Fünf Fragen an Compliance-Anwältin Karin Holloch zur ungewöhnlich offenen PR von SAP über das plötzliche Ausscheiden des Technik-Vorstands Jürgen Müller

Fünf Fragen an Karin Holloch, Anwältin und Compliance-Expertin von Transparency  zur ungewöhnlich offenen PR von SAP über das plötzliche Ausscheiden des Technik-Vorstands Jürgen Müller. 

Dass ein Vorstand ausscheidet und das Unternehmen öffentlich macht, dass er sich ein Fehlverhalten zuschulden kommen ließ, hat es hierzulande noch nicht gegeben. Der Softwarekonzern SAP überraschte gerade alle mit diesem Vorgehen. Müller selbst sagte in dieser offiziellen Mitteilung, dass es bei einer Firmenveranstaltung zu einem Ereignis kam, bei dem er sich unangemessen verhalten habe. Dass er das bedauere, dass er unüberlegt gehandelt habe, sich dafür entschuldige und sein Rücktritt für das Unternehmen das Beste sei.

 

Karin Holloch (Foto: C.Tödtmann)

 

Wie beurteilen Sie die Vorgehensweise des anscheinend absolut offenen Umgangs eines Unternehmens, einen Top-Manager per Pressemitteilung auf diese Weise zu outen?

Aus Sicht des Unternehmens war es vielleicht alternativlos, über den Elefanten im Raum zu sprechen. Seit zwei Jahren gibt es Medienberichte darüber, dass zwei Mitarbeiterinnen über Vergewaltigungen auf Dienstreisen berichtet haben und SAP diese Fälle nicht angemessen aufgeklärt habe. Ebenso stand in den Medien, dass die Unternehmenskultur ein Arbeitsklima begünstigte, in dem es zu sexuellen Belästigungen kam. In den USA teilen Unternehmen in solchen Fällen noch sehr viel transparenter mit, was passiert ist.

 

… dann hat sich SAP mit dieser PR-Vorgehensweise, die hierzulande ein Novum war, sich  womöglich nur an den USA orientiert?

In den USA hätte der Vorstand außerdem betont, dass man solche Fälle melden kann, dass diese professionell aufgeklärt werden und dass Fehlverhalten sanktioniert wird. Und der Vorstand hätte seine Werte mitgeteilt und dass er Verstöße nicht toleriert. In den Vereinigten Staaten hat die US-Börsenaufsichtsbehörde SEC schon öfter Strafen gegen amerikanische Unternehmen verhängt, die Meldungen über sexuelle Belästigung nicht effektiv nachverfolgt haben. Vorstände und Aufsichtsräte von US-Unternehmen sind deswegen bemüht, Vorfälle transparent aufzuklären und zu kommunizieren, um Haftungsklagen gegen sich selbst zu vermeiden.

 

Ungewöhnlich an der SAP-Pressemitteilung war auch, dass dass der betroffene Vorstand selbst mit einem Zitat vorkommt….

Müller räumt unangemessenes Verhalten gegenüber Mitarbeitenden auf einer Firmenveranstaltung ein und entschuldigt sich. Ich finde das bemerkenswert. Für alle Betroffenen von Übergriffen am Arbeitsplatz ist dies eine gute Nachricht – die Zeiten ändern sich. Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, Vorfälle von sexualisierter Gewalt oder unangemessenem Verhalten unter den Teppich zu kehren. Auch nicht, wenn Vorstände involviert sind. Es ist richtig, die betroffenen Mitarbeiter zu schützen und keine Details der Vorfälle mitzuteilen.

 

… firmenintern scheint der Vorfall – unpassende Sprache oder unangemessener Körperkontakt – hierzulande bisher nicht mal in der Gerüchteküche angekommen  zu sein, weil er sich anscheinend auch nicht in Deutschland, sondern in den USA oder Spanien ereignet hat.  Dort haben angeblich nach der Veranstaltung mehrere Zeugen den Vorgang über das SAP-interne Whistleblower-Tool gemeldet. 

Meine Erfahrung ist, dass in den allermeisten Unternehmen sehr viel im Flurfunk kommuniziert wird. Es wird oft unterschätzt, wie viel die Mitarbeiter mitbekommen. Übergriffe auf Firmenveranstaltungen bleiben selten unbemerkt. Die Medienberichte über SAP legen nahe, dass es nicht dieser eine prominente Vorfall war, sondern dass es über Jahre Ereignisse gab. In meinen Gesprächen mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz höre ich oft, dass sie Kolleginnen ins Vertrauen gezogen haben oder dass Mitarbeiter sich gegenseitig vor bestimmten Situationen oder bestimmten Kollegen warnen. Eine Studie der Bundesregierung hat ergeben, dass jede achte Frau und jeder zwanzigste Mann in den letzten drei Jahren am Arbeitsplatz sexuell belästigt wurde. Eigentlich müssten wir viel öfter hören, dass Unternehmen personelle Konsequenzen deswegen gezogen haben.

 

Müllers Karriere dürfte nun schwer beschädigt sein: so kann man eigentlich nur bei glasklarer Beweislage vorgehen, um nicht selbst in die Nähe von Verleumdung oder übler Nachrede zu kommen, oder?

Müller hat zugegeben, dass er sich unangemessen verhalten hat. Im Sinne einer guten Fehlerkultur ist das ein wichtiger Schritt und verdient Respekt. Massive Übergriffe, die zu staatsanwaltlichen Ermittlungen führen, wären möglicherweise das Aus für seine Karriere. In der Schweiz ist erst kürzlich jemand, der zweifach wegen Belästigung verurteilte worden war, zum Präsidenten der Walliser Tourismuskammer gewählt worden – der musste nach heftigen Protesten wieder zurücktreten.

 

 

Lesetipp Michael Kroker auf wiwo.de: SAP: Was hinter dem Rücktritt von Topmanager Müller steckt – und wie es im Vorstand weitergeht (wiwo.de)

Lesetipp wiwo.de Interview mit Arbeitsrechtlerin Frauke Biester von Vangard: SAP: „So etwas habe ich noch nicht oft erlebt“ (wiwo.de)

 

 

 

 

 

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