Buchauszug Anna Schnell und Nils Schnell: „Die Modern Work Tour: Eine Weltreise in die Zukunft unserer Arbeit“

Anna und Nils Schnell (Foto: PR/Mowomind)
Modern-Work-Prinzip 3: Wachstumsmindset stärken
Als wir an einem heißen und sonnigen Tag am Rande der Wüste Gobi mit unserem russischen UAZ Patriot auf einen ausgetrockneten See fahren, möchten wir das beeindruckende Panorama dafür nutzen, ein „Wow“-Foto mit unserer Drohne zu machen. „Das sieht schön trocken aus“, sagt Nils. Anna fragt noch: „Bist du dir sicher?“ Letztendlich aber zu spät, denn wir stecken bereits fest. Irgendwo im Nirgendwo in der wunderschönen mongolischen Einsamkeit. Wir haben seit Tagen keine Menschen mehr gesprochen, und uns wird klar, dass wir auf uns allein gestellt sind. Der Boden ist unter der ausgedörrten Oberfläche ganz und gar nicht trocken, sondern fühlt sich eher matschig-klebrig an. Nils versucht, den Wagen sanft zu wenden. Doch er wird langsamer und langsamer, bis er endgültig stehen bleibt. Nichts geht mehr. Wir haben uns festgefahren!
Was macht man, wenn man irgendwo im Nirgendwo feststeckt? Richtig – Gedankenspiele über Worst-Case-Szenarien möglichst vermeiden und sich auf das Wesentliche vor Ort konzentrieren. Gar nicht so einfach in einer solchen Situation. „Was machen wir jetzt?“, denken wir uns, ohne die Frage tatsächlich auszusprechen. Improvisieren und alles darauf setzen, dass wir eine Lösung finden, ist die einzige Option. Wir sammeln kleine Äste (denn Bäume gibt es hier unten in der Gobi natürlich nicht) und Gestrüpp ohne große Dornen. Damit legen wir fein säuberlich die Strecke aus, auf der wir den Wagen wieder vom See runterbringen wollen. Der Versuch, den Wagen zu bewegen, scheitert kläglich. Er versinkt noch mehr im schlammigen Boden. „Nicht gut!“, denken wir und schauen uns kurz ratlos an. Uns bleibt nichts anderes übrig, wir müssen weiterdenken. Wir haben Glück und finden alte ramponierte Holzleisten im Gestrüpp. Wir schaufeln die Räder mit dem Klappspaten frei und legen die Leisten dann vor die vier Räder. Eine mühselige Arbeit. Unsere Wasservorräte haben wir gecheckt und wissen nun, dass wir hier nicht zu viele Tage durchhalten werden: Der Wagen muss raus! Nur wie? Und wer sollte schon kommen, um uns zu helfen? Empfang – Fehlanzeige!
Die Mongolei ist eins der am wenigsten besiedelten Länder der Erde. Genau das hat es für uns so reizvoll gemacht, hier einen Roadtrip auf eigene Faust zu wagen. Doch plötzlich fühlt sich die Einsamkeit gar nicht mehr so reizvoll an. Wir stellen fest, dass die Freiheit nur dann reizvoll ist, wenn sie freiwillig bleibt. Ganz anders ist es dagegen in Christopher McCandless’ Fall: Dessen Geschichte endet tödlich, da er es aus tragischen Gründen nicht wieder zurück in die Zivilisation schafft, was eindrucksvoll verstörend in dem Film „Into the Wild“ erzählt wird. „Gib Gas! – Stopp! – Weiter! – Gas!“ Mit viel Konzentration und Beharrlichkeit schaffen wir es beim dritten Anlauf, den Wagen endlich wieder auf trockenen Boden zu bringen. Was für eine Erleichterung! Euphorie, aber auch völlige Erschöpfung breiten sich aus. Was wäre wohl gewesen, wenn es nicht funktioniert hätte? Egal, es ist mühselig, jetzt darüber nachzudenken. Es hat ja geklappt! Dass wir eine Menge aus dem Vorfall gelernt haben, dämmert uns erst, als wir am Abend vor unserem Zelt sitzen und ein Gläschen Wein mit dem Blick auf die Sanddünen der Wüste Gobi genießen. Uns wird bewusst, dass wir heute mehr Glück als Verstand hatten.
Die Mongolei wird auf der Modern Work Tour das Land, das uns mit am stärksten herausfordern wird. Aber es ist auch das Land, in dem wir sehr viel über uns als Paar, Geschäftspartner und Reisende lernen. Auf unserem Roadtrip erleben wir fast alle Wetterlagen: von frühlingshaften Regenschauern, heißer Trockenheit bis zum Schneesturm bei einem Temperaturabfall von über 30 Grad Celsius über Nacht. Zudem hält die Mongolei viele weitere Überraschungen für uns parat. Beispielsweise haben wir einen platten Reifen an einem Steilhang und schaffen es zum Glück, ihn auszutauschen. Wir überstehen eine Fahrt durch ein ausgetrocknetes, steiniges Flussbett, das uns als einzige Straße bei GoogleMaps angezeigt wird und schon im Sommer eigentlich unbefahrbar ist. Für wenige Kilometer brauchen wir unzählige Stunden und bewegen uns im Schneckentempo über sehr große und viele kleine Steine bergab. Etliche Dinge klappen gut und mit der Zeit immer besser, einige weniger. Manchmal haben wir einfach Glück – auch das gehört dazu, wenn man sich auf ein Abenteuer einlässt. Belohnt werden wir mit einer berauschenden Landschaft, die uns den Atem im 20-Minuten-Takt immer wieder aufs Neue raubt.
Gegen Ende unseres Roadtrips werden wir von einem plötzlichen Schneesturm überrascht. Obwohl wir die halbe Nacht durchfahren müssen, kommen wir beseelt wie selten zuvor von unserem Roadtrip zurück in die Hauptstadt Ulaanbaatar, die Stadt mit den vielen As im Namen. In einem Barterdeal mit Sixt Mongolia haben wir den UAZ Patriot, ein Heimplanet-Zelt und Ausrüstung für zwölf Tage deutlich günstiger erhalten. Dafür machen wir Drohnenaufnahmen und wirken bei einem kurzen Werbespot für Sixt Mongolia mit. Wir freuen uns, dass die Idee mit den Barterdeals Anklang findet und dadurch so interessante Partnerschaften und Kooperationen zustande kommen. Thinking outside the box again – check!
Die Mongolei stellt für uns auf der Modernen Walz das Land dar, das wir auf alle Fälle besuchen wollten. Bis hierhin wollten wir auf jeden Fall kommen. Danach wird es nach China gehen. In der Mongolei spüren wir nicht nur Freiheit, sondern vor allem Natur. Es tut so gut, unendliche Weiten wundervoller Natur um sich herum zu haben und inmitten von ihr aufzuwachen, den Tag zu erleben und die Sonne am Abend untergehen zu sehen. Hier nehmen wir uns die Zeit für die kleinen, schönen Dinge im Alltag.
Wir befinden uns im Herkunftsland des großen und berühmten Eroberers Dschingis Khan. Das vergisst man in der Hauptstadt auch nicht, denn in fast jedem Gespräch wird kurz und stolz auf ihn hingewiesen. Überhaupt nehmen wir Mongolen als sehr stolze und auch sehr freundliche Menschen wahr, die uns hilfsbereit begegnen. Batu zum Beispiel, ein junger Mongole, hilft uns bei der Ankunft, unsere Airbnb-Unterkunft zu finden. Wir hätten so verloren gewirkt, erzählt er uns später bei einem gemeinsamen Abendessen. Deshalb musste er uns einfach ansprechen. Von ihm erhalten wir auch einen Kontakt, wie wir ohnehin in der Mongolei durch Weiterempfehlung einige tolle Sessions erleben.
Ulaanbaatar wirkt auf uns wie ein Dorf, in dem man sich eben kennt, obwohl mehr als ein Drittel der Einwohner des Landes hier lebt. Wahrscheinlich ist es auch die einzige Hauptstadt, in der Hunderte Jurten stehen, die für diese Gegend so typischen Zelte, was besonders reizend beim Anflug aussieht.
Wir haben in Ulaanbaatar jede Menge Arbeitstreffen, womit wir anfangs überhaupt nicht gerechnet haben. Hinzu kommt, dass wir viele Sessions unterschiedlichster Art erleben und anbieten können. Diesbezüglich ist die Mongolei auf der Modern Work Tour ein absolutes Highlight.
Über den Deutsch-Mongolischen Unternehmensverband (DMUV) werden wir zum Sommerfest der Deutschen Botschaft in der Mongolei eingeladen. Hier lernen wir den Botschafter Stefan Duppel kennen. Das Top-Management-Coaching für eine Geschäftsführerin, das wir vor Ort beginnen, wird anschließend remote weitergeführt. Für den ersten internationalen Fernsehsender der Mongolei, MNB World, geben wir ein Training für das gesamte Team zum Thema „Modernes Arbeiten und Wirksamkeit erhöhen“. Wenige Tage später sitzen wir selbst als Interviewgäste im mongolischen Fernsehen und sprechen über unsere Modern Work Tour, Modernes Arbeiten und unsere Einschätzung zur Mongolei. Das sind neue Erfahrungen, die uns einerseits erfreuen und andererseits herausfordern, da wir bis zu dem Zeitpunkt noch kein Fernsehinterview auf Englisch gegeben haben. Mit allen Erfahrungen wachsen wir ein Stück über uns hinaus und empfinden Stolz darüber, dass unsere Bemühungen Früchte tragen. Wie so häufig auf unserer Reise kneifen wir uns manchmal und staunen, dass das alles tatsächlich gerade passiert.
Ein anderer Höhepunkt ist ein weiterer Barterdeal mit einer noch sehr jungen mongolischen Geschäftsführerin eines 5-Sterne-Hotels. Da sie erst seit Kurzem diese Position bekleidet, ist sie auf der Suche nach Unterstützung, um sich mit ihrem Führungsverhalten auseinanderzusetzen. Da kommen wir wie gerufen für sie und einigen uns, ihr ein „Tandem Power Coaching“ zu geben. Im Gegenzug erhalten wir für unsere restliche Aufenthaltsdauer eine Suite in ihrem Hotel.
Die Suite im 5-Sterne-Hotel stellt einen krassen Kontrast zu unserem Roadtrip dar, bei dem wir im Zelt geschlafen haben. Sie entspricht auch nicht unserem regulären Budget, weshalb wir den Luxus fast als surreal empfinden und dennoch sehr genießen.
Meet Khulan von „L’hamour“ – Mongolei
Ganz besonders beeindruckt sind wir von Khulan Davaadorj, der Gründerin von „L’hamour“. Wir treffen sie in den Büro- und Produktionsräumen ihrer Firma im Zentrum von Ulaanbaatar. Ihr guter Ruf eilt ihr schon voraus, denn ihren Kontakt haben wir bereits in Deutschland von Fridel erhalten. Das merken wir aber auch vor Ort: Da wir den Firmensitz nicht sofort finden, fragen wir zwei ältere Männer auf der Straße nach Khulan und L’hamour. Sie können uns zwar nicht mit dem Weg helfen, wissen aber, wer Khulan ist: das Mädchen mit den Cremes und dem Lippenbalsam, wie sie uns mit Händen und Füßen begreifbar machen. Und das stimmt. Denn Khulan ist die Geschäftsführerin des ersten mongolischen Unternehmens für natürliche Hautpflege.
Irgendwann finden wir den Firmensitz von L’hamour doch und werden von Kuhlan mit einem umwerfenden Lächeln empfangen. Zu unserem Erstaunen begrüßt sie uns mit „Willkommen in der Mongolei!“ – in akzentfreiem Deutsch.
Khulan zeigt uns erst die Firmenzentrale, bevor sie uns im anschließenden Interview ihre Geschichte erzählt. Dass sie eine beeindruckende Frau ist, stellen wir sehr schnell fest. Dabei hatte alles mit einem persönlichen Problem begonnen, als sie von ihrem Auslandsstudium in Deutschland nach Ulaanbaatar zurückkehrte. Wie so viele Menschen in ihrer Heimatstadt, die im Winter als eine der luftverschmutztesten Städte der Welt gilt, leidet auch Khulan unter starken Hautproblemen. Zunehmend verzweifelt, sucht sie nach Mitteln gegen ihren juckenden Ausschlag, findet aber nur Chemiecocktails mit vielen dubiosen Inhaltsstoffen: „Das hat mich richtig empört, besonders weil die Mongolei über eine Fülle reichhaltiger Naturrohstoffe verfügt. Rohstoffe wie Sanddorn, wilder Thymian oder Bienenwachs werden hier nur sehr wenig genutzt – schon gar nicht für Kosmetik.“
Als pragmatischer Mensch beschließt Khulan, ihr Problem selbst zu lösen und eigenständig Naturkosmetik zu entwickeln. Neben ihrem normalen Tagesjob tüftelt sie nachts und an den Wochenenden in ihrer Küche. Dabei merkt sie, dass sie mehr Wissen braucht, um besser voranzukommen. Im Interview sagt sie: „Nutze deine Stunden geschickt und arbeite effektiv!“ Genau das beherzigt sie. Sie liest sich viel an, entwickelt ihre ersten Produkte stets weiter und tauscht sich rege mit anderen aus. Zudem geht sie noch einmal für ein Studium ins Ausland – dieses Mal in die USA. Auf dieser Grundlage baut sie ihr Unternehmen L’hamour aus eigener Kraft auf. Wie so häufig bei GründerInnen gibt es viele Stolpersteine auf dem Weg. Doch Khulan lässt sich auch in schwierigen Momenten nicht beirren: „Ja, ich habe viele Rückschläge erlebt“, sagt sie und ergänzt sofort: „Mit der Zeit habe ich allerdings gelernt, besser und schneller mit ihnen umzugehen.“
Als ihr das Notebook mit allen Rezepturen geklaut wird, zwingt sie das fast in die Knie. Aber sie setzt sich hin und schreibt alles erneut auf. Von ihrer Idee ist sie fest überzeugt und mit der Unterstützung ihrer Familie gelingt es ihr, weiterzumachen. „Natürlich gibt es viele Herausforderungen und Fehler, die man dabei macht. Aber wenn du eine klare Vorstellung von deinem Ziel, also eine Vision, hast, dann kannst du über dich hinauswachsen“, erinnert sie sich. Damit ist Khulan für uns eine Vorzeigegründerin, die als Vorbild für viele Menschen fungiert und sich über mehrere internationale Auszeichnungen freuen kann.
Wir erfahren von Khulan, dass sie von Beginn an den Fokus auf eine nachhaltige Entwicklung nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihr Umfeld legt. Für sich selbst versteht sie sehr schnell, dass sie Inspiration von anderen Menschen braucht, und verbindet sich mit Personen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. „Dadurch konnte ich schneller in meine eigene Rolle hineinwachsen“, erzählt sie uns. Auch erkennt Khulan, dass sie einen Ausgleich für ihren arbeitsintensiven Alltag benötigt, und findet diesen beim Wandern in der einzigartigen Landschaft der Mongolei. So kann sie ihren Fokus auf L’hamour richten, indem sie sich auch abseits der Arbeit Kraft holt. Mit dieser Einstellung begegnet sie Herausforderungen auf neue Weise, weil sie diese wertschätzt. Sie weiß ja aus eigener Erfahrung, dass sie an ihnen am meisten wachsen kann: „You have to value your challenges“, betont sie im Interview mit uns. „Denn nur so“, ergänzt sie, „können wichtige Entwicklungsschritte durchlaufen werden, indem die Herausforderungen erlebt, ausgehalten und überwunden werden.“
Auch für ihr Umfeld möchte sie in ihrer Rolle als Social Entrepreneur Verantwortung übernehmen. Eine Möglichkeit dazu sieht sie darin, ihr Wissen in ihrem Land zu teilen und ihren Mitmenschen neue Einsichten zu verschaffen. Sie stellte beispielsweise fest, dass in der Mongolei so gut wie kein Bewusstsein für natürliche und nachhaltige Produkte existiert. Das ist Neuland für viele. So weigern sich Khulans KundInnen zunächst, die von ihr angebotenen schlichten Papiertüten und -verpackungen zu nutzen. Sie fordern bunte Plastikverpackungen. Aber Khulan hält an ihrer Idee fest und schult ihre VerkäuferInnen, deeskalierende und informierende Gespräche mit KundInnen zu führen.
Auch hierbei stößt sie auf Widerstände: „Es gab Menschen in Ulaanbaatar, die an meine Eltern herangetreten sind und ihnen ihr Beileid für solch eine verrückte Tochter ausgesprochen haben“, berichtet sie. „Aber solche Erlebnisse haben mich sogar noch mehr angespornt, weiterzumachen, mich noch genauer zu informieren, um noch bessere Erklärungen und Argumente für diese Menschen zu finden.“ Mittlerweile hat sie einen ersten Zero Waste Corner in ihrem Flagstore eingerichtet und bekommt zunehmend Rückenwind. Es gibt Frauen, die jetzt ihren Job kündigen, um bei L’hamour anzufangen.
„An den Herausforderungen wachsen wir am meisten“, schlussfolgert sie und schmunzelt bei den Erinnerungen. Mit dieser Haltung entsteht aus Problemen neues Wachstumspotenzial. Aus einem „Geht-das-überhaupt?“ im Kopf wird ein „Wie-mache-ich-das?“ – ein feiner, aber letztendlich doch riesengroßer Unterschied.

(Foto: Gabal Verlag)
Modern-Work-Prinzip: Wachstumsmindset stärken
Khulan zeigt eindrücklich auf, wie wir auf Herausforderungen in unserem Leben blicken und damit umgehen können. Es ist die Frage nach dem halb vollen oder halb leeren Glas, die wir uns tatsächlich stellen sollten. Denn es ist unsere grundsätzliche Einstellung, die darüber entscheidet, welchen Umgang wir in bestimmten Situationen wählen. Wir können uns entscheiden, Herausforderungen gegenüber wertschätzend zu sein. Khulan hat sich entschieden, das Glas als halb voll zu betrachten, und handelt auch danach. Das ermöglicht es ihr, den Dingen nicht nur eine Chance zu geben, sondern sie auch auf Tauglichkeit zu überprüfen, weil sie diese nicht sofort abtut. Ein Wachstumsmindset erkennt das Potenzial in den Dingen, während ein fixiertes Mindset die Herausforderung selbst sieht. Durch jede Herausforderung entwickelt sich das Wachstumsmindset weiter und wird gestärkt. Ein fixiertes Mindset greift hingegen noch stärker auf bereits gewohnte Muster zurück.
Deutlich wird dabei auch, dass es eine aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Themen braucht, damit es gar nicht zu einer mentalen Schonhaltung kommen kann, in der man nur einen Blickwinkel einnimmt. In Namibia erleben wir auf unserem Roadtrip eine lustige Situation, als wir an einem Campground ankommen und nach einem tollen Tag recht schnell unzufrieden werden. Auf unseren Stühlen sitzend schauen wir durch einen hohen Drahtzaun auf ein karges Feld: „Wie im Knast sieht das aus“, sagt einer von uns. Erst als wir aufstehen, eröffnet sich eine ganz andere Perspektive: Hinter dem Wagen erblicken wir auf der anderen Seite eine grüne Wiese mit wunderschönen Bäumen – ein kleines Idyll.
Wir bringen unsere Stühle auf der anderen Seite des Autos in Stellung und sind sofort glücklicher. Es ist derselbe Ort, doch wir entscheiden, wohin wir schauen. Wir wählen die Blickrichtung, wenn wir es uns erlauben, unsere Position zu verändern. Unsere Haltung und Denkweise wird flexibler und unser Umgang situativer, wenn wir aus dem Trott heraustreten und mit gewohnten Mustern brechen. Dabei ist es entscheidend, worauf wir unsere Gedanken lenken. Wenn wir unsere Gedanken bewusst auf das Hier und Jetzt richten, können wir tatsächlich etwas bewirken. Rückschläge und Schwierigkeiten werden händelbar, wenn wir sie akzeptieren. Erst dann können wir einen konstruktiven Umgang mit ihnen finden. Mit dieser Denkart wird es leichter, sich bei Unsicherheiten zurechtzufinden und eine Orientierung zu behalten. So haben wir es in der Wüste Gobi geschafft, unseren Wagen mit Fokus und Ruhe aus dem See herauszumanövrieren.
Was wir an Erfahrungen mitnehmen
Es lohnt sich, mutig zu sein! Mutig zu sein, bedeutet nicht, leichtsinnig zu werden, sondern den Glauben an das eigene Können zu stärken und außerhalb der gewohnten Denkweisen und Verhaltensmuster zu agieren. So extrem wie in der Wüste Gobi muss es nicht jedes Mal sein – und trotzdem: Wir wachsen an unseren Herausforderungen und merken, wie unsere Erfahrung zunimmt. Auch wenn es nicht immer angenehm ist, sich außerhalb der eigenen Komfortzone zu bewegen, so weiten sich unsere Grenzen doch jedes Mal, wenn wir es tatsächlich tun.
Die Diskussion über Komfortzone und Fehlerkultur kennen wir auch von Zuhause, erleben sie jedoch eher selten im Berufsalltag. Auch in Unternehmen sollte noch häufiger gefragt werden: „Was ist die Alternative zu einer Fehlerkultur? Bringt es uns wirklich weiter, wenn wir stets versuchen, Fehler zu vermeiden oder – wenn sie passieren – still und heimlich unter den Teppich zu kehren? Kann aus einer bewahrenden Kultur in Unternehmen Neues entstehen?“
Wie ein Muskel kann das Wachstumsmindset trainiert werden. Deswegen können wir es uns auch erlauben, mit Zeit und Ausdauer in Aufgaben hineinzuwachsen. Durch ein solches Training gewöhnen wir uns daran, flexibel und situativ zu agieren. Damit erweitern wir gleichzeitig unser Wissen und unsere Handlungsmöglichkeiten. Wir erleben, dass es leichter wird, über den eigenen Schatten zu springen und Herausforderungen anzunehmen. Getreu dem Motto von Barney Stinson aus der US-Serie How I met your mother: „Challenge accepted!“
Khulans Ansatz finden wir sehr spannend, denn ihr geht es zum Beispiel nicht nur darum, ein gutes Geschäft mit ihren Hautpflegeprodukten zu machen. Sie hat vielmehr eine Mission: Sie kämpft um ihre Gesundheit und die ihrer Mitmenschen. Khulan will einen gesellschaftlichen Wandel vorantreiben und ein neues Verständnis von Nachhaltigkeit im eigenen Land entwickeln. Und wir nehmen es ihr ab, als sie im Interview sagt: „Ich will, dass Menschen sich wertgeschätzt fühlen und dass sie selbst auch Werte kreieren.“ In der Mongolei fragen wir uns nach den vielen Erlebnissen und Erfahrungen, wohin wir uns entwickeln und stärken wollen. Die Antwort ist einfach und hat Potenzial: Wir wollen auf der Modern Work Tour übernommene Vorannahmen und Vorurteile erkennen und entkräften. Wir wollen über Grenzen hinweg mit- und voneinander lernen. Wir wollen schwierigen Situationen noch souveräner begegnen – mit der Erfahrung im Gepäck, dass wir uns selbst auch beim Umgang mit großen Herausforderungen vertrauen können.
FRAGEN ZUM PRINZIP: WACHSTUMSMINDSET STÄRKEN
- Inwiefern schaffst du es, deine Herausforderungen wertzuschätzen?
- Was tust du, um dich bewusst weiterzuentwickeln?
- Wie mutig schätzt du dich ein und wie überwindest du am besten deinen eigenen Schatten?
- Wie gut gelingt es dir, andere in ihrem Wachstumsmindset zu stärken?
- Was kannst du aus den aufgezeigten Beispielen in diesem Kapitel für deine eigene Arbeit ableiten?
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