Gastbeitrag von Frank Dopheide, Gründer von Human Unlimited, Ex-CEO von Handelsblatt Group und der Werbeagentur Grey, über den Werkstolz, der übersehen und verkannt wurde. Mit schwerwiegenden Folgen. Weil Werkstolz tatsächlich ein Wirtschaftsfaktor ist.
Weil es selbst für Bürobewohner einen Unterschied macht, ob sie ein eigenes Zimmer mit Namensschild außen dran haben und eine Visitenkarte von der Firma mit ihrem Namen und ihrer Funktion drauf. Manche hatten sogar einen Stellplatz auf dem Firmenparkplatz in der Firma mit ihrem Namen. Wer das verliert, verliert Bindung, Ehrgeiz und Verantwortlichkeit.

Frank Dopheide (Foto: C.Tödtmann)
Werkstolz steigert Umsatz und lässt die Brust schwellen
Unser Handwerksmeister Jacek liebt seinen Job. Das ist nicht zu übersehen. Sein Handy ist randvoll mit Fotos frisch verbauter Duschtassen, Einbauküchen, Wintergärten. Jeder bekommt sie zu sehen, ob er will oder nicht. Das ist Werkstolz: die Freude über die geleistete Arbeit und das erzielte Ergebnis. Er lässt die Brust schwellen und die Umsätze steigen. Nachweislich.
Mit Werkstolz wurde das Wirtschaftswunder gestemmt, im Großen wie im Kleinen
Man krempelte die Ärmel hoch und schuf aus Schrauben, Dübeln, Zündkerzen Milliardenunternehmen. Das Herzstück des Unternehmens war die Produktionshalle, am Empfang hing die Luftaufnahme des Firmengeländes und jeder Konferenzraum war mit Produktfotos ausstaffiert. Der Werkstolz war an allen Ecken und Enden spürbar. Offensichtlich war das sehr deutsch, denn andere Sprachen kennen das Wort Werkstolz nicht. Er verleiht Flügel und schafft Identifikation. Damit geht eine Menge.
Vor Jahren war ich bei Porsche in Stuttgart eingeladen, um im Museum einen Vortrag zu halten. Ich saß an einem wackeligen Tisch und bat einen Mitarbeiter um einen Bierdeckel. Er würdigte mich keines Blickes, erschien jedoch zwei Minuten später mit einem Schraubenzieher und ließ mich wissen: „Bei Porsche arbeiten wir nicht mit Bierdeckeln“ und er löste das Problem auf professionelle Art.
Ein Stolz, die uns fremd wurde – weil man heute lieber den Ball flach hält
Selbst die Wiedervereinigung ist zum Staatsakt geworden, unsere Freude über diese historisch einzigartige Leistung kaum noch spürbar. Die Geschichte hat uns gelehrt, den Ball lieber flachzuhalten. Wir können es aber auch einen kulturellen Wettbewerbsnachteil nennen. Bescheidenheit kann schnell Sympathien gewinnen und langfristig zur Selbstverzwergung führen.
Werkstolz wirkt leistungssteigernd
Er erhöht die Identifikation, die Resilienz, das proaktive Handeln, den Mannschaftsgeist und die Einsatzfreude. Auch im Sport und in der Gesellschaft: „Mia san Mia“ sagen die Bayern voller Inbrust und hängen in der Bildung, der Wirtschaft, als Technologiestandort und in der Bundesliga ihre Gegenspieler ab.
„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“, lautet ein deutsches Sprichwort, das niemand mehr hören will. Zurückhaltung ist angesagt. Deutschlands Hidden Champions haben es sogar zum Kulturgut erhoben, oder wie mir einer der großen Unternehmer dieses Landes sagte: „Ein Westfale ist nicht stolz“. Das ist ein Fehler, auch unternehmerisch.
Was nicht gefeiert wird, wird nicht verstärkt
Der Werkstolz geriet ins Hintertreffen, während die Zahlen weiter in den Vordergrund rückten. Der morgendliche Blick in die Exceltabelle hat den Gang durch die Produktion ersetzt. Durch Silodenke und Homeoffice sehen immer weniger Mitarbeiter das Ergebnis aller Bemühungen, der Stolz löst sich still und leise auf. Einsparrunden und Jobabbau beschleunigen den Prozess. Und so haben die Unternehmen im Laufe der Jahre Strahl- und Identifikationskraft eingebüßt.
Lufthansa als Paradebeispiel – aber nicht als Vorbild
Einst war sie Deutschlands ganzer Stolz, weltweites Aushängeschild für Qualität und Sicherheit. Dann änderte die Airline aus Kostengründen den Kurs, gründete Submarken und lagerte Mitarbeiter aus. Das Logo verabschiedete sich von den meisten Flughäfen und aus dem Bewusstsein. Jeder Euro wurde umgedreht und das Bordpersonal seither zum Verkauf von Schokoriegeln und Kaffee genötigt. Das zeigt Wirkung. Das Unternehmen feiert diese Tage 100 Jahre Lufthansa, während die Mitarbeiter demonstrieren und Schilder mit ausgepressten Zitronen in die Fernsehkameras halten.
Und das ist kein Sonderfall. Beim „Daimler schaffen“ ist keine Lebensaufgabe mehr, sondern ein Job wie jeder andere. Porsche, Volkswagen, Bayer, Deutsche Bank, Thyssenkrupp, Bosch, Karstadt, Kaufhof und, und, und – wohin wir auch blicken, der Werksstolz befindet sich im Sinkflug.
Die gute Nachricht aber ist: Werkstolz lässt sich beflügeln – vom Chef
Der Funke muss von oben gezündet werden und überspringen. Nur Reden allein hilft nicht. Es braucht sechs Energien, um ihn lebendig zu halten. Die Sinnhaftigkeit des täglichen Tuns. Vielfalt und Abwechslung. Eine ganzheitliche und umfassende Aufgabe im Team mit anderen. Entscheidungs- und Bewegungsfreiheit, um zum vereinbarten Ziel zu gelangen. Eine schnelle und persönliche Rückmeldung zur persönlichen Leistung und das sichtbare Freuen und Feiern in der Gemeinschaft. Manager sollten dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter Stolz sehen und spüren. Werkstolz wirkt wie die S-Taste im Fahrzeug. Er bringt Menschen und Unternehmen in den Sportmodus und sorgt unmittelbar für mehr Energie und Tempo.
Künstliche Intelligenz kennt nur Dienst nach Vorschrift – die S-Taste aber nicht.
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