Studie: Die meisten Unternehmen dulden toxische Führungskräfte – statt sie zu feuern

Bad-Bosses-Report: Mitarbeiter gehen, schlechte Chefs bleiben

Eine neue Umfrage zeigt, dass sich nichts gebessert hat – egal, wie viel darüber in der Presse oder der Fachliteratur geschrieben wird. Der Bestseller-Autor in Sachen Management, Reinhard Sprenger, hat es mindestens seit 20 Jahren medienwirksam verkündet: Mitarbeiter verlassen nie ihr Unternehmen, sie verlassen ihren Vorgesetzten.

 

(Foto: C.Tödtmann)

Hat das irgendwie gewirkt? Anscheinend nicht. Das belegt eine aktuelle, europaweite  Umfrage von LiveCareer, einer Plattform für Karriereberatung unter Berufstätigen, über geschäftliche und persönliche Kosten toxischer Führung. Dieser Bad-Bosses-Report zeigt einen „systemischen Mangel an Verantwortlichkeit, bei dem schlechtes Management oft toleriert oder sogar belohnt wird“. Mit der Folge: Inkompetente Führung führt zur Abwanderung von Talenten. 60 Prozent der befragten Arbeitnehmer sagten, dass sie wegen schlechter Vorgesetzter entweder gekündigt oder deshalb ernsthaft über einen Wechsel in ein anderes Unternehmen nachgedacht haben.

Toxisches Führungsverhalten ist die Norm, so die Studie: Über drei Viertel (76 Prozent) der Mitarbeiter sind davon überzeugt, dass schlechte Vorgesetzte an heutigen Arbeitsplätzen weitverbreitet – oder sogar unvermeidbar – sind.

Deren Karriere schadet das jedoch nicht. Knapp jede zweite toxische Führungskraft wird trotz ihrer mangelnden Führungsqualitäten befördert oder bleibt ohne Konsequenzen im Amt.

Unbelehrbare Führungskräfte

Erstaunlich ist auch deren geringe Lernfähigkeit. Nur sechs Prozent bessern sich tatsächlich nach Coachings.

66 Prozent der Angestellten denken, dass Unternehmen einen leistungsstarken, aber toxischen Vorgesetzten wahrscheinlich tolerieren. Solange ein Vorgesetzter gute Zahlen abliefert, darf er seine Mitarbeiter schlecht behandeln.

Und das bleibt auch so, weil 54 Prozent der Mitarbeiter sich gar nicht trauen, Probleme
an die Personalabteilung weiterzuleiten – es erscheint ihnen zu riskant oder gefährlich für ihre Karriere.

Dass toxisches Führungsverhalten weitverbreitet ist, darüber herrscht – so die Studie –
jedoch weitgehende Einigkeit. Selbst wer gute Erfahrungen mit Führungskräften gemacht hat, erkennt laut der Studie, dass und wie oft schlechte Manager ungehindert ihr Unwesen treiben. 73 Prozent der Mitarbeiter halten schlechte Führungskräfte oft für ein Problem.

 

Lieblinge bevorzugen, demütigen, Verantwortung ausweichen

Im Detail: Mitarbeiter sehen an Vorgesetzten eher mangelnde Integrität als nur mangelnde fachliche Kompetenz. Was die Mitarbeiter persönlich von einer Führungskraft erlebt haben:

  • Dass sie Lieblinge bevorzugen (36 Prozent),
  • sich die Erfolge anderer aneignen (30 Prozent),
  • Erwartungen mitten im Prozess ändern (26 Prozent),
  • der Verantwortung ausweichen (20 Prozent),
  • jedes Detail kontrollieren (19 Prozent),
  • Burnout ignorieren (19 Prozent),
  • Menschen öffentlich demütigen (18 Prozent),
  • keine Ahnung haben, was sie tun (18 Prozent)
  • alles mit höchster Dringlichkeit behandeln (16 Prozent)
  • eine feindselige oder unsichere Atmosphäre schaffen (15 Prozent).

Damit nicht genug: All diese Defizite haben einen Schneeball-Effekt auf Teams und Leistung, sie lösen „eine Kettenreaktion aus, die die Teamdynamik und die Geschäftsergebnisse nach und nach beeinträchtigt. Was als Konflikt im Team beginnt, kann zu Desinteresse, Burnout und schließlich zum Verfehlen von Zielen führen“, so die Studie.

Die weiteren Folgen schlechter Führung:

● Konflikte und Spannungen im Team 52 Prozent
● Mitarbeiterabgänge (hohe Fluktuation) 41 Prozent
● Schlechte Leistung und verfehlte Ziele – 35 Prozent
● Verschlechterung der psychischen Gesundheit (Stress/Angst) 34 Prozent
● Geringes Vertrauen und geringe psychologische Sicherheit 33 Prozent
● Demotivation 30 Prozent
● Burnout und Erschöpfung 27 Prozent
● Stagnation der Karriere / Stillstand in der persönlichen Entwicklung 22 Prozent

Die Studie hat ebenfalls erfragt, was Führungskräfte an ihrem Verhalten nach einem Coaching oder Schulungen ändern:

● Sie werden trotzdem befördert (26 Prozent)
● Sie werden in eine andere Position versetzt (22 Prozent)
● Es ändert sich nichts, sie bleiben an ihrem Platz (22 Prozent)
● Sie verlassen das Unternehmen schließlich von sich aus (15 Prozent)
● Sie werden entlassen (9 Prozent)
● Sie verbessern sich (durch Coaching/Schulungen/Verwarnungen) (6 Prozent)

Die Kernfrage lautet: Wie wahrscheinlich reagieren Unternehmen auf toxische Führungskräfte? 66 Prozent der Mitarbeiter glauben, dass ein leistungsstarker,
aber toxischer Manager am Arbeitsplatz toleriert wird. Nur 34 Prozent halten das für unwahrscheinlich.

Das Fazit: „Schlechtes Management ist nicht mehr nur ein zwischenmenschliches Problem, sondern ein gravierendes Versagen auf betrieblicher Ebene“, sagt Jasmine Escalera, Karriereexpertin bei LiveCareer. Und weiter: „Wenn Unternehmen solche
Verhaltensweisen tolerieren, entscheiden sie sich aktiv dafür, die psychische Gesundheit, das Vertrauen und die langfristige Bindung ihrer Mitarbeiter zu opfern.“

 

 

 

 

 

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