Unbezahlbare D&O-Versicherungen: Sechs Fragen an Managerhaftungsexperte Michael Hendricks zu den exorbitanten Preiserhöhungen der Versicherer und dass sich Top-Manager genau ansehen sollten, wogegen sie nicht mehr versichert sind

Versicherer und Unternehmen werden extrem einsilbig, wenn es um ihre D&O-Versicherungen – Managerhaftpflichtversicherung – geht. Sowieso – und das schon seit diese Versicherungen in Deutschland Einzug hielten. Also vor rund 25 Jahren. Die Versicherer nutzten die D&O-Versicherung gegen die Fehler der Top-Manager als Türöffner zu den Vorstandsetagen und nahmen deshalb schon mehrere Jahre hin, dass die Sparte immer größere Verluste einfuhr. Nicht nur wegen spektakulärer Fälle wie dem VW-Dieselskandal, sondern auch wegen gestiegener Pflichten der Manager und hoher Forderungen der Insolvenzverwalter.

Die ersten Versicherer stellten ihr D&O-Geschäft bereits ein. Und seit Ende letzten Jahres müssen insbesondere die Großunternehmen und Konzerne riesige Preissprünge akzeptieren, wenn sie ihre Verträge verlängern wollen – bei schlechteren Leistungen. Und die sind der Punkt, wo jeder Top-Manager genau hinsehen muss – um wenigstens zu wissen, wogegen er nicht mehr versichert ist. Michael Hendricks, D&O-Pionier in Deutschland, erklärt die Folgen für Unternehmen, Top-Manager und Aufsichtsräte.

 

Michael Hendricks (Foto: C.Tödtmann)

 

 

Herr Hendricks, wollen D&O Versicherer keine Kunden mehr?

Hendricks: So sieht´s aus. Die D&O-Versicherer machen regelrechte Abwehr-Angebote, die unzumutbar sind. Die Prämien sind so hoch, dass man sie einfach nicht annehmen kann. Diese Abschreckungsangebote sind oft unverschämt, werden aber dennoch angenommen – zur Überraschung der Versicherer. Unternehmen in der Tourismusbranche zum Beispiel sollen wegen Corona ein Zehntel der Deckungssumme als Prämie zahlen.

Weitgehend verschont sind nur die Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern, deren Prämien werden im Schnitt von den D&O-Versicherern nur um 15 Prozent erhöht, das ist nicht viel.

 

Wie reagieren die Kunden?

Viele Versicherungsmakler, die Mittelständler beraten, sind verzweifelt und trauen sich mit diesen hohen Angeboten gar nicht zu ihren Kunden. Für die ganz großen Konzerne ist es lediglich ärgerlich, aber deren Vorstände winken die Vertragsverlängerungen mit bis zu zehn mal so hohen Prämien wie im Vorjahr auf der Vorstandssitzung in fünf Minuten durch. Quer durch alle Branchen.

 

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Das Ganze passiert, weil die Versicherer schon länger keine Gewinne mehr in dieser Sparte erwirtschaften und gleichzeitig die Zahl der Schadensfälle laufend ansteigt, allen voran der VW-Skandal?

Seit knapp 20 Jahren, seit dem Platzen der Dotcom-Blase, haben sich die Versicherer die Entwicklung angesehen und die Verluste hingenommen, weil das D&O-Geschäft ihnen andere, wertvollere Vorteile einbrachte. Die Managerhaftungsversicherung verschaffte ihnen direkten Zugang zu den Vorständen und die Versicherer konnten mit ihnen andere, profitablere Geschäfte machen. Die Preiserhöhungen diktieren die Muttergesellschaften der Versicherungen in den USA oder Großbritannien in New York oder London. Die gucken auf den deutschen Markt und seine Zahlen und beschließen kurzerhand Prämienerhöhungen.

 

 

Und obendrein bauen sie in die aktuellen Policen Deckungsausschlüsse, sie wollen also von vornherein für machen Fälle generell nicht einspringen. Die Ausschlüsse sollten sich die Top-Manager genau ansehen und nicht den lästigen Vertragskram anderen Abteilungen überlassen, richtig? 

Teilweise sind die Versicherungen, die nun in dieser Zwangslage eingekauft wurden für viel zu hohe Preise, obendrein lückenhaft, stimmt. Zum Beispiel haben manche Ausschlüsse wegen Cyber-Schäden. Dann kann ein Top-Manager sich nur noch mit einer eigenen privaten Versicherung schützen, wenn er nicht sein persönliches Vermögen riskieren will.

 

 

Gibt es Unternehmen, die nun gar keine D&O-Versicherung mehr bekommen für ihre Top-Manager?

Manchmal müssen Versicherungsmakler darum erbittert kämpfen. Corona hat die Lage verschärft. Wenn zum Beispiel Regionalflughäfen Versicherern als zu hohes Risiko erscheinen, sagen sie schon mal endgültig nein. Wenn ein Versicherungsmakler die nicht überzeugen kann, bleibt nur noch am Londoner Markt ein Konstrukt mit mehreren Versicherern zusammenzustellen. Die teilen sich dann das Risiko.

 

 

Man hört, dass einige große Unternehmen bereits überlegen, die D&O-Versicherer auszuhebeln und eigene Versicherungen zu gründen, wie läuft das?

Das funktioniert gar nicht, das ist nur Säbelrasseln. Das ist nach dem Aktienrecht schon unzulässig, denn das würde ja wiederum die Aktionäre belasten, wenn sie eine ganze Versicherungsgesellschaft finanzieren. In den USA ist so etwas dagegen zulässig, solange es Ansprüche von externen Anspruchsstellern wie Konsumenten sind.

 

 

D&O-Schadenstatistik: Beiträge, Leistungen und Schadenquoten
Jahr Beiträge Leistungen Schadenquote nach Abwicklung*
in Mio. Euro Veränderungen gegenüber Vorjahr* in Mio. Euro Veränderungen gegenüber Vorjahr*
2016 259 3,3 281 3,4 99,1
2017 233 -10,2 203 -27,7 85,3
2018 247 5,6 252 25,0 112,9
2019 262 10,1 233 -2,2 85,3
2020 335 9,2 281 14,0 110,0

 

Lesehinweis Interview Michael Hendricks: Weckruf für Manager: Wer in der Firma lieber wegsieht, riskiert sein eigenes Vermögen https://howdengroup.de/weckruf-fuer-manager-wer-in-der-firma-lieber-wegsieht-riskiert-sein-eigenes-vermoegen/

 

Lesehinweis wiwo.de (Paid): „Manager riskieren mit den neuen Verträgen im Nachhinein den Schutz für behauptete Pflichtverletzungen, die typischerweise erst Jahre später ans Licht kommen.“  https://www.wiwo.de/my/erfolg/management/wiwo-top-kanzleien-die-besten-anwaelte-und-kanzleien-fuer-versicherungs-und-erbrecht/26637910.html

 

 

 

 

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