Sinn und Unsinn der Wirtschaft (1) – Erfahrung macht blind. Gastbeitrag von Frank Dopheide, Gründer des Beratungsunternehmens Human Unlimited. 

Sinn und Unsinn der Wirtschaft (1): Erfahrung macht blind.

Gastbeitrag von Frank Dopheide, Gründer des Beratungsunternehmens Human Unlimited.*

 

(Foto: PR/Human Unlimited)

 

Manager begnügen sich damit, die alte Erfolgsmasche zu kopieren, zu variieren

Erfahrung ist ein hohes Gut. Wir sammeln und horten sie – unseren Erfahrungsschatz. Auch in Unternehmen ist das viel wert. Auch für die eigene Karriere. Auf Nichts ist der deutsche Manager so stolz, wie auf seine Erfahrung. Der Erfolg von gestern, wird zum Routenplaner für zu Zukunft.

Das bleibt nicht ohne Nebenwirkungen. Dieser bewiesene Erfolg wird ab Tag eins zur starren Gießform für alle kommenden Herausforderungen. „Wir knüpfen an den Erfolg an“, ist ein gern gesagter Satz auf den Chefetagen und das beliebte Denkmodell, um weiterzumachen wie bisher. Das Management versteht die Jobbeschreibung nicht mehr als Aufgabe etwas Neues von Wert in diese Welt zu bringen. Nein. Der Manager begnügt sich die alte Erfolgsmasche zu kopieren und zu variieren.

 

Vorgesetzte mutieren zu Besserwissern und Bremsklötzen für die Zukunft

Nach Carl Benz hat keiner der Manager das Auto jemals neu erfunden, sie haben sich darauf beschränkt, das Beste daraus zu machen. Dieses Erfolgs‐Kopierprogramm hat lange und gut funktioniert. Aber jetzt wird das zur Gefahr. In Zeiten von Innovation und Disruption führt ein „weiter so“ geradewegs in die Sackgasse. Wir haben nun also jahrzehntelang auf Erfahrung gesetzt und das Erfinden verlernt. Je weiter sich die neue Welt vom eigenen Erfahrungshorizont entfernt, desto größer werden die Beharrungskräfte. Sie bremsen alles aus was neu, unlogisch oder ungesehen ist. Der Vorgesetzte mutiert zum Besserwisser und Bremsklotz für die Zukunft.

Unser Planet macht Gedanken‐ und Entwicklungssprünge, die Unternehmen machen aber nicht mit. Bestsellerautor Douglas Adams sagt: »Alles, was schon da ist, wenn man geboren wird, ist normal. Alles was erfunden wird, während man zwischen 15 und 35 ist, ist neu, revolutionär und unglaublich spannend. Alles, was erfunden wird, wenn man die 35 überschritten hat, empfindet man als Verstoß gegen die natürliche Ordnung der Dinge und als das Ende der Zivilisation.«

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Wenn sich die Welt auf den Kopf stellt, kann »Unwissen« ein echter Wettbewerbsvorteil werden
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Denken wir doch kurz einmal darüber nach. »In Zeiten raschen Wandels können Erfahrungen dein schlimmster Feind sein«, hat uns schon vor über einem halben Jahr‐ hundert Martin Luther King Jr. gepredigt. Erfahrungen sind – anders als der Experte denkt – kein Weitwinkelobjektiv, sondern wirken in den meisten Fällen eher wie Scheuklappen.
Wir kennen sogar den augenärztlichen Terminus: die Betriebsblindheit. Aspekte außerhalb des eigenen Blickfeldes nehmen wir nicht mehr wahr. Ein Kopf, der denkt, er wisse schon alles, ist unfähig, dazuzulernen. Wissen ist für das Gehirn eine Art Killerapplikation. Es löst Interesse, Neugier und Faszination in Luft auf. Wir erkennen diesen Sehfehler, wenn Unternehmen aus dem Nichts überholt werden. Nokia übersieht Klapphandy und Smartphone, die deutsche Autoindustrie das E‐Auto und Tchibo die Kaffee‐to‐go‐Welle.
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Wenn die einzige Alternative ungewöhnlich ist und die Erfahrung dagegensteht
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Wenn die Kommandobrücke der Titanic den Eisberg nach der Kollision nicht nur als größten anzunehmenden Unfall gesehen hätte, wären möglicherweise einige hundert Passagiere mehr zu retten gewesen. Der Kapitän wusste, es waren zu wenig Rettungsboote an Bord und niemand kann mehr als zehn Minuten im eisigen Wasser überleben. Auf den Gedanken, die Passiere auf dem Eisberg in Sicherheit zu bringen, ist er und niemand sonst gekommen. Wäre aber in den zwei Stunden bis zum Sinken vermutlich die bessere und sogar einzige Alternative gewesen. Aber die Erfahrung hatte sie gelehrt: halte dich von den Eisbergen fern. Möglicherweise eine todbringende Sehschwäche. 

Anders als wir gelernt haben entsteht mit der Erfahrung manchmal auch ein blinder Fleck auf der Netzhaut, eine Art grauer Star. Man verliert die Scharfsicht auf das, was aus der Ferne kommt, Dinge, die wir so noch nie gesehen haben und Ideen, die aus einer anderen Welt kommen.
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Zu neuen Welten aufbrechen, aber nicht die Anker lichten
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Klingt absurd, ist aber Alltag. Unternehmen machen sich auf in neue Welten, wollen aber den Anker nicht lichten. Der Weg vom Unternehmen zum Industriemuseum ist kürzer, als wir denken. Nostalgie ist ein Geschäftsmodell, das nur bei Manufactum und bei Dr. Oetkers Backmischung funktioniert.
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Wenn wir das Corona Virus in die BionTech-Schranken gewiesen haben und sich die Türen wieder öffnen, wird unsere Welt eine andere sein und ein nie dagewesenes Tempo der Veränderung einschlagen. Wir sollten uns mit den eigenen Erfahrungen dabei nicht im Weg stehen. Vermutlich gibt es einen guten Grund, warum Gott die beiden Augen in unserem Kopf so gesetzt hat, dass sie stramm nach vorne blicken und sie sehen, was auf uns zu kommt. Wenn wir gleichzeitig die Welt hinter uns im Auge behalten wollen, wären wir ein Chamäleon oder eine Stubenfliege.
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* Frank Dopheide führte rund zehn Jahre die Werbeagentur Grey, gründete dann die Marken- und Strategieagentur Deutsche Markenarbeit, war danach Sprecher der Geschäftsführung der Handelsblatt Media Group (zu der auch die WirtschaftsWoche gehört) und gründete vor zwei Jahren die Purpose-Agentur Human Unlimited.
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Alle Kommentare [3]

  1. Die Beschränkung des Begriffs „Erfahrung“ auf Managementfunktionen lässt den Untertitel „Erfahrung macht blind“ reißerisch erscheinen! Expertenerfahrung ist für alle Unternehmen ein zentraler Erfolgsfaktor. ‚Mit Brille wäre das nicht passiert!‘

  2. Spannend, kritisch, humorvoll, tiefgründig. Zum nachdenken und umdenken. Bravo.