Trendthema Nachhaltigkeit: Apples Fortschrittsbericht und Audis Lieferkettenmonitoring als Vorbilder. Gastbeitrag von Kommunikationspofi Jörg Forthmann

Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen: Leiden für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist ein Auslaufmodell, meint PR-Experte Jörg Forthmann und Mitinhaber der Agentur Faktenkontor

 

Jörg Fortmann (Foto: Privat)/Faktenkontor)

 

Wenn Menschen kollabieren, weil sie für Ikea arbeiten

Bei den Tönnies Fleischfabriken wurden Werkarbeiter „wie Sklaven gehalten“. So steht es im Buch „Das Schweinesystem. Aufhebung der Werkverträge und des Subunternehmertums“. Der Skandal traf Tönnies hart. In der chinesischen iPhone-Fabrik von Foxconn leiden die Arbeiter unter schlechten Bedingungen, und Apple gerät damit regelmäßig in der Öffentlichkeit wieder unter Druck. In der bulgarischen Ikea-Textilfabrik soll es so gar nicht hygge gewesen sein: die Zustände für die Belegschaft seien katastrophal, Menschen kollabieren. Sobald namhafte Unternehmen mit dem Vorwurf menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen konfrontiert werden, setzt eine breite Solidarisierung der – arbeitenden – Bevölkerung ein, und eine schwere Imagekrise rollt über die Firmen hinweg. Tatsache ist aber auch: Das sind seltene Ausnahmen. Doch die Gefahr wächst. Das bestätigt eine aktuelle Sonderauswertung aus dem SDG Echo der Companion Strategieberatung in Berlin.

Menschenwürdige Arbeit als Nachhaltigkeitsziel

Gewerkschaften betonen die Bedeutung der menschenwürdigen Arbeit gerne mit Hinweis auf die Vereinten Nationen (UN), wo es eines von 17 Nachhaltigkeitszielen sei. Hier beginnt allerdings schon das Dilemma: Die UN hat nicht nur die reichen Länder im Blick und weiß, dass Wirtschaftswachstum nötig ist, um weltweit den Lebensstandard für die Menschen zu erhöhen. Deshalb lautet das 8. UN-Ziel „Menschenwürdige Arbeit und Wachstum“. Auf allen fünf Kontinenten wird in der Öffentlichkeit im Zusammenhang mit großen Unternehmen mehr über Wachstum gesprochen als über – schlechte – Arbeitsbedingungen. Das ist im reichen Westen – Amerika und Europa – so, aber erstaunlicherweise noch ausgeprägter in Asien und im mittleren Osten. Also genau dort, wo die Arbeitsbedingungen für westliche Verhältnisse eher beklagenswert sind. Die Menschen in diesen Regionen scheinen bei der Arbeit sehr genügsam zu sein, wenn sie denn bloß ihren Lebensstandard halten oder verbessern können. Das ist Leiden für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft – und damit kein langfristiges Erfolgsmodell für Firmen, die Menschen in armen Ländern beschäftigen.

 

Tatsächlich nehmen die Diskussionen über menschenunwürdige Arbeit beständig zu. So ist die Zahl der Veröffentlichungen zu Arbeitsbedingungen in 1.200 global tätigen Firmen in den vergangenen zwei Jahren um rund 50 Prozent gestiegen. Tendenz: weiter wachsend. Von den 17 UN-Zielen liegt „Menschenwürdige Arbeit und Wachstum“ auf Platz sieben, verkürzt aber beständig den Abstand zur Spitzengruppe der UN-Ziele. Im Sport würden Trainer sagen, dass man diesen Athleten im Auge behalten sollte.

 

Gestiegene Sensibilität bei den Arbeitsbedingungen

Wesentlicher Treiber dieser Entwicklung sind die Vereinten Nationen, ermittelte Companion. Sie sorgen für zunehmende Aufmerksamkeit für dieses Thema in der weltweiten Öffentlichkeit und sind wichtigster Treiber für die gestiegene Sensibilität bei den Arbeitsbedingungen, die Unternehmen ihren Mitarbeitern abverlangen. Innerhalb der vergangenen zwei Jahre hat sich die Zahl der Berichte über menschenwürdige Arbeit mit direktem Bezug zur UN mehr als verdoppelt. Immer öfter werden menschenwürdige Arbeitsbedingungen im Trendthema Nachhaltigkeit mit behandelt, also im Zusammenhang mit ökologischer, ökonomischer und sozialer Verantwortung der Wirtschaft.

 

Dieser Trend erhöht das Risiko für Unternehmen in eine Imagekrise bei schlechten Arbeitsbedingungen in eigenen Fabriken oder entlang der Lieferkette zu geraten. Vorbilder sind bei diesem Thema übrigens selten: Es sind Ferrari in Europa und Philip Morris in den USA. SAP und Audi sind die besten deutschen Unternehmen.

 

Lieferkettenmonitoring bei Audi

Vorbilder sind in diesem Thema übrigens selten: Es sind Ferrari in Europa und Philip Morris in den USA. SAP und Audi sind die besten deutschen Unternehmen. Die Ingolstädter kokettieren mit einem Lieferkettenmonitoring, bei dem auch die Arbeitsbedingungen bei weit vorgelagerten Lieferanten kontrolliert werden. SAP hingegen macht sich zur Lösung, indem die Software Unternehmen darin unterstützt, die sozialen Auswirkungen in der gesamten Wertschöpfungskette zu erfassen und zu steuern; so gesehen ist SAP der Gläubige, der für andere die Kirche baut.

 

Apples detailreiche Dokumentation

Tönnies versucht unterdessen, den Stier bei den Hörnern zu packen. Auf der Webseite gibt es einen eigenen Bereich „Verantwortung“. Dort werden die UN-Ziele fleißig abgebildet und zur menschenwürdigen Arbeit heißt es dort: „Bei Tönnies arbeiten Menschen aus vielen Nationen und aus nahezu allen Bildungsstufen. Wir setzen uns für angemessene Arbeitsbedingungen mit gezielten Maßnahmen ein, um unsere Mitarbeiter zu fördern.“ Das ist immerhin schon etwas. Aber immer noch reichlich spärlich. Konkret sind die „gezielten Maßnahmen“ für „angemessene“ Arbeitsbedingungen nicht. Angesichts dieses spärlichen Bekenntnisses zur menschenwürdigen Arbeit wird niemand glauben, dass Tönnies vom Saulus zum Paulus geworden ist. Tönnies steht noch am Anfang der Lernkurve, wie wichtig menschenwürdige Arbeit für die gesellschaftliche Akzeptanz von Unternehmen ist. Apple ist hier schon weiter. Im „Fortschrittsbericht“ wird detailliert dargelegt, wie sich der US-Konzern um Arbeitsbedingungen weltweit kümmert.

 

 

 

Zur Studie: Die Companion Strategieberatung wertet laufend in ihrem SDG Echo (https://companion.de/en/sdg-echo/ ) Aussagen im Internet zur Nachhaltigkeit für mehr als 1.200 global tätigen Unternehmen aus. Für die Sonderanalyse, wie über das 8. UN-Ziel „Menschenwürdige Arbeit“ und Wachstum“ gesprochen wird, wurden für den Zeitraum von Januar 201 bis November 2022 rund 500.000 Aussagen analysiert.

 

 

 

 

 

 

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