Krankenschein auf Bestellung
Ein neues Urteil macht es Unternehmen leichter, gegen mutmaßliche Blaumacher vorzugehen.
(zuerst erschienen in WiWo Print April 2024 / hier Langfassung)
Sonntagsabends kann die Unternehmerin fast ihre Uhr danach stellen. Kurz vor Beginn des „Tatort“-Krimis trudeln auf ihrem Handy regelmäßig Whatsapp-Nachrichten ihrer Belegschaft ein. Dann weiß die Geschäftsführerin einer Sprachschule aus dem Rheinland, dass jetzt wieder mindestens ein Mitarbeiter schreibt, dass er Montag nicht zur Arbeit kommt. Schon die Formulierungen ärgern sie, lassen sie an der Arbeitsunfähigkeit zweifeln: „Ich beginne zu kränkeln“ liest sie dann, oder „ich glaube, ich fühle mich morgen etwas krank“. Oder der 20-Jährige, der schrieb: „Ich bin erschöpft, der Arzt hat mich für zwei Wochen krankgeschrieben, ich soll in der Zeit Wellness machen“.
So wie der Mittelständlerin geht es vielen Personalchefs, die empfundenen Wehwechen der – meist jungen – Mitarbeiter nimmt sie nicht ernst. Doch ausrichten kann sie nichts gegen so freigiebig ausgestellte Krankenscheine. Obendrein scheint auch die Dauer der Atteste zuzunehmen. So erzürnte die Krankschreibung einer Arzthelferin für 14 Tage wegen eines gezerrten Mittelfingers jüngst einen Arzt in Düsseldorf, der in der Praxis genug Arbeiten ohne für sie auch ohne Einsatz des Mittelfingers hat. Zumal „die Krankschreibungen insgesamt zugenommen haben, seit man sie telefonisch beim Arzt quasi bestellen kann und nicht mehr in die Praxis gehen muss“, hört Freshfields-Arbeitsrechtler Klaus-Stefan Hohenstatt von seinen Klienten.

Klaus-Stefan Hohenstatt (Foto: Freshfields/PR)
Ein weiterer Punkt, der Unternehmen zusetzt: Seit es die E-Krankschreibungen gibt, ersehen sie nicht mehr die Fachrichtung des Arztes, die manchmal Rückschlüsse zuließ. Sie sind allein angewiesen auf das, was ihr Angestellter von sich aus erzählt, denn Offenbarungspflichten hat er nicht. „Über ihren Ärger darüber wollen Unternehmen nicht öffentlich reden, um sich in Zeiten von Facharbeitermangel und Employer Branding keinen Ruf eines harten Arbeitgebers einzuhandeln“, erzählt Arbeitsrechtler Sebastian Maiß von Michels.pmks.

Sebastian Maiß (Foto: C.Tödtmann)
Doch waren Arbeitgeber bisher machtlos gegenüber den Bescheinigungen der Mediziner bei vermuteten Blaumachern, so eröffnet ihnen ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom vergangenen Dezember nun Chancen: „Sie können jetzt den Beweiswert der Krankschreibung erschüttern, wenn deren Zeitraum allzu verdächtig ist oder der Krankgeschrieben durch sein Verhalten das Gegenteil belegt“, fasst Arbeitsrechtlerin Bettina Steinberg aus Köln zusammen. Wenn er nämlich gesund genug ist, um etwa seinen Nebenjob auszuüben. Oder wenn ihm das Unternehmen gerade gekündigt hat und er daraufhin eine Krankmeldung exakt bis Ende des Vertrags vorlegt.

Bettina Steinberg (Foto: Privat)
Maiß rät Unternehmen, „den Spieß umzudrehen, vermuteten Blaumachern den Lohn nicht auszuzahlen und sich von ihnen verklagen zu lassen.“ Dann muss der vor Gericht beweisen, dass er wirklich krank war. Oder: Etliche Firmen beauftragen über die Kanzleien Detektive, um Betrüger zu entlarven. Werden die erwischt, müssen sie der Firma das Detektivhonorar obendrein erstatten, sagt Maiß. Ein weiterer Dreh, der Wirksamkeit zeige: Sind die Ärzte am Ort bekannt, die extrem schnell und lange krankschreiben, hat Maiß die auch schon mal im Namen seiner Klienten mit der Botschaft angeschrieben: Das Ausstellen falscher Gesundheitszeugnisse ist strafbar und dass sie Schadenersatzforderungen riskieren.
Das Thema ist auch ein Ärgernis nicht zuletzt für die Kollegen. So bringt es ein Chef eines großen Hotels in Süddeutschland auf den Punkt, als sich bei ihm frühmorgens gleich drei Lehrlinge zum Frühstücksservice krank meldeten: „Womöglich waren die gestern Abend nur zu lange in der Disco und mir kann´s letztlich egal sein, die Kollegen müssen es ja ausbaden und die Arbeit der drei mitmachen“.
Doch je kleiner der Betrieb ist, umso mehr trifft es auch die Chefs, die selbst einspringen müssen. Die Sprachschul-Chefin jedenfalls weiß Sonntagsabends dann, dass ihr Arbeitstag am Montag bis 21 Uhr dauert. ■
WirtschaftsWoche Topkanzleien Arbeitsrecht und Gesellschaftsrecht 2024
DIE RENOMMIERTESTEN KANZLEIEN UND ANWÄLTE FÜR ARBEITSRECHT¹
| Allen & Overy | Thomas Ubber |
|---|---|
| Altenburg | Stephan Altenburg |
| AMA | Anja Mengel |
| Arqis | Andrea Panzer-Heemeier |
| Baker McKenzie | Anna Böhm, Christian Reichel |
| Bietmann | Andreas Bietmann |
| CMS | Alexander Bissels, Andrea Bonanni, Björn Gaul, Martina Hidalgo, Gerlind Wisskirchen, Yvonne Wolfgramm |
| Dentons | Philipp Byers |
| DLA Piper | Hans-Peter Löw |
| Eckert & Kollegen | Niklas Eckert |
| ELP | Marius Fritzsche, Katrin Scheicht |
| EmLab Legal | Christopher Krois, Katrin Stamer, Patrick Wendler |
| Esche Schümann Commichau | Patrizia Chwalisz |
| Ettrich | Hendrik Bourguignon |
| FPS | Volker Serth |
| Freshfields | Klaus-Stefan Hohenstatt, Thomas Müller-Bonanni, Ulrich Sittard |
| Fuhlrott | Michael Fuhlrott |
| Gleiss Lutz | Christian Arnold, Martin Diller, Steffen Krieger, Doris-Maria Schuster, Thomas Winzer |
| Görg | Burkhard Fabritius, Marcus Richter |
| Greenfort | Mark Lembke, Jens-Wilhelm Oberwinter |
| Hamburger Anwaltskontor | Jan Beckmann |
| Hogan Lovells | Lars Mohnke |
| Justem | Thilo Mahnhold |
| Kliemt | Anja Dachner, Katja Giese, Burkard Göpfert, Michael Kliemt, Kara Preedy, Barbara Reinhard |
| Kunz | Tim Schwarzburg |
| Küttner | Thomas Niklas, Tim Wißmann |
| Linklaters | Timon Grau |
| Lupp + Partner | Tobias Brinkmann |
| Luther | Robert von Steinau-Steinrück |
| Maat | Thomas Bader, Cornelia Marquardt |
| Mainwerk | Henning Wiehe |
| Mayer Brown | Hagen Köckeritz |
| Michels.pmks | Sebastian Maiß |
| Neuwerk | Sebastian Naber |
| Noerr | Andreas Butz, Patrick Mückl |
| Pflüger | Saskia Steffen |
| Pusch Wahlig | Georg Annuß, Tobias Pusch |
| Redeker Sellner Dahs | Andreas Wirtz |
| Rudolf & Vossberg | Klaus Rudolf |
| Rugekrömer | Jan Ruge |
| Schalast | Clemens Schalast |
| Schramm Meyer Kuhnke | Michael Kuhnke, Holger Meyer, Nils Schramm |
| Schütte, Lange & Kollegen | Reinhard Schütte |
| Schweibert Lessmann | Ulrike Schweibert |
| Seitz | Wolfgang Lipinski, Stephan Pötters, Piero Sansone, Stefan Seitz, Marc Werner |
| Taylor Wessing | Kilian Friemel |
| Thür Werner Sontag | Franz Thür |
| TSC | Susanne Clemenz |
| Vangard | Frauke Biester-Junker, Thomas Griebe |
| Vielmeier Rieble | Stephan Vielmeier |
DIE RENOMMIERTESTEN KANZLEIEN UND ANWÄLTE FÜR GESELLSCHAFTSRECHT¹
| Advant Beiten | Detlef Koch, Hans-Josef Vogel |
|---|---|
| Allen & Overy | Hans Diekmann, Christian Eichner |
| Arqis | Jörn-Christian Schulze |
| Berner Fleck Wettich | Olaf Berner, Thilo Fleck, Carsten Wettich |
| Clifford Chance | Christoph Holstein |
| CMS | Hilke Herchen |
| DLA Piper | Nils Krause, Benjamin Parameswaran, Kerstin Schnabel |
| Ego Humrich Wyen | Henrik Humrich, Jan-Henning Wyen |
| Esche Schümann Commichau | Sebastian Garbe |
| FPS | Holger Jakob |
| Freshfields | Rick van Aerssen, Thomas Bücker, Andreas Fabritius, Mesut Korkmaz, Christoph Seibt, Stephan Waldhausen |
| Glade Michel Wirtz | Achim Glade, Marco Sustmann |
| Gleiss Lutz | Michael Arnold |
| Grant Thornton | Georg-Peter Kränzlin, Marco Wagner |
| GOF Gütt Olk Feldhaus | Sebastian Olk |
| Hengeler Mueller | Lucina Berger, Daniela Favoccia, Carsten Schapmann, Maximilian Schiessl, Sven Schneider, Georg Seyfarth, Jochen Vetter |
| Herbert Smith Freehills | Sebastian Schürer |
| Heuking | Martin Imhof |
| Holler | Lorenz Holler |
| Jones Day | Christian Krebs |
| Kirkland & Ellis | Benjamin Leyendecker |
| Kuhn Carl Norden Baum | Jürgen Rieg |
| Kunz | Hermann Knott, Heinrich Rohde |
| Latham & Watkins | Ingo Strauss, Tobias Larisch |
| Linklaters | Staffan Illert, Hans-Ulrich Wilsing, Ralph Wollburg |
| LMPS | Daniel Meyer |
| Luther | Axel Mühl |
| Lutz Abel | Bernd Fluck |
| Milbank | Norbert Rieger |
| Mutter & Kruchen | Carsten Kruchen, Stefan Mutter |
| Noerr | Michael Brellochs, Jens Liese |
| Oppenländer | Felix Born, Thomas Trölitzsch |
| Osborne Clarke | Björn Hürten |
| Paul Hastings | Nikolaos Paschos |
| Renzenbrink & Partner | Andreas Stoll |
| SJPP | Bjarne Petersen |
| SZA Schilling, Zutt & Anschütz | Marc Löbbe, Jochem Reichert |
| Taylor Wessing | Amir-Said Ghassabeh |
| Valbeek | Jörn Wöbke |
| YPOG | Stephan Bank, Martin Schaper |
Methode
Das Handelsblatt Research Institute (HRI) fragte über 5900 Juristen aus 312 Kanzleien nach ihren renommiertesten Kollegen im Arbeits- und Gesellschaftsrecht. Bei der Jury setzten sich im Arbeitsrecht 51 Kanzleien mit 83 Anwälten, im Gesellschaftsrecht 40 Kanzleien mit 69 Juristen durch.
Die Juroren:
Daniela Loy (Osram), Jan Eckert (ZF-Friedrichshafen), Claas Westermann (RWE), Alexander Zumkeller (ABB), Achim Schunder C.H. Beck), Martin Schlag (Thyssenkrupp)

Daniela Loy / Osram (Foto: Privat)

Achim Schunder (Foto: PR/Beck Verlag)

Jan Eckert (Foto: ZF)

Claas Westermann (Foto: RWE)

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