Buchauszug Hermann Simon: „Simon sagt! Was im Management wirklich zählt.“

 

Buchauszug Hermann Simon: „Simon sagt! Was im Management wirklich zählt.“

 

Hermann Simon (Foto: Privat)

 

Stadt-Land-Fluss oder die Renaissance des ländlichen Raums als Ort von Selbstbewusstheit und guten Geschäften, aber die Wiederentdeckung des Lokalen hat ihre Grenzen, kein Ort ist mehr unbekannt

 

Vielfalt Europas

Die unglaubliche Vielfalt Europas zeigt sich in seinen Städten. London ist verschieden von Frankfurt, Paris oder Barcelona. Jeder dieser Orte besitzt seine Eigenarten, seine nur ihm eigenen Gebäude, Symbole und Kulturen. Die Unterschiede beruhen vor allem auf historisch überkommenen, weniger auf modernen Merkmalen. Die aktuellen Manifestationen wie Flughäfen, Eisenbahnen, Bürogebäude sind weitgehend austauschbar. Die Persönlichkeit einer Stadt wird durch die überbrachten Symbole wie Kirchen, Denkmäler, Rathäuser, Museen definiert. Solche Eigenarten machen auch den fundamentalen Unterschied zu amerikanischen Städten aus. Mit wenigen Ausnahmen, wie New York, Boston, San Francisco, sind diese austausch-, ja sogar verwechselbar. Sähe man nicht irgendwo ein Schild mit dem Namen der Stadt, würde man kaum erraten, wo man angekommen ist. Verstärkt wird diese Monotonie durch die Allpräsenz derselben Geschäfte und Ketten.

McDonald’s und Starbucks sind überall, und zwar an gleicher Stelle, spätestens an der übernächsten Kreuzung der großen Ausfallstraße. Für Europa bedeutet die Vereinfachung, die aus der europäischen Harmonisierung folgt, gleichzeitig eine Verarmung im Hinblick auf die kulturelle Diversität. Economies of Scale und Economies of Diversity vertragen sich – selbst im Alter der Mass Customization – schlecht.

 

Ick will nach Berlin

Im Hotel Palace direkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gebe ich ein Seminar für die Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer (ASU). Immer wieder schaue ich aus dem Fenster und mein Blick fällt auf den Zoo-Palast, das Kino auf der anderen Straßenseite. Meine Gedanken schweifen Jahrzehnte zurück. Damals, im Frühjahr 1965, Klassenfahrt nach Berlin, mein erster Besuch in einer derart großen Stadt. Sofort nutzte ich beherzt die Chance. Gleich am ersten Tag sah ich mir zwei Filme im Zoo-Palast an, der eine war James Bond in Goldfinger, der andere hieß Geheimagent OSS 117. Ich war nie vorher in einem richtigen Kino. Wir erhielten eine Fahrkarte, mit der wir gratis eine Woche lang Berlin durchqueren konnten. Das nutzten wir Landkinder und waren rund um die Uhr mit U-Bahnen und Doppeldecker-Bussen im großen Berlin unterwegs. In Ostberlin konnten wir mit schwarz getauschtem Geld trinken und schlemmen. Eine Erinnerung, wie wir in den Westen zurückkamen, habe ich nicht. What a time!

 

Parken in Paris

Bei einer Bürgerbefragung in Paris hat sich eine Mehrheit für eine drastische Erhöhung der Parkgebühren für Geländewagen (SUV) und andere übergroße Pkw ausgesprochen. Ganze sechs Prozent der Pariser Bürger beteiligten sich an der Abstimmung. Für den Plan der Stadtverwaltung stimmten 54,5 Prozent, das entspricht 3,27 Prozent der Pariser. Für SUV soll eine Stunde Parken im Zentrum 18 Euro statt bisher sechs Euro kosten und in den Außenbezirken zwölf Euro statt bisher vier. Für sechs Stunden Parken im Zentrum werden 225 Euro statt bislang 75 Euro fällig. Den Sondertarif für SUV sollen ausschließlich Besucher bezahlen. Anwohner, Handwerker und Pflegedienste werden ausgenommen. Die höheren Tarife gelten für Verbrenner- und Hybridmodelle ab einem Gewicht von 1,6 Tonnen und für Elektromodelle ab zwei Tonnen Gewicht. Für private Parkhäuser gilt die Regelung nicht. Und alles, wie gesagt, von 3,27 Prozent entschieden.

 

 

(Foto: Murmann Verlag)

Hermann Simon: „Simon sagt! Was im Management wirklich zählt.“ – 352 Seiten, 32,– Euro, Murmann Verlag

 

Athen im Morgengrauen

Von der Terrasse unseres Hotels haben wir einen herrlichen Blick auf die Akropolis – ein traumhaft schönes, unwirkliches Bild. Am frühen Morgen bei Sonnenaufgang, tagsüber, bis zum Sonnenuntergang, man kann sich daran nicht sattsehen. Die Vorstellung, 2500 Jahre in die Vergangenheit zurückzuschauen, drängt sich auf. Aus der Distanz beeindruckt dieses Bild noch stärker als die unmittelbare Anschauung auf dem Berge. Dort sieht man vor allem Steine, aus der Ferne hingegen ein Märchen. Im antiken Olympiastadion laufe ich eine Runde. Allerdings nicht in Rekordzeit, denn selbst im Mai ist es um die Mittagszeit schon sehr heiß. Ernst Jünger ging stets auf die Friedhöfe der von ihm besuchten Städte. Diesen Brauch pflegen wir zwar nicht generell, aber den Próton Nekratafion, Athens »Ersten Friedhof«, lassen wir uns nicht entgehen.

Zwei Gräber fallen uns auf. Die aus dem Hafenviertel Piräus stammende Sängerin Melina Mercouri (»Ein Schiff wird kommen«), die zur Kultusministerin und nationalen Ikone aufstieg, ruht gleich am Eingang unter einem riesigen Marmorsockel mit einer schlichten, palmettengekrönten Stele. Viele frische Blumen zeugen von ihrer ungebrochenen Popularität. Nur wenige Meter entfernt stoßen wir auf das Grab Heinrich Schliemanns, des Entdeckers von Troja. Bereits zu Lebzeiten hatte er sich diesen Platz mit Blick auf die Akropolis ausgesucht. Das nennt man eine Inszenierung in historischen Dimensionen.

 

Unsichtbare Städte

Schweinfurt ist eine dieser deutschen Städte, die industrielle Schwergewichte sind, aber eine Art »Nichtimage« haben. Ähnliches gilt für Städte wie Bielefeld, Erlangen, Salzgitter, Ludwigshafen, um nur einige zu nennen. Woran liegt das? Vielleicht weil man den Produkten, die dort hergestellt werden, als Verbraucher nicht begegnet, da sie unsichtbar in Endprodukten verschwinden. Wer denkt schon an ein in Schweinfurt hergestelltes Kugellager, wenn er Auto fährt? Wer kennt überhaupt ein Produkt der BASF? Die sichtbaren Endprodukte sind nur das »Ende« einer langen verborgenen Wertschöpfungskette, hinter der viele unsichtbare Orte stehen.

 

Stadt ohne Ende

Tokio hat kein Ende. Immer wieder bin ich erschlagen, hilflos, ratlos, wenn mich dieser Moloch in sich aufnimmt. Egal, wohin man geht, mit welcher U-Bahn man fährt, welche Straße man wählt, es wimmelt von Menschen. Die Megastädte Japans und Asiens sind für jemanden, der primär an deutsche und europäische Dimensionen gewöhnt ist, in ihren Ausdehnungen und Ausprägungen unfassbar, überwiegend auch gesichtslos. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sehen die Straßen, Ecken und Gebäude in Tokio ähnlich aus. Nie weiß man, wo man ist. Immer sucht man, muss sich neu orientieren. Das Fehlen von Straßennamen und die Nummerierung der Gebäude eines Blocks nach Entstehungsdatum, nicht nach einer fortlaufenden Zahlenfolge, erschweren das Leben. Es hat keinen Sinn, Passanten oder Anwohner zu fragen. Allenfalls Polizisten, die jeweils für einen abgegrenzten Bezirk zuständig sind, wissen Bescheid. Taxifahrer sind meist genauso hilflos wie der Fahrgast, niemand nimmt ihnen das übel. Erst mit den Navigationssystemen hat sich dieses Problem gelöst.

 

Modernes Atlantis

Ich nutze den künstlich ins Meer hineingebauten Kansai International Airport. Kansai ist der Name der Region, zu der die Großstädte Osaka, Kobe und Nara gehören, nach Tokio der zweitgrößte Ballungsraum Japans. Versinkt der Airport im Meer? Dazu las ich, dass sich das Niveau des neuen Flughafens bereits deutlich mehr als in den Simulationsrechnungen erwartet abgesenkt habe. In der Tat hat man bei der Anfahrt über die Brücke den Eindruck, dass die gigantische Anlage gegenüber dem Meeresspiegel nur einen geringen Niveauunterschied aufweist. Eisenbahntunnels und die unteren Etagen im Flughafengebäude scheinen tiefer zu liegen als der Wasserspiegel. Steht diesem Wunderwerk von Menschenhand das gleiche Schicksal wie einst Atlantis bevor? Man sieht schwere Baumaschinen, die sich nach unten bohren, offenbar handelt es sich um Maßnahmen zur Stabilisierung des Untergrunds.

 

Ávila voller Bedeutung

Auf dem Wege nach Salamanca machen wir Station in Ávila, der mit rund 1130 Metern höchstgelegenen Provinzhauptstadt Spaniens. Teresa von Ávila ist die Namenspatronin meiner Mutter, insofern ergibt sich zu dieser Stadt eine persönliche Beziehung. Umgeben von einer hohen geschlossenen Stadtmauer mit einer endlosen Zahl von Türmen begrüßt uns Ávila ernst, fast ein wenig unheimlich. Miguel de Unamuno, vor dessen Denkmal wir wenige Stunden später in Salamanca stehen, beschrieb sie als einen »von der Sonne der Jahrhunderte und von Jahrhunderten der Sonne vergoldeten Diamanten aus Felsgestein«. Da die undurchdringlichen Mauern den Blick nach außen verwehrten, musste diese »wundervolle Stadt zum Himmel schauen«, so Unamuno.

Über die Jahrhunderte brachte Ávila mehrere legendäre Heilige, Märtyrer und Mystiker hervor. Neben der berühmten heiligen Teresa sind dies Santa Barbara, der ein Bart wuchs, als ihr ein stürmischer Caballero nachstellte, der heilige Johannes vom Kreuz sowie der heilige Segundus, ein Märtyrer. Auch der erste Großinquisitor Spaniens, Fray Tomás de Torquemada, ist in Ávila begraben. Wie kommt es, dass eine kleine Stadt irgendwo in Kastilien über Jahrhunderte eine solche Bedeutung erlangen konnte?

 

Größte Stadt der Welt

Die Stadt Chongqing hieß früher Tschungking und gilt mit mehr als 30 Millionen Einwohnern als größte Stadt der Welt. Das ist jedoch in gewisser Weise Bluff. Denn diese Stadt wurde aus Sichuan, der größten chinesischen Provinz, herausgelöst, und auf diese Weise »reichsunmittelbar« direkt Peking unterstellt, ähnlich wie unsere Stadtstaaten. Dies geschah im Zusammenhang mit der Planung für den Drei-Schluchten-Staudamm. Die gesamte Anliegerschaft des entstandenen Stausees, der rund 700 Kilometer lang ist, wurde der Stadt Chongqing zugeschlagen. Von einem geschlossenen Stadtgebiet kann keine Rede sein.

 

Der Dom verschwindet

»Lieber in Deutz wohnen und Köln sehen, als in Köln wohnen und Deutz sehen«, schrieb Victor Hugo, als er 1840 die Stadt am Rhein besuchte. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung meint, der französische Dichter habe damit prophetische Weitsicht bewiesen.223 Denn auch in Köln machen sich die Hochhäuser breit und insofern könnte es mit der Domsicht zunehmend Probleme geben. Wenn man früher auf der Autobahn A4 von Aachen nach Köln fuhr, lag der Dom exakt auf der Geraden aus circa 15 Kilometern gut sichtbar vor einem. Seit einigen Jahren hat sich ein Hochhaus des Mediaparks in diese Silhouette geschoben. So verschwinden die Stadtbilder von einst.

 

Stadt-Land-Angleichung

Zur Zeit meiner Kindheit gab es große Unterschiede zwischen Stadt und Land. Sichtbar wurde dies für uns an den Stadtkindern, die in den Sommerferien ins Dorf kamen. Diese Kinder sprachen Hochdeutsch, waren moderner angezogen, besuchten Schulen mit Jahrgangsklassen und erwiesen sich in vielerlei Hinsicht als gewiefter. Wir beherrschten nur unseren Dialekt, und in der einklassigen Volksschule unterrichtete ein Lehrer acht Jahrgänge. Wir rochen nach Stall, während die Stadtkinder gepflegt waren. Es gab tausend weitere Unterschiede. Heute sind Stadt und Land in erstaunlicher Weise angeglichen. Das gilt für Sprache, Medien, Schulen, Kleidung, Sport und vieles mehr. Gleichwohl bleiben markante Unterschiede. Im Dorf leben die meisten Menschen in eigenen Häusern, während die Städter überwiegend Mieter sind. Personennahverkehr ist auf dem Lande nach wie vor dünn gesät, und obwohl sich das kulturelle Angebot stark verbessert hat, ist es mit der Stadt nicht vergleichbar.

 

Der Tankwart weiß Bescheid

Cloppenburg liegt im Emsland, nicht fern von Oldenburg in Oldenburg. Manchmal halte ich Vorträge in kleinen, eher ländlichen Städten. Der Empfang, den ich hier in Cloppenburg erlebe, ist herzlicher und emphatischer als in den großen Städten dieser Welt. Ein Tankwart, bei dem ich den Tank auffülle, begrüßt mich mit Namen. Auf meine Frage, woher er mich kenne, antwortet er, die Lokalzeitung habe meinen Vortrag angekündigt. Die Zuhörer, überwiegend mittelständische Unternehmer, sind nicht mit Vortrags- und Veranstaltungsangeboten überfüttert. Sie freuen sich über einfache, handfeste Ratschläge. In der Gegend gibt es mehrere Hidden Champions, die ich als Beispiele anführen kann. Die Firma Grimme ist Weltmarktführer bei Kartoffelrodern. Big Dutchman baut die meisten Hühnerställe in der Welt. Solche Bezüge schaffen bei den Zuhörern Identifikation und Akzeptanz. Als Referent bin ich gegen solche Rückkopplung nicht immun und fahre zufrieden nach getaner Arbeit heimwärts.

 

Nachts im Walde

Nach langen Arbeitstagen gibt es kaum etwas Besseres als eine nächtliche Wanderung durch den Wald. Im Frühherbst ist es am dunkelsten, weil die Dämmerung bereits am späten Nachmittag einsetzt, die Bäume jedoch noch viel Laub tragen. Heute scheint der Mond fast in voller Größe und wirft ein fahles Licht auf den Waldweg. Obwohl ich den Pfad in der Dunkelheit kaum bewusst wahrnehme, komme ich nur selten von ihm ab. Ich erahne, wie er sich durch den Wald windet. Ahnung hat den gleichen Wortstamm wie Ahnen, also Vorfahren. Beruhen Ahnungen auf ererbten Fähigkeiten? Schließlich ist der Mensch viel länger durch dunkle Wälder als durch beleuchtete Städte gegangen. Es wäre erstaunlich, wenn solche ererbten Fähigkeiten sich nicht tief in uns eingegraben hätten.

 

Ein Kreuz und 150 Jahre

Mitten im Siebengebirgswald treffe ich auf ein steinernes Kreuz. Aus dem Blickwinkel des Weges, auf dem ich dahinstolpere, zeichnet es sich in scharfer Kontur gegen den aufgehenden Mond ab und wirkt noch gespenstischer als am Tage. Im Lichte meiner Taschenlampe lese ich die in den Stein gemeißelte Schrift: »Zur Erinnerung an den Königlichen Revierförster Johann Hammelrath, Ritter des rothen Adlerordens, geb. 1790, welcher durch unvermuthetes Entladen seiner Jagdflinte am 6. Nov. 1867 hier seinen Tod fand. Friede seiner Seele«. Das war auf den Tag genau vor 150 Jahren. Heute ist der 6. November 2017.

 

Geschlossene Kirchen

In der Zeitung USA Today beklagt ein Autor, dass man selbst auf dem Lande in kleinen Gemeinden nur noch verschlossene Kirchen vorfinde. Eine ähnliche Beobachtung mache ich in Deutschland. Früher waren die Kirchen in den Dörfern tagsüber immer offen, später ereigneten sich dann gelegentlich Sakraldiebstähle. Heute sind sie zu, als Wanderer oder Radfahrer steht man meist vor verschlossener Tür, wenn man eine Kirche besichtigen will. In dieses Muster passt auch die Art, wie zu meiner Kindheit die Häuser geschützt wurden, wenn die Bauern aufs Feld gingen. Zwar schloss man die Haustür ab, aber der Schlüssel lag auf dem Fensterbrett – und jeder im Dorf wusste das. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals einen Diebstahl gab.

 

Cachi

Ein Bekannter in Buenos Aires erzählt uns, in dem Dorfe Cachi, irgendwo in den Anden Argentiniens, fänden wir einen gewissen Alberto Durand, der dort ein komfortables Gästehaus betreibe. Von Buenos Aires fliegen wir zunächst in die 1600 Kilometer entfernte Provinzstadt Salta, von der ich nie zuvor gehört habe. Der Reiseführer klärt uns auf, dass »Salta« in der Indianersprache die Schöne heißt und die Stadt bereits um 1600 gegründet wurde. Die erste Kirche der Franziskaner wurde 1627 erbaut, ihre Nachfolgerin gilt noch heute als Wahrzeichen der Stadt. Am Flughafen in Salta leiht uns Fernando Biarce, Manager des »Hotel Salta«, einen Landrover, und die Fahrt in die Endlosigkeit beginnt. Cachi ist 160 Kilometer oder vier Stunden von Salta entfernt.

Früher war es üblich, Entfernungen nicht in Kilometern, sondern in Stunden auszudrücken. Für die Verhältnisse hier ist dieses Maß zweifelsohne das adäquatere. Durch nicht enden wollende Serpentinen quälen wir uns auf 3600 Meter Höhe, durchqueren zwei Hochebenen, auf denen sich bis zum Horizont ein Meer von bis zu fünf Meter hohen Kandelaberkakteen erstreckt. Gegen Abend erreichen wir das Indiodorf Cachi. Alberto Durand kommt zum Dorfplatz, um uns den Weg zu weisen. Für uns allein wäre sein Haus unauffindbar, die letzten Kilometer sind so holprig, dass sie jeden Besucher aus der städtischen Welt davon abhielten, weiterzufahren.

Wir sind am Ende der Welt! Und hier finden wir die sehr geschmackvoll restaurierte und mit modernstem Komfort ausgestattete alte Mühle, genannt »El Molino«. Alberto und seine Frau Nuny, eine Künstlerin, haben diese Enklave in 3400 Metern Höhe geschaffen. In der 300 Jahre alten funktionsfähigen Mühle mahlen die Durands ihr Maismehl, backen selbst Brot, bewirten ihre Gäste vorzüglich. An diesem Ort wird die Stille hörbar, die klare Luft lässt den Himmel tagsüber in einem glänzenden Blau erstrahlen, nachts leuchten die Sterne mit unvorstellbarer Brillanz. In dem ariden Klima fällt die Temperatur von 25 Grad am Tage auf Minusgrade in der Nacht, es ist Winter.

Die Gletscher der nahen Sechstausender versorgen das Tal ganzjährig mit sprudelnden Wassern. Die wüstenartigen Hügel bilden einen scharfen Kontrast zu den fruchtbaren Talauen. Ein Paradies? Ja, aber auch eine Insel, getrennt von der modernen Welt durch eine Schreckensfahrt von einem halben Tag. Von Cachi fährt Alberto Durand einmal pro Woche zum Einkauf nach Salta. Das ist so, als müssten wir von Bonn nach Stuttgart, vielleicht gar nach Ulm, reisen, um dort unsere Besorgungen für den täglichen Bedarf zu machen. Jedes Gebrauchsgut, jedes Möbelstück, jeder Kunstgegenstand, die sich in El Molino finden, wurde in Höllenfahrten über die unbefestigten Holperstraßen von Salta nach Cachi transportiert. Allein diese Mühe verleiht den Dingen hier einen fast mythischen Wert.

Abstecher in die Umgebung Cachis konfrontieren uns mit dem ärmlichen Leben der Indios. Ich frage Alberto Durand, wovon die Leute leben. Seine Antwort fällt überraschend aus. Die Gemeinde Cachi habe 1800 registrierte Wähler, von diesen bezögen 1400 eine staatliche Rente oder Unterstützung. Diese Beihilfen seien in jedem Wahlkampf das zentrale Thema. Die Leute kämen mit diesen Zahlungen, einer kleinen Landwirtschaft und etwas Gelegenheitsarbeit notdürftig über die Runden. Die Wirkung der staatlichen Beihilfen sei jedoch katastrophal, da sie den Menschen die Motivation nähmen, einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen. So lerne er ständig Arbeitskräfte für sein Gästehaus an, diese sprängen aber nach kurzer Zeit wieder ab oder erschienen je nach Lust und Laune nur unregelmäßig. In der Ökonomie gelten überall die gleichen Gesetze: Geld fürs Nichtstun zerstört die Arbeitsmoral. Ich vermutete, dass sich kaum ein Europäer in dieses Ultima Thule verirrte. Doch das war ein Irrtum.

Als ich im Gästebuch blätterte, stellte ich fest, dass Edmund Stoiber, der frühere bayerische Ministerpräsident, und ein mir bekannter METRO-Manager bereits in Cachi waren. Das war zu viel. Die Kleinheit der Welt erschreckte mich.

 

Landtalente

Unternehmen an Standorten, die abseits der großen Zentren liegen, tun sich schwer bei der Gewinnung von Mitarbeitern, die nicht aus der jeweiligen Region stammen. Ein Ingenieur, der in Berlin, München oder Hamburg studiert hat, geht nicht so leicht nach Ostfriesland oder in die Eifel. Die Mobilität hält sich trotz aller Lippenbekenntnisse in Grenzen. Ich rate Firmen in dieser Lage, den Spieß umzudrehen und aus dem Nachteil einen Vorteil zu machen. Das heißt konkret, sich auf die Anwerbung von Nachwuchskräften aus der jeweiligen Region zu konzentrieren. In jeder Gegend gibt es fähige junge Leute, die nach ihrem Studium an einer weiter entfernten Hochschule gerne in die Heimat zurückkehren. Sie zeichnen sich oft durch eine hohe Loyalität zum Unternehmen aus. Viele Firmen in ländlichen Gebieten haben auf diese Weise eine hoch motivierte Stammbelegschaft aufgebaut. Falls das Unternehmen international tätig ist, sollte es diese Mitarbeiter für längere Zeit ins Ausland entsenden. Dort gewinnen sie den weiten Horizont, der für eine spätere effektive Arbeit in der Heimat unerlässlich ist. Die jungen Adler müssen ausschwärmen, bevor sie zum Basishorst zurückkehren.

 

Landkartendynamik

Die Dynamik einer Landschaft lässt sich eindrucksvoll an ihren Landkarten ablesen. Vergleicht man Landkarten im Abstand von 20 oder 30 Jahren, wird deutlich, wie viel beziehungsweise wie wenig sich geändert hat, je nach gewähltem Zeitausschnitt. Für das Eifelgebiet weist die Karte des Jahres 1990 im Vergleich zu der von 1960 enorme Unterschiede auf. Autobahnen sind hinzugekommen, Eisenbahnlinien verschwunden, Landkreise und Gemeinden wurden unterschiedlich konfiguriert. Demgegenüber besitzt die Karte von 1920 mit der von 1950 weit größere Gemeinsamkeiten. Sie spiegelt drei Jahrzehnte wirtschaftlichen Stillstands wider. Ergo: Wirtschaft wird sichtbar in den Umbrüchen einer Landschaft und ihrer Landkarten.

 

Branche = Dorf

Merke: »Jede Branche ist wie ein Dorf.«
Unbekannter Autor

 

 

 

 

 

 

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