Was Führungskräfte 2024 über KI wissen sollten – die besten Tipps für die Praxis abseits des Hypes. Gastbeitrag von Barbara Stöttinger, Dekanin der WU Executive Academy, und Digitalisierungsexperte Martin Giesswein
Business-Entscheider können zurzeit keine Onlineseite oder Fachzeitschrift aufschlagen, ohne mit guten Ratschlägen rund um die betriebliche Nutzung von KI überschüttet zu werden. Aber was ist wirklich wichtig? Auf welche Bereiche sollte ich mein Augenmerk als Führungskraft zuerst legen und wo fange ich am besten an?
Barbara Stöttinger und Martin Giesswein haben in drei Themenbereichen die wichtigsten Aspekte zusammengefasst.
- Ihr Unternehmen und KI
- Ihre KI-Strategie für die nächsten Jahre
- Ihre KI-Unternehmensverantwortung

Barbara Stöttinger (Foto: WU/PR)

Martin Giesswein (Foto: PR/WU)
Teil 1: Ihr Unternehmen mit KI
Welches Bild hat die KI von Ihrem Unternehmen?
Was hat die KI in ihrer Lernphase von Ihrem Unternehmen gespeichert und weiterverarbeitet? Fragen Sie mal ChatGPT: „Ist {meine Firma} ein guter Arbeitgeber für {Ihre Berufsbezeichnung}? Im Fall der WU Executive Academy etwa bekommt man relevantes Feedback zu dieser Frage mit 2073 Zeichen. Als Manager und HR-Leiter müssen wir uns also überlegen, wie wir ein richtiges (und attraktives) Bild nicht nur auf Plattformen wie Kununu, sondern ab sofort vor allem auch in den wichtigsten lernenden KI-Modellen – alles voran ChatGPT – bieten können.
Endlich ein Produktivitätssprung
Eines der großen Versprechen der KI-Anbieter ist die gesteigerte Produktivität im Arbeitsalltag: durch sekundenschnelle Textvorschläge, automatisch erstellte Präsentationen, KI-generierte Software oder Werbedesigns. Wieviel Zeitersparnis bringt das? Wir als Wissensarbeiter sparen viele Stunden, derzeit insbesondere beim Generieren, Optimieren und Übersetzen von Texten mit Deepl und ChatGPT. Aber auch als Sparring-Partner für neue Ideen oder die Ausarbeitung von Konzepten ist KI extrem hilfreich und erspart viel Zeit, die anderswo wiederum frei wird. Damit die KI-Effizienz aber auch tatsächlich auf die Straße kommt, braucht es Knowhow in den Unternehmen, um nicht selbsternannten KI-Gurus ausgeliefert zu sein.
Die Rolle des Top Management
Jetzt die Gretchenfrage: Wie hält es eigentlich der Chef mit der Verwendung von KI? In der gegenwärtigen Phase der generativen KIs ist das eigene Ausprobieren für Führungskräfte ein Muss: kann es doch Augenöffner und Grundlage für eine strategische Einordnung zugleich sein, wie wir in der Zusammenarbeit mit vielen unserer Kunden gesehen haben, die aktuell eigene Lernschienen aufstellen, um KI-Wissen in alle Ebenen des Unternehmens zu bringen.
Generative KI ist erst der Anfang
KI ist viel mehr als nur generative KI, also die Erstellung von Texten, Audio, Bildern und Code, von der wir gerade in den Medien so viel lesen. Gerhard Kürner, einer der aktivsten KI-Experten Österreichs, fasst die zukünftige Entwicklung der KI in drei Wellen zusammen:
- Die erste Welle, die generative KI, revolutioniert aktuell die Erstellung von Inhalten durch den Einsatz von auf maschinellem Lernen basierenden Sprach- und Medienmodellen.
- Die zweite Welle, die Synthese-KI, geht über die Inhaltserstellung hinaus und konzentriert sich auf die Integration diverser Informationsquellen, um grundlegende Aussagen oder Entscheidungsgrundlagen zu generieren. Ein Beispiel dafür wäre etwa die vollständige Abbildung der Kundenreise, die nicht nur Kundeninteressen erfasst, sondern auch eine neue Grundlage für die Produktentwicklung liefert.
- Die dritte Welle, die autonome KI, wird darauf abzielen, selbstlernende Systeme zu schaffen, die sich an neue Situationen anpassen und eigenständig Entscheidungen treffen können. Diese Welle hat das Potenzial, Branchen wie Medien-, Transport-, Gesundheits- und Finanzwesen noch einmal grundlegend zu verändern.
KI ist nichts ohne Daten – Synthetische Daten fürs Marketing
Für das Marketing ist die Nutzung von KI heute und vor allem in der Zukunft ein echter Gamechanger, der völlig neue Möglichkeiten eröffnet: Wird unser Produkt von der Zielgruppe angenommen werden? Wie können wir unsere Customer Journey noch besser gestalten? Wie kann es uns gelingen, einen neuen Markt zu erobern? Vielen heutigen KI-Modelle, die mit beliebigen Daten aus dem Internet trainiert wurden, mangelt es an der Zustimmung der datengenerierenden Personen für solche Zwecke. Eine Anonymisierung der Daten wiederum würde die Zweckmäßigkeit und Aussagekraft der Ergebnisse schmälern. Eine Lösung bieten hier synthetische Daten, die KI-generierte Personas erschaffen.
Teil 2: Ihre KI-Strategie für die nächsten Jahre
Ich will meine eigene KI
Die Arbeitserleichterung, die von frei im Internet verfügbaren KI-Werkzeugen ausgeht, ist verlockend und gefährlich zugleich. Täglich werden dank schlecht geschulter Mitarbeiter Unmengen von vertraulichen Firmen- und Kundendaten Teil eines fremden KI-Modells. Die Firma Samsung etwa musste diese schmerzvolle Erfahrung bereits machen. Genauso problematisch ist die KI-Bearbeitung personenbezogener Daten, die ohne Zustimmung von einer nicht-EU KI verarbeitet werden. Die Lösung für diese Herausforderungen ist für viele Unternehmen ein firmeneigenes, maßgeschneidertes KI-System (CompanyGPT oder CompanyAI), also eine firmenexklusive Nutzung eines in Europa gehosteten KI-Modells. Hat eine Firma einen reichen Datenschatz, kann auch das Erstellen, Trainieren und Nutzen eines eigenen KI-Modells sinnvoll sein.
Firmeneigene KI-Richtlinie
Wer kennt Sie nicht: Firmenrichtlinien, wie man sich beruflich in sozialen Medien zu verhalten hat, Trainings-Gebrauchsanweisungen, wie man Cybergefahren im Arbeitsalltag abwehrt, oder regelmäßige Governance-Tests. Aufgrund der anfangs ungesteuerten KI-Nutzung erstellen immer mehr Unternehmen grundlegende Regeln, wie Mitarbeiter mit KI umgehen sollen: Welche Daten dürfen eingegeben werden? Wie wird Datenschutz sichergestellt? Welche internen Systeme gelten als sicher und sollen daher verwendet werden? Wie schaut das Trainingsprogramm aus? Wie gehen Sie mit freiwerdender Arbeitszeit um?
Wie die Firma in fünf Jahren aussieht: mehr Zukunft durch KI
Einige Business-relevante Fragen beschäftigen dieser Tage viele Unternehmen ganz besonders: Welche meiner Produkte und Services werden durch KI-Anbieter bedroht? Überholt mich die Konkurrenz, weil sie mithilfe von KI neue Prozesse, Geschäftsmodelle oder Märkte bedienen kann? Derartig elementaren Veränderungen kann man nicht einfach mit einem Jahres-Forecast begegnen, oder sauberer Strategieplanung begegnen.
Was es braucht, ist Strategic Foresight und eine entsprechende Szenario-Planung. Diese Methode funktioniert deshalb so hervorragend, weil es klassische vergangenheitsorientierte Performance-Managementsysteme mit operativer Strategieimplementierung und situativen Tools des Zukunftsmanagements verbindet. Mit Foresight gelingt es, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft gleichzeitig zu managen. Unternehmen, die in diesem Umfeld gut aufgestellt sind, wissen daher genau über ihre Vergangenheit Bescheid, bewältigen die Aufgaben des täglichen operativen Business erfolgreich, und gestalten ihre Zukunft in einer BANI-Welt aktiv.
- KI-Unternehmensverantwortung
Der eigene digitale Fußabdruck
Jede Organisation hat einen digitalen Fußabdruck: Durch die verwendeten digitalen Systeme werden zum Beispiel Mitarbeiter, Kunden aber auch die Umwelt wesentlich beeinflusst. Systeme mit künstlicher Intelligenz haben die Frage nach dem richtigen Umgang mit dem Digitalen noch mehr ins Zentrum der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Diskussion gerückt. Unter dem Titel “Digitaler Humanismus” oder auch “Corporate Digital Responsibility (CDR)” rückt bei immer mehr Entscheidern dieses Thema in den Fokus ihres Interesses. Zurecht. Hier sind die fünf wichtigsten Gründe aus betriebswirtschaftlicher Sicht für mehr Digitalen Humanismus im Business:
- Positionierung als attraktiver Arbeitgeber im Recruiting
- Talente-Bindung durch gelebten werte-basierten Purpose
- Langfristige Wettbewerbsvorteile und Stabilität durch nachhaltiges digitales Wirtschaften
- Kosteneinsparungen durch effizienteren Energie- und Ressourcenverbrauch bei digitaler Hardware
- Proaktive Vorbereitung auf zukünftige EU-Regularien (Stichwort Taxonomie), einschließlich Berichterstattungsvorschriften und dem kommenden AI Act.
Was mit dem AI Act im Jahr 2025 kommt
Der Artificial Intelligence Act (AI Act) ist die Antwort der Europäischen Union auf Risiken durch Künstliche Intelligenz, und bietet eine rechtliche Grundlage für die Entwicklung und den Einsatz von KI. Ziel ist es, „Schäden durch KI zu minimieren und einheitliche Regeln für den KI-Markt in der EU zu schaffen. Ein Inkrafttreten im Jahr 2025 ist wahrscheinlich. Der AI Act betrifft alle EU-Bürger, Unternehmen und Behörden, die KI-Systeme anbieten oder nutzen.“ Aus diesem Grund raten wir Unternehmen dringend, sich bereits jetzt intensiv mit den Prinzipien des bevorstehenden AI Act auseinanderzusetzen und ihre Systeme entsprechend auszurichten. Eine proaktive Herangehensweise soll verhindern, dass Firmen später unter Druck umfangreiche Anpassungen vornehmen müssen, wie es etwa bei der Einführung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) 2018 der Fall war.
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