Cannabis freigeben, aber Kinder vor Hustenbonbons beschützen. Gastkommentar von Em-Eukal-Produzent Perry Soldan

Cannabis wird frei gegeben, aber Hustenbonbons verteufelt. Kommen bald  Ostern und das Zuckerfest ins Visier? Sicherheitshalber?

Um vor Cannabis zu schützen, reicht ein Bannkreis um Schulen, Kindergärten und Spielplätze. Aber Werbung für Hustenbonbons ist so bedrohlich, dass man Kinder am besten ganz davon fernhalten muss. Durch ein Werbeverbot.

Wie bitte? Cannabis soll legalisiert werden – obwohl die Bundesärztekammer, die Gewerkschaft der Polizei, der Bund Deutscher Kriminalbeamter, der Deutsche Lehrerverband, der Berufsverband für Lehrkräfte und Pädagogen, die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und diverse weitere Fachgesellschaften aus dem medizinischen Bereich dagegen Sturm laufen.

Der Schutz für Kinder sieht so aus: Konsum von Cannabis soll mindestens 100 Meter weg von Kindergärten, Schulen und Spielplätzen erlaubt sein.

Wovor aber Kinder offenbar viel mehr geschützt werden müssen aus Sicht der Politik sind Süßigkeiten, denn für die soll sogar schon  die Werbung von Kindern ferngehalten werden und eingeschränkt, weil sie schädlichen Einfluss auf Kinder nehmen könnte.

Der nächste Schritt ist vermutlich, das Zuckerfest zu verbieten wegen der vielen Süßigkeiten und Ostern wegen der Schoko-Eier. Oder vielleicht werden nur noch fünf Schoko-Eier am Tag je Kind erlaubt und das nur an Ostersonntag und Ostermontag. Oder so ähnlich. Alles langsam denkbar.

 

Perry Soldan, Hersteller von Hustenbonbons wie Em-Eukal fühlt sich als Mittelständler vom  Werbeverbot für Lebensmittel mit viel Zucker bedroht  Ein Kommentar

 

 

„Grotesk und nicht nachvollziehbar“ 

Die Politik will Kinder schützen und dieselbe regierende Partei wirbt während der Landtagswahl in Bayern mit Motiven, auf denen Kinder abgebildet sind. Die Politik will das Wahlalter auf 16 Jahre senken und gleichzeitig die Werbung für bestimmte Lebensmittel verbieten, weil man Familien keine  selbst bestimmte Entscheidung zutraut. Ich persönlich verurteile das nicht. Doch steht das aus meiner Sicht in einem Widerspruch. Aktuell ist vieles grotesk und nicht nachvollziehbar. Immer mehr Regulatorien und immer mehr Bürokratie lähmen das Unternehmersein für den Mittelstand.

 

Ohne Werbung erreicht man keine Zielgruppen 

Das geplante Kinderwerbeverbot nimmt die Öffentlichkeit aus meinen Augen nicht richtig wahr. Kann sie auch nicht, weil es von der Politik nicht vollumfänglich vermittelt wird. Erstens geht bei diesem Vorhaben nicht nur um an Kinder gerichtete Werbung im Umfeld klassischer Kindersendungen, sondern es handelt sich um ein umfassendes, allgemeines Werbeverbot. Zum Beispiel grundsätzlich Montags bis Freitags zwischen 17 und 22 Uhr oder Sonntags zwischen 8 und 22 Uhr. Dies nimmt uns gleichzeitig die Möglichkeit, Erwachsene zu erreichen. Letztlich sind wir jedoch auf Werbung angewiesen – wie die Politik auch.

 

Natürliche Säfte und Extrakte verteufeln

Das geplante Verbot bezieht zweitens sowohl zuckerhaltige Produkte als auch zuckerfreie Produkte ein. Betroffen sind damit ebenso die von der Politik geforderten „reformulierten“ Produkte ohne Zusatz von Zucker. Diese haben aufgrund der eingesetzten natürlichen Rohstoffe einen Restzuckergehalt von 0,5  Produzent. Ist es Ziel der Politik, dass wir auf natürliche Säfte, Extrakte und Öle verzichten und mit künstlichen Ingredienzien substituieren? In unserem Falle betrifft das Verbot das komplette Sortiment an Bonbons, Gummidrops und Fruchtgummis.

Versetzen Sie sich bitte für einen Moment in meine Situation. Nach heutigem Wissensstand ist die Herstellung eines Bonbons ohne Zucker oder Zuckeraustauschstoff nicht umsetzbar. Mein Vater hat bereits in den 1980er Jahren damit begonnen an Alternativen für Zucker in Bonbons und Gummibärchen zu forschen. Bei den Bonbons ist es ihm gelungen, eine zuckerfreie Variante zu entwickeln, die heute Branchenstandard ist. Diese Vorreiterrolle haben wir eingenommen, weil wir wollten. Nicht, weil wir mussten.

 

Bevormundung der Konsumenten

Ich frage mich, wohin diese Bevormundung führen soll. Denn die Vorgaben der Politik lassen aus meinem Blickwinkel nur eine Übersetzung zu: Man will unsere Warengruppe nicht mehr in den Einkaufswagen der Konsumenten sehen.

 

Weil ich nicht glauben kann und möchte, dass es das Ziel der Politik ist, uns Mittelständlern aus der Welt zu schaffen, habe ich den nachdrücklichen Wunsch, dass Regelungen so formuliert werden, dass wir Unternehmer eine Chance haben, diesen nachzukommen.

 

Verbieten statt aufklären

Verstehen Sie mich richtig: Eine gezielte Förderung der Kinder ist für uns als Familienunternehmen und für mich als zweifachen Vater immens wichtig. So verstehe ich das Ansinnen, Kinder nicht in Versuchung zu führen, was wir als Unternehmen auch nicht tun. Doch verfolgen wir dazu den Ansatz, Menschen von Kindesbeinen an aufzuklären und durch schulische Bildung dazu zu bringen, dass sie ein normales Verständnis für Lebensmittel entwickeln und verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen können. Wir als Unternehmen haben die Aufgabe, alle Angaben zur Verfügung zu stellen, damit sich die KonsumentInnen umfassend informieren können.

 

Von Herzen wünsche ich mir, dass die Politik mit uns Mittelständlern in den Dialog geht, uns eine Stimme gibt und wir dadurch eine nachhaltige Stärkung erfahren.

 

 

 

 

 

 

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