Buchauszug Carsten Lotz: „Wirtschaft als Erste Philosophie? Eine Kritik der ökonomischen Vernunft“

Carsten Lotz (Foto: PR /Privat)
Eine Klasse ohne Klassenbewusstsein
Die Ablösung von Adel und Bourgeoisie
Wir leben nicht in einer klassenlosen Gesellschaft. Das Management und seine Dienstleister haben sich in einer nach-kapitalistischen Welt, in der das Eigentum an den Produktionsmitteln anonymen Gesellschaften gehört, zur herrschenden Klasse entwickelt. Nicht mehr nur Boden oder Kapital sind klassendifferenzierend, sondern Wissen, Kontrolle und die Position in einem Organigramm.
Die klassenlose Gesellschaft?
Die Klasse als Begriff für eine ökonomisch-soziale Strukturierung der Gesellschaft schien ausgedient zu haben. Es fällt uns schwer, von Klassen zu sprechen, da der Anspruch auf Individualität uns modernen Menschen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Unsere Identität wollen wir nicht mehr über die Zugehörigkeit zu einer Religion, einem Geschlecht, einem Volk, einer Berufsgruppe, einem Stand oder einer Klasse definieren.[1] Wir sind uns nicht einmal sicher, ob wir nur eine Identität haben.[2] Der in New York lehrende Philosoph Kwame Anthony Appiah zeigt, wie sehr Identitätsbegriffe auch immer gesellschaftliche Konstruktionen sind.[3] Sie sind Übereinkünfte, wie Gesellschaft sich strukturiert. Diese Übereinkünfte werden brüchig, daher spricht der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz von einer Gesellschaft der Singularitäten.[4] Das moderne Subjekt will sich nicht mehr in eine Schublade stecken lassen, auch nicht in eine Klasse. Jeder will individuell sein und gleichzeitig zur Mittelschicht gehören.
Interessanterweise wurde der Klassenbegriff von Marx benutzt, um die Unterschiede zwischen den Klassen zu überwinden. Nachdem die Klasse des (Besitz‑)Bürgertums[5] in den Revolutionen des 18. Jahrhunderts Adel und Klerus die gesellschaftliche Herrschaft abgerungen hatte, sollte nun das Proletariat die Gleichstellung aller Menschen vollenden. Die bürgerliche Revolution von 1789 war für Marx und Engels nur der Vorläufer der eigentlichen proletarischen Revolution.[6] Dem ökonomischen Rational kam dabei eine entscheidende Bedeutung zu. Marx und Engels waren überzeugt: Man würde die Bourgeoisie in der modernen Welt der Industrieproduktion schlicht nicht mehr brauchen. Die beginnende Trennung von Eigentum an den Produktionsmitteln und tatsächlicher Kontrolle der Produktion in den sich damals entwickelnden Aktiengesellschaften war für Engels eine ermutigende Entwicklung hin zur Entmachtung der Bourgeoisie:[7]
»Sie wird mehr und mehr nicht nur sozial überflüssig, sondern soziales Hindernis; sie scheidet mehr und mehr aus der Produktionstätigkeit aus und wird mehr und mehr, wie seinerzeit der Adel, eine bloß Revenuen einstreichende Klasse; und sie hat diese Umwälzung ihrer eigenen Stellung und die Erzeugung einer neuen Klasse, des Proletariats, fertiggebracht, ohne irgendwelchen Gewalthokuspokus, auf rein ökonomischem Wege.«[8]
Die Etablierung der klassenlosen Gesellschaft war keine Frage einer großen gewalttätigen Revolution mehr, sondern nur noch eine Frage der Zeit. Denn schon damals war der Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat eine übertriebene Schematisierung, die nicht die Realität der sozial vielschichtigen Welt des 19. Jahrhunderts abbildete.[9]
Die Gesellschaft war viel feiner strukturiert und damit auch deutlich stabiler. Max Weber legte Anfang des 20. Jahrhunderts eine differenzierte Analyse der Klassen und ihres jeweiligen Einflusses auf die Gesellschaft vor. Besitz bleibt für ihn weiter das strukturierende Merkmal: »Innerhalb der Klasse [der Besitzenden] kauft Geld zunehmend – mindestens in der Generationenfolge – Alles.«[10] Doch die Gegensätze zwischen den Klassen sind weniger scharf. Über die Generationenfolge ist die Arbeiterschaft mit den in sich nochmals ausdifferenzierten Klassen des »Kleinbürgertums« oder der »Fachgeschultheit« verwoben.[11] Auch wenn Weber es so nicht formuliert, selbst die Arbeiter haben in einer Revolution zu viel zu verlieren. Daher bleibt sie aus.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand der Klassendiskurs weitgehend aus der deutschen und kontinentaleuropäischen soziologischen Diskussion. Das deutsche Wirtschaftswunder und die französischen Trente glorieuses führten zum Aufstieg breiter gesellschaftlicher Kreise, so dass der deutsche Soziologe Helmut Schelsky in den 1950er Jahren für die bundesdeutsche Gesellschaft gar den Begriff der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« prägte.[12] In der ideologischen Auseinandersetzung mit einem kommunistischen System in den Ländern unter sowjetischem Einflussbereich, das sich dezidiert als klassenlose Gesellschaft verstand, konnte man im Westen eine in Klassen differenzierte Gesellschaft nicht mehr gebrauchen. Sie war laut dem Soziologen Rehberg »eine Angelegenheit der Vergangenheit«[13].
»Jedenfalls schien die »Klassengesellschaft« endgültig abgemeldet. Und doch könnte es sein, dass sie seit einem halben Jahrhundert nur zunehmend ›unsichtbar‹ geworden war.«[14]
Denn bei aller Autosuggestion der europäischen Mittelschichten schafft die ökonomische Wirklichkeit Einkommens- und Besitzunterschiede, die klassendifferenzierend wirken. Wie hermetisch sich diese Klassen voneinander abgrenzen, ist eine davon getrennt zu betrachtende Frage. So war in Frankreich, aber auch in Großbritannien, der Klassenbegriff nie ganz verschwunden. Auch in Deutschland erhält er seit den 1990er Jahren wegen wachsender oder sich zumindest nicht mehr verringernder sozialer Ungleichheiten eine neue Relevanz für die gesellschaftliche Analyse.[15]
Die Revolution der Manager
Gesellschaften brauchen Gruppen, die sie tragen. Es gibt keine Feudalgesellschaft ohne Adel und keinen Frühkapitalismus ohne Bourgeoisie. Die These, dass sich unser Denken und unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend ökonomisiert haben, wäre schwer verständlich, wenn es nicht eine gesellschaftliche Gruppe gäbe, die von dieser Ökonomisierung profitieren würde, sie vorantreibt und sich mit ihr identifiziert. Es ist nicht mehr die Bourgeoisie des frühen Kapitalismus, es sind die international tätigen Manager und ihre Dienstleister wie Investmentbanker, Unternehmensberater oder Wirtschaftsanwälte.
Die Etablierung des Managements als gesellschaftliche Kraft ist eng verbunden mit der Entwicklung der ersten Großunternehmen Ende des 19. Jahrhunderts. In ihrem 1932 erschienenen Werk The modern corporation and private property legen Adolf Berle und Gardiner Means dar, wie sich Eigentum und Kontrolle in Großunternehmen auseinanderentwickeln.[16] Der amerikanische Philosoph James Burnham setzt darauf auf und beschreibt 1942 den Aufstieg des Managements als Revolution, als Ersatz für die ausgebliebene Revolution des Proletariats.[17] So wie die Kapitalisten oder die Bourgeoisie gegen den feudalistischen Adel um die Vorherrschaft im Staat kämpften, so zeichne sich ein Kampf der Manager um diese Vorherrschaft in der nach-kapitalistischen Gesellschaft ab.[18] Sie seien dabei, ihn zu gewinnen, denn: »Ownership means control; if there is no control, then there is no ownership.«[19]

Der ehemaligen Bourgeoisie gesteht Burnham keine größere Rolle in der Gesellschaft mehr zu:
»They spend their time, not in industry or even in finance, but on yachts and beaches, in casinos and travelling among their many estates; or, others of them, in charitable, educational, or even artistic activities. […] To rule society, let it be remembered, is a full-time job.«[20]
Burnham prognostizierte eine Allianz zwischen den (operativen) Managern und den Geschäftsführern der Unternehmen. Da der Staat zunehmend in die Privatwirtschaft eingreife und privates Kapital zunehmend unwichtiger werde, bleibe eine vom Staat besessene und von Managern gelenkte Wirtschaft übrig, die managerial economy[21], die er als Planwirtschaft beschreibt.[22] Die Manager bilden in dieser Welt die neue Elite, gerade weil sich die Eigentümer zurückzögen und ihnen die Kontrolle überließen.
Die Analyse war richtig, allein in der Prognose hat sich Burnham verschätzt. Der Staat hatte im Westen nicht immer mehr in die Privatwirtschaft eingegriffen, sondern sich aus großen Bereichen zurückgezogen. Die Allianzen wurden daher zwischen den (angestellten) Managern des Finanzkapitals auf der einen Seite und den Geschäftsführungen und dem Top-Management der Unternehmen auf der anderen Seite geschlossen.
Ihre Stellung in Wirtschaft und Gesellschaft verdanken die Manager der immer größer werdenden Komplexität der modernen Welt.[23] Sie ist bürokratisch geworden, und Bürokratie muss gemanagt werden. Das Management in Unternehmen ist nur ein spezifischer Anwendungsfall einer allgemeineren Bürokratisierung von Herrschaft. Die Alternative ist nach Max Weber aber nicht die Abschaffung der formalen bürokratischen Regeln:
»Man hat nur die Wahl zwischen ›Bürokratisierung‹ und ›Dilettantisierung‹ der Verwaltung, und das große Mittel der Überlegenheit der bürokratischen Verwaltung ist: Fachwissen[.]«[24]
Es sei gerade der Kapitalismus gewesen, der die Bürokratie zur Verwaltung fiskalischer Fragen, aber auch für Eisenbahn, Telegramm und Telefon entwickelt und perfektioniert habe. »Daran könnte eine sozialistische Ordnung nichts ändern.«[25] Der Kapitalismus hat sich in gewisser Weise selbst besiegt, wie Marx und Engels das vorausgesehen hatten. Das Management trat das Erbe von Adel und Bourgeoisie an und brauchte dafür weder Boden noch Kapital. Schon die Herausbildung des frühen Adels soll ersten Produktivitätsgewinnen geschuldet gewesen sein, die es erlaubten, einzelne Personen von der körperlichen Arbeit freizustellen, um die Arbeit der anderen zu verwalten oder kriegerisch zu verteidigen. Insofern wäre der Adel das erste Management gewesen. Was Adel, Bourgeoisie und Management als herrschende Klassen eint, ist die Verfügungsgewalt über die Arbeitsbedingungen der anderen. Es lag und liegt an ihnen zu definieren, wie und zu welchen Bedingungen gearbeitet werden kann, wie und zu welchen Bedingungen die eigene Existenz gesichert werden kann. Wo der Adel es über die Bereitstellung von Boden, die Bourgeoisie über die Bereitstellung von Kapital tat, da tut es das Management über die Bereitstellung von Wissen und Methodik oder schlicht durch Kontrolle. Die Position in einem Organigramm wird zum entscheidenden gesellschaftlichen Machtfaktor.
(Fußnoten sind im Buch)
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