Buchauszug Attila Albert: „Ich will doch nur meinen Job machen”

Buchauszug Attila Albert: „Ich will doch nur meinen Job machen”

 

Zu viel Arbeit, zu wenig Geld, und dann hält der Chef auch noch Moralpredigten! So empfinden inzwischen viele Arbeitnehmer ihren Alltag, sagt Coach und Buchautor Attila Albert (49). „In vielen Unternehmen schwebt das Management längst in höheren Sphären, will jedes gesellschaftliche Problem angehen und die Welt retten. Gleichzeitig scheitert es dann oft schon am Tarifgehalt für die eigenen Angestellten oder stabilem WLAN auf der Etage.” Hier ein Auszug aus seinem neuen Buch „Ich will doch nur meinen Job machen”.

 

Attila Albert (Foto: Privat)

 

Erinnern Sie sich noch daran, als es überall hieß, dass sich die Work-Life-Balance erledigt hätte? Das wäre ein überholtes Konzept, so 90er-Jahre, geradezu rührend altmodisch. Die Gutgläubigen unter uns waren begeistert. Das konnte nur heißen, dass man auch bei einer Vollzeitstelle zukünftig regelmäßig schon nach sechs Arbeitsstunden nach Hause dürfte, um sich verstärkt Familie, Hobbys und Ehrenämtern zu widmen. Eine gelegentliche dienstliche E-Mail nach Feierabend war für diese neue Freiheit doch ein lächerlicher Preis!

 

Heute kennen wir das Ergebnis: mehr Arbeit, weniger Leben. Wer Balance will, soll zum Yoga. Ein langweiliger Arbeitsvertrag wie zu alten Zeiten, unbefristet und mit Weihnachts- und Urlaubsgeld in Höhe je eines Monatsgehaltes? Das ist nur noch etwas für Leute, die nicht verstanden haben, dass es heute um Größeres geht, nämlich um Purpose, wie ihn der CEO auf der Managertagung auf Korsika für alle definiert hat, der sich ausweislich seines Millionengehaltes am besten auskennt. Falls Sie nicht aus besserem Hause stammen, also für Ihren finanziellen Lebensunterhalt arbeiten und nicht zur persönlichen Sinnfindung, haben Sie natürlich Pech gehabt. Diese Umstellung hat ihre Vorteile, aber nicht für Sie.

 

Wenn Ihnen jemand vor einigen Jahren gesagt hätte, dass Sie sich einmal freiwillig einen Arbeitsrechner und einen selbst gekauften Drucker mit Scanner-Funktion in der Wohnung installieren würden, um bis Mitternacht gratis für die Firma weiterzuarbeiten – Sie hätten laut gelacht! So etwas machten doch früher höchstens die Japaner.

 

Für die Zukunft, ungefähr für das Jahr 2000, hatten die Experten schließlich versprochen, dass die Wohnung die Arbeit sogar allein erledigen würde. Kauft Ihr Kühlschrank inzwischen selbst ein, putzt ein Roboter – oder rennen Sie noch immer nach Ihren unbezahlten Überstunden erst zur Kita, dann zum Discounter, bevor Sie sich an die Hausarbeit machen, weil Ihr Partner ebenfalls am Ende ist?

 

Die Führungskräfte schweben derweilen längst in höheren Sphären und fühlen sich ermächtigt, in jedem privaten Lebensbereich ihrer Angestellten mitzureden. Sie sind sich persönlich nicht sicher, ob Sie Fridays for Future, Black Lives Matter oder die LGBTQ-Bewegung gut finden oder haben gar keine Meinung dazu? Kein Problem und nicht mehr notwendig. Die Konzernleitung hat bereits ein Statement auch in Ihrem Namen veröffentlicht und das Unternehmenslogo passend eingefärbt. So laufen Sie bequem automatisch als Unterstützer mit, egal, was Sie privat so denken.

 

Mancher ist aus der Kirche ausgetreten, nur um festzustellen, dass die Moralprediger jetzt in der Chefetage sitzen. Die Welt rettet sich schließlich nicht von selbst. Da muss man schon ein paar Sonderschichten in Talkshows und auf Social Media einlegen. Wenn es ganz hart kommt für den Planeten, ist sogar noch ein mahnender Meinungsbeitrag für LinkedIn oder besser ganz edel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung notwendig. Den kann der unterbezahlte PR-Assistent formulieren, es geht ja schließlich um seine Zukunft. Jedenfalls darf man das nicht mehr alles Margot Käßmann überlassen.

 

Der CEO ist schon für sein Studium zwischen Princeton, Oxford und München hin- und hergejettet und hat danach auf drei Kontinenten gelebt, kennt die Klimaproblematik also am besten, da aus eigener Anschauung. Auf sein Urteil darf man als Mitarbeiter daher vertrauen. Zwar weiß man von seiner Sekretärin, dass er für den Familienurlaub diesmal Dubai und die Malediven kombiniert, denn die Gattin mag nicht mehr in Hongkong shoppen. Aber man muss ja schließlich einmal aus dem 300-Quadratmeter-Penthouse oder der Villa mit Seeblick rauskommen, und zwar nicht immer nur zum Charity-Golfen für die Presse!

 

Der Geschäftsführer erzählt gleichzeitig sehr berührend von Nachhaltigkeit, die selbstverständlich aber nicht greift, wenn es um ausreichend viele Mitarbeiter oder Budgets für all die Projekte und Einzelaufgaben geht. Von Vielfalt, außer bei älteren Bewerbern, die zu teuer und bekanntermaßen auch noch widerspenstig sind. Von Inklusion, außer für diejenigen, die man nicht mehr gut findet.

 

Nur die ganz Naiven stellen noch logische Fragen:

  • „Ihr kriegt kein stabiles WLAN auf unserer Etage hin, seid aber sicher, dass Ihr das Weltklima im Jahr 2100 aufs Grad genau regeln könnt?”
  • „Tariflöhne sind nicht drin. Ein bisschen kostenloses Wasser und Äpfel sollen der Ausgleich sein. Aber an der globalen Gerechtigkeit seid Ihr dran?”
  • „Es ist nicht möglich, die Firmencomputer auf MS Office aus diesem Jahrhundert zu aktualisieren, aber die Gesellschaft umzubauen soll klappen?”

 

Als ob daran überhaupt jemand glauben würde! Der Chef ist doch nicht der barmherzige Samariter aus der Bibel, der still hilft und anfallende Rechnungen selbst bezahlt. Wenn da nicht mindestens ein TED-Talk, ein Gastbeitrag für eine Branchenkonferenz oder wenigstens ein Imagevideo rauskommen, kann man es gleich ganz lassen. Die Weltverbesserung beginnt schließlich mit der Absichtserklärung auf großer Bühne, mit ausgreifenden Forderungen an alle anderen. Die Kosten werden später dezent durchgereicht. Solche Details interessieren nur noch die Kleingeister.

 

Wer mit seinem Einkommen nicht mehr klarkommt, kann ja bewusst weniger ausgeben, zum Beispiel mit 35 noch immer in einer WG wohnen und behaupten, dass er sich aus ökologischen Gründen kein Auto leisten möchte. Oder vom bedingungslosen Grundeinkommen reden, dem märchenhaften Schlaraffenland für moderne Akademiker, die von leistungsgerechten Einkommen nicht mal mehr träumen. Das Wort Arbeitnehmer hat eine neue Bedeutung bekommen: Man braucht Nehmer-Qualitäten, muss also einstecken können.

 

 

„Ich will doch nur meinen Job machen“ – Attila Albert. Redline Verlag. 224 Seiten, 15 Euro chttps://www.attilaalbert.com/ich-will-doch-nur-meinen-job-machen/

 

Keine Ehrfurcht vor Schlagworten

Was ist Ihr Purpose, sind Sie auch für Diversity, stimmt Ihre Performance? Auf Englisch klingen selbst die größten Banalitäten schmissig und bedeutungsvoll. Lassen Sie sich davon nicht mehr blenden. Übersetzen Sie grundsätzlich ins Deutsche. In den genannten Beispielen: Zweck, Vielfalt und Leistung. Fast immer wird damit klar, wie beliebig und vage derartige Schlagworte sind, wenn sie nicht näher definiert, ihnen beispielsweise Kriterien und Zielwerte zugeordnet werden. Ohne diese sind sie fast bedeutungsfreie Phrasen.

 

Eine gewisse Ernüchterung hat jeder nach einigen Berufsjahren hinter sich. Das ist normal und gar nicht schlecht. Mit pragmatischem Realismus arbeitet es sich noch immer engagiert, aber mit realistischeren Erwartungen. Doch nun sind es die Arbeitgeber, die vielfach jeden Realitätssinn abgelegt haben – bei ihren unternehmerischen Zielen, aber auch bei ihren sonstigen Visionen. Als Arbeitnehmer ist man plötzlich ungefragt mittendrin und soll mitmachen, obwohl man das so gar nicht wollte.

 

Wie konnte es zu all dem überhaupt kommen? Dafür haben sich die Experten unter den Chefs sieben raffinierte Methoden einfallen lassen: psychologische Tricks und moralische Erpressung, um Sie für den eigenen Vorteil geschickt zu manipulieren und Ihnen das mit einem Lächeln noch als in Ihrem besten Interesse zu verkaufen. Wer das durchschaut, entzieht sich ihrer Macht schon ein wenig.

 

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Ihren guten Willen ausnutzen

„Unsere Firma geht seit Längerem durch einen Strukturwandel”, berichtete mir der Ingenieur eines Industriekonzerns. „Wir haben alle schon mehrmals Kurzarbeit akzeptiert, trotzdem praktisch mehr gearbeitet. Die meisten Extras sind verschwunden. Wer neu dazukommt, verdient sowieso 30 bis 50 Prozent weniger. Aber dann lese ich in der Zeitung, dass unser Vorstandschef weiterhin sein zweistelliges Millionengehalt kassiert und sich gerade die dritte Villa kauft. Er braucht mehr Platz für seine Kunstsammlung!”

 

Der einfachste Trick von klugen Chefs ist, an Ihren guten Willen zu appellieren: „Wir sitzen doch alle im selben Boot”, „Wir müssen jetzt zusammenhalten”. Die meisten Menschen wollen helfen, wenn sie von einer Notlage erfahren oder glauben, dass ihr Verzicht einer guten Sache dient. Umso größer die Enttäuschung, wenn sie anschließend feststellen müssen, dass die einen hauptsächlich gefordert und sie selbst weitgehend allein geleistet haben. Gutgläubige zahlen immer drauf.

 

Wer ein gewinnorientiertes, gar ein börsennotiertes Unternehmen für eine Solidargemeinschaft hält, wird feststellen, dass diese rührend naive Sicht nur für ausgewählte Teile der Belegschaft gilt, oft sogar nur für einzelne Mitarbeiter. Es gibt nun einmal widersprüchliche Interessen zwischen Eigentümern, Führung und Angestellten. Lassen Sie sich also nicht von idealistischem Gesäusel einlullen. Im Job müssen Geben und Nehmen ausgewogen sein, und die Balance ist Ihre Verantwortung.

 

Höhere Mission vorschieben

Ein innovatives Gastronomie-Start-up in Zürich stellte sich kürzlich mit der Mission vor, durch vegane Küche mal wieder „unseren Planeten zu retten”. Per Stellenanzeige suchte es einen Webentwickler sowie einen Küchenmitarbeiter in Schichtdienst, der auch das Lebensmittellager verwalten und putzen sollte. Die Bezahlung dafür? „Das ist eine unbezahlte Position. Bitte bewerben Sie sich nicht, wenn das für Sie nicht funktioniert.” Ein Mittagessen gäbe es, und Fahrtkosten würden erstattet. Wer mehr will, passt nicht ins Team.

 

Bei diesem Trick argumentieren Chefs mit einer höheren Mission. Wer hochfliegende, am besten gleich weltverändernde Ambitionen verkündet, sieht sich dadurch berechtigt, sich nicht mehr von den banalen Alltagswünschen anderer aufhalten zu lassen. Ein Mitarbeiter, der angesichts dieser Vorhaben noch ein angemessenes Gehalt, geregelte Arbeitszeiten und vernünftige Bedingungen fordert, kann nur ein unverantwortlicher, ignoranter Egoist sein!

 

Doch Sie nehmen nur Ihre berechtigten Eigeninteressen wahr, wenn Sie auf die Gegenleistung achten. Wer sollte für Sie einstehen, wenn nicht Sie? Tatsächlich gibt es Arbeitgeber, die sich für ihre Mitarbeiter einsetzen. Verlassen können Sie sich darauf nicht. Ansonsten gilt: Der beste Plan für die angebliche Weltverbesserung ist undurchdacht und unglaubwürdig, wenn er bereits bei den zuerst Betroffenen scheitert – nämlich bei denen, die ihn praktisch umsetzen sollen.

 

Verantwortung auf Sie abwälzen

„Ich war so stolz, als ich die Leitung der Marketingabteilung bekam”, sagte mir eine Klientin, die in einem Medienunternehmen arbeitete. „Doch schon am zweiten Tag merkte ich, dass man mich total getäuscht hatte. Die Kollegen, auf die ich angeblich zugreifen konnte, waren schon durch andere Teams völlig ausgelastet. Mehr Budget wurde abgelehnt. Als ich darüber mit der Geschäftsführung diskutieren wollte, hieß es nur: Sie haben doch alle Freiheiten. Nutzen Sie sie!” Der Trick hier: Die Verantwortung an Sie delegieren, aber ohne die dafür notwendigen Kompetenzen und Ressourcen.

 

Gerade aufstrebende Frauen finden sich oft in zu niedrig bezahlten Positionen in undankbaren, teilweise unlösbaren Umständen wieder, die ihnen auch noch als „Chance” untergejubelt wurden. Die Männer, wenn sie nicht sowieso für die interne Quote übergangen werden, melden sich da inzwischen lieber gleich in den Vaterschaftsurlaub ab. Wer sich unter solchen Umständen nicht schnell aufreiben will, muss zügig handeln. Schnell noch versuchen, nachzuverhandeln – oder sich verabschieden. Manche Vorstände kennen die Probleme ihrer Bereiche und Abteilungen seit 15 Jahren genau, wollen sie aber partout nicht lösen und schicken lieber immer noch einen engagierten Neuling in die Schlacht, die lange verloren ist. Mit diesen Kämpfen gewinnen die Chefs Zeit, alle anderen bluten aus. Achten Sie also darauf, ob sich Ihr lobenswerter Einsatz überhaupt lohnt.

 

Nachteile zu Vorteilen erklären

Bei den Stellenanzeigen hat es sich unterdessen eingeschlichen, unter „Wir bieten” noch einmal das Gleiche aufzuführen wie bei den Anforderungen, nur anders formuliert: viel Arbeit („anspruchsvolles Umfeld, großer Handlungsspielraum”), unterbesetztes Team („flache Hierarchien, kurze Entscheidungswege”), endlose Meetings („inspirierender Austausch mit großartigen Kollegen”) und ein Jahresvertrag mit sechs Monaten Probezeit („langfristige Perspektiven”).

 

Diese Täuschungslyrik ist klar von den Immobilienanzeigen inspiriert, in denen auch jede verschnittene Hütte zum „charmanten Bijou mit originellem Grundriss” wird. Der Trick hier: Alle Nachteile zu Vorteilen erklären und damit austesten, wie weit Sie sich für dumm verkaufen lassen. Ob Sie beispielsweise nicht rechnen können und ernsthaft glauben, dass „freie Getränke und Obst” das fehlende Tarifgehalt aufwiegen. Vielleicht klappt’s ja mit Beschönigen!

 

Ein Arbeitsvertrag ist das Ergebnis einer Verhandlung. Es ist logisch, dass beide Parteien ihre besten Seiten herausstellen und die weniger günstigen verschweigen wollen. Das dürfen Sie ruhig auch machen, etwa eine längere Arbeitslosigkeit zum „inspirierenden Sabbatical” erklären oder einen langen Urlaub zur „persönlichen Weiterbildung” umdeuten. Sie sollten nur nicht auf die blumigen Fantasiegeschichten anderer reinfallen. Im Berufsleben zählen harte Realitäten: Einkommen, Aufgaben, Arbeitsbedingungen, Urlaub, Extras.

 

Mit Unterstellungen einschüchtern

Inzwischen hängt sich praktisch jedes Unternehmen an sämtliche Aktivistenbewegungen an, um nicht selbst noch ins Visier zu geraten und dem eigenen Image zu helfen. Das Firmenlogo in Regenbogenfarben? Sehr wichtig – außer in den heiklen Märkten im Nahen Osten, in Afrika und Asien. Für Black Lives Matter eintreten? Macht sich auf Instagram sehr gut, sollte aber nicht so weit gehen, dass es am Ende vielleicht noch ein schwarzes Management-Mitglied gibt.

 

Wer derartige Heucheleien oder Zweifel mit manchen Positionen anspricht, erlebt den nächsten Trick: Einschüchterung durch Unterstellungen. „Sie sind also nicht für universelle Menschenrechte?” Oder wenn Sie sich nicht ganz uneigennützig freuen können, wenn Ihnen eine 25-jährige Berufsanfängerin als Chefin vorgesetzt wird, damit die Firma endlich die interne Quote hochkriegt: „Kann es daran liegen, dass Sie Frauen keinen Erfolg gönnen, Sie alter Sexist?”

 

Einerseits ist es verständlich, dass Unternehmen so reagieren. Die engagierte Öffentlichkeit ist gnadenlos, und Vorstände sind auch nur ängstliche Angestellte, die keine Fehler machen wollen. Andererseits zeigt Ihnen das auch: Wenn das Top-Management derartig schnell einknickt und im Zweifel jedem minderjährigen Twitter-Nutzer nachgibt, der sich aufgeregt hat, brauchen Sie auch nicht mehr glauben, dass Sie da knallharte Kerle ohne jede Skrupel vor sich hätten.

 

Mit Schuldgefühlen manipulieren

Ähnlich funktioniert der Trick, Sie mit überzogenen Schuldgefühlen zu manipulieren. Sie sind in Ihrem Leben möglicherweise noch keine zehn Mal geflogen (wie 93 Prozent der Deutschen laut Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft)? Irgendwie sind Sie damit aber trotzdem am Klimawandel mitschuldig. Immerhin schalten Sie doch auch täglich das Licht an und heizen im Winter! Wenn das kein skrupelloser Egoismus ist, kann Ihnen wirklich keiner mehr helfen.

 

Mütter setzen diese Methode seit Generationen erfolgreich ein, um den widerspenstigen Nachwuchs zu erziehen. Wenn beim Essen gemäkelt wird, sagen sie: „Woanders hungern die Menschen! In Afrika würden sich die Kinder darüber freuen.” Wenn beim Zähneputzen das Wasser weiterläuft: „In Afrika ist das Trinkwasser knapp und du verschwendest es!” Als ob nicht gegessene Mahlzeiten und ungenutztes Leitungswasser ansonsten direkt weiterverschickt würden.

 

Bei diesem Trick werden absichtlich die Relationen verwischt, um Sie einzuschüchtern: Was Ihr Anteil ist, aber auch, wie relevant Ihr möglicher Beitrag überhaupt wäre. Wenn 83 Prozent des Plastikmülls in den Ozeanen aus 20 Ländern (die meisten in Asien) kommen, sollten Sie zwar trotzdem Ihren eigenen Müll ordentlich entsorgen. Sich deswegen aber weder verrückt machen noch als Weltretter fühlen. Konzentrieren Sie sich auf Dinge, die objektiv etwas bringen.

 

Urteilsfähigkeit absprechen

Wer unentschuldbar naiv ist, glaubt noch immer, seine eigene Erfahrung würde ihm ein gewisses Urteil in eigener Sache erlauben. Das ist vorbei, seit zu allem „die Wissenschaft” angeführt wird. Ob der Bedarf an Frauenquoten, aber nur für die guten Jobs, die Vorteile eines Großraumbüros für das Team, nicht jedoch für die Chefs, oder die Vorzüge von „Design Thinking” gegenüber der bewährten, eigentlich gleichen Kundenbefragung – Experten werden es bestätigen.

 

Hier setzt der nächste Trick an: Ihnen die Urteilsfähigkeit absprechen, weil jetzt höhere Autoritäten gesprochen haben, sogar höher noch als der Vorstand und die Geschäftsleitung. Und da wollen Sie mit Ihren Praxiserfahrungen kommen? Vielleicht handelt es sich bei den angeblich unumstößlichen Erkenntnissen zwar nur um eine Umfrage, die eine Soziologie-Studentin in Australien unter zwölf Kommilitonen gemacht hat. Aber eben wissenschaftlich, nicht so wie Sie!

 

Echte Profis in der Wirtschaft wissen längst, dass sich in ihrem Bereich vor allem diejenigen am besten auskennen, die ihr berufliches Leben durchweg nur an Universitäten, im öffentlichen oder gemeinnützigen Dienst verbracht haben. Wer nie auch nur einen Kiosk selbst geführt hat, geht viel unverkrampfter direkt ans Mikromanagement der Weltwirtschaft. Für Sie heißt das, im Ernst, natürlich: Theorien anderer bedenken, aber immer mit Ihrer Praxis abgleichen.

 

Sie können auch weitermachen wie bisher

Selbstverständlich ist es immer auch erlaubt, einfach so weiterzumachen wie bisher. Sich über den Chef, das Unternehmen oder die Branche aufzuregen. Zu behaupten, dass man es selbst besser könnte, wenn man nur dürfte. Gelegentlich ein gedankenschweres Zitat auf Facebook zu teilen, am besten von Steve Jobs: „Ich habe jeden Morgen in den Spiegel geschaut und mich gefragt: Wenn heute der letzte Tag meines Lebens wäre, würde ich dann tun wollen, was ich heute vorhabe?” Aber danach keine Konsequenzen zu ziehen, so lange sich nicht der Traumjob direkt in der Nachbarschaft auftut. Denn schon ein Umzug ist eigentlich unzumutbar.

 

Eine angenehme Erleichterung ist auch, das System, die Gesellschaft oder die Strukturen verantwortlich zu machen. Die fachkundigste Kapitalismuskritik kommt zuverlässig von Großstadt-Akademikern mit internationaler Studien- und Berufserfahrung in attraktiven Universitäts- oder Konzernjobs. Als besonders Benachteiligte unter uns wissen sie am besten, was sich ändern muss. Wer ihrer Hölle einmal ausgesetzt war, der weiß, wie der Himmel aussehen muss.

 

Das vielgescholtene Patriarchat sitzt zwar möglicherweise direkt neben einem auf der Coach, heißt Florian, Jürgen oder Marek und ist nur zu müde für die Hausarbeit. Aber anstatt sich weiter mit ihm herumzustreiten, kann man erst einmal Twitter mit Forderungen nach einem Systemumsturz vollschreiben. Krieg den Palästen! Der Trost der Gleichgesinnten ist ehrlicherweise nur so viel wert wie das, was die beste Freundin oder Mama bei Liebeskummer sagen: „Du bist so toll, er hat dich nicht verdient!” Trotzdem tut es gut zu wissen, dass man nicht allein ist.

 

Man kann auch weiter davon reden, dass es „in Frankreich” für berufstätige Eltern viel besser sei (minus dem Atomstrom und den Vorort-Unruhen). „In Skandinavien” sowieso generell alles (außer den Steuern, dem Wetter und der Dunkelheit). Wer aber weder ins innere noch ins äußere Exil gehen will, tut gut daran, einen anderen Weg auszuprobieren. Der erste Schritt dazu lautet, all den Einflüsterungen um sich herum entgegenzutreten, den gutgemeinten wie den nervigen, und seinen eigenen, selbstbestimmten Weg zu suchen. Das bedeutet vor allem, sehr viel häufiger Nein zu sagen, wo Sie sonst halt eben mitgemacht haben.

 

In den nächsten Kapiteln finden Sie ausführliche Fallbeispiele dafür, wie die psychologischen Manipulationen und moralischen Erpressungen in der beruflichen Praxis aussehen und wie Sie sich davon abgrenzen können. Einige werden Sie mehr betreffen als andere. Sie können jedoch aus allen Hinweise für Ihre Situation entnehmen. Sie erfahren, wie Sie sich gegen subtile und offene Übergriffigkeiten Ihres Arbeitgebers wehren und wieder ohne Angst und selbstbestimmt entscheiden. Selbstverständlich sind Sie frei darin und dazu ermutigt, positive Anliegen zu unterstützen. Dann aber freiwillig und zu Ihren Bedingungen, nicht vom Chef gezwungen.

 

Versuchen Sie dabei, sich gedanklich aus Ihrer aktuellen Situation zu lösen. Durchzuatmen und zurückzudenken, wie alles eigentlich einmal bei Ihnen begonnen hat, wo Sie derzeit stehen und wie es zukünftig am besten weitergehen soll. Vielleicht fühlen Sie sich gerade gefangen und Ihrem Chef ausgeliefert, weil Sie die Stelle wegen des Einkommens wirklich brauchen und keine Alternative sehen. Aber vertrauen Sie darauf, dass es eine für Sie gibt, sobald Sie mehr Klarheit haben und Ihre einstige Kraft wieder in sich spüren.

 

Eine Chance, eigene Überzeugungen und Werte stärker zu leben

Wenn Ihnen bestimmte Ansichten und Entwicklungen widersprechen, ist die Versuchung groß, sich vor allem mit Abwehr und Kritik zu beschäftigen. Mancher bewegt sich dabei selbst in extremen Positionen und entwickelt eine gewisse Obsession – in der Annahme, nur so noch ausreichend Kontra bieten zu können. Besser ist es in dieser Situation, eigene Überzeugungen und Werte zu klären und anschließend bewusster zu leben. Als positives Vorbild erhalten Sie sich immer eine gewisse Leichtigkeit und die Flexibilität, Ihre Ansichten auch zu korrigieren sowie andere anzuerkennen, die gleichberechtigt neben Ihren stehen dürfen.

 

Attila Albert: „Ich will doch nur meinen Job machen”.  224 Seiten, 15 Euro, Redline.

 

 

 

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