie sieht auf. „Erzählen Sie mir vom Biber. Warum ein Tier, warum dieses?“
Langsam gewöhne ich mich an die Situation und sammle mich kurz. „Er handelt, ohne zu zögern. Die KI analysiert endlos, aber sie beginnt nicht von selbst.“
Elena nickt euphorisch. „Genau! Das ist einer der kritischen Punkte. In meiner Zeit ist der ‚Biber-Modus‘ ein anerkannter psychologischer Zustand – wir trainieren ihn sogar. Aber sein Ursprung …“, sie rudert mit der Hand, „war mir ein Rätsel. Bis ich Ihr Buch las.“

(Foto: PR/Vigalia Verlag)
Drei Domänen, ein Problem
Sie klappt ihr Tablet zu. „Wissen Sie, was nach der Großen Transition übrigblieb? Drei Arten von Arbeit.“ Sie zählt an ihren Fingern ab, als teile sie eine faszinierende Entdeckung mit.
„Als Erstes: Orchestrierung. Menschen, die KI, Teams und Ressourcen zusammenführen – wie Dirigenten, die selbst nicht jedes Instrument spielen.
Zweitens: Entscheidungsarbeit. Alles, wo es keine klaren Daten gibt. Ethik, Politik, strategische Abwägungen. Die KI kann Optionen liefern, aber nicht die letzte Verantwortung tragen.
Und drittens: Menschenarbeit. Alles, wo Menschen bewusst andere Menschen wollen. Therapie, komplexe Verhandlungen, tiefe Zusammenarbeit.“
„Das klingt … sinnvoll“, sage ich, „aber ziemlich unvollständig.“
„Wissen Sie, was zwischen Ihrer Zeit und meiner passierte?“, fragt sie in ernstem Ton.
„Die 2040er nannte man später die ‚Verlorene Dekade‘. Nicht wirtschaftlich – technisch ging alles voran. Aber eine ganze Generation fiel durch alle Raster.“ Nachdenklich sieht sie aus dem Fenster.
„Mein Ur-Ur-Großvater war einer davon. Automobilingenieur in Stuttgart. 2043 wurde seine Abteilung ‚augmented‘ – das heißt, KI übernahm 80 % der Aufgaben, er sollte die restlichen 20 % koordinieren. Er versuchte es zwei Jahre, dann kündigte er. Mit 52.“
„Was tat er dann?“
„Drei Jahre lang nichts. Die Umschulungsprogramme waren da, aber … wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn Ihr ganzes Selbstbild an einem Beruf hängt, den es nicht mehr gibt? Erst später fand er seine Leidenschaft – er züchtete alte Apfelsorten. Wurde richtig gut darin.“ Sie lächelt. „Aber diese drei Jahre haben ihn fast zerbrochen. Das größte Problem meiner Zeit ist nicht materiell“, fährt sie fort. „Es ist die Purpose-
Ungleichheit. Viele haben genug zu leben, aber nichts, wofür es sich zu leben lohnt. Die KI erledigt alles Effiziente. Was bleibt, sind die ineffizienten, aber bedeutungsvollen Fragen.“
Ich unterbreche sie. „Aber wie leben die Menschen? Womit verdienen sie Geld?“
„Geld! Das ist … kompliziert geworden.“ Sie lacht. „Es gibt drei Einkommensströme in meiner Zeit.
Der erste ist universelles Basiskapital. Jeder bekommt es, finanziert aus Automatisierungsgewinnen. Reicht zum Leben, nicht zum Luxus. Etwa so, als hätten alle in Ihrer Zeit eine kleine Wohnung und genug zu essen – garantiert.
Als Zweites gibt es projektbasiertes Einkommen. Sie arbeiten an etwas – Forschung, Kunst, Unternehmung – und wenn andere es wertvoll finden, bekommen Sie mehr. Wie Crowdfunding, aber systematischer.
Die dritte Einkommensquelle ist der interessante Teil, und zwar Reputationskapital. Wenn Sie in etwas außergewöhnlich gut sind, bekommen Sie Zugang zu Ressourcen, die Geld nicht kaufen kann: Labore, Kooperationspartner, Mentoren.“
„Klingt utopisch“, sage ich skeptisch.
„Nein.“ Ihre Stimme wird ganz klar.
„Es ist nicht utopisch. Etwa 15 % meiner Generation haben kein Glimmern mehr.
Sie leben vom Basiskapital, konsumieren KI-generierten Content, werden älter. Wir nennen sie die Gedrifteten.“ Sie hält kurz inne. „Sie sind nicht arm, auch nicht krank. Aber sie … existieren nur. Das ist unser größtes ungelöstes Problem. Der Sozialvertrag funktioniert für die meisten, aber für manche ist er eine furchtbar elegante Falle.“
„Entschuldigung, ‚Glimmern‘?“
„Glimmern. Wie erkläre ich das? Was dich morgens weckt, nicht weil du musst, sondern weil du willst. Deine positive Unruhe. Bei euch heißt das Leidenschaft, Berufung und ist auch mal negativ besetzt – Obsession, Zwang. Bei uns ist es das Wertvollste: das Glimmern, aus dem alles entsteht.“
‚Glimmern‘ als Rettung
„Und wie helfen Sie diesen Menschen?“
„Indem wir lernen, was Ihre Meister wussten.“ Sie zeigt auf mein Buch. „Leonardos intensive Neugier. Cranachs Talent, Systeme zu bauen. Curies Intuition gegen alle Daten. Aber vor allem lernen wir vom Biber!“
„Vom Biber?“, echoe ich.
„Sein Wert liegt im Anfangen. Im Commitment. In meiner Zeit ist das die seltenste Ressource geworden. Wenn alles simuliert, optimiert, vorhergesagt werden kann – wer traut sich noch, ohne perfekten Plan zu beginnen?“
Ihr Tablet vibriert leise. Sie macht es kurz auf – eine agentische KI hat ihre Forschungshypothese bereits mit historischen Daten abgeglichen und drei neue Untersuchungspfade vorgeschlagen. Sie wischt die Benachrichtigung weg. „Später.“
Elena mustert mich. „Ihr Buch stellt die Frage: Was macht uns wertvoll? 2154 lautet die Antwort: die bewusste Wahl der persönlichen Leidenschaft. Was erzeugt dein Glimmern? Die KI kann alles, außer leidenschaftlich sein. Sie kann alles, außer sich für eine Sache zu entscheiden, die irrational, persönlich und nicht vollständig optimierbar ist.“
„Das ist der Rat, den Sie uns mitbringen? Werden Sie leidenschaftlich?“
Sie schüttelt den Kopf. „Das ist keine Anleitung. Das ist eine Beobachtung. Die Menschen, die in meiner Zeit am meisten bewirken, sind die Myzel-Netzwerker, die System-Gärtner, die ethischen Architekten – und sie alle haben ihr eigenes Glimmern.“
Ihre nächste Frage kommt etwas zögerlich: „Was ist Ihres?“
In der Tat, sie trifft mich unvorbereitet. „Ich … ich schreibe dieses Buch.“
„Warum?“
„Weil ich Antworten suche.“
„Und wenn Sie sie bekämen?“ Sie lächelt sehr nett. „Würden Sie aufhören?“
Ich verstehe. „Nein. Dann würde ich das nächste Buch schreiben.“
„Dann sind Sie bereits auf dem Weg.“ Sie schaut mich ermutigend an und steht dann unvermittelt auf. „Ich muss zurück. Meine Forschung wartet.“
„Haben Sie einen letzten Rat für mich?“, frage ich und fasse ihren Arm.
„Nun! Nehmen Sie den Biber ernst. Und den Pilz. Sie sind keine Metaphern – sie sind Blaupausen.“
Sie zögert und zum ersten Mal wirkt sie verlegen. „Und … kürzen Sie vielleicht das eine oder andere Kapitel. Meine Studierenden sind nur kürzere Abschnitte gewohnt, fanden es teils etwas langatmig.“
„Ihre Studierenden kritisieren mein Buch?“, frage ich gespielt empört.
„Nun ja.“ Sie lächelt schuldbewusst. „Eine gab Ihnen auf der Plattform drei von fünf Sternen. Kommentar: „Wichtig, aber zu viele Wiederholungen.“‘ Die KI schlug übrigens vor, alles außer den Interviews zu streichen und durch ein interaktives Simulationsmodul zu ersetzen.“
„Und? Haben Sie es implementiert?“
„Himmel hilf, nein! Das wäre Blasphemie.“ Jetzt wiegt sie ihren Kopf. „Obwohl ich zugeben muss, das Simulationsmodul war schon ziemlich gut.“
Ihr Zeitfenster schließt sich. Die Transition-AGI hat ihre Rückkehr optimiert, die temporale Varianz minimiert.
„Warten Sie!“, höre ich mich in einer Art Übersprungshandlung rufen. „Sie kommen aus der Zukunft. Sie könnten mir Lottozahlen geben, Aktienkurse … was auch immer!“
Sie grinst mich breit an. „Glauben Sie, das hätte ich nicht auch versucht? Beim ersten Mal kaufte ich Bitcoin. Massenhaft. Ich kam zurück, überprüfte die Timeline – und in der Version, wo ich Bitcoin gekauft hatte, crashte Bitcoin drei Jahre früher wegen regulatorischer Panik. Temporale Paradoxien sind furchtbar überschätzt. Sie sind hauptsächlich eins: ärgerlich.“
„Also keine Abkürzungen?“
„Keine Abkürzungen.“ Sie zwinkert. „Aber wenn Sie zufällig 2028 in nachhaltige Pilzzucht-Startups investieren wollen … rein hypothetisch gesprochen …“
Und dann ist sie weg. Erstaunlich.
Ich starre auf den Bildschirm meines Laptops – auf mein eigenes, noch unveröffentlichtes Buch, das in einer fernen Zukunft Studierende lesen werden. Als Dokument einer Zeit, in der wir alle noch suchten.
Auf dem Tisch liegt noch ihr Tablet. Sie hat es vergessen. Oder absichtlich liegengelassen? Ich klappe es langsam auf und lese:
Forschungsnotiz: Die Wertschöpfung der Zukunft beginnt nicht mit Optimierung, sondern mit der Wahl des richtigen, sinnvollen Widerstands.
Frage an Autor: Was ist Ihr Widerstand?
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