Ein Teller Sushi bei einer Zoom-Sitzung mit Dr. Schrammek-Chefin Christina Drusio und die Frage, warum man beim Heiraten eine Ikea-Tüte braucht

Sushi kann Christina Drusio zu jeder Tages- und Nachtzeit essen, sagt sie. Das läge bei ihnen in der Familie, ihrem Bruder Alexander und ihrer Mutter Christine gehe es genauso. Die drei führen seit vergangenem Jahr zusammen das Familienunternehmen Dr. Schrammek in Essen, das die Großmutter vor mehr als sechs Jahrzehnten gegründet hatte. Produziert werden alle möglichen Hautpflegeprodukte von Cremes bis zu Ampullen, vor allem fürs Gesicht.

Mit dem Doktor-Titel im Namen zählt die Marke – so nennen Brancheninsider diese Handvoll Kostmetikhersteller – zu den Doctor-Brands. Doch nur hinter Dr. Schrammek steckten tatsächlich Hautärzte, und das jetzt mit Christina Drusio in dritter Generation.

 

Christina Drusio Foto: C.Tödtmann)

 

Eigentlich wollte die 32-jährige Narkoseärztin werden und war auch auf dem besten Wege dorthin. Sie studierte Medizin in Münster und wollte eigentlich etwas anderes als ihre Mutter machen. Ihr Sinneswandel kam dann, als sie ein Praktikum bei einem Hautarzt in Essen absolvierte. Plötzlich konnte sie es sich doch vorstellen, Dermatologin zu werden – und dann wurde auch der Rest klar. Ins Familienunternehmen zu gehen, das ihre Großmutter und ihre Mutter in gut 60 Jahren aufgebaut haben.

 

Dass sie es ernst meint zeigt dies: Seit November drückt sie abends auch noch die Schulbank in der hauseigenen Privatschule, um auch noch eine Ausbildung als Kosmetikerin zu absolvieren. Berufsbegleitend mit 15 anderen Frauen zwischen 20 und 59 Jahren lernt sie Anatomie und Zellenaufbau, wie welche Behandlungsmechanismen wirken. Warum eine 59-Jährige noch eine Ausbildung beginnt? Weil sie den Unternehmen zu alt ist und die einzige Möglichkeit der Schritt in die Selbständigkeit ist. Ab und zu mache auch mal ein Mann die Kosmetiker-Ausbildung.

 

Ob sie selbst dabei noch Neues dazulernt, wo sie doch schon die Facharztausbildung zur Hautärztin hinter sich hat? Durchaus, erzählt sie stolz. Ein Drittel des Stoffs sei ihr neu. Gut ein Jahr dauert die Ausbildung – und ja, die Mitschülerinnen wissen durchaus, wer da bei ihnen sitzt.

 

Die Anstrengung dürfte auf lange Sicht ein lohnendes Investment sein. Schließlich sind 2.800 Kosmetikinstitute in Deutschland die Hauptzielgruppe von Schrammek, denn die setzen selbst die Cremes der Essener bei ihren Behandlungen ein. Die Institute fielen als Umsatzbringer während der Lockdowns zwar plötzlich weg, doch die Schrammeks reagierten, erzählt Drusio. Der Onlineshop des Unternehmens funktionierte schon vor der Krise so, dass die Kosmetikinstitute einen Bonus gutgeschrieben bekamen, wenn ihre Kunden dort orderten. In der Krise bekamen die Institute nun am Monatsende stattdessen Cash, wenn ihre Kunden direkt bei Schrammek bestellten. Was denen half: Sie brauchten keinen eigenen Onlineshop aus dem Boden stampfen, sie müssen nichts verpacken und sich auch nicht um Retouren kümmern, erzählt die Rheinländerin. Gut ein Drittel der Institute mache mit.

 

Die Pandemie war denn auch der Grund, warum wir uns nicht persönlich zum Lunch  treffen konnten, sondern nur im Zoom-Call und dass es Take-away-Essen gab. Sushi mit Acocado und Lachs samt den Sojabohnen kann man auch am PC nebenbei essen, kalt werden sie jedenfalls nicht.

 

(Foto: C.Drusio)

 

Wegen der Pandemie wäre im Sommer auch fast Drusios Hochzeit geplatzt. Fast. Doch ihr Termin am 8.8.2020 fiel genau in die zwei Wochen, in denen NRW Feste mit bis zu 50 Leuten erlaubte, erzählt sie. Das Fest fand bei einer Schlossruine in Weeze mit Traualtar im Freien statt, sicherheitshalber. Dass ein langes Brautkleid insbesondere bei 37 Grad ziemlich anstrengend ist, erfahre ich, als mir die 32-Jährige erzählt, wozu Bräute heute eine Ikea-Einkaufstasche brauchen. Zu meiner Überraschung: für den Gang auf die Toilette. In die blaue Tasche wird nämlich in der Mitte mit einem Cuttermesser ein langer Schlitz geschnitten, in den steigt die Braut hinein, hängt sich die Trageriemen über die Schultern und lüpft damit die vielen Meter Stoff sicher und geschützt in die Höhe.

 

Allein zum Anziehen brauchte sie zweieinhalb Stunden, wo ihr Mann nur eine Viertel Stunde brauchte und prompt zur eigenen Hochzeit zu spät erschien. Ihr Zukünftiger,  Jurist bei einer Versicherung, stand schon mit weichen Knien am Traubogen und wartete, erzählt sie. Wie vermutlich oft. Denn Christina Drusio ist – auch das teilt sie mit Bruder und Mutter – selten auf die Minute pünktlich.

Das ist für Rheinländer wie mich eigentlich auch etwas ganz normales. Sie legen Pünktlichkeit eben großzügig aus, wie es der Kabarettist Konrad Beikirchner ziemlich gut auf den Punkt bringt: Der Rheinländer komme „um acht eröm“- und dass kann eben auch 20.30 Uhr sein.

 

Dagegen anzukämpfen ist auch sinnlos, es klappt einfach nicht, da sind wir uns einig. So unter Rheinländerinnen. Das steckt in einem drin und man kann sich bemühen und abstrampeln wie man will. Drusio arbeitet sogar mit dem Selbstüberlistungstrick dagegen an und stellt sich den Wecker morgens zehn Minuten eher und hat im Bad eine Uhr, die immer ein paar Minuten vorgeht. Doch ständig kommt irgendetwas dazwischen. Es ist einfach dieses Unpünktlichkeits-Gen, so wie ich es auch oft bei Franzosen erlebe. Bei denen man Gastgeber in Verlegenheit brächte, wenn man um Punkt 20 Uhr klingeln würde, weil sie noch nicht fertig sind.

 

Die schlimmste Verspätung war aber nicht die vorm Altar, sondern als sie den Flieger auf ihrer Geschäftsreise nach Dubai verpasste, erzählt sie. Da hatte sie auf halber Strecke zum Düsseldorfer Flughafen bemerkt, dass sie in Hamburg ihren Reisepass vergessen hatte, musste wieder umdrehen und konnte erst den nächsten Flug am Abend nehmen.

 

Hellhörig werde ich, als Drusio von ihrem Produkt, von „Power-Kuren mit Zusatznutzen“ spricht. Der ist nämlich gegen das Blaulicht der Bildschirme an Handys, Laptops oder Tablets undsoweiter wirken, die die Hautalterung beschleunigen. „Problemlöserthemen“ eben, wie Drusio sie sich auf die Fahnen schreibt – von geplatzten Äderchen über Augenpflege für empfindliche Haut bis hin zur Körperpflegeserie mit Lichtschutzfaktor 50+. Wimpernwuchsmittel und ähnliches gehöre nicht zu ihrer Linie.

 

Ihr Einstiegsjahr hatte sich Drusio nicht so schwierig vorgestellt. Zumal sie während des ersten Lockdowns noch im Krankenhaus in Essen arbeitete, als der erwartete Patientenansturm ausblieb. Da war sogar eine zweite provisorische Notaufnahme binnen zwei Wochen aufgebaut worden, doch die Stufenpläne für die Einsätze kamen gar nicht zum Zuge.

 

Nicht nachvollziehen kann die Medizinerin jedoch die Aufregung um den Impfstoff gegen Corona von Astrazeneca und die Angst der Menschen vor Nebenwirkungen. Sie vergleicht: Jahrzehntelang sind die Leute als Touristen zum Beispiel nach Bali geflogen, ließen sich selbstverständlich vorher impfen und ohne zu murren. Da habe aber nie jemand den Impfstoff hinterfragt.

 

 

 

 

 

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