Krisen, Katastrophen, Zeitenwende – Neue Institutionen für eine resiliente Gesellschaft
Wie können wir als Gesellschaft mit Krisen und Katastrophen umgehen? Wie kann man diesen existenziellen Gefahren präventiv begegnen? Soziologe Martin Voss, einer der führenden deutschen Wissenschaftler für Katastrophenforschung, der seit 2011 die Krisen- und Katastrophenforschungsstelle an der Freien Universität Berlin leitet, hielt hierüber einen Vortrag für die Daimler und Benz Stiftung in der Reihe „Dialog im Museum“. Ein Nachbericht von Miriam Weiss

Martin Voss (Foto: Daimler und Benz Stiftung/Bernd Wannenmacher)
Auseinanderklaffen von Wissen und Handeln
Im Stuttgarter Mercedes-Benz-Museum musste Martin Voss die Erwartungen des Publikums zu Beginn etwas dämpfen: „Einer, der sich durchaus schon länger mit Krisen und Katastrophen beschäftigt hat, steht nun vor Ihnen und hat doch nicht die klugen Antworten parat.“ Mit Verweis auf den Anfang der Covid-19-Pandemie betonte der Soziologe, dass man den Begriff Krise heute anders als vor dem Jahr 2020 verstehe. „Die Krisen der Zeit haben etwas damit zu tun, dass wir nicht tun, was wir wissen“, lautete seine zentrale These. „Zwar weiß man sehr viel und man verfügt über die technischen und ökonomischen Mittel, um eine bessere Welt zu gestalten, aber wir bleiben in unserem Handeln weit dahinter zurück und taumeln von Krise zu Krise.“
Der Panikmythos
Als Beispiel nannte Voss den Panikmythos: Vonseiten der Politik werden in einer sich entwickelnden Krise Informationen zurückgehalten aus Sorge, andernfalls zur Verunsicherung der Bevölkerung und damit zur Entstehung von die Menschen gefährdender Panik beizutragen. Dass Menschen in Katastrophen grundsätzlich panisch reagieren, wurde jedoch seit den 1940er-Jahren in zahlreichen empirischen Untersuchungen zum menschlichen Verhalten in Extremsituationen (Unfälle, Erdbeben, Kriege) klar widerlegt. Vielmehr verhalten sich die meisten Menschen rational und hilfsbereit gegenüber anderen und organisieren sich selbst, um eine Krise zu bewältigen.
Bei tatsächlichen Fällen von Massenpanik wie etwa bei der Love-Parade-Katastrophe 2010 in Duisburg führten jeweils sehr spezifische Bedingungen in die Katastrophe. Diese sind bis heute sehr gut erforscht und benennbar. „Aber es gibt keine Berichte aus westlichen Ländern, bei denen bloße Information oder eine Warnung vor einer möglichen Gefahr zu wirklichem Schaden an Leib und Leben führte“, so Voss. Vielmehr sei das Gegenteil der Fall: Indem man Informationen zurückhält, trägt man erst recht zur Verunsicherung der Menschen bei, die gerade in Krisenzeiten sehr nach Information suchen. Eine Folge davon sei das schwindende Vertrauen in die Behörden und ein wachsendes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen.
Wenn die Katastrophe ihren Lauf nimmt
Der Soziologe Lars Clausen, bis heute einziger Verfasser einer soziologischen Theorie der Katastrophe, verstand die Katastrophe als kollektives Scheitern, dessen Ursachen in der Gesellschaft zu suchen sind. „Die Gesellschaft schaut häufig nur auf schnelle Antworten. So ist etwa die Länder- und Ressortübergreifende Krisenmanagementübung des Bundes (LÜKEX) so angelegt, dass man eher nicht an Grenzen kommt. Doch eine Übung sollte genau das tun, um Schwachstellen zu zeigen“, betonte Voss. In diesem Abwehrmechanismus, an die Grenze zu gehen, liegt für Clausen ein zentrales Motiv, aus dem Katastrophen resultieren: „Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, wenn eine Gesellschaft nicht mehr überall sucht, sondern den Rundum-Horizont drohender Gefahren verengt.“
Ein Lösungsvorschlag: Alle unter einem Dach
„Klimawandel, Pandemie, Geflüchtete, Ukraine, Terror, Antisemitismus undsoweiter. Jede Krise, jede Katastrophe wirft ganz spezifische Fragen auf und verlangt nach sehr spezifischen Expertisen und Antworten“, sagte Voss. Was also tun? Einen Lösungsvorschlag skizzierte der Soziologe in einem Gedankenspiel: „Ich stelle mir vor, es gäbe ein sehr großes Haus, unter dessen Dach Wissenschaftler aller für krisenhafte Prozesse relevanten Disziplinen, Experten aus der Praxis, Vertreter von NGOs, Vereinen, Initiativen, sozialen Bewegungen, Interessengruppen und Stiftungen an der Lösung systemischer gesellschaftlicher Probleme arbeiten.“ Wichtig sei dabei die dauerhafte Zusammenarbeit und die Ausbildung des eigenen Nachwuchses, der von vornherein disziplinübergreifend denkt. Unter anderem würde man Szenarien entwerfen und zukünftige Entwicklungen modellieren: Wie könnte ein lebenswertes Deutschland im Jahr 2050 aussehen?
Die tatsächliche Komplexität der Herausforderung
Diese Menschen würden all das gemeinsam tun, was bislang in zahllosen verschiedenen Winkeln der Gesellschaft getan, aber nicht zusammengeführt werde. Die Unabhängigkeit von unmittelbaren Konkurrenz- und Verwertungsinteressen des akademischen und ökonomischen Betriebes erlaube den offenen Dialog und öffne den Blick für die tatsächliche Komplexität der Herausforderung. „Das alles schafft Vertrauen – und dieses ist in Zeiten, in denen Vertrauen in Behörden und in alle, die irgendwie im Verdacht stehen, im Staatsauftrag zu handeln, strategisch untergraben wird, von größter Bedeutung“, unterstrich Voss zum Schluss und gab dem Publikum folgende, zum Nachdenken anregende Fragen mit auf den Heimweg: Könnten über derartige Impulse von außen aus der Zivilgesellschaft Brücken gebaut werden zwischen den gesellschaftlichen Sphären? Könnte so ein struktureller Wandel hin zu einer resilienteren Gesellschaft eingeleitet werden?
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