Fragebogen „Nahaufnahme“ mit US-Anwältin Deborah Sturman, die ihre Gäste stets mit Hühnersuppe bewirtet

Den Fragebogen „Nahaufnahme“ beantwortet Deborah Sturman, US-Anwältin und Spezialistin für Sammelklagen aus New York

 


Erklären Sie in einem Satz, was Ihr Unternehmen tut.

Meine Kanzlei Sturman LLC vertritt Opfer von Betrug und anderen rechtswidrigen Handlungen mit dem Ziel, eine Entschädigung der Opfer durch die Täter zu erwirken, wobei die Mandanten überwiegend institutionelle Anleger sind, deren Interessen wir in Sammelklagen im Wertpapierbereich vertreten.


Womit beginnt Ihr Tag?

Ich wache um 6.30 Uhr früh auf, normalerweise springt dann ein Hund auf mich und verlangt seine Streicheleinheiten. Danach muss er für einige Zeit in den Garten, aber sobald er anfängt zu bellen, jage ich ihn wieder hinein. Dann verlangt er weitere Streicheleinheiten.


Was unterscheidet Sie von anderen im Auftreten und im Behave im Job?

Ich bin viel und lange am Telefon. Die Gespräche sind oft intensiv, da meine Mandanten in der Regel im Sachverhalt sehr engagiert sind. Und ich bin eine leidenschaftliche Mentorin und unterstütze meine Anwälte, Universitätsstudenten, Sekretärinnen, Rechtsanwaltsgehilfen und manchmal sogar deren Kinder und Verwandte.


… und was würden Ihre Mitarbeiter darauf antworten?

Es ist wahrscheinlich ein schmaler Grat zwischen Mentoring und Einmischung. Meine Kollegen und Kolleginnen dürfen immer ihre Meinung äußern, und ziemlich oft ändere ich meine Meinung, nachdem ich sie angehört habe. Es mag ihnen nicht gefallen, dass ich ihnen seit zwei Jahrzehnten Schreibanweisungen gebe, insbesondere meine Regeln zu Pronomen. Ich halte es gerne neutral und verwende „Person“ oder „Individuum“, aber wenn ein geschlechtsspezifisches Pronomen erforderlich ist, habe ich mich für „er“ entschieden. Die Schreibanleitung sieht vor, dass jeder mit mir darüber sprechen darf: einmal. Einige Kollegen könnten dagegen und gegen die strengeren Anweisungen Einwände haben, wobei noch niemand auf meine Pronomen-Vorschrift eingegangen ist.

Doch manchmal täuscht mich mein Mentoring-Instinkt. Während eines Fluges nach Genf traf ich einen Snowboard-Designer, der mir erzählte, dass er die meiste Zeit mit Heli-Snowboarding und Snowboard-Rennen verbringe. Meine Mentoring-/Mutter-Seite kam zum Vorschein und ich machte deutlich, dass Snowboarden für einen jungen Mann zwar in Ordnung sei, er aber an seine Karriere denken müsse. Irgendwann fragte ich ihn, welches sein wichtigstes Rennen gewesen sei. Es waren die Olympischen Spiele, die er dreimal gewonnen hatte. Es war Seth Wescott. Er brauchte meinen Rat offensichtlich nicht.

Also die kurze Antwort auf die Meinung meiner Kollegen: Seth Wescott schien nicht beleidigt zu sein, was hoffentlich auch die Erfahrung meiner Kollegen widerspiegelt.


Tee oder Kaffee?

Kaffee, einmal am Tag. Tee, manchmal, insbesondere wenn ich mit meinen chinesischen Mandanten zusammen bin.


Ihr Spitzname ist…?

Mein Großvater nannte mich manchmal Plutze, ein liebevolles jiddisches Wort für ein Mädchen mit einer gewissen Lebhaftigkeit. Jiddische beschreibende Begriffe sind schwer zu übersetzen.


Verraten Sie eine private Marotte.

Ich bewirte immer die Leute, die ins Haus kommen, meistens mit meinem Hausrezept – Hühnersuppe. Sehr klischeehaft, aber wahr. Ich bin auch gerne jederzeit produktiv. Ich schwimme meine Runden und höre dabei Bücher, reise mit einer Sprachlern-App, ich räume auf und mache sauber, während ich warte, – sei es den Schreibtisch, meine Telefon-Apps, eigentlich alles.

 


Was bringt Sie in Harnisch?

Solche Fragen beantworten zu müssen. Auch gefragt zu werden, warum ich koscher halte, da es immer ein bisschen schwierig zu beantworten ist, ebenso wie die Regeln selbst zu erklären, die objektiv betrachtet willkürlich und irrational sind.

 

…und was bringt andere an Ihnen in Harnisch?

Meine Antworten, wenn sie mich fragen, warum ich koscher halte, oder mich bitten, die Regeln zu erklären, denn die stiften oft eher Verwirrung, eben weil die Regeln willkürlich und irrational sind.

Was möchten Sie gerne in Rente machen?

Kurzfristig politisch ermächtigt zu sein, sodass ich ohne Einmischung von Sonderinteressen die dringend benötigten Sozialleistungen durchsetzen könnte, die in den USA schmerzlich fehlen, das Recht auf Wohnen, Nahrung und allgemeine Gesundheitsversorgung. Ein wohlwollender Diktator zu sein, kommt mir in den Sinn.

Sofern ich kein wohltätiger Diktator wäre, würde ich weiterhin mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln für diese Rechte kämpfen und viel Zeit mit meinen Freunden und meiner Familie verbringen, die überall auf der Welt leben. Und sie alle zum Lachen bringen.


Was schätzen Sie an anderen Menschen am meisten?

Sinn für Humor, Scharfsinn, belesen und vielseitig sein. Ich genieße Gespräche, die ohne Erklärung der Grundlagen beginnen können, mit Leuten, die informiert sind und an kreativen Lösungen für scheinbar unlösbare politische, soziale und diplomatische Probleme interessiert sind. Ich konzentriere mich sehr auf soziale Ungerechtigkeit und in Kombination mit meiner Marotte, immer produktiv zu sein, gefällt es mir immer, wirklich lösbare Probleme zu diskutieren.

Auf welche drei Dinge könnten Sie niemals verzichten? .

Meine drei Enkel, Jacques, Samuel und Hugo.


Was war Ihr peinlichster Moment?

Es gibt zu viele, um sie alle aufzuzählen. Das Erste, was mir in den Sinn kommt, passierte, als ich acht Jahre alt war. Wir hatten Gesellschaftstanzunterricht und am Ende der Saison gab es einen formellen Ball. Da ich in Kalifornien aufwuchs, hatte ich keiner Erfahrung mit Strumpfhosen. Als ich nach einem kurzen Auszug wieder in den Ballsaal kam, steckte die Rückseite meines Kleides in meinen Strumpfhosen. Mein Bruder verkündete es lautstark im Ballsaal.

Als Musikerin ließ ich mitten in einer Live-Aufnahme in einer Kirche, die ein riesiges Echo hatte, etwas fallen, das einen unglaublich lauten Knall verursachte. Schrecklicher Moment.

Als ich zum ersten Mal den Walzer „An der schönen blauen Donau“ von Johann Strauss spielte, wusste ich nicht, dass das einleitende Hornsolo mit drei Noten nicht im Walzertempo war. Ich war gerade mit Anfang 20 dem Royal Philharmonic in Belgien beigetreten, es gab nur eine kurze Anspielprobe vor dem Konzert und ich pflügte mich durch diese drei Noten. Der Dirigent hatte mich noch nie gesehen, und auch anschließend hatte ich keine Ahnung, was los war.  Die Blicke aller Orchester-Mitglieder spiegelten deutlich ihre Angst wider, was ich noch alles in dem Konzert vermasseln könnte, das in einer Stunde ohne weitere Probe beginnen sollte.

Mein Bruder sollte mich von einem Tanzabend abholen. Er ließ den DJ verkünden, dass meine Mutter meine Juckreizcreme beim Empfang gelassen hatte, was die ganze Tanzfläche zum Lachen brachte. Natürlich gab es keine Juckreizcreme.

Ganz am Anfang meiner Anwaltskarriere wurde ich zu einer Gerichtsverhandlung gegen erstklassige Anwälte geschickt, um einen Fall gegen ein großes Unternehmen zu verhandeln. Ich kannte meinen Fall, hatte aber noch nie zuvor allein eine Verhandlung geführt. Ich war vor einem brillanten Richter und sehr erfahrenen, schallend lachenden Anwälten fast ratlos. Irgendwie kam ich durch, und die Papiere haben ihren Zweck erfüllt: Wir haben gewonnen, aber es war kein guter Tag.


Auf welches Erlebnis hätten Sie lieber verzichtet?

Alle oben genannten.


Welche Eigenschaft haben Sie von Ihrer Mutter übernommen?

Soziales Engagement, Kontakte zu Menschen aller Art bei jeder Gelegenheit und die koschere Küche.


Wenn Sie für einen Tag den Job von jemand anderem übernehmen könnten – welcher wäre das?

Ich möchte in jeder politischen Position sein, die ich erreichen kann, um in den USA soziale Strukturen durchzusetzen, die für ein hochentwickeltes Land angemessen sind. Die USA sind Lichtjahre davon entfernt, ein sozial akzeptables Netzwerk zu schaffen, das denen zugutekommt, die Hilfe brauchen.

 

 

(Foto: Privat)

„Dieses Bild zeigt eins meiner beiden Naturhörner. Ich begann als Teenager, Naturhorn zu spielen, nachdem ich seit meinem achten Lebensjahr modernes Horn gespielt hatte. Dieses hier wurde 1806 von Courtois gebaut, vielleicht dem Guarnari unter den Hornbauern. Ein sehr teures Horn ist günstiger ist als ein Geigenbogen im unteren bis mittleren Preissegment. Auf jeden Fall ist es sehr filigran und anspruchsvoll. Wenn ich es spiele, versetzt es mich und hoffentlich auch die Zuhörer soweit wie möglich in den Klang und die Interpretation zeitgenössischer Musik aus der Zeit, als es gebaut wurde. Obwohl wir uns noch so sehr bemühen, den ursprünglichen Klang und die Interpretation nachzubilden, wissen wir nur, dass wir es falsch machen. Das habe ich manche der originalistischen Richtern des US Verfassungsgerichthofs gesagt, die meine Analyse nicht schätzten. Man kann nur sein Bestes geben“, erzählt Deborah Sturman.

 

 

 

 

 

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