Buchauszug Brigitte Waffenschmidt und Joachim Gutmann: „Frauen führen. Erfolgreiche Nachfolge in Familienunternehmen“

Buchauszug Brigitte Waffenschmidt und Joachim Gutmann (Hrsg.): „Frauen führen. Erfolgreiche Nachfolge in Familienunternehmen“

 

(Foto: PR / Haufe Verlag)

 

Mutter und Tochter, Chefin und Mitarbeiterin, Geschäftspartnerinnen, Nachfolgerin: vier Rollen – zwei Frauen

Ingrid Hofmann, Sonja Heinrich

 

In einem ausführlichen Gespräch unterhalten sich Ingrid Hofmann (Mutter), geschäftsführende Alleingesellschafterin der I. K. Hofmann GmbH, und Sonja Heinrich (Tochter), Prokuristin und Mitglied des Executive Committee der I. K. Hofmann GmbH, über die Führung eines Familienunternehmens, über Frauen in Führungspositionen und wie die Übergabe an die nächste Generation bei Hofmann Personal vonstattengehen wird.

 

Die Karriere der Mutter

Ingrid Hofmann: Sonja, wenn wir heute über die Führung unseres Familienunternehmens und die Übergabe an die nächste Generation sprechen, also an dich, dann lass uns doch mit der Gründung der I. K. Hofmann GmbH vor über 40 Jahren beginnen. Wusstest du, dass ich eigentlich einen ganz anderen beruflichen Wunschtraum hatte?

Sonja Heinrich: Natürlich weiß ich das. Du erzählst diese Geschichte so oft! Aber ich höre sie trotzdem immer noch gerne. Ursprünglich wolltest du eigentlich nach Südafrika, richtig?

Ingrid Hofmann: Genau. Schon im Alter ab 12 Jahren hatte ich den Wunsch, nach Südafrika zu gehen und dort auf einer Plantage im Management zu arbeiten. Das Fenster zur Welt waren damals Brieffreundschaften. Soziale Medien oder Ähnliches gab es ja noch lange nicht. Ich hatte einen Brieffreund in Südafrika, der mir in seinen Luftpostbriefen immer sehr anschaulich von dem Land erzählt hat. Da ist in mir der Traum gewachsen, dort einmal leben und arbeiten zu wollen.

Um diesen Traum zu verwirklichen, habe ich dann ganz strategisch eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau in einem Unternehmen begonnen, das im Blumenimport tätig war und mir versprochen hatte, mich nach meiner Ausbildung nach Südafrika zu entsenden. So kam ich auch mit Orchideen in Berührung, die ich bis heute liebe und ja auch selbst züchte. Wie Du ja weißt, habe ich überall weiße Orchideen – im Büro und daheim.

Sonja Heinrich: Aber die Apartheid hat dir dann einen Strich durch die Rechnung gemacht, oder?

Ingrid Hofmann: Ja, leider. Als ich mit meiner Ausbildung fertig war und eigentlich nach Südafrika gehen sollte, brachen die Apartheidsaufstände aus. Dass eine weiße Frau im Management auf einer Plantage arbeitet, war zu dieser Zeit undenkbar. Ich musste mich also umorientieren.

Sonja Heinrich: Und wie bist du dann zur Personaldienstleistung gekommen?

Ingrid Hofmann: Ich blieb erst mal noch etwa zwei Jahre in dem Unternehmen, in dem ich meine Ausbildung gemacht hatte. Da das mit Südafrika nicht geklappt hatte, durfte ich mir sogar aussuchen, in welcher Abteilung ich starten wollte. Während meiner Ausbildung hatte ich alle Abteilungen durchlaufen und wusste daher schon, dass mir die Arbeit mit Menschen sehr viel Spaß macht. Deshalb entschied ich mich für die Personalabteilung.

Dort lernte ich das Handwerk von der Pike auf – von der Einstellung bis zur Kündigung. Ich erkannte schon damals, dass ich meine wahre Berufung gefunden hatte. Aber auch, dass ich auf jeden Fall Karriere machen und ins Management eines Unternehmens aufsteigen wollte.

Ingrid Hofmann, geschäftsführende Alleingesellschafterin der I. K. Hofmann GmbH (Foto: PR / Privat)

 

Sonja Heinrich: Der erste Schritt in Richtung Hofmann Personal!

Ingrid Hofmann: In gewisser Weise schon. Als ich das Gefühl hatte, ich kann in meinem Ausbildungsunternehmen in Nürnberg nichts mehr lernen, bin ich zu einem Personaldienstleister gegangen und habe dort diese Branche sehr intensiv kennengelernt. Allerdings hat es mit der Karriere, die ich vorhatte, dort nicht so schnell funktioniert, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Sonja Heinrich: Ja, ich weiß. Frauen im Management waren damals noch nicht so verbreitet.

Ingrid Hofmann: Richtig. Ich war bei einem Schweizer Personaldienstleister beschäftigt. Die Herren dort waren noch sehr konservativ. In der Schweiz hatten ja in den 80er Jahren die Frauen noch nicht einmal in allen Kantonen das Wahlrecht. Frauen im Management waren also überhaupt nicht diskutabel – obwohl sich mein Chef in Deutschland wirklich redlich bemühte, für mich eine Beförderung zu erwirken. Aber ohne Erfolg. Er sagte immer, ich müsse noch etwas geduldig sein und abwarten, bis die Schweizer auch Frauen im Management akzeptierten.

Sonja Heinrich: Wenn man das aus heutiger Sicht betrachtet… wirklich unglaublich! Das ist ja noch nicht mal 50 Jahre her.

 

Sonja Heinrich, Prokuristin und Mitglied des Executive Committee, I. K. Hofmann (Foto: PR/Privat)

Die Gründung des eigenen Unternehmens

Ingrid Hofmann: Du kennst mich ja. Ich kann schon mal ungeduldig werden, wenn meine Pläne behindert werden. Ich hatte aber auch keine Lust, die gefühlte »gläserne Decke« möglicherweise auch in anderen Unternehmen in Deutschland erleben zu müssen. Also habe ich beschlossen, mich selbstständig zu machen, obwohl dies vorher nie ein Thema für mich war.

Sonja Heinrich: Eine mutige Entscheidung! Die Personaldienstleistungsbranche war damals ja noch sehr neu. Und dann als Frau. Da hast du sicherlich viele Widerstände überwinden müssen.

Ingrid Hofmann: Ich war natürlich in fast allen Gesprächen und Verhandlungen immer die einzige Frau. Aber ich habe das damals gar nicht als so schwierig empfunden, obwohl der Schwerpunkt meiner Dienstleistung ja die Überlassung von gewerblich/technischem Personal war und meine Ansprechpartner Geschäftsführer, Werksleiter und Meister waren, also immer Männer.

Im Nachhinein betrachtet, haben mich vermutlich meine Begeisterung für Technik, meine Vorliebe für schnelle Autos und meine Liebe zum Fußball manche Hürden einfacher nehmen lassen. Wobei ich betonen möchte, dass ich mir im Verhalten immer treu geblieben bin.

Natürlich wurde meine Fachkompetenz von meinen Ansprechpartnern immer auf den Prüfstand gestellt. Was letztendlich zählte, war die passgenaue Personalauswahl entsprechend den Anforderungen der Kunden. Letztendlich waren es die Qualität und Zuverlässigkeit der ausgewählten Mitarbeitenden und Facharbeitenden, die mich zur geschätzten Ansprechpartnerin von Industrie-, Handwerks- und Dienstleistungsunternehmen machten und das Wachstum des Unternehmens ermöglichten.

Sonja Heinrich: Ich finde es immer wieder beeindruckend, was du alles erreicht hast. Und vier Jahre, nachdem du die Firma gegründet hattest, kam ja ich schon auf die Welt. Wie hast du es eigentlich geschafft, dann deine Karriere, die Firma, meinen Vater und mich unter einen Hut zu bringen?

Ingrid Hofmann: Die Firma war zu dieser Zeit ja noch recht klein. Außerdem bin ich etwas naiv ans Kinderkriegen herangegangen. Ich hatte die illusorische Annahme, dass Babys ja sowieso den ganzen Tag schlafen. Da dachte ich, ich kann problemlos von zu Hause aus arbeiten.

Sonja Heinrich: So war ich dann wohl nicht.

Ingrid Hofmann: Überhaupt nicht! Du wolltest zwölf Stunden am Tag bespaßt werden. Außerdem habe ich sehr schnell gemerkt, dass es für mein damals kleines Team nicht gut ist, wenn ich überhaupt nicht in der Firma bin. Da musste ich mir etwas anderes überlegen. Ich habe dich dann einfach mit ins Büro genommen und dort ein Kinderzimmer eingerichtet.

Sonja Heinrich: Und was haben deine Mitarbeitenden dazu gesagt?

Ingrid Hofmann: Zuerst hatte ich schon Bedenken, dass Kolleginnen oder Kollegen deswegen kündigen könnten. Das war dann aber gar nicht so. Im Gegenteil, die fanden das irgendwie auch schön, so einen kleinen Zwerg da zu haben. Und sie haben dich dann auch immer ein bisschen mitbespaßt. Das hat mir gezeigt, dass man mit etwas Kreativität Mutter sein und gleichzeitig Karriere machen kann.

Als du dann krabbeln konntest, musste ich mir trotzdem etwas anderes überlegen. Da wurde es im Büro wegen eventueller Büro- oder Heftklammern auf dem Fußboden zu gefährlich. Da haben wir dann für dich eine tolle Tagesmutter bekommen, die noch selbst zwei Töchter und eine Pflegetochter hatte.

Sonja Heinrich: Aber wichtig ist natürlich, dass das Umfeld diese Vereinbarkeit ermöglicht. Diese Erfahrung hat dich dann ja auch geprägt. Du hast immer sehr viel Wert darauf gelegt, Frauen einzustellen und zu fördern, ihnen eine Karriere zu ermöglichen, auch wenn sie gleichzeitig eine Familie haben wollten. Wolltest du nicht sogar am Anfang nur Frauen in deiner Firma einstellen?

Ingrid Hofmann: Das stimmt, ich wollte ursprünglich eine Firma nur mit Frauen gründen. Das habe ich ungefähr ein Dreivierteljahr durchgehalten, dann habe ich aber zugeben müssen, dass man zum einen nicht immer für jede offene Stelle eine entsprechend qualifizierte Frau findet.

Zum anderen habe ich auch gelernt, dass diverse Teams, die aus verschiedenen Geschlechtern, Altersgruppen, kulturellen Hintergründen und den unterschiedlichsten Lebenserfahrungen bestehen, entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens sind. Aber die Förderung von Frauen habe ich bis heute beibehalten.

Sonja Heinrich: Eine Kollegin in Nürnberg hast du zur Niederlassungsleiterin befördert, kurz nachdem sie ihren Sohn bekommen hatte. Sie hat den Kleinen dann auch oft mit ins Büro gebracht, wenn sie keine Betreuung für ihn hatte. Da saß er dann zwischen Legosteinen und war glücklich. Und nach der Schule kam er oft zum Hausaufgabenmachen in die Niederlassung.

Ingrid Hofmann: Ja, so gibt es viele Beispiele – auch solche, wo auch inzwischen die Söhne und Töchter sogar im Unternehmen arbeiten. Wir sind eben ein Familienunternehmen. Und es waren schon immer die Frauen besonders engagiert und erfolgreich, denen man ermöglicht hat, die familiäre Situation mit dem Job in Einklang zu bringen.

 

Frauen in Führungspositionen

Sonja Heinrich: Frauen sollten aber auch nicht nur deswegen gefördert werden, weil sie Frauen sind. Es tut einer Organisation oder einem Unternehmen einfach gut, wenn es dort viele Frauen gibt, gerade auch in Führungspositionen.

Ingrid Hofmann: Auf jeden Fall. Frauen pflegen oft einen kooperativen und partizipativen Führungsstil, der Teamarbeit und offene Kommunikation fördert.

Sonja Heinrich: Ihnen wird auch eine höhere emotionale Intelligenz zugeschrieben. Dadurch sind sie in der Lage, die Emotionen ihrer Mitarbeitenden besser zu verstehen und darauf einzugehen. Das führt zu einer harmonischeren und respektvolleren Arbeitsatmosphäre. Und Frauen sind oft flexibler und anpassungsfähiger.

Ingrid Hofmann: Frauen, die Kinder erziehen und in ihrem Job Karriere machen, arbeiten sehr diszipliniert, effektiv und konzentriert. Das habe ich an mir festgestellt, als du klein warst, aber auch an vielen anderen arbeitenden Müttern. Außerdem sind das meistens sehr zufriedene Mitarbeiterinnen, weil sie alle Bereiche, die sie zum Glücklichsein brauchen, in ihrem Leben vereinen können.

Sonja Heinrich: Unsere Führungskräfte sind fast zur Hälfte weiblich und in der Geschäftsleitung sind wir ja zu 100 Prozent Frauen – nämlich wir beide.

Und was die Gleichberechtigung im Beruf generell angeht: Ich glaube, da können auch gerade mittelständische Unternehmen viel tun, um sie noch stärker durchzusetzen. Dazu gehört auch, dass die Männer mehr Aufgaben im Haushalt und in der Kinderbetreuung übernehmen und karrieremäßig auch mal langsamer treten, wenn es die Familiensituation erfordert. Hier setzen inzwischen auch immer mehr junge Männer ihre diesbezüglichen Wünsche in den Unternehmen um.

Ingrid Hofmann: Ja, da müssen auch die Frauen zu Hause sich noch weiter emanzipieren und von ihren Männern die Partizipation im Haushalt und bei der Kindererziehung noch stärker einfordern und nicht sofort in alte Rollenbilder zurückfallen, sobald sie schwanger sind.

Aber jetzt lass uns doch mal über deine Geschichte sprechen und wie du den Weg in unser Familienunternehmen gefunden hast.

Die Karriere der Tochter

Ingrid Hofmann: Am Ende deiner Schulzeit hast du ja mit deinen Freunden beschlossen, in London BWL zu studieren. Wie bist du damals darauf gekommen? Da hattest du ja eigentlich noch nicht die Absicht, irgendwann bei Hofmann Personal einzusteigen?

Sonja Heinrich: Nein. Damals war das für mich alles total weit weg. Die Sache mit dem Studium war eher so eine Nacht-und-Nebel-Aktion. Wir fanden es irgendwie cool, zusammen in London zu studieren. Und dass ich Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Unternehmensführung auf Spanisch studieren wollte, fand ich zu dem Zeitpunkt einfach praktisch. Beim Spanisch hatte ich vor allem im Hinterkopf, dass ich dann ja auch noch ein Auslandsjahr in Spanien integrieren könnte.

Ingrid Hofmann: Ich erinnere mich. San Sebastian sollte es sein. Dein Vater und ich haben diese Entscheidung natürlich von außen beobachtet. Und als du eines Tages nach Hause gekommen bist und gefragt hast, ob du mal meine Bilanzen sehen könntest, musste ich innerlich schon schmunzeln. Aber wir haben dadurch auch gesehen, dass du dich für die Firma interessierst. Das hat mir schon gefallen.

Übrigens fand ich es durchaus für mich befremdlich, dass man dich in deinem Masterstudium so viel über die Risiken des Unternehmertums gelehrt hat. Ich weiß nicht, ob ich mich selbstständig gemacht hätte, wenn ich alle Risiken gewusst hätte, die mich im Laufe der Jahre so erwarteten. Aber zurück zu deiner Sichtweise auf das Unternehmen Hofmann.

Sonja Heinrich: Das Unternehmen war für mich durchaus immer präsent. Das war mein »Geschwisterchen«, das mit mir zusammen aufgewachsen ist. Da war es schon logisch, dass ich mich irgendwann auch für die Basis interessiert habe, vor allem bei dem Studiengang, den ich im Masterstudium gewählt hatte: Internationale Familienunternehmen.

Ingrid Hofmann: Das stimmt natürlich. Ich finde es immer noch lustig, dass du die Firma immer als Geschwisterchen bezeichnest, das mit dir zusammen groß wird. Aber irgendwie stimmt es natürlich.

Sonja Heinrich: Und das Beste ist, dass du uns beide mit den gleichen Werten erzogen hast. Sowohl mich als auch die Firma. Dadurch fühlt es sich jetzt auch so richtig an, im Unternehmen zu arbeiten. Die Werte, mit denen ich aufgewachsen bin und die dadurch für mich natürlich auch wichtig sind, sind im Unternehmen genauso vorhanden. Das macht es für mich zu einem sehr angenehmen, sehr familiären Umfeld.

Wobei ich sagen muss, dass ich dich lange Zeit gar nicht als Unternehmerin gesehen habe. Du warst einfach meine Mutter. Besonders im Kindergarten und Grundschule habe ich immer empfunden, dass du schicker angezogen warst als die meisten Mütter meiner Schulkollegen.

Mutter und Tochter – Chefin und Mitarbeiterin

Ingrid Hofmann: Und deine Mutter, dass bin ich ja in erster Linie immer noch!

Sonja Heinrich: Natürlich! Aber inzwischen bist du eben auch meine Chefin und Geschäftspartnerin.

Ingrid Hofmann: Stimmt. Aber ich finde, wir kriegen das ganz gut hin, zwischen diesen Rollen zu wechseln.

Sonja Heinrich: Da hast du recht. Als ich in die Firma eingestiegen bin, war es für mich sehr wichtig, dass ich das ganz klar und auch für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trenne. Stell dir vor, ich sitze in einem Meeting und sage zum Schluss: »Das muss ich jetzt noch mit meiner Mutter besprechen.« Das ginge gar nicht. Aber wenn ich sage: »So, damit gehen wir jetzt noch zur Chefin und sprechen das durch.« Das ist eine ganz andere Basis.

Ingrid Hofmann: Wann hast du eigentlich angefangen, das Unternehmen wirklich zu verstehen? Also nicht nur, was wir machen, sondern auch, wie groß die Firma eigentlich ist?

Sonja Heinrich: Ich glaube, das war so in meiner Jugendzeit. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass das nicht nur »Mamas Firma« ist, sondern dass das etwas ganz schön Großes ist, das einem auch eine Menge Verantwortung vermittelt.

Ingrid Hofmann: Du hast dich aber nie dazu gedrängt gefühlt, irgendwann das Unternehmen übernehmen zu müssen, oder?

Sonja: Nein, überhaupt nicht. Ihr habt beide nie vermittelt, dass ich irgendwann in eure Fußstapfen treten, die Firma übernehmen oder auch nur in der gleichen Branche arbeiten müsste. Ich war immer frei in meinen Entscheidungen, was ich gerne machen möchte.

Und das finde ich im Rückblick auch sehr wertvoll. Ich glaube, ihr hättet es auch akzeptiert, wenn ich eine künstlerische Karriere eingeschlagen hätte. In der Schulzeit, als ich nebenbei Gesangs-, Ballett- und Klavierunterricht genommen habe und zu Castings gehen wollte, sah es ja auch danach aus.

Ingrid Hofmann: Aber du hast ja auch schon sehr früh deutlich gemacht, dass du deine Entscheidungen selbst treffen möchtest. Das fand ich übrigens absolut richtig. Ich habe mich ja genauso verhalten, als ich jung war, und habe meinen Eltern sehr früh klargemacht, dass ich nicht ihren Bauernhof übernehmen, sondern stattdessen nach Südafrika auswandern würde.

Sonja Heinrich: Aber als ich mit dem Masterstudium fertig war, hast du schon in den Startlöchern gestanden und wolltest mir über deine vielen guten Kontakte einen tollen Job in einer renommierten Firma besorgen. Wie du übrigens auch immer alle im Umfeld, Freundeskreis, Verwandtschaft mit Jobs versorgt hast.

Ingrid Hofmann: Was du dann ja vehement abgelehnt hast.

Sonja Heinrich: Mir war es mir sehr wichtig, dass ich mir selbst einen Job suche. Ich wollte meine eigenen Erfahrungen sammeln. Und dann bin ich ja witzigerweise in einer spezialisierten Personalberatungs-Boutique in München gelandet. Also zumindest schon mal in der gleichen Branche.

Der Einstieg ins Familienunternehmen

Ingrid Hofmann: Das fand ich aus meiner Außensicht ziemlich spannend. Wie ist denn dann bei dir die Idee gereift, dass du ins Familienunternehmen einsteigen wolltest?

Sonja Heinrich: Nach ein paar Jahren in München habe ich gespürt, dass ich mich irgendwie verändern muss, um mich weiterzuentwickeln. Ein Kunde brachte mich dann letztlich auf die Idee, als er mich fragte, ob ich nicht bei ihm die Personalarbeit übernehmen wolle. Da dachte ich mir: Warum eigentlich eine andere Firma? Warum eigentlich nicht bei Hofmann?

Ingrid Hofmann: Und dann haben wir uns zusammengesetzt und überlegt, wie wir das am besten angehen.

Sonja Heinrich: Zum Glück kannten mich ja schon alle in der Firma. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten mich ja seit meiner Kindheit begleitet. Dadurch wussten auch die meisten, was ich schon alles gemacht hatte. Für mich war das sehr wichtig, dass ich mir schon ein Standing erarbeitet hatte, bevor ich in der Firma angefangen habe. Ich wollte auf keinen Fall »die Tochter der Chefin« sein.

Deswegen war es für mich auch enorm wichtig, von Anfang an meine eigenen Projekte und Aufgabengebiete zu haben, in denen ich mich durchsetzen musste und profilieren konnte. Aber wie war das eigentlich für dich, plötzlich mit mir Businessthemen zu besprechen?

Ingrid Hofmann: Naja, da war ich ja grundsätzlich schon geübt. Mit deinem Vater musste ich das ja auch schon lernen. Der hat häufig seinen ganzen Arbeitsfrust mit nach Hause gebracht. Aber ich wollte zu Hause nicht auch noch über das Geschäft reden, schon deinetwegen. Wir wollten nicht, dass du etwas, das du zu Hause aufgeschnappt hast, außerhalb erzählst. Auf der anderen Seite wollten wir dir auch keinen Maulkorb verpassen und dir verbieten, über bestimmte Sachen zu sprechen. Oder dir das Gefühl geben, dass es Geheimnisse geben würde. Also mussten wir uns zu Hause mit geschäftlichen Diskussionen zurückhalten.

Sonja Heinrich: Ich finde, wir haben da einen guten Modus vivendi gefunden. In der Firma machen wir explizit Termine miteinander, wenn wir über geschäftliche Themen sprechen möchten – oder müssen. Und wenn wir uns zu Hause sehen, sind es normalerweise nur die »Geschichten vom Tag« oder eben wirklich Privates.

Ingrid Hofmann: Ich denke, da hat uns auch der Berater geholfen, den wir am Anfang dazugeholt hatten, um unsere Sichtweisen zu moderieren und deinen Einstieg wirklich auf eine gute Basis zu stellen.

Sonja Heinrich: Das stimmt. Auch mir war wichtig, dass uns am Anfang jemand begleitet und uns Tipps gegeben hat, wie wir mit der Situation gut umgehen und Privates und Geschäftliches gut trennen können. Hätten wir das nicht geschafft, hätte vielleicht unser gutes Verhältnis darunter gelitten.

Ingrid Hofmann: Aber letztlich haben wir sehr schnell festgestellt, dass wir den Berater eigentlich gar nicht brauchen. Wir haben zwar einen unterschiedlichen Arbeitsstil, aber ein sehr ähnliches Verständnis von unseren Rollen und Aufgaben.

Sonja Heinrich: Es ist ähnlich, aber nicht ganz gleich. Ich denke, ich bin um einiges zahlengetriebener als du. Aber das finde ich auch logisch. Du hast die Firma gegründet und aufgebaut. Du hast bei vielen Entscheidungen ein ganz natürliches Bauchgefühl, wie sich etwas entwickeln muss oder was du tun musst, damit es sich in eine bestimmte Richtung bewegt. Wie bei einem Kind eben. Dieses Gefühl fehlt mir natürlich noch zu einem gewissen Maß. Da muss ich mich dann auf die Zahlen verlassen.

Ingrid Hofmann: Dieses Gefühl kommt mit der Zeit. Aber du hast recht, du orientierst dich grundsätzlich etwas mehr an Zahlen als ich. Wir haben auch durchaus unterschiedliche Meinungen, wie wir eine Sache angehen wollen oder welches Projekt wir starten.

 

Unterschiedliche Sichtweisen

Sonja: Aber das lässt du dann ja auch zu. Es ist für mich sehr wichtig, dass ich nicht alles so machen muss, wie du es für richtig hältst. Ich muss meine eigenen Erfahrungen sammeln. Und wenn etwas einmal nicht klappt, kann ich daraus lernen. Ich glaube, es ist auch für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durchaus wertvoll zu sehen, dass man hier auch andere Meinungen oder Ideen einbringen kann, solange sachlich, respektvoll und wertschätzend miteinander diskutiert wird – und dies können wir von uns behaupten.

Ingrid Hofmann: Dass unterschiedliche Generationen oder auch nur verschiedene Menschen Dinge unterschiedlich angehen, ist ja völlig normal. Nur so kann Weiterentwicklung und Innovation entstehen. Insofern finde ich es nur logisch, dass ich dich machen lasse, auch wenn ich anderer Meinung bin. Wenn es in deinen Zuständigkeitsbereich fällt und du das dort entsprechend abgestimmt hast, gehe ich trotzdem mit.

Sonja Heinrich: Deswegen war es für mich auch so wichtig, dass ich von Anfang an Aufgabenbereiche hatte, die von deinen Zuständigkeiten klar abgegrenzt waren. Ich hatte keine Lust, eine Art »Prince Charles« zu sein und wie ein zahnloser Tiger zu warten, bis ich irgendwann ans Ruder komme. Vor allem war ja immer klar, dass das noch dauern kann, da du ja schon immer gesagt hast, du möchtest bis 84 arbeiten.

Ingrid Hofmann: Ja, das habe ich schon vor 30 Jahren gesagt, aber ja nicht mit einer 60–70-Stunden-Woche, wie ich das jetzt noch mache. Ich stelle mir das eher so vor, dass ich regelmäßig ins Büro komme, Zeitung lese, ein bisschen Post mache, hin und wieder ein paar Repräsentationspflichten übernehme und ansonsten meine Mitarbeitenden vom Arbeiten abhalte.

 

Eigene Aufgaben und Zuständigkeiten

Sonja Heinrich: Tatsächlich war es mir am Anfang sehr wichtig, dass ich erst mal etwas Eigenes im Unternehmen machen konnte. Deshalb habe ich ja gleich eine kleine Personalberatung in München innerhalb der Hofmann Gruppe gegründet. Dort konnte ich das, was ich in meinem vorherigen Job gelernt hatte, einbringen, nämlich Personalvermittlung auf C-Level-Ebene beziehungsweise klassisches Headhunting für Managerpositionen. Dieses Fachwissen war bisher nicht bei Hofmann vorhanden.

Ingrid Hofmann: Und dann kam ja auch sehr schnell unsere 2007 gegründete Tochtergesellschaft in den USA in deinen Zuständigkeitsbereich. Dort hatten wir 2017 nach einem Managementwechsel ziemliche Schwierigkeiten. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dir direkt den größten Brocken hinzuwerfen.

Ich glaube, das machen eher Väter mit ihren Söhnen in der Nachfolge als »Mutprobe«, aber als Mutter möchtest du nicht, dass deine Tochter den aktuell schwierigsten Job in der Firma machen muss. Aber der Berater, den wir damals ja noch hatten, meinte, das wäre was für dich; er würde es dir zutrauen und außerdem hätte er ja eh schon mit dir darüber gesprochen.

Sonja Heinrich: Da hatte er recht! Ich war sofort Feuer und Flamme. Das war zwar eine sehr intensive Zeit, aber ich habe dort viel gelernt und ich denke, inzwischen läuft die Tochtergesellschaft da drüben ja auch wieder richtig gut.

Ingrid Hofmann: Ja, das hast du sehr gut gemacht! Und es hat dir großen ­Respekt in der Firma eingebracht.

 

Das Glück, Unternehmerin zu sein

Sonja Heinrich: Wie hast du es eigentlich immer geschafft – und schaffst es bis heute – ein so großes Arbeitspensum zu bewerkstelligen, ohne dabei irgendwann mal zusammengeklappt zu sein. Du managtest ja nicht nur unser Unternehmen, sondern engagierst dich auch sehr intensiv in verschiedenen Ehrenämtern und Verbänden.

Ingrid Hofmann: Ich glaube, das hat zwei Gründe. Zum einen hatte ich schon immer das Ziel, im Management eines Unternehmens zu arbeiten. So weit kommt man nur, wenn man immer wieder die berühmte Extrameile geht, häufig auch zwei oder drei. Mit der Sänfte wird man nun mal nicht in Führungspositionen getragen – auch oder gerade nicht als Frau. Und das war mir immer bewusst und ich habe mich von Anfang an darauf eingestellt.

Und ich hatte zum anderen immer Spaß an dem was, ich getan habe. Ich habe mein Arbeitspensum relativ locker geschafft, weil ich immer wollte, was ich musste. Es gab nur ganz wenige Momente in meinem Leben, in denen ich keine Lust auf die anstehenden Aufgaben hatte. Ich habe die Arbeit eigentlich nie als Arbeit empfunden. Es war immer meine Begeisterung, meine Berufung. Wenn man wirklich das macht, wofür man brennt, dann bewältigt man auch ein konstant hohes Arbeitspensum, ohne dabei auszubrennen.

Du bist ja jetzt auch Unternehmerin. Was sind denn deine Ziele für die Zukunft und die Zukunft unseres Unternehmens?

Sonja Heinrich: Ich möchte die Firma weiterentwickeln und neue Geschäftsfelder erschließen. Gleichzeitig ist es mir aber auch wichtig, die Werte und die Kultur unseres Unternehmens zu bewahren. Ich möchte ein Arbeitsumfeld schaffen, in dem sich die Mitarbeitenden wohlfühlen und ihre Potenziale entfalten können.

Was würdest du denn zum Abschluss jungen Frauen empfehlen, die Karriere machen wollen?

Ingrid Hofmann: Der Weg in Führungspositionen ist für Frauen viel einfacher geworden als früher. Er ist aber immer noch sehr steinig. Frauen stehen im Wettbewerb mit Männern, aber natürlich auch mit anderen Frauen, wenn es um Führungspositionen geht.

Deswegen: Lasst euch davon nicht abschrecken. Seid mutig, seid selbstbewusst, glaubt an euch, lasst euch nicht unterkriegen, fragt eure Vorgesetzten immer wieder nach Entwicklungsmöglichkeiten. Es wird immer Herausforderungen geben, die ihr bewältigen müsst. Nehmt sie mit einem positiven Mindset an und habt vor allem Spaß an dem, was ihr tut. Geht die Extrameile. Traut euch was zu und rechnet nicht damit, mit der Sänfte in die Führungsetage getragen zu werden.

 

Ingrid Hofmann ist die Gründerin und geschäftsführende Alleingesellschafterin der I. K. Hofmann GmbH. Seit der Gründung im Jahr 1985 hat sie das Unternehmen zu einem der Top-Ten in der Zeitarbeit ausgebaut, mit über 90 Standorten in Deutschland sowie weiteren Standorten in Europa und den USA mit insgesamt rund 16.000 Mitarbeitenden. Sie engagiert sich stark in Gremien und Verbänden, unter anderem als Vizepräsidentin des Gesamtverbands der Personaldienstleister und als Mitglied im Präsidium der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit der Bürgermedaille der Stadt Nürnberg und dem Bundesverdienstkreuz. Ihr Unternehmen ist bekannt für seine hohe Kundenzufriedenheit und wurde seit 2008 kontinuierlich als »Great Place to Work« ausgezeichnet.

 

Sonja Heinrich ist im Familienunternehmen I. K. Hofmann GmbH als Prokuristin und Mitglied des Executive Committee tätig. Sie leitet das internationale Steering Committee der Tochtergesellschaften und verantwortet zusätzlich die operative Führung des amerikanischen und des Schweizer Auslandsgeschäfts. Darüber hinaus ist sie in verschiedenen Verbänden und der deutsch-amerikanischen Handelskammer aktiv. Durch ihr Engagement und ihre Expertise konnte sie dazu beitragen, sowohl lokal als auch global erfolgreich zu sein und die Geschäftsziele der Organisationen zu erreichen. Dabei steht für sie immer der Mensch im Mittelpunkt, denn sie ist überzeugt, dass der Erfolg eines Unternehmens maßgeblich von der Zufriedenheit und dem Engagement seiner Mitarbeitenden abhängt.

 

 

 

 

 

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