Strafverteidigerin Simone Kämpfer von Freshfields im Interview über Belohnungen für Whistleblower, der grundlegende Irrtum der Unternehmen über die Boshaftigkeit ihrer Mitarbeiter und warum es für Unternehmen schlecht ist, wenn sich ihre Leute lieber Behörden anvertrauen als ihrem eigenen Arbeitgeber. Wie Unternehmen gegensteuern sollten

Simone Kämpfer (Foto: Freshfields PR/ Jann Hoefer)
Würden Sie Unternehmen raten, Whistleblower mit Geld zu belohnen?
Kämpfer: Der Hinweisgeberschutz wird an allen Ecken und Enden gefördert. Erst kürzlich hat die Berliner Polizei ihr anonymes Online-Hinweisgeber-System erweitert. Wir sind in Deutschland aber noch nicht so weit, was finanzielle Anreize angeht. Wir haben nicht einmal – wie in den USA – Behörden, die bereit sind, Prämien auszuzahlen und nur sehr wenige Unternehmen, die ein Prämienprogramm aufgesetzt haben. Unternehmen, die sich für eine Prämie für Whistleblower entscheiden, müssen sich auch auf einen erheblichen Administrations- und Bearbeitungsaufwand einstellen.
… und zwar was?
Sie müssen zuerst die Spielregeln festlegen: Das Unternehmen muss also transparent kommunizieren, welche Meldungen es mit einer Prämie in welcher Höhe honoriert. Dann müssen die zuständigen Mitarbeiter mehr Meldungen doppelt prüfen: Erstens, ob weitere Untersuchungen nötig sind und zweitens, ob die Meldung für eine Prämie qualifiziert ist. Das Ziel muss eine Verbesserung der Compliance-Kultur sein, aber nicht die Förderung von Denunzianten – das ist eine gefährliche Gratwanderung.
Haben Sie Anhaltspunkte dafür, dass Prämien hierzulande Denunzianten fördern?
Die Gefahr ist da. Tatsächlich gab es auch schon in unserer Praxis Fälle, in denen sich jemand Vorwürfe ausgedacht hat, um eine Prämie zu bekommen. Die angebliche Bestechung in Uganda hatte es dann gar nicht gegeben.
Unternehmen müssen auch deshalb kritisch einschätzen, ob sie den Preis – den administrativen, kapazitativen und kommunikativen Aufwand – für etwaige Vorteile zahlen können und wollen.
Sind die Amerikaner in dem Punkt ein Vorbild?
In den USA werden Prämien mittlerweile ziemlich oft ausbezahlt. Es gibt viel mehr Meldungen – daran zeigt sich, dass die Aussicht auf eine finanzielle Belohnung die Motivation für Whistleblower-Hinweise ganz sicher erhöht. 2023 gab die US-amerikanische Wertpapier- und Börsenaufsicht SEC einem Whistleblower fast 279 Millionen US-Dollar – das war die höchste Summe in ihrer Geschichte. Erst diesen August haben zwei Whistleblower zusammen 98 Millionen US-Dollar erhalten. Finanziert werden die Prämien über eingenommene Bußgelder. Prämien von US-Unternehmen sollen dasselbe bewirken – mit dem Unterschied, dass Beschäftigte sich gerade nicht an Behörden wenden, sondern interne Meldewege nutzen sollen.
Das läuft in Deutschland bisher anders? Hinweisgeber vertrauen den Unternehmen nicht und wenden sich lieber an andere Stellen?
Unsere internationale Studie hat für Deutschland gezeigt: Beschäftigte gehen lieber zu den Behörden und veröffentlichen in den sozialen Medien. Das bedeutet für Unternehmen nichts Gutes: Sie verlieren die Kontrolle und riskieren erhebliche Reputationsschäden. Obendrein können schon anonyme Hinweise strafrechtliche Ermittlungen der Staatsanwaltschaft inklusive Durchsuchungen auslösen.
Kennen Sie Unternehmen, die sich anders erkenntlich gezeigt haben?
Einmal hatte ein Mitarbeiter eine erhebliche Prämie für seinen Hinweis nicht haben wollen. Stattdessen hat er darum gebeten, einmal den Firmenjet nutzen zu dürfen. Das war für das Unternehmen am Ende nicht teurer, und der Mitarbeiter konnte sich einen kleinen Traum erfüllen – eine echte Win-Win-Situation.
Unternehmen sollten also ein echtes Interesse daran haben, dass die Mitarbeiter die Hotlines auch nutzen – und sie nicht nur haben, um den Anforderungen des Gesetzgebers zu genügen?
Interne Meldungen über die Whistleblower-Hotlines ermöglichen es den Unternehmen, Missstände möglichst früh zu erkennen und abzustellen. Dadurch können sie verhindern, dass sich eher geringfügige Probleme zu kapitalen – und teuren – Notfällen entwickeln.
War die Angst der Unternehmen, von Intrigantenlawinen überrollt zu werden, also unbegründet? Die Unternehmenslenker scheinen ihre Mitarbeiter nicht gut zu kennen, wenn sie ihnen so viele unedle Motive unterstellen.
Ja. Natürlich gab es auch einige Falschbeschuldigungen. Von einer Lawine kann aber überhaupt keine Rede sein. Die Mehrzahl der Hinweise hatte bislang entweder Hand und Fuß oder war – auch das gibt es – unabsichtlich unzutreffend.
Zu welchen Maßnahmen raten Sie Unternehmen, um Akzeptanz in der Belegschaft für die Whistleblower-Hotlines zu schaffen – und womöglich auch Ängste zu nehmen wie etwa bei metoo-Opfern?
Klare Kommunikation hierzu – und leichte Auffindbarkeit im Intranet, und vielleicht sogar mal ein Aushang in der Kaffeeküche. Und: Zeigen, dass man es ernst meint – soweit möglich über die Aufarbeitung von Whistleblower-Vorgängen berichten.
Kick-backs oder #metoo sind klassische Meldefälle. Was blüht Unternehmen in Zukunft an Meldungen?
Ich rechne mit einer großen Bandbreite. Unternehmen sehen sich derzeit mit einer Fülle von Regularien in sämtlichen operativen Bereichen konfrontiert – seien es die Menschenrechte, seien es Anforderungen an Nachhaltigkeit, sei es die Geldwäsche, sei es der AI Act beim Einsatz von KI. Die Liste der aktuellen Herausforderungen ist lang. Viele Regeln führen erfahrungsgemäß auch zu vielen Verstößen. Ich glaube, Whistleblower werden sich in all diesen Bereichen melden.
Link zur Freshfields Umfrage: https://www.freshfields.us/insights/campaigns/whistleblowing/
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