Aus der wiwo.de-Rubrik „Management-Moment der Woche“:
Wann es Zeit ist, zu gehen
(Langfassung)
In der Krise sollten Mitarbeiter ausloten, ob sie ihre Firma lieber verlassen und woanders anheuern sollten. An welchen Warnsignalen sie sich orientieren können.
Immer mehr Großunternehmen kündigen Entlassungen in großem Stil an. Bosch will bis 2030 rund 22.000 Stellen streichen, ZF bis zu 14.000. Die Automobilbranche vermeldet 51.500 verlorene Jobs bis Juni. Auch 23 Prozent der Familienunternehmen planen bis zum Jahresende Personal abzubauen, ergibt eine aktuelle Umfrage der Verbände Familienunternehmer und Junge Unternehmer.
Bosch hat jetzt obendrein für seine Werke in Ansbach und Salzgitter Kurzarbeit angemeldet. Der Chip-Hersteller Nexperia hatte Lieferprobleme, weshalb bei Bosch nun eine Unterversorgung mit Bauteilen elektronischer Komponenten herrscht.
Das können Sie daraus lernen
Für Mitarbeiter stellt sich die Frage, ob sie rechtzeitig ihrer Firma kündigen und sich eine neue Stelle suchen sollen. Nur, wann ist der richtige Zeitpunkt? Und vor allem: Woran erkennt man als Arbeitnehmer, dass sein Arbeitgeber keine große Zukunft mehr zu erwarten hat?
- Streichungen von Obstkörben und Coachings
Ein Autobauer überraschte seine Führungskräfte gerade mit dieser Eröffnung: „Ich muss Dir leider mitteilen, dass heute final innerhalb des Unternehmens entschieden wurde, alle Ausgaben außerhalb der Definition ´business essential´für dieses Jahr zu stoppen.“ Gemeint war damit, dass sie keine Führungskräfte-Coachings mehr bekämen, berichtet Personalberaterin Sabine Hansen von She4her. „Wenn solche Benefits gestrichen werden und schon dafür kein Geld mehr da ist, ist das ein absoluter Frühwarnindikator“, so die Beraterin. Meist sind es bei den übrigen Arbeitnehmern die Kekse in der Konferenz, Trainings, das Obst in der Teeküche oder die Weihnachtsfeier, die als Erstes gestrichen werden.

Sabine Hansen (Foto: C.Tödtmann)
- Das Management beobachten
Mitarbeiter sollten ein waches Auge auf Gewohnheiten des Managements haben, die sich plötzlich ändern. Tagt das Management-Team immer häufiger hinter verschlossenen Türen oder außerhalb der Firma, in Hotels, obwohl es eine Policy der offenen Türen gibt, ist das ein Verdachtsmoment.
- Das Top-Management wechselt
Tauschen die Unternehmenseigner oder der Aufsichtsrat plötzlich die Geschäftsführung oder den Vorstand aus, ist das ein deutliches Warnsignal, sagt Arbeitsrechtler Stefan Röhrborn von der Kanzlei Littler. Vielleicht ist das Unternehmen schon in Schieflage, schreibt rote Zahlen oder befindet sich jedenfalls auf einem Kurs, den die Unternehmenseigner korrigieren wollen. Typischerweise geht dann zuerst der Vorstandsvorsitzende, dann der Finanzvorstand und schließlich der Personalvorstand – und dann ist es Zeit für die Mitarbeiter, sich Gedanken zu machen, ebenfalls wegzugehen, sagt Röhrborn.

Stefan Röhrborn (Foto: C.Tödtmann)
- Der neue Finanzchef verschwindet fluchtartig
„Ein dramatisches Signal ist es, wenn ein neuer Finanzvorstand plötzlich überraschend schnell nach wenigen Wochen schon wieder kündigt und zügig das Unternehmen verlässt“, sagt Hansen. „Dann hat der Finanzprofi wahrscheinlich in den Büchern Unregelmäßigkeiten oder Schlimmeres entdeckt und will damit nicht in Verbindung gebracht werden, um seine Karriere und sein Privatvermögen zu schützen“, erklärt Hansen. Klare Anzeichen, dass in der ganzen Firma etwas schief läuft.
Legendär ist der Fall des früheren EnBW-Vorstands Utz Claassen. Er wurde 2010 von Solar Millenium angeheuert und verließ die Firma nach 74 Tagen Amtszeit. Claassen machte – anders als die allermeisten – kein Geheimnis daraus, dass er sich getäuscht fühlte. Er warf den Verantwortlichen unsaubere Geschäftspraktiken vor, dass sie ihn über die wahre wirtschaftliche Situation der Firma nicht informiert hätten und verklagte sie. Im nächsten Jahr meldete Solar Millennium Insolvenz an.
- Das Geschäftsmodell der Firma hinterfragen
Insbesondere Führungskräfte sollten den Markt, die Konkurrenzlage und das eigene Geschäftsmodell sehr kritisch abgleichen. Ob es in der derzeitigen noch Zukunft hat. Ob zum Beispiel die Anmeldung von Kurzarbeit wegen eines Lieferengpasses nur ein einmaliger Vorgang ist oder ein Fehler im System dahintersteckt.


Copyright: @Claudia Tödtmann. Alle Rechte vorbehalten.
Kontakt für Nutzungsrechte – wer Interesse hat, sich Inhalte – über den Link hinaus und ohne davon abhängig zu sein – zu sichern: claudia.toedtmann@wiwo.de
Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia Tödtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bedarf der ausdrücklichen Genehmigung.
