Buchauszug Thomas Hax-Schoppenhorst / Michael Herrmann (Hrsg.): „Treue und Vertrauen.“

Buchauszug Thomas Hax-Schoppenhorst / Michael Herrmann: „Treue und Vertrauen. Vertrauen und Treue, sozialer Klebstoff des Lebens.“

 

Thomas Hax-Schoppenhorst (l., Hrsg.) und Peter-Michael Hax (r., Autor)

 

Kapitel der Chirurgen Peter-Michael Hax und Jakob Hax

Treue

Was erwartet nun der Patient von dem Chirurgen, dem er sich anvertrauen will beziehungsweise im Notfall muss? Was darf er erwarten? Es ist eine verbreitete, wenngleich nicht zutreffende Annahme, dass jeder Arzt mit Erteilung der Approbation den Eid des Hippokrates schwören müsse. Selbst Medizinstudent*innen, der Autor eingeschlossen, gehen zu Beginn des Studiums häufig noch davon aus. An der Stelle des hippokratischen Eids steht heute die Genfer Deklaration des Weltärztebundes von 1948, die in die (Muster-)Berufsordnung der Bundesärztekammer (2020) übernommen wurde und deren einleitendes Gelöbnis in mehr oder minder abgewandelter oder ergänzter Form Eingang gefunden hat in die Berufsordnungen der jeweiligen Landesärztekammern.

Etwas Vergleichbares gibt es übrigens auch für Pflegefachkräfte in Form des ICN-Ethikkodex für Pflegende (dgcc, 2017). Persönlich oder gar öffentlich ablegen muss der Arzt ein solches Gelöbnis nicht. Der Inhalt sollte ihm jedoch vertraut sein und als verbindlich gelten.

Da die Berufsordnung der Bundesärztekammer öffentlich und durch das Internet jedem Interessierten leicht zugänglich ist, kann auch die nicht medizinisch gebildete Öffentlichkeit darauf vertrauen, dass ein Arzt gegenüber seinen Patient*innen eine besondere ethisch-moralische Grundhaltung einnimmt, zumal man auch davon ausgehen kann, dass sich von vornherein ohnehin nur diejenigen für diesen Beruf entscheiden, die sich mit den damit einhergehenden besonderen moralischen Verpflichtungen identifizieren und eine gewisse Bereitschaft haben, zu dienen, und Idealismus mitbringen: bei Medizinstudent*innen stehen meistens idealistische Motive im Vordergrund (Hibbeler, 2011, S. A 2758). Das die Berufsordnung einleitende Gelöbnis beginnt mit den Sätzen: „Als Mitglied der ärztlichen Profession gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. Die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Patientin oder meines Patienten werden mein oberstes Anliegen sein“ (Bundesärztekammer, o. J.).

Ein tugendhaftes Verhalten kann also vorausgesetzt werden. Entsprechend ist das Berufsprestige von Ärztinnen und Ärzten wie auch von Pflegekräften seit Jahren unverändert hoch (Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland, 2017).

Treue ist die Tugend, die im Verhältnis zwischen Patient und Chirurg eine überragende Bedeutung hat. Indem der Patient dem Chirurgen vertraut, verlässt er sich nicht nur auf dessen Fachkenntnisse und manuelle Fähigkeiten, sondern insbesondere auf dessen Treue. Dieses Wort mag in der heutigen Zeit etwas angestaubt erscheinen, beschreibt aber die für dieses besondere zwischenmenschliche Verhältnis bedeutsame Haltung am umfassendsten und ist in diesem Kontext ausschließlich mit positiven Assoziationen besetzt. Negative Assoziationen im Sinne von „treudoof“ spielen dagegen hier keine Rolle. Der treue Chirurg steht zu seinem Versprechen, die Gesundheit und das Wohlergehen seiner Patienten als sein oberstes Anliegen zu sehen. Er steht zu seinen speziellen chirurgischen Prinzipien und Überzeugungen, ohne sich durch ökonomische Zwänge oder mögliche finanzielle oder persönliche Vorteile verführen zu lassen.

Im Sinne der wertfreien Bedeutung des Wortes „linientreu“ steht er da, wo der Patient es von ihm erwartet und handelt auch entsprechend, sodass dieser blind darauf vertrauen kann, dass jener das im jeweiligen Moment für ihn Beste tut. Denn gerade während eines chirurgischen Eingriffs können sich unvorhergesehen veränderte Situationen ergeben, in denen akut Entscheidungen getroffen und möglicherweise ursprünglich nicht geplante Maßnahmen ergriffen werden müssen. Dabei arbeitet der Chirurg gewissenhaft, verantwortungsvoll, sorgfältig, feinfühlig, detailtreu, selbstlos und demütig; er muss seine eigenen Grenzen kennen und bereit und in der Lage sein, kritische Grenzsituationen zu bewältigen. Was die damit verbundenen Charaktereigenschaften am umfassendsten und gleichzeitig in denkbar knapper Form umschreibt, ist das Wort Treue – etwas, was das Eigeninteresse überschreitet (Pellegrino, 2005).

 

„Treue und Vertrauen. Vertrauen und Treue, sozialer Klebstoff des Lebens.“ Handbuch für Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe. 464 Seiten, Hogrefe, 49,95 Euro. Treue und Vertrauen https://www.hogrefe.de/shop/treue-und-vertrauen-92940.html

 

 

Vertrauen

Es versteht sich von selbst, dass ein Patient das Vertrauen zu seinem Arzt sucht und dieses auch für eins der wichtigsten Merkmale – wenn nicht das wichtigste – des Verhältnisses zwischen Arzt und Patient hält, besonders im chirurgischen Umfeld. Das Schlüsselwort für den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses ist „Kommunikation“, sowohl verbale als auch nonverbale. Sie ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Fühlt sich der Patient als Person wahrgenommen, respektiert und in der Obhut des Arztes aufgehoben, wächst die Patientenzufriedenheit und damit auch das Vertrauen. Compliance und Mitarbeit nehmen ebenfalls zu und es kommt zu einer positiven Wirkung auf den Heilverlauf und den Heilerfolg (Gordon, Baker & Levinson, 1995). Es wird sogar über vergleichbar positive Effekte unter den Bedingungen der aktuell an Bedeutung gewinnenden Telemedizin berichtet (Agha, Schapira, Laud, McNutt & Roter, 2009).

 

Eine gelungene Kommunikation hat auch Vorteile für den Arzt:

• Die subjektive Belastung durch die Krankheit des Patienten nimmt ab.
• Die Stressbelastung durch den Beruf wird als niedriger empfunden
• Die berufliche Zufriedenheit wächst.
• Die Neigung zu Depressionen und Ängsten geht zurück.

 

Damit ist eine gelungene Kommunikation gleichzeitig auch eine Burn-out-Prävention für den Arzt (Armstrong & Holland, 2004; Boissy, Windover, Bokar, Karafa, Neuendorf, Frankel … & Rothberg, 2016). Im Sinne einer positiven Rückkopplung, also einer positiven Bedeutung des Begriffs „Teufelskreis“ bewirken ein positives Feedback und die positive Erfahrung einer gelungenen Kommunikation beim Arzt einen Zuwachs an Empathie und er kann die so erreichte Erweiterung und Verbesserung seiner soft skills in späteren Situationen für einen besseren und schnelleren Vertrauensaufbau einsetzen.

Wenn das Gespräch zwischen Arzt und Patient nicht beide Seiten zufriedenstellt, bleibt meist auch die Behandlung wenig erfolgreich (Schnack, 2012).

Was erwartet nun ein Patient von seinem Arzt, speziell einem Chirurgen, beziehungsweise von seinem Operateur? Wodurch entsteht Vertrauen, wie lässt sich der – in Akutsituationen bisweilen schnell – notwendige Vertrauensaufbau beeinflussen?

 

In diesem Zusammenhang oft gehörte Aussagen von Patienten sind:

• „Mein Arzt hat Zeit, er hat Mitgefühl, er hört mir zu und nimmt mich ernst.“
• „Er schaut mich beim Gespräch an, ich fühle mich gesehen.“
• „Er lässt sich auf mich als Mensch ein, will das Beste für mich, behandelt mich so wie einen seiner Familienangehörigen.“
• „Er ist gefühlt immer für mich da, gibt mir das Gefühl, dass er mein Arzt ist.“
• „Er hat jahrelange Erfahrung, ist fachkompetent, kennt die neuesten Methoden und Studien und beurteilt sie kritisch.“
• „Er beantwortet meine Fragen verständlich und informiert mich ausführlich.“
• „Er steht zu eventuellen Fehlern und Wissenslücken und vernetzt sich gegebenenfalls mit anderen Ärzten, empfiehlt mich weiter oder schlägt mir offen vor, eine Zweitmeinung einzuholen.“
• „Er ist ehrlich zu mir, aber so, dass er weiß, wie viel Wahrheit ich vertragen kann und hören will. Im Falle einer Komplikation informiert er mich oder meine Angehörigen unverzüglich.“
• „Er vermittelt mir das Gefühl, dass er mein Problem lösen kann, dass ich stark genug bin, zur Heilung beizutragen, dass ich gesund werde. Er lässt mich nicht ohne Hoffnung.“
• „Er ist bereit, gemeinsam mit mir einen Weg zu finden, der zur Heilung führt. Wenn wir einmal nicht einer Meinung sind und er meinen Weg nicht mitgehen will, wird er mir das offen sagen.“
• „Ich achte sehr nicht nur auf seine Worte, sondern auch auf seinen Blick, seine Handbewegungen und seine Körperhaltung, weil mir diese nicht verbale Form der Kommunikation hilft, seine Glaubwürdigkeit und seine Aufrichtigkeit einzuschätzen.“
• „Als Chirurg ist mein Arzt geschickt und penibel. Er sorgt dafür, dass ich möglichst wenig Schmerzen habe. Es ist gut zu wissen, dass er mich persönlich operiert.“

 

Jakob Hax (Foto: Privat)

 

Vertrauensaufbau in Notfallsituationen

Die Bedingungen und Voraussetzungen, unter denen im Arzt-Patient-Verhältnis Vertrauen entsteht und wächst, können sehr unterschiedlich sein. Gerade im chirurgischen Umfeld und ganz besonders in der Unfallchirurgie kommt es immer wieder zu Notfallsituationen, in denen sich Arzt und Patient unvorbereitet erstmalig begegnen und unter akutem Handlungsdruck ein rascher Vertrauensaufbau gelingen muss.

Während der erfahrene Chirurg in der Lage sein sollte, hier die der Situation und den individuellen Bedürfnissen des Patienten am besten gerecht werdenden Worte zu wählen und die passenden Maßnahmen zu ergreifen, trifft dies für den Patienten, der in der Regel auch zum ersten Mal und unvorbereitet in eine solche Notsituation kommt, nicht zu. Er steht unvorbereitet vor einer veränderten Ausganglage und hat nicht selten Schmerzen. Dazu kann eine hohe emotionale Belastung durch Trauer, Wut, Zukunftsangst oder Reizüberflutung kommen, erst recht, wenn die Notsituation durch ein Fremdverschulden entstanden ist. Matter und Kindler (1989, S. 62) sprechen vom „Gefühl des Hinausgeworfenseins“.

Während der erfahrene Arzt in der Lage sein sollte, den Zwang zu schnellen Entscheidungen zu ertragen, ist der Patient damit in solchen Fällen häufig begrenzt aufnahme- und kommunikationsfähig, schlicht überfordert, hat einen besonderen Empathiebedarf und wird ein vertrauenerweckendes Umfeld dankbar registrieren. Ganz bewusst ist hier der weiter gefasste Begriff Umfeld an Stelle von Arzt gewählt, denn in einer Stresssituation und unter Zeitdruck kann ein Arzt allein kaum den notwendigen Vertrauensaufbau bewerkstelligen.

 

Vertrauensschub durch Teamgeist

Hier zahlt es sich aus, wenn alle an der Notfallbehandlung Beteiligten an einem Strang ziehen, damit der Patient möglichst schnell das Gefühl bekommt, dass hierarchieübergreifend alle Mitarbeiter dieselbe Sprache sprechen, ihre jeweilige Aufgabe genau kennen, also reibungslos Hand in Hand arbeiten. Eine so erzeugte Atmosphäre wird vom Patienten schnell als guter Teamgeist, als ein positiver „Spirit“ wahrgenommen und weckt Vertrauen. Auch die Anwesenheit von vertrauten Angehörigen kann dazu beitragen und nicht zuletzt die Gefahr von Missverständnissen reduzieren. Steht eine Notfalloperation an, führt das Angebot des Chirurgen, unmittelbar nach der Operation einen nahen Angehörigen zu kontaktieren und ihn über das Ergebnis der Operation zu informieren, meist zu einem deutlichen Vertrauensschub.

Rasch aufgebautes Vertrauen ist entscheidend für das Verhältnis zwischen Arzt und Patient im weiteren Verlauf und kann seine positive Wirkung auf den Heilerfolg möglichst früh entfalten. Ein durch Fehler oder Versäumnisse bei der Notfallbehandlung entstandenes Vertrauensdefizit lässt sich später nur schwer und zeitaufwändig ausbügeln und führt selten zu der Vertrauensqualität, die primär einfacher hätte erreicht werden können.

 

Vertrauen durch Lob anderer

Der routinierte Arzt wird mögliche Multiplikatoren beim Vertrauensaufbau kennen und ihre Unterstützung dankbar annehmen. Dies setzt allerdings voraus, dass zu den Personen, die diese Hilfe leisten können, bereits ein solides Vertrauensverhältnis besteht. Dann ist ein spontanes und ehrliches Lob Gold wert, wie zum Beispiel das Wort eines Bettnachbarn vor dem Weg in den OP: „Machen Sie sich keine Sorgen! Sie sind hier bestens aufgehoben. Ich bin erst vorgestern operiert worden und gehe morgen schon nach Hause.“ Wenn beim Einschleusen in die OP-Abteilung eine OP-Schwester oder in der Narkoseeinleitung ein Anästhesiepfleger auf Nachfrage vom Patienten erfährt, wer ihn operiert, und dann anmerken: „Bei dem sind Sie in den besten Händen. Ich würde mich auch nur von ihm operieren lassen“, zeugt das davon, dass der Teamgeist stimmt, baut Ängste des Patienten ab und gibt ihm unmittelbar vor der Operation noch eine zusätzliche Portion Vertrauen.

Auch im postoperativen Verlauf ist eine solche Multiplikatorfunktion von Pflegekräften, Physiotherapeut*innen oder Mitpatient*innen äußerst hilfreich. Entscheidend für die Festigung des frischen Vertrauensverhältnisses ist jedoch die Präsenz des Operateurs in der frühen postoperativen Phase. Ein kurzer Besuch im Aufwachraum ist ohnehin Pflicht, selbst wenn sich der Patient wegen der Nachwirkungen der Narkose am nächsten Tag nicht mehr daran erinnert. Auch der nachträgliche Hinweis des Operateurs auf eine erfolgte kurze postoperative Visite im Aufwachraum zeigt dem Patienten, dass sein Operateur sich um ihn gekümmert hat und gibt ihm Vertrauen. Ein bewusst in den späteren Abend gelegter Besuch am Krankenbett am OP-Tag, ein Anruf von Zuhause bei der Nachtschwester mit der Frage nach dem Befinden des Operierten und der Bitte, ihm Grüße auszurichten oder jedes noch so kurze Erscheinen im Patientenzimmer am Wochenende sind enorm wirksame und durchaus erlaubte „Tricks“, die dem Patienten das beruhigende Gefühl geben, dass sein Operateur auf ihn aufpasst.

Die Variabilität menschlicher Charaktere bringt es mit sich, dass nicht jeder Patient mit jedem Arzt gleichermaßen zurechtkommt. Im Umgang mit Patient*innen hat jeder Arzt seinen individuellen Stil. Während man hier die momentane Verfassung des Patienten berücksichtigen und dem seltener mit solchen Situationen Konfrontierten Zugeständnisse machen muss, kann man von einem erfahrenen Arzt professionelles und souveränes Verhalten erwarten. Gleichwohl gibt es auch hier Grenzen, die schwer oder nicht zu überwinden sind, speziell in Krisensituationen. Umso wichtiger ist es, wenn dann auf Helfer*innen im Umfeld des Arztes (Pflegekräfte, medizinisches Assistenzpersonal) oder des Patienten (Angehörige) zurückgegriffen werden kann.

 

 

Vertrauensaufbau in Elektivsituationen

Anders verhält es sich in Elektivsituationen: Hier konzentriert sich der Vertrauensaufbau mehr auf den Arzt, der vom Patienten aufgrund seiner Reputation gezielt ausgewählt worden ist. Das personelle Umfeld des Arztes hat eine geringere Bedeutung. Der Patient geht bereits mit einem Vertrauensvorschuss zu einem Chirurgen, über den er sich in der Regel schon vorab informiert hat und den er für den Richtigen hält, um sein momentanes medizinisch-chirurgisches Problem zu behandeln. Das bereits mitgebrachte Vertrauen kann entstanden sein durch positive Erfahrungen mit diesem Arzt aus dem privaten Umfeld, durch eigene Erfahrungen aus vorherigen Behandlungen oder immer häufiger auch durch Bewertungen in einschlägigen Internetportalen und Printmedien. Bei diesen Informationsquellen wird es jedoch für den medizinischen Laien immer schwieriger, die Übersicht zu behalten, valide von weniger validen Informationen zu unterscheiden und zu erkennen, ob das Angebot für das spezifische Krankheitsbild überhaupt das richtige ist. Die Wenigsten werden sich deshalb ausschließlich auf diesen Informationsweg verlassen, der ohnehin nur geeignet ist, die Entstehung eines Vertrauensverhältnisses anzubahnen. In den meisten Fällen wird sich ein Patient auf der Suche nach dem für ihn optimalen Therapeuten zunächst parallel über alle ihm verfügbaren Kanäle Informationen beschaffen und diese anschließend einschätzen.

Aus welchen Quellen er mehr oder ihm wichtiger erscheinende Empfehlungen bekommt, hängt vom Einzelfall ab. Der am Wohnort sozial gut vernetzte Patient wird auf eine Fülle von positiven und manchmal auch negativen Erfahrungen mit lokalen und regionalen Mediziner*innen und Kliniken zugreifen können und dabei nicht nur Informationen über das Fachwissen und das chirurgische Geschick eines in Betracht kommenden Chirurgen erhalten, sondern auch über seine ethisch-moralische Grundhaltung und seine menschliche Ausstrahlung.

Der lokal noch weniger sozial integrierte und meist auch jüngere Hinzugezogene wird sich eher mithilfe der neuen Medien informieren. Er sucht primär nach einer bestimmten Behandlungsmethode und sekundär den für diese Therapie am besten geeigneten Arzt. Beide Patienten bringen also unterschiedliche Erwartungen und Vorstellungen mit: bei Ersterem überwiegt das Vertrauen darauf, dass der Arzt über den chirurgischen Tellerrand hinausblickt und auch den aus dem Berufsethos erwachsenden moralischen Verpflichtungen authentisch nachkommt. Selbstverständlich legt dieser Patient ebenfalls Wert auf Fachkenntnis und chirurgische Fertigkeit, setzt diese aber angesichts des vorhandenen Grundvertrauens eher als selbstverständlich vorhanden voraus.

Dagegen baut der andere Patient hauptsächlich durch die Überzeugung von höchster fachlicher Kompetenz und chirurgischer Geschicklichkeit Vertrauen auf und ist bei Erfüllung dieser Voraussetzungen sogar bereit, bei seinen sicherlich ebenfalls vorhandenen Erwartungen bezüglich der menschlichen Integrität des Chirurgen Kompromisse einzugehen. Vor allem, wenn ein technisch anspruchsvoller und nur von wenigen Spezialisten souverän beherrschter Eingriff ansteht, verbunden mit der Erwartung, dass dann das chirurgische Krankheitsbild geheilt ist, keine weiteren Eingriffe anstehen und ein temporäres Arzt-Patient-Verhältnis nach erfolgreichem Verlauf beendet werden kann, werden bisweilen menschliche Schwächen eines Operateurs akzeptiert.

Chirurgen, die auf der einen Seite absolute Meister ihres Fachs sind und auf der anderen Seite große Defizite sowohl in der Patienten- als auch der Personalführung offenbaren, sind glücklicherweise ausgestorben. Allein aufgrund ihrer fachlichen Souveränität sind sie heute nicht mehr haltbar. Bei sich verschärfendem Fachkräftemangel ist eine langfristige Bindung qualifizierter Mitarbeiter unter den Vorzeichen eines schlechten Betriebsklimas nicht zu erreichen, wird durch Bewertungsportale und soziale Medien schnell publik und hält zunehmend für solche Fragen sensibilisierte Patienten davon ab, dahingehend negativ bewerteten Ärztinnen und Ärzten sowie Einrichtungen Vertrauen zu schenken.

Unabhängig von der Frage, wie genau das anfängliche Vertrauen entstanden ist, das den Patienten veranlasst hat, sich einem bestimmten Chirurgen anzuvertrauen, gilt es für diesen zunächst, das mitgebrachte Anfangsvertrauen zu rechtfertigen, also dem Patienten möglichst früh das Gefühl zu vermitteln, dass er genau die richtige Wahl getroffen hat – oder eben auch nicht. Denn es ist ein Zeichen von menschlicher Größe, auch offen zugeben zu können, wenn man sich mit der Behandlung eines bestimmten Krankheitsbildes nicht so gut auskennt, wie der Patient es erwartet, oder wenn man mit einer bestimmten, vom Patienten gezielt angesprochenen neuen Operationstechnik noch nicht vertraut beziehungsweise nicht davon überzeugt ist.

 

Vertrauen durch Weg-Empfehlen

Die Weiterempfehlung an einen Kollegen, den man in dem speziellen Fall selbst für kompetenter oder in der Durchführung der angefragten Operationsmethode für erfahrener hält, wird dann zwar in der Regel bedeuten, dass man den Patienten erst einmal verliert. Dennoch führt ein solches Verhalten dazu, dass Vertrauen entsteht. Der Arzt zieht daraus zwar keinen unmittelbaren und direkten Nutzen, indirekt aber einen doppelten und womöglich auch nachhaltigeren: Der Patient hat zu Recht das Gefühl, dass der Arzt uneigennützig seinem (des Patienten) Wohlergehen die höhere Priorität eingeräumt hat und wird ihn womöglich später in einer anderen Situation erneut primär um Rat fragen.

Der Kollege, dem der Patient zugewiesen worden ist, wird den Vertrauensbeweis des Zuweisers begrüßen und sich später in einer umgekehrten Situation genau so verhalten. Ähnlich verhält es sich, wenn ein Chirurg seinem Patienten ausdrücklich empfiehlt, sich zur Einholung einer Zweitmeinung bei einem anderen Operateur vorzustellen, sei es, dass er bei einem komplexen Krankheitsbild zwar ein klares Therapiekonzept hat und sich selbst auch für kompetent hält, die Therapie durchzuführen, oder sei es dass er sich selbst nicht ganz sicher ist, ob der dem Patienten das Richtige vorgeschlagen hat. Er bricht sich damit jedenfalls „keinen Zacken aus der Krone“, sondern bewirkt eher einen Zuwachs an Vertrauen, vor allem, wenn er damit dem Patienten einen Wunsch aus den Augen liest, den dieser von sich aus womöglich nicht auszusprechen gewagt hätte.

 

Vertrauen durch Anerkennen von eigenen Grenzen

Generell begrüßen es Patienten, wenn Ärztinnen und Ärzte, insbesondere Chirurg*innen eigene Defizite offen kommunizieren. Dieses Verhalten vermittelt Authentizität und Souveränität und signalisiert, dass der Arzt seine eigenen Grenzen kennt, sich auf das konzentriert, was er wirklich sicher beherrscht, und dass er auf diesem Feld umso kompetenter ist. Gleiches gilt für das Zugeben von Fehlern. Wer das nicht kann und sich folglich für unfehlbar hält, erzeugt nur das Gegenteil von Vertrauen, nämlich Misstrauen. Der souveräne Chirurg hat es auch nicht nötig, seine eigenen Kenntnisse und Fertigkeiten im Vergleich zu Mitbewerbern hervorzuheben oder diese gar zu kritisieren. Denn gleich ob eine kritische Einstellung gegenüber dem Kollegen gerechtfertigt erscheinen mag oder nicht: Ein zurückhaltender und respektvoller Umgang mit dieser Thematik verstärkt nur den Eindruck von Seriosität. Nicht selten erwarten Patient*innen sogar durch direkte oder indirekte Fragen, dass sich der Arzt kritisch über einen Vorbehandler äußert. Wenn der Befragte sich dann vornehm zurückhält, nützt er seinem eigenen Image letztlich mehr, als wenn er sich zu einer Zustimmung hinreißen lässt.

 

Pflege und Festigung von Vertrauen

Das mit der Einwilligung in eine Operation ausgesprochene Vertrauen muss der Chirurg im weiteren Verlauf rechtfertigen und festigen. Das bedeutet zuallererst, dass er eine Operation auch persönlich durchführt, wenn er es dem Patienten versprochen hat. Auch Nicht-Wahlleistungspatient*innen haben ein Recht zu wissen, wer sie operiert. Vertrauen, das während einer ausführlichen Erklärung des Krankheitsbildes und der geplanten Operation bei einem Sprechstundentermin entstanden ist, lässt sich am besten nutzen und ausbauen, wenn der Patient denselben Arzt, der ihn in der Sprechstunde beraten hat, auch im Operationsaal wieder trifft.

Dies ist in größeren Kliniken nicht immer möglich. Es ist dann unabdingbar, dass sich der Operateur rechtzeitig vor der Operation mit Angabe seiner Funktion und Qualifikation persönlich bei dem Patienten vorstellt und zu erkennen gibt, dass er sich über das Ergebnis der Vorstellung in der Indikationssprechstunde informiert hat und es vollumfänglich nachvollzieht, dass er sich buchstäblich „in den Fall hineingearbeitet“ hat.

Auch wenn die Operation noch so gut verlaufen ist: Kaum etwas ist für einen frisch operierten Patienten enttäuschender, als dass sich postoperativ ein Operateur bei ihm vorstellt, den er noch nie gesehen hat. Umgekehrt ist es für den Patienten beruhigend und äußerst vertrauensfördernd, wenn er seinen Operateur möglichst früh nach dem Eingriff sieht und sich aus erster Hand kurz bestätigen lassen kann, dass alles gut verlaufen ist. Mehr ist in der Erschöpfung und Narkosenachwirkung im Aufwachraum ohnehin nicht vermittelbar. Viele Patienten können sich an kaum mehr erinnern, als dass ihr Arzt ihnen nach der Operation einen freundlichen Blick zugeworfen hat, aber eben das ist unabdingbar, entspannt den Patienten und gibt dem Chirurgen einen Impuls, den er zur empathischen und erfüllten Ausübung seines Berufs immer wieder braucht.

 

Vertrauen durch frühes Informieren

Zumindest nach größeren Eingriffen, nach Operationen von Kindern oder von Risikopatienten sollten Ehepartner*innen, Eltern, Kinder noch aus dem Operationssaal kurz telefonisch über den Verlauf der Operation informiert werden. Dadurch schöpfen primär die Angehörigen Vertrauen und geben dieses später an den Patienten weiter.
Ist der Patient nach der Operation wieder voll aufnahmefähig und möglichst auch schmerzfrei, erwartet er zu Recht und meist auch mit Spannung die baldige erste Visite seines Operateurs, um sich den Verlauf und das Ergebnis der Operation ausführlich erklären und im geeigneten Fall auch anhand von Röntgen- oder CT-Aufnahmen demonstrieren zu lassen. Jede unnötige Stunde der Ungewissheit kann quälende Angst hervorrufen und zuvor mühevoll aufgebautes Vertrauen leichtfertig verspielen. Dies gilt ganz besonders für Operationen bei bösartigen Grunderkrankungen.

Fatal wäre auch die ausbleibende postoperative Visite an einem Freitagnachmittag, was im Klinikbetrieb zur Folge haben kann, dass der Patient erst am Montag erfährt, wie die Operation verlaufen ist. Selbst nach einem kleineren Routineeingriff, wie der Entfernung von Metallimplantaten, bedeutet es beispielsweise für viele Patient*innen enorm viel, zu wissen, dass kein Fremdmaterial verblieben ist. Ist der Operateur verhindert, dieser Pflicht nachzukommen, hat er wenigstens für eine gut informierte Vertretung zu sorgen.

Ebenso selbstverständlich und für das Vertrauensverhältnis essenziell ist die weitere Betreuung, unter stationären wie ambulanten Bedingungen, durch den Operateur persönlich oder durch einen weiterbehandelnden Arzt, wobei dieser umfassend und rechtzeitig informiert sein muss, durch einen Arztbrief, durch Übermittlung von Bildbefunden und in (zeit-)kritischen Situationen auch telefonisch.
Das Risiko einer Komplikation nach einem chirurgischen Eingriff lässt sich auch durch sorgfältigstes Vorgehen nicht komplett ausschließen. In der Regel bedeutet dies dann auch, dass eine Revisionsoperation notwendig wird. Um eine sich anbahnende Komplikation frühzeitig erkennen und damit auch möglichst erfolgreich behandeln zu können, sind regelmäßige Wund- und Laborkontrollen, in kritischen Situationen sogar mehrmals täglich und, wenn eben möglich, durch den Operateur persönlich angezeigt.

 

Vertrauen durch Mitteilen von Problemen und Komplikationen

Dabei sollten kritische Befunde offen mit dem Patienten besprochen werden. Selbst wenn der Chirurg davon überzeugt ist, die fragliche Komplikation allein erkennen, bewerten und behandeln zu können, wird es gerade von einem durch den unerwarteten Verlauf verunsicherten Patienten als beruhigend und vertrauenssichernd empfunden, wenn der Arzt einen mindestens ebenso erfahrenen Kollegen zur Mitbeurteilung hinzuzieht. Ein so betreuter Patient wird auch bei einer notwendig werdenden Revisionsoperation nicht gleich das Vertrauen verlieren und sich weiterhin gut aufgehoben fühlen. Entscheidend ist, dass Probleme offen und ehrlich kommuniziert werden und der Patient die Gewissheit behält, dass sein Operateur da ist und sich um ihn kümmert.

Macht sich dagegen der Chirurg bei einem unerwartet negativen Verlauf rar, weil er unangenehmen Fragen und Blicken des Patienten aus dem Weg gehen will, verspielt er das in ihn gesetzte Vertrauen schnell, löst Angst und Misstrauen aus und bahnt damit den Weg zu einem Behandlungsfehlervorwurf.

 

Treue des Patienten zum Arzt

Hat sich der Arzt in einer kritischen Situation erst einmal bewährt, weiß der Patient umso besser, dass er sich auf ihn verlassen kann und gibt ihm einen Vertrauensvorschuss, der die Basis einer langfristigen treuen und vertrauensvollen Beziehung sein kann. Deren Vorteile sind offensichtlich: Der Arzt kennt seinen langjährigen Patienten so gut, dass er sich bei einem neuen Erkrankungsfall nur über die akuten Beschwerden und Symptome informieren muss und dem Patienten in der Regel schneller helfen kann als ein mit der medizinischen und sozialen Anamnese nicht vertrauter Arzt. Jedes weitere positive Erlebnis wird die Bindung festigen und das Vertrauensverhältnis weiter stärken.

 

Niedrigere Sterblichkeitsquote durch langjährige Arzt-Patienten-Bindung

Einer jüngeren systematischen Auswertung von 22 Studien zufolge kann Kontinuität in der ärztlichen Betreuung sogar die Mortalitätsrate der Patienten senken (Pereira, Sideaway-Lee, White, Thorne & Evans, 2018), was die Presse zu dem Titel bewog: „Wer seinem Arzt treu bleibt, lebt länger“ (Bartens, 2018). Der lebensverlängernde Effekt soll nicht nur für das Verhältnis eines Patienten zu seinem Hausarzt gelten, sondern auch im Verhältnis zu Fachärztinnen und -ärzten wie unter anderem Chirurg*innen (Justiniano, Xu, Becerra, Aquina, Boodry, Swanger … & Fleming, 2017).

 

Dankbarkeit ist im Nachhinein ausgedrücktes Vertrauen

Dieser Dankeskarte (Abb. 19-1) lag ein Kugelschreiber bei, den ein Arzt auch unter den heutigen Compliance-Richtlinien guten Gewissens als Geschenk annehmen darf. Jedes zusätzliche Wort, jedes wertvollere Geschenk hätte der bewegenden Schlichtheit dieser Geste geschadet. Karte und Schreibgerät werden vom Empfänger auch nach über 20 Jahren noch treu gehütet.

Einem Spezialisten wie einem Chirurgen auch über große räumliche Distanz die Treue zu halten, ist in Elektivsituationen machbar und häufig sinnvoll. Auf der Grundlage eines etablierten Vertrauensverhältnisses lassen sich auf aktuellen Kommunikationswegen viele Fragen ohne Zeitverlust aus der Ferne klären, Befunde übermitteln und ein Vorstellungs- beziehungsweise Operationstermin gezielt planen. Dagegen wird man für die Grundversorgung seinen Hausarzt unter Umständen schon nach einem Umzug innerhalb einer Großstadt wechseln.

 

Die Treue der Fußballer

Extrembeispiele für langjährige Treue zu ihrem Chirurgen beziehungsweise Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sind Profi-Fußballer, die im Laufe ihrer Karriere häufig den Verein und damit auch den Wohnort wechseln und bei einer Verletzung oder einem orthopädischen Problem keinen Aufwand scheuen, einen weit entfernten Arzt, der sie schon früher erfolgreich behandelt hat, aufzusuchen und sich nur von ihm operieren zu lassen. Im Vordergrund steht dabei heute zwar der unbedingte Wunsch nach einem frühzeitigen return to competition. Gleichwohl bedingen gerade die dadurch notwendige schnelle Entscheidung zu einer Operation und die Wahl eines Operateurs blindes, also besonders großes Vertrauen. Auch nach Beendigung ihrer aktiven Laufbahn halten viele Sportler ihrem möglicherweise weit entfernt tätigen „Doc“ noch die Treue.

 

Treue des Chirurgen

Unter der Treue eines Chirurgen kann man nicht nur die eingangs beschriebene ethische Grundhaltung verstehen, sondern auch die Treue zu seinem Wirkungskreis, zu seinem beruflichen lokalen Umfeld, seinen Mitarbeiter*innen, Kolleginnen und Kollegen, gegebenenfalls seinem Arbeitgeber. Die Standorttreue ermöglicht den Aufbau und die Pflege kollegialer Teamstrukturen, die für den Ruf hoher fachlicher Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit genauso wichtig sind wie die Einzelleistung. Eine einzelne Arzt-Patient-Beziehung kann auch über größere Entfernung gepflegt werden, die Erarbeitung eines guten Rufs ist jedoch an Weiterempfehlungen in der lokalen Umgebung und kontinuierliche Qualität gebunden. Ein regelmäßiges positives Feedback bewirkt eine höhere berufliche Zufriedenheit, die wiederum zusätzliche positive Impulse für die soziale Kompetenz des Arztes gibt.

Diese Gesichtspunkte werden vor dem Hintergrund einer zunehmenden Ökonomisierung des Gesundheitswesens und dem zu beobachtenden schleichenden Ethikverlust leider mehr und mehr außer Acht gelassen, was einer Reduktion der Chirurgie auf ein reines Handwerk gleichkommt (Maio, 2019). Für viele Krankenhausgeschäftsführungen zählen nur kurzfristige Entwicklungen von Leistungszahlen, was häufige Neubesetzungen von leitenden Positionen zur Folge hat. Auf der anderen Seite schielen auch immer mehr ehrgeizige Fachärzte und -ärztinnen nach Karrieresprüngen und nehmen dabei wiederholte Ortswechsel in Kauf, die dem Aufbau eines treuen Patientenklientels im Weg stehen und zudem häufig auch das familiäre Umfeld belasten.

Die 40-jährige Tätigkeit des Autors in demselben Ort und auch überwiegend an einer Klinik erscheint rückblickend zwar als Folge richtiger Entscheidungen und hat zur Entstehung vieler treuer Verhältnisse zwischen einem Chirurgen und seinen Patienten geführt, muss aber als glückliche Ausnahme angesehen werden. In der heutigen Zeit ist ein solcher beruflicher Weg ohnehin kaum noch realisierbar. Die zweifellos damit verbundenen positiven Effekte sollten junge Ärztinnen und Ärzte bei ihrer Karriereplanung jedoch durchaus berücksichtigen.

 

Ein besonderer Patient

Komplexe Situationen stellen vor allem für Berufsanfänger schwierige Herausforderungen dar und können einen jungen Arzt nachhaltig prägen. Genau dies konnte der Co-Autor gleich zu Beginn seines Berufslebens erfahren. Ein 70-jähriger Patient stellte sich in der Unfallchirurgie mit einer bereits vordiagnostizierten Beckenfraktur vor. Die erweiterte Diagnostik ergab ein ossär metastasiertes Blasenkarzinom, sodass sich die Situation für Patient und Arzt schlagartig änderte.
Es erschien dem jungen Arzt extrem wichtig, zunächst den Kenntnisstand des Patienten zu evaluieren, mit einem ausführlichen und aufklärenden Gespräch daran anzuknüpfen und angesichts der nur noch palliativ zu therapierenden Erkrankung vorrangig menschlich zu handeln.

Der erste Eindruck ist für den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses häufig entscheidend und in dieser Situation zählte weniger eine langjährige Berufserfahrung als der fürsorgliche und empathische Umgang. Für den Patienten waren die Betreuung und die gebündelte therapeutische Führung durch ein festes Team sehr wichtig. Viel Fachkompetenz, deutlich über die chirurgischen Möglichkeiten hinaus, war erforderlich, sodass ein interdisziplinäres Team aufgestellt wurde. Der Patient hatte allerdings schon großes Vertrauen zu dem initialen Behandler aufgebaut und wollte ausdrücklich unter dessen übergeordneter Betreuung und Beratung weiterbehandelt werden.

Auch einem Berufsanfänger ist es möglich, in einer anspruchsvollen und kritischen Situation ein enges Vertrauensverhältnis aufzubauen. Dadurch ist sowohl eine professionelle medizinisch-fachliche Versorgung als auch durch eine enge menschliche, mittlerweile freundschaftliche Bindung eine individuelle gesamtheitliche Betreuung gewährleistet.

Literatur
Agha, Z., Schapira, R. M., Laud, P. W., McNutt, G. & Roter, D. L. (2009). Patient satisfaction with physician-patient communication during telemedicine. Telemedicine Journal and e-Health, 15, 830–839.
Armstrong, J. & Holland, J. (2004). Surviving the stresses of clinical oncology by improving communication. Oncology, 18(3), 363–368.
Bartens, W. (2018). Wer seinem Arzt treu bleibt, lebt länger. Zugriff am 20.01.2020 unter: https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/medizin-bonus-fuers-bleiben-1.4049190
berufung.de. (2019). Weitere Materialien. Postkarte Chirurg. Zugriff am 22.01.2020 unter: http://www.berufung-aachen.de/shop/postkarte-chirurg/
Boissy, A., Windover, A. K., Bokar, D., Karafa, M., Neuendorf, K., Frankel, R. M. … & Rothberg, M. B. (2016). Communication skills training for physicians improves patient satisfaction. Journal of General Internal Medicine, 31(7), 755–761.
Bundesärztekammer. (2020). Berufsrecht. Zugriff am 22.01.2020 unter: https://www.bundesaerztekammer.de/recht/berufsrecht/
Bundesärztekammer. (o. J.). Deklaration von Genf. Zugriff am 22.01.2020 unter: https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/International/Deklaration_von_Genf_DE_2017.pdf
Deutsche Gesellschaft für Care und Case Management/dgcc. (2017). Weiterbildungs-Standards. Zugriff am 20.01.2020 unter: https://www.dgcc.de/cm-ausbildung/standards/weiterbildungs-standards/
Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland. (2017). Berufsprestige 2013–2016. Zugriff am 20.01.2020 unter: https://fowid.de/meldung/berufsprestige-2013-2016-node3302
Gordon, G. H., Baker, L. & Levinson, W. (1995). Physician-Patient Communication in Managed Care. The Western Journal of Medicine, 163(6), 527–531.
Hibbeler, B. (2011). Was ist ein „guter Arzt“? Deutsches Ärzteblatt, 108, Heft 51–52, A 2758.
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