Morgens um zehn gab’s erst mal Whisky – Werbeikone Thomas Koch über die wilden Zeiten in den Agenturen

Werbeikone Thomas Koch – bei Twitter @ufomedia – über die alten, wilden Zeiten in den 70-ger Jahren, als es in Werbeagenturen morgens den Zehn-Uhr-Schluck Whisky gab und niemand vor dem Nachmittag zu arbeiten begann. Auf WiWo.de schreibt Koch die Kolumne Werbesprech.

 

Mad Men in Düsseldorf

 

Der Aufzug hielt im vierten Stock. Ich hatte es geschafft. Jetzt nur noch um die Ecke ins erste Zimmer rechts. Dann war ich angekommen in der bunten, aufregenden Welt der Werbung. Für mich ging ein Traum in Erfüllung. Zugleich ahnte ich als 20-Jähriger nicht im Geringsten, was mich erwartete, was mir bevorsteht. Wie mich diese Branche verändern würde. Was sie aus mir machen würde. Und dass ich doch immer ich selbst bleiben würde.

 

Jeder, der die preisgekrönte US-Serie „Man Men“ über die Werbebranche der 60er Jahre in der New Yorker Madison Avenue kennt, muss den Eindruck gewinnen, in der Reklamebranche arbeiteten früher nur Zigaretten rauchende und Whiskey trinkende Machos. Gut, die Nichtraucher waren eindeutig in der Minderheit, als ich 1972 in der Werbebranche anfing. Gut, in der Mediaabteilung von Gramm & Grey kam morgens um zehn, wenn endlich alle eingetrudelt waren, die Truppe zum „Zehn-Uhr-Schluck“ zusammen. Jeder hatte eine Flasche schottischen Whisky oder wahlweise auch Canadian Club in seiner Schublade und lud die Kollegen im Wechsel zum Umtrunk ein, ohne den der Arbeitstag unmöglich hätte beginnen können.

 

Thomas Koch anno 1974 (Foto: Privat)

 

Spätestens nach dem Mittagessen, zu dem reichlich Fernet Branca gereicht wurde, hatte jeder von uns einen im Tee. Nur logisch, dass fast jeden Abend bis tief in die Nacht nachgearbeitet werden musste. In einer Hinsicht unterschieden wir uns allerdings deutlich von den fiktiven Werbern der Madison Avenue: Machos, das waren wir gottweiß nicht. Im Gegenteil: „Mutter der Kompanie“ war eine Kollegin, älter als wir alle, die uns männliche Jungspunde fest im Griff hatte.

 

Unser Chef, ein Berliner, den wir ob seiner Qualifikation in höchstem Maße respektierten, bemühte sich nach Kräften – aber ohne großen Erfolg – dem Alkoholkonsum in seiner Abteilung entgegenzutreten. Eines alkoholschwangeren Tages kam er nach der Mittagspause zu uns in die vierte Etage hoch und stellte uns zur Rede: „Ick glob, det riecht hier nach Alkohol.“ Die Replik „Ditte, Herr Schmidt, muss ne optische Täuschung sein!“, die mir unversehens herausrutschte, brachte mir zwar eine Verwarnung ein, aber natürlich auch den unbezahlbaren Respekt der Truppe.

 

Ich war der Abteilungsjüngste, schon deshalb, weil ich zu den wenigen gehörte, die nicht studiert hatten. Aber ich war der Einzige, der fließend Englisch sprach – und damit als Mediaplaner unverzichtbar im täglichen Kundenkontakt und für Präsentationen bei Firmen wie Playtex oder Block Drug, denn sie wurden komplett in englischer Sprache betreut. Das war gut. Die Kunden fühlten sich perfekt betreut. Und für mich war es noch besser. Meine Kollegen hatten zwar ein Studium, aber ich hatte einen kaum wettzumachenden Vorteil.

 

Als Jungplaner war ich dennoch zunächst, glaube ich, kein großes Licht. Unvergessen die Episode, als der Chef am Vorabend einer wichtigen Präsentation meine gesamte Mediaempfehlung sprichwörtlich vor meinen Augen zerriss. Ich solle gefälligst, statt vom Vorjahr abzuschreiben, ein paar neue, mediastrategische Ideen entwickeln. Damit verabschiedete er sich aus der Agentur und ließ das Greenhorn verzweifelt zurück. Meine werten Kollegen waren ebenfalls längst im Feierabend – und ich damit auf mich allein gestellt.

 

Über Nacht die Erfolgs-Präsentation für Knorr

Eine harte Schule, doch der Lerneffekt war immens. Ich entwickelte in dieser Nacht eine neuartige Streuung der Anzeigenschaltungen für unseren Kunden Knorr. Es war bereits nach drei Uhr morgens, als ich fertig wurde, doch die Präsentation geriet zum großen Erfolg. Ich war müde, aber glücklich – ich hatte es nicht nur geschafft, sondern in dieser Nacht auch viel gelernt. Zum Beispiel, dass man in der Werbebranche autodidaktische Fähigkeiten braucht. Und dass man mit dem erlernten Handwerkszeug alleine oft genug nicht weiterkommt.

 

Thomas Koch (Foto: Privat)

 

Arbeitsbeginn am Nachmittag, dafür wurden die Nächte zum Tag gemacht

Diese ersten Jahre, an denen wir erst nachmittags zu arbeiten begannen und unser Chef gelegentlich unsere Nacht zum Tag machte, legten vermutlich einen Grundstein für den Nachtarbeiter in mir. Es hat mir nie geschadet. Doch bleiben konnte ich bei Gramm & Grey auf Dauer nicht. Bei jeder Beförderung zum Planungsgruppenleiter wurden mir meine studierten Kollegen vorgezogen. Deshalb wechselte ich nach gut vier Jahren zu R.W. Eggert, wo ich schnell zum Mediaplanungschef aufstieg. Als kurz darauf GGK Düsseldorf einen neuen Mediachef suchte, war es ein Ex-Chef, der mir den Tipp gab, dass dort eine große Chance auf mich lauern könnte. Er sollte Recht behalten.

 

Ausgekocht: Die „goldenen“ Jahre der Werbung hatten es in sich. Doch warum ihnen nachtrauern? Jede Zeit hat ihre schönen Tage – und schönen Nächte. Die heutige Zeit des Medienumbruchs ist sogar noch aufregender als damals. Und bietet jedem Platz, sich auszutoben.

 

Thomas Koch anno 2020 mit Twitter-Star Sir Mortimer @BassetMortimer (Foto: Privat)

 

 

 

Lesetipp: Als die Pressekonferenzen bei Grey noch mit Kaminfeuer stattfanden…

Bei Grey am Kaminfeuer

 

 

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Super tolle Zeit, war von 1974 bis 1980 in der Corneliusstrasse bei Gramm und Grey in der FFF. Die gute alte Zeit mit „HCK“ und „Theo“….. Bin in der ersten Oktober-Woche in D-Dorf um Nostalgie zu schnuppern