Textilunternehmer Brunello Cucinelli beim G20-Gipfel vor den World’s Great Leaders: „Der Traum meines Lebens ist, für die moralische und wirtschaftliche Würde des Menschen zu leben und zu arbeiten.“

Brunello Cucinelli, der Unternehmer aus Umbrien, sprach auf Einladung des italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi neben dem G20-Gipfel vor den Staats- und Regierungschefs der Welt über seine Idee der menschlichen Nachhaltigkeit und des humanistischen Kapitalismus.

 

Bruenllo Cucinelli beim G20-Gipfel mit dem Prince of Wales (Foto: Cucinelli)

Ich fühle mich geehrt, hier unter Ihnen zu sein, den führenden Persönlichkeiten unserer wunderbaren Erde. Ich werde versuchen, Ihnen mit einigen Emotionen meine Vorstellung von menschlicher Nachhaltigkeit zu vermitteln und was ich mit humanistischem Kapitalismus meine.

 

Den ersten Teil meines Lebens habe ich auf dem Land verbracht: Wir waren Bauern, wir hatten keinen Strom, wir bewirtschafteten das Land mit Tieren, wir sammelten Regenwasser, und begegneten der Umwelt mit großem Respekt. Wie der griechische Philosoph und Dichter Xenophanes einst sagte: „Alles kommt aus der Erde“, und wir lebten im Einklang mit der Schöpfung. Der erste Getreideballen, den wir ernteten, ging auf Geheiß meines Großvaters an die Gemeinde. In dieser Phase erschlossen sich mir die großen Zusammenhänge im Leben: das Gleichgewicht zwischen Gewinn und Rückgabe; diese Zeit meines Lebens betrachte ich als Geschenk. 

 

Als Junge sah ich meinen Vater mit Tränen in den Augen, als er bei der Arbeit gedemütigt und beleidigt wurde. Noch heute verstehe ich nicht, warum er gedemütigt und herabgesetzt werden sollte. Doch inspiriert von dem Schmerz, den ich in diesen Augen las, beschloss ich, dass der Traum meines Lebens darin bestehen würde, für die moralische und wirtschaftliche Würde des Menschen zu leben und zu arbeiten. Ich wollte ein Unternehmen gründen, das gesunde Gewinne erwirtschaftet, dies aber mit Ethik, Würde und Moral tut. Wir sind an der Börse notiert und ich wollte ein Unternehmen, das ein ausgewogenes und nachhaltiges Wachstum entwickelt. Mein Ziel war es, dass die Menschen an besseren Orten arbeiten, ein wenig mehr verdienen und sich bei der Arbeit als denkende Seelen fühlen. Wir sollten versuchen, der Armut nicht den Rücken zu kehren.

 

Ich wollte, dass ein Teil der Unternehmensgewinne dem Wohle  der gesamten Menschheit zugute kommt. Zudem wollte ich, dass die Menschen eine angemessene Anzahl von Stunden arbeiten und nur für einen angemessenen Zeitraum online sein müssen, damit Technologie und Humanismus in Einklang gebracht werden können und ein gesundes Gleichgewicht zwischen Geist, Seele und Körper wiederhergestellt werden kann. Denn auch die Seele und der Körper brauchen jeden Tag Nahrung. 

 

Wir versuchen, die Gesetze eines jeden Staates zu respektieren, und dank meines geschätzten Präsidenten Draghi hat unser Italien seine Glaubwürdigkeit zurückgewonnen. 

 

Unser Unternehmen befindet sich in Solomeo, einem kleinen mittelalterlichen Dorf aus dem 14. Jahrhundert. Wir arbeiten in alten Fabriken aus dem vergangenen Jahrhundert, von denen einige restauriert und erneuert wurden. Andere wurden abgerissen und das Land wurde für die Landwirtschaft rekultiviert. Insbesondere für Weinberge, Olivenhaine, Obstgärten und Weizen, so dass wir endlich sagen können, dass wir unser geliebtes Land nicht verbraucht haben. Wir haben das Dorf restauriert, indem wir auf das weise Wort unserer Meister gehört haben. Wir haben ein Theater gebaut, das wir als weltlichen Kunsttempel betrachten, zudem ein Denkmal für die Würde des Menschen und einen riesigen Park mit dem Namen „Projekt für Beauty“.

 

Jetzt werden wir eine Universalbibliothek bauen. Für diese Idee haben wir uns von dem großen Ptolemäus I. von Alexandria und dem Kaiser Hadrian inspirieren lassen, der einst sagte: „Bücher zeigten mir den Weg des Lebens; als ich erwachsen wurde, ließ mich das Leben den Inhalt der Bücher verstehen. Wer Bibliotheken baut, hat öffentliche Kornkammern für künftige Generationen errichtet“. 

 

Dies ist unsere Vorstellung von menschlicher Nachhaltigkeit und dem, was wir humanistischen Kapitalismus nennen. Indem ich Sie begrüße und Ihnen danke, hoffe ich, dass mein Herz die richtigen Worte für eine Bitte gefunden hat, die ich, wie ich glaube, im Namen der gesamten Menschheit an Sie richte: „Mein geschätzten und mächtigen, zeitweiligen Hüter der Schöpfung, die ihr für die Schönheit der Welt verantwortlich seid, bitte zeigt uns den Weg zum Leben. Möge die Schöpfung uns beschützen und uns zu einem neuen universellen Humanismus führen“.
Ich danke Ihnen von Herzen, Brunello

 

Lesehinweis Brunello Cucinelli im „Ursprung meiner Karriere“ in der WirtschaftsWoche: https://story.wiwo.de/Ursprung-meiner-Karriere/104/published/index.html#brunellocucinelli

 

 

 

 

 

 

 

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