Buchauszug Ute Zischinsky: „Bambi Boss. „

Ute Zieschinsky (Foto: PR / Murmann Verlag)
Female Leadership – »Female« neu gedacht
Es gibt ein Thema, über das, meiner Meinung nach, viel zu wenig offen gesprochen wird: das Führen mit Zweifeln. Das Leben mit Zweifeln.
Es steht allen Menschen gut, an sich zu zweifeln. Doch Frauen zweifeln viel öfter und viel mehr an sich als Männer. Zweifeln ist auch eine typische Realität vieler Frauen in Führungsrollen. Sie stehen in der Verantwortung, treffen Entscheidungen, leiten Teams – und gleichzeitig hören sie diese innere Stimme: Darf ich diesen Raum wirklich einnehmen? Mache ich das gut genug?
Es geht nicht darum, die Zweifel zu eliminieren. Auch nicht darum, sich endlich wie eine richtige Führungskraft zu fühlen. Vielmehr geht es darum, anzuerkennen, dass Zweifel Teil dieses Weges sind. Sie bedeuten nicht, dass man falsch ist, sondern prä-sent, reflektiert und ernsthaft bei der Sache.
Female Leadership, wie ich es verstehe, ist kein Modell zum Nachbauen. Auch kein Gegenentwurf zur männlichen Führung, es ist eine bewusste Hinwendung zur inneren Ausrichtung, zur eigenen Geschichte und zum eigenen Stil. Hier tritt deine Bambi Boss hervor: Sie ist geprägt von Ambivalenz – von Verantwortung und Unsicherheit, von Klarheit und innerem Ringen.
In diesem Kapitel lade ich dich ein, deine Zweifel nicht länger als Störung zu betrachten – sondern als Teil deiner Realität. Du wirst entdecken, dass Zweifel auch eine Ressource sein können. Du wirst auch entdecken, wie kraftvoll es sein kann, mit Unsicherheiten zu führen (Hoffmann 2025). Und du wirst sehen: Es geht nicht um Perfektion, es geht um Präsenz und um Wahrnehmung des Innen und Außen. Nicht mit einer fixen Schablone, sondern in deinem Stil und in deinem Tempo.
Wenn ich mit Frauen in Business-Netzwerken oder in meinen Coachings spreche, höre ich oft ähnliche Geschichten: Frauen, die viel mitbringen – Fachwissen, Erfahrung, Verantwortungsgefühl, Führungsqualität – und trotzdem an sich zweifeln. Sie erzählen mir von ihrer Angst, zu scheitern. Davon, nicht gut genug zu sein oder sich nicht durchsetzen zu können. Dann sitze ich da und denke: Diese Frau hat eine unglaublich starke Ausstrahlung, sie weiß viel, sie kann enorm viel – und trotzdem trägt sie diese Zweifel mit sich herum.
Genau diese Momente berühren mich tief. Weil sie zeigen, wie verbreitet dieser innere Zwiespalt ist. Das gibt mir immer wieder den Antrieb, daran etwas ändern zu wollen – um Frauen zu zeigen: Du bist damit nicht allein. Und: Du musst nicht warten, bis deine Zweifel verflogen sind, um führen zu dürfen.
Untersuchungen zeigen, dass typisch weibliches Denken im Gegensatz zu typisch männlichem Denken als intuitiver gilt. Zweifel sind Teil deiner intuitiven Intelligenz. Und Frauen haben mehr Zweifel. Nicht weil sie ängstlicher oder furchtsamer sind. Wir haben einfach andere Denkmuster. Wenn wir diese Denkmuster anerkennen und als uns zugehörig begreifen, können wir sie bewusst nutzen oder je nach Bedarf auch ger-ne einmal bewusst zur Seite legen.
Eine Geschichte, die das auf eindrucksvolle Weise zeigt, ist jene von Brigitte Bierlein, der ehemaligen Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs der Republik Österreich. Ich habe leider erst nach ihrem Tod durch ein Interview von der wunderbaren Geschichte gehört. Ich hätte die Juristin und parteilose Politikerin gerne persönlich getroffen und gefragt, was sie über das Führen mit Zweifeln denkt.
In dem Interview (Deutschlandfunk 2021) erzählte sie, wie sie 2019 vom österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen gebeten wurde, in einer äußerst heiklen Phase der Republik das Amt der Bundeskanzlerin interimistisch zu übernehmen. Ihre erste Reaktion: »Nein, das kann ich nicht.« Ein Satz, den so viele Frauen kennen und immer wieder verwenden.
Van der Bellen antwortete sinngemäß: »Diese Reaktion ist typisch für Frauen. Schlafen Sie eine Nacht darüber.« Und sie schlief eine Nacht darüber. Und sagte dann: »Ja.« Sie nahm die Aufgabe an – und meisterte sie bravourös. Mit Würde – und der Fähigkeit, in einer politisch aufgeladenen Situation Stabilität zu geben.

(Foto: PR/Business Village Verlag)
Für mich ist das ein Paradebeispiel dafür, wie weibliche Führung aussehen kann: bedacht und reflektiert. Wenn Frauen zweifeln, bedeutet das nicht, dass sie unsicher sind. Vielmehr ist es die weibliche Art, zu denken, die weibliche Art, herausfordernde Situationen zu meistern: zweifeln, nachdenken – und dann umsichtig wie entschlossen handeln. Eben wie Bambi Boss. Diese Geschichte berührt mich bis heute. Sie zeigt: Führen mit Zweifel ist nicht nur möglich, es ist ein ebenbürtiger Weg zum Ziel. Denn: Frauen nehmen ihre Verantwortung ernst. Und genau das macht sie zu starken Führungspersönlichkeiten.
Vielleicht denkst du jetzt: Na gut, Brigitte Bierlein – das war eine Ausnahmefrau, eine Kanzlerin und exzellente Juristin. Das bin ich nicht. Aber genau das ist mir wichtig: Dieses Buch ist nicht nur für Präsidentinnen oder CEOs geschrieben. Es ist für Frauen wie dich und mich. Für Frauen, die mitten im Leben stehen. Die sehr gut ausgebildet sind. Die Erfahrung mitbringen und Verantwortung im Job, in der Familie, in Organisationen tragen. Frauen, die oft zweifeln, ob das, was sie leisten, ausreicht.
Ich begleite viele Frauen, die genau das erzählen: »Ich kann etwas. Ich weiß viel. Ich führe Teams, leite Projekte, treffe Entscheidungen. Und trotzdem habe ich das Gefühl, es reicht nicht.« Sie alle haben den Anspruch, alles richtig machen zu müssen.
Kompetenz, Persönlichkeit, Durchsetzungskraft – wenn alles vorhanden ist, aber dein Blick nach innen dennoch etwas anderes sagt, dann ist dieses Buch für dich. Es geht darin nicht um die Ausnahmefrauen, auch nicht um die perfekten Vorbilder. Es geht um starke, zweifelnde, denkende und fühlende Frauen wie dich! Es geht um deinen Mut und deinen Weg zur Führung. Nein, nicht erst dann, wenn du dich vollkommen sicher fühlst, sondern jetzt – mit allem, was du bist.
Die Angst, entlarvt zu werden – das Imposter-Syndrom
Viele Frauen tragen einen tief sitzenden Gedanken in sich: Ich bin gar nicht so kompe-tent, wie die anderen denken. Und noch schlimmer: Irgendwann wird das jemand be-merken. Das ist das Imposter-Syndrom.
Diese Angst, entlarvt zu werden, begleitet viele Frauen über Jahre. Sie sind fachlich top, verantwortungsvoll, engagiert – und gleichzeitig in ständiger Anspannung, weil sie denken, ein bestimmtes Bild von sich aufrechterhalten zu müssen. Weil sie das Gefühl haben, eine nicht wirklich passende Version von sich selbst zu spielen. Eine Version, die glaubwürdiger, souveräner, kompetenter wirkt, als sie sich selbst empfinden. Und das ist purer Stress. Denn diese innere Diskrepanz frisst Energie. Sie schafft Distanz zur eigenen Authentizität. Wie kann ich ich selbst sein, wenn ich ständig eine andere Version von mir spiele, als ich zu sein fühle? Das verhindert Präsenz. Wie soll ich wirklich da sein, wenn ich ständig Sorge habe, dass jemand bemerken könnte, dass ich mich gerade unsicher fühle?
Warum betrifft das so viele Frauen – und warum gerade die klugen, reflektierten und engagierten? Weil sie sich sehr genau beobachten. Weil sie hohe Ansprüche an sich selbst haben. Weil sie ihre Verantwortung ernst nehmen. Und weil sie gelernt haben, dass man hart arbeiten muss, um genug zu sein. Diese Frauen ruhen sich nicht auf ihren Positionen aus. Sie wollen es wirklich gut machen. Aber irgendwann wird aus »Ich will es gut machen« ein »Ich darf keinen Fehler machen«. Und dann beginnt der Druck.
Wie kommen wir da raus? Wie können wir den Selbstzweifeln begegnen, ohne sie zu verdrängen – aber auch ohne ihnen die Macht zu überlassen?
Der erste und wichtigste Schritt: Zulassen, dass sie da sind
Hör auf, dich dafür zu schämen! Du bist nicht allein. Selbstzweifel sind kein Zeichen von Inkompetenz, sie zeugen von Bewusstsein. Frauen, die ihr Tun hinterfragen, han-deln empathischer und überlegter. Die Frage ist daher nicht, ob Zweifel auftauchen, sondern wie du mit ihnen umgehst.
Sprich sie aus! Schreib sie auf! Teile sie mit einer Vertrauten! Du wirst bemerken: In dem Moment, in dem du Zweifel sichtbar machst, verlieren sie an Kraft. Denn das, was im Verborgenen bleibt, wächst. Was ans Licht kommt, kann sich verändern.
Der zweite Schritt: Stärke deine Selbstwahrnehmung
Nicht im Sinne von: »Ich sage mir ab jetzt jeden Tag, wie toll ich bin«. Es geht viel einfacher: Mache dir bewusst, was du schon alles geleistet hast. Welche Herausforderungen du gemeistert hast. Welche Fähigkeiten du tatsächlich einbringst. Schreib es auf! Lies es dir regelmäßig durch! Nicht als Ego-Übung, sondern um deine Realität zu schärfen.
Und schließlich: Hör auf, ein Bild aufrechterhalten zu wollen! Du musst niemanden spielen, der du nicht bist. Du musst nicht perfekt sein, um Kompetenz und Stärke auszustrahlen. Du darfst deine Eigenheiten sichtbar machen (ich nenne sie gerne »Special Effects«). Und ja, du darfst auch mal Schwäche zeigen und dich zurückziehen, wenn dir danach ist. Denn das, was berührt und nach außen wirkt, ist deine Echtheit.
Wie ich meine Selbstzweifel in Vertrauen umwandeln konnte
Heldinnenreise: Ich war eingeladen, eine Keynote zu halten – vor Architektinnen, Ziviltechnikerinnen und Frauen in technischen Berufen. Frauen, die sich in stark männlich geprägten Umfeldern behaupten. Mein Thema: Selbstzweifel weiblicher Führungskräfte.
Ein vertrautes Feld. Und doch ertappte ich mich selbst mitten in meinen eigenen Selbstzweifeln. Darf ich überhaupt über die Herausforderungen von Frauen in der Technik sprechen, obwohl ich selbst nicht aus diesem Bereich komme? Reicht meine Erfahrung? Mein Wissen? Die Zweifel kamen unerwartet, aber sie waren da.
Was mir Halt gab, war die Vorbereitung. Mit Überschriften, strukturierten Themen und zentralen Botschaften hatte ich mir einen roten Faden zurechtgelegt. Dann habe ich eine Stunde lang von meinem Zugang zum Thema, meinen Blickwinkeln und persönlichen Erfahrungen erzählt – offen und direkt aus meiner Praxis.
Statt mit fertigen Antworten auf die Bühne zu gehen, blieb ich mutig und offen für Austausch, Resonanz und ehrliches Feedback. Ich habe mich nicht über das fachliche Know-how definiert, sondern über echte Verbindung und das, was ich beitragen kann. Genau das hat Wirkung entfaltet – und wurde zu meiner Freude und Erleichterung im gesamten Raum spürbar.
Aus dem Gefühl des Zweifels wurde etwas völlig Neues – weil ich das Signal des Unbewussten zugelassen hatte. Ich entschied mich für Präsenz statt Perfektion. Und genau das hat etwas berührt – nicht nur in mir, sondern auch bei den Frauen im Publikum.
Der Weg zur weiblichen Leaderin, zur inneren Führungskraft, beginnt mit der Entscheidung, ehrlich mit sich selbst zu sein, den eigenen Stil zu erforschen und zu erkennen, dass man nicht alles wissen muss – und dennoch viel zu geben hat.
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