Ein Nachruf auf einen besonderen WiWo-Kollegen: Wolfram Schubert – Der letzte Gentleman des Finanzjournalismus

Nachruf Wolfram Schubert: Der letzte Gentleman des Finanzjournalismus

Claudia Tödtmann zuerst erschienen auf wiwo.de am 1.10.2025 – 15:33 Uhr

„Aus meinem Zimmer soll keiner ungetröstet gehen“, sagte Wolfram Schubert immer. Als Trostspender verwahrte der Finanzjournalist Knäckebrot und Kaugummi in seinem Sideboard – zum Beispiel für Kollegen, die Hunger hatten. Seine Redaktionsstube beherbergte noch eine Besonderheit:  „Schubi“ – so hieß er bei den Kollegen – verwahrte im Regal einen Leitz-Ordner, auf dessen Rücken ein großes schwarzes Kreuz gemalt war. Schubi nannte ihn „die tote Mappe“: In diesem Ordner verwahrte er immer alle Informationen und Manuskripte, die in der Woche nötig waren, um das aktuelle Heft zu produzieren. Es könnte ihm etwas zustoßen und dann dürfe eben keinesfalls das Erscheinen seiner Anlageempfehlungen in der WiWo gefährdet sein.

Wolfram Schuberts berufliche Leidenschaft galt den Zinsanlagen: Staats- und Unternehmensanleihen, die später vom damaligen Finanzminister Wolfgang Schäuble aus für Schubert unverständlichen Gründen abgeschafften Bundesschatzbriefe, Pfandbriefe und Festgelder legte er den Lesern jede Woche ans Herz. Viele verdankten ihm schöne Erträge, schrieb er doch vor allem in den Zeiten, als noch ordentliche Renditen zu erzielen waren. Eine ganze Generation von WiWo-Finanzredakteuren hat von ihm, der immer hilfsbereit und nie um einen kollegialen Rat verlegen war, viel über das oft spröde Metier gelernt.

 

Tweet-Jacketts und karierte Schiebermütze

Schubert war geprägt von geradezu preußischem Pflichtgefühl. Betrat der Chefredakteur sein Zimmer, stand er auf und sprach in kerzengerader Haltung. Vor allem aber verkörperte er die Tugenden des britischen Gentlemans. Telefonate begann er mit „Liebe Frau Kollegin“ – eine Höflichkeit, die in der Alltagshektik einer Redaktion eher selten ist. Kein Tag, an dem er nicht untadelig korrekt gekleidet sein Büro betrat – als echtes Kontrastprogramm zu den Kollegen mit der „Jeans- und Pullimode und 80er-Jahre-Schlabbersakkos“, wie eine Kollegin Schubi in seine Abschiedszeitung zum Renteneintritt schrieb. Tweed-Jacketts und die karierte Schiebermütze waren seine unveränderlichen Kennzeichen. Seinen dunkelgrün karierten Regenschirm mit Holzgriff übergab er bei seinem Abschied in den Ruhestand einem Kollegen. Wie einen Staffelstab.

 

Wolfram Schubert (Foto: C.Tödtmann)

Sprachlose Kollegen

Dabei setzten auch ihm die bisweilen schwierigen Jahre für die Medienbranche zu. Als es in einer Redaktionskonferenz um Sparrunden und ausgebliebene Gehaltserhöhungen ging, meldete er sich zur Überraschung aller zu Wort: Immerhin gebe es doch auch dieses Jahr wieder einen schön geschmückten Weihnachtsbaum am Empfang neben der Pförtnerloge, eröffnete er den sprachlosen Kollegen. Keiner, auch nicht der nie um ein Wort verlegene Chefredakteur Stefan Baron, wusste, ob er lachen oder weinen sollte. Doch Schubi meinte es ernst. Er versuchte, allem etwas Gutes abzugewinnen.

 

Jede Woche seine WiWo geholt

Der WiWo hielt Schubert die Treue. Noch über fünf Jahre lang arbeitete er nach seinem Rentenbeginn tageweise weiter. Selbst nach dem Umzug des Verlags in die Toulouser Allee nahm er jede Woche den jetzt weiteren Weg auf sich, um sich am Empfang die neueste Ausgabe der WirtschaftsWoche abzuholen. Ab und zu nahm er dann mit einigen Ex-Kollegen noch einen Espresso, um sich in Redaktionsangelegenheiten auf den neuesten Stand bringen zu lassen.

Uns erreichte die Nachricht, dass Wolfram Schubert bereits vor einigen Monaten gestorben ist. Mit ihm ist eine Ära untergegangen. Dass sein Name weiter als Nutzerkennung für den Zugriff des WiWo-Finanzressorts auf Datenquellen dient, bleibt bei weitem nicht das einzige Erbe dieses Grandseigneurs des Finanzjournalismus.

 

 

 

 

 

 

 

 

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