Buchauszug Rüdiger Esch, Mitbegründer von Die Krupps sowie Ex-CEO und Gründer des Internet-Unternehmens Epag „Electri_city. Elektronische_Musik_aus_Düsseldorf“
Bernd Cailloux Ende der Sechziger Jahre war die Altstadt in Düsseldorf etwas ganz Besonderes, ein bisschen wie Saint-Germain, Paris: studentisch, bohemistisch, künstlerisch. Es ging um Modernismus, Jazz und Literatur. Es war das Übergangsstadium von Existentialismus und Beatnik-Einflüssen, zu Pop und früher Psychedelik. Aus dieser Blase, aus den Hunderten, die da rumgemacht haben, sind dann nachher eben diese zehn, zwölf Stars, teils Weltstars rausgekommen.
Eberhard Kranemann Für mich war Düsseldorf um 1967 vor allem eine Jetset- und Modestadt. Das war mir und den anderen Studenten zu schick, deshalb haben wir diese Antisachen gemacht. Dreck abladen gegen diesen Jetset, gegen dieses Schickimicki-Getue und gegen die Königsallee, wo alles sauber war – das hassten wir.
Bernd Cailloux Die relativ liberale Atmosphäre in Düsseldorf war sicher die Bedingung dafür, dass dort auf Befehl höherer Wesen, wie Sigmar Polke immer sagte – plötzlich so ein kleiner Atompilz an Innovationen aufsteigen konnte: die Künstlergruppe Zero, Wolf Vostell mit den ersten Fernsehern in einem Kunstwerk, Beuys und diese ganzen heute teuersten deutschen Weltmarktkünstler wie Richter und Polke, dann Kraftwerk und alles, was da dranhängt, bis zum Punk; sogar die erste deutsche Freejazz-Combo, von Gunter Hampel, ist in Düsseldorf gegründet worden. Dass diese Leute sich da plötzlich alle fanden – und hinter den zehn stehen ja immer nochmal zehn, und irgendwann sind’s dann auch mal ein paar Hundert – das führt dazu, dass du dir als junger Typ denkst: Diese Stadt ist toll!
Eberhard Kranemann Mein erstes Projekt nannte sich Piss Off, das war 1967. Ich suchte und fand Gleichgesinnte an der Düsseldorfer Kunstakademie, wo wir alle studierten. Ich studierte Malerei bei Professor Rupprecht Geiger, die anderen kamen aus der Klasse von Joseph Beuys, Bildhauerei. In der Akademie haben wir dann auch zusammen geprobt, wenn man das so nennen will, und das hat Beuys gehört. Er war ja zu der Zeit Professor an der Kunstakademie. Der fand das wohl unheimlich gut und hat gefragt, ob wir nicht mit ihm zusammen eine Performance machen könnten. Haben wir gemacht, 1967 im Creamcheese. Das Creamcheese war damals die Insiderkneipe, ein ganz heißer Schuppen in der Altstadt, natürlich auch ein richtiges Drogenloch – alles lief da ab.
Rüdiger Esch: „Electri_city. Elektronische_Musik_aus_Düsseldorf“. 459 Seiten, 14,99 Euro, Suhrkamp Verlag. https://www.suhrkamp.de/ruediger-esch/electri_city_1244.html#.VEix04t2pK0.facebook
Bernd Cailloux Das Besondere an Düsseldorf war, dass die Kunst hier zur Alltagsstimmung gehörte, kein isoliertes Event, sondern immer da war. Das war natürlich toll, aufregend und anregend, ein absolutes Glück. Die Hamburger Kunstszene, war dagegen eher eine Sektierergruppe, nicht so in die Stadt integriert. Da saßen zwar auch überall Werbeärsche mit dabei, aber es gab keine Symbiosen. Die ernst zu nehmende Kunst und die Subkultur wurden von den Hamburger Altpatriziern allenfalls belächelt, wogegen das Düsseldorfer Bürgertum sehr viel aufgeschlossener war. Die standen in der Galerie Schmela, wenn Beuys da mit seinem Kojoten zugange war. Selbst bis ins Creamcheese drangen manche vor.
Eberhard Kranemann Ich war schon1965 nach Düsseldorf gegangen, um an der Kunstakademie zu studieren. Das Geld zum Studium hatte ich mir als Orchestermusiker verdient; am Düsseldorfer Schauspielhaus unter der Leitung von Karl-Heinz Stroux. Die Nächte habe ich in diversen Jazzclubs verbracht, unter anderem mit dem Holger Clausen Trio. Irgendwann um 1966/67 begann ich mit anderen Instrumenten, mit Klängen, Geräuschen und Repetitionen zu experimentieren. Es waren merkwürdige Klänge, die man sonst in der Musik nicht hörte. Das faszinierte mich. Klangexperimente. Und was Experimente anging, war ich in Düsseldorf zu dieser Zeit nicht alleine.
Bernd Cailloux Beuys war der Mutigste von allen, der hat einfach gesagt: »Wir machen alles! Und wir nehmen uns auch alles! Wir nehmen gleich die ganze Akademie. Und den Rest noch mit dazu, was sollʼs? Wer denn sonst?« Wie dann ja auch später mit der Parole »Jeder Mensch ist ein Künstler!«
Wolfgang Seidel Beuys hatte bei seinen Performances viel mit Musik gemacht, auch mit Conrad Schnitzler, einem weiteren Elektronikpionier, der seine Ursprünge in Düsseldorf hatte. Für ihn war es von der Bildhauerei in der Beuys-Meisterklasse aus gar kein so großer Schritt zu sagen: »Ich kann auch als Nichtmusiker Musik machen! Skulpturen und Performances aus Klängen.« Wie Peter Brötzmann, der Assistent bei Nam June Paik war, bevor er ohne Rücksicht auf traditionelle Regeln Saxophon zu spielen begann. Der Fluxus-Ansatz war in dieser Hinsicht äußerst produktiv, denn von diesem Muckerzwang zum Spielenkönnenmüssen war man immer völlig frei.
Bernd Cailloux Es gab da dieses rheinische Laisser-faire, diese grundsätzliche Liberalität, die vielleicht bis zu Heine zurückgeht; auch eine gewisse Offenheit für das Verrückte, was sich natürlich erstmal in der Mode zeigte, auf der Kö, dieses Extravagante, mehr oder weniger schick. Da wurde einfach niemand böse. Es gab auch kaum Ärger mit irgendwelchen Spießern, egal wie abgefahren man da rumlief. Nicht so wie in Berlin, wo man noch Jahre später wegen seiner Matte auf der Straße spontan von Blockwartprolls angepöbelt und, wenn man nicht schnell genug war, ohne weiteres auch vermöbelt werden konnte. Solchen Brass habe ich in Düsseldorf nie erlebt. 10
Eberhard Kranemann Piss Off war echte Antimusik. Aber das war damals Revolution. Das waren die berühmten 68er, als Studentenrevolution angesagt war. Street Fighting Man und so. Die anderen sind auf die Straße gegangen und haben Steine geschmissen, wir haben unsere Antihaltung zur Gesellschaft durch eine andere Art, Musik zu machen, manifestiert. In der Zeit drückte sich immer häufiger ein junger Bursche in den dunklen Ecken herum und guckte und hörte, was wir da machten. Der schien das ganz interessant zu finden. Er hieß Florian Schneider-Esleben, ging noch zur Schule und hatte eine Querflöte.
Bernd Cailloux Unsere »Beuys Boys« Stefan Runge und Christof Kohlhöfer haben dann mit Kranemann Piss Off gegründet – die meiner Meinung nach aber höchstens dreimal gespielt haben können, denn die konnten ja überhaupt nichts. Zur Eröffnung unseres Ateliers in Hamburg hatten wir sie blöderweise als Band gebucht, die reine Katastrophe. Es war zwar irre laut und hat aus allen Verstärkern gescheppert, auch wurde ordentlich geschrien – aber das Publikum war leider absolut pissed off.
Eberhard Kranemann Beuys selbst hatte Cello und Klavier spielen gelernt. Noch als Student besuchte er den Bachverein und blätterte für die Cellisten die Noten um. Er tat immer genau das, was keiner von ihm erwartete. Er liebte die fürstliche Attitüde und sprach vom Stolz des Bildhauers, aber er erfreute er sich daran, aus geschliffenen Kristallgläsern einfaches Leitungswasserzu trinken.
Wolfgang Seidel Damals legte man im Underground Wert darauf, nicht als Subkultur bezeichnet zu werden, sondern als Gegenkultur – was ja nicht das Gleiche ist.
Bernd Cailloux Florian Schneider-Esleben und Ralf Hütter waren damals schon durchaus überall dabei, aber nicht im Vordergrund, auch nie besonders freakig. Hütter hatte zwar lange Haare, aber ein Kassengestell als Hornbrille, und Florian Schneider sah so aus wie immer, Modell friedlich-netter Sohn. Keineswegs ein Roboter. Wenn seine Architekteneltern weg waren, stiegen in deren Villa schöne Partys, mit Beatband und allem drum und dran.
Eberhard Kranemann Mensch, wir haben früher alle zusammen Joints geraucht oder bei Florians Vater nackend im Schwimmpool gesessen. Joints, LSD, alles rein und dann dem Vater den Sektkeller leergesoffen – das war toll! Richtig schöne Partys!
Wolfgang Seidel Wenn man sich anschaut, was in welchen Regionen Nachkriegsdeutschlands musikalisch entstanden ist, wird einem schnell klar, dass es viel mit den jeweiligen Besatzungszonen zu tun hat. Es ließe sich eine Landkarte des frühen Krautrock erstellen auf der man genau sehen würde, welche Band in welcher Besatzungszone großgeworden ist und mit welchem Radioprogramm sozialisiert wurde. Ich wüsste keine einzige Band, die aus einer Gegend gekommen wäre, in der es es nicht entweder AFN oder BFBS gab, wobei AFN eher vom Swing kam und dann auf moderneren Jazz umschwenkte, während BFBS, den man im Rheinland hörte, später die Plattform für die British Invasion wurde. Wo dagegen die Franzosen sendeten, kam kein Rock raus, sondern Chanson, und Franz-Josef Degenhardt.
Eberhard Kranemann Paul Schneider-Esleben war ein ganz berühmter Architekt. Er hatte das Mannesmanngebäude am Rhein gebaut, und gerade den Auftrag zum Ausbau des Köln-Bonner Flughafens bekommen.Er war einer der führenden Architekten Deutschlands und richtig gut im Geschäft. Das war eine richtige First-Class-Familie.
Bernd Cailloux Joseph Beuys und Charles Wilp sind, auch wenn sie sich zwischendurch beschnüffelt haben sollen, im Grunde doch die beiden Antipoden, die das Spektrum und Spannungsfeld der Düsseldorfer Kultur definieren: einerseits die Kunst und andererseits der Kommerz – wobei die Kunstseite für uns Underground-Freaks natürlich wichtiger war. Aber es gab auch immer diese weit geöffneten Übergänge zum Schwachsinn, dieses Schickimicki-Element, das war und ist in Düsseldorf stets überall präsent.
Bodo Staiger Manchmal bin ich verwundert, was in Düsseldorf alles seinen Ursprung haben soll. Das hat damals glaub ich niemand absehen können. In den frühen sechziger Jahren war Düsseldorf in punkto Rock und Pop eher Provinz, da gab es nichts Eigenständiges, nur eine Coverbandszene. Ich bin damals mit meinen Kollegen oft nach Holland oder England gefahren, um die Originale zu hören, und meistens sind wir ganz klein mit Hut wieder zurückgekommen und haben gedacht: Oh Mann, was sind wir schlecht.
Wolfgang Seidel Neben der regionalen Unterscheidung nach Besatzungszonen spielt beim Krautrock auch das Geburtsdatum der Akteure eine Rolle. Es verläuft eine klare Linie zwischen denen, die Krieg und Nachkrieg noch bewusst erlebt haben. Ralf Hütter, Florian Schneider-Esleben, Wolfgang Flür von Kraftwerk, Klaus und Thomas Dinger von Neu! beziehungsweise La Düsseldorf, oder Michael Rother; sind alle nach dem Krieg geboren und haben, so wie ich, nie nicht gewusst, wann es das nächste Mal etwas zu essen gibt.
Bodo Staiger Für mich und viele andere meiner Generation waren die ersten musikalischen Idole natürlich die Beatles und die Stones, Tamla-Motown, und was 66/67 sonst so alles angerauscht kam: The Who, The Small Faces, die Yardbirds. Wir haben stundenlang vor dem Radio gehangen und uns das angehört. Die Beatzeit war unsere erste richtig coole Musikzeit. Was für ein Glück, genau in dieser Zeit groß zu werden! Die kulturelle Revolution, die da im Gange war. Früher sagte der Chef noch: »Du, die Haare wachsen schon über den Kragen! Zeit für einen Friseurbesuch!« Und dann kamen plötzlich diese Typen mit den Wahnsinnsmatten.
Wolfgang Seidel Auch das WDR-Studio für Elektronik wäre ohne den Einfluss der britischen Besatzungsmacht nicht vorstellbar gewesen. Die kümmerten sich um den Aufbau des Rundfunks, nach dem Vorbild der BBC, und rekrutierten Unbelastete wie Herbert Eimert, die mit Senderaufträgen und gegen das immer noch tiefbraune Personal an den Musikhochschulen die Neue Musik förderten. Als dann Leute wie Stockhausen und Bernd Alois Zimmermann zu Professuren kamen, strahlte das aus bis in die Rockmusik. Mit Pop hatte Stockhausen nichts am Hut, egal wie stark er heute selbst verpoppt wird. Es gibt bitterböse Abkanzelungen über den Pop als schwachsinnigen Neoprimitivismus, für den war das fast die neue Hitlerjugend.
Bodo Staiger Um 1960 herum habe ich angefangen, Gitarre zu spielen, da war ich zehn. Und über all die Jahre gab es hier eine ganz schöne Clubkultur, wo Bands spielen konnten. Erst war ich bei den Pfadfindern und habe Songs am Lagerfeuer mit Gitarre begleitet, dann ging es zum Beispiel in den Liverpool Club, wo Klein-Bodo immer mit gefälschtem Schülerausweis rein ist. Hier hat jede Woche eine andere englische Band gespielt. Da stand ich mit großen Augen und hab mir alles abgeguckt. Das waren tolle Zeiten. Du konntest morgens Paint It Black im BFBS hören, abends hast du die englische Cover-Band den Song schon live spielen sehen.
Wolfgang Flür Wir machten es uns zum samstäglichen Ritual, nachmittags um vier Uhr gemeinsam die britische Top Twenty Hitparade bei 1604 Megaherz auf dem Mittelwellenband von Radio Luxemburg, unserem absoluten Lieblingssender, zu hören.
Eberhard Kranemann Ich wurde am 7. März 1945 in Wismar geboren, bin in Dortmund aufgewachsen, habe da das Abitur gemacht, am Konservatorium klassischen Kontrabaßunterricht erhalten. Ich habe klassische Orchestermusik gespielt von Telemann, Bach, Mozart und Händel, jedoch auch in verschiedenen Jazz-Gruppen mitgemacht.
Hans Lampe Ich komme aus Hamburg, und vielleicht gehörten deshalb schon ganz früh die Beatles zu meinen Einflüssen. Ich bin immer in den Plattenladen gerannt und hab mir jede neue Beatles-Single reingezogen. Geld hatte man damals nicht, um sie sich zu kaufen. Also hat man sie eben zehnmal im Plattenladen gehört und konnte sie auswendig.
Wolfgang Flür Als ich nach Düsseldorf gezogen bin, hatte ich das Glück, eine Englischlehrerin zu haben, die uns Beatles-Platten mitgebracht hat, damit wir besser Englisch lernten. Love, Love Me Do, die erste Single der Fab Four, ließ sie auf einem Plattenspieler laufen, und wir mussten aufschreiben, was wir verstanden haben. Das fanden wir natürlich albern, denn verstanden haben wir sowieso nur »lieb mich, lieb mich, tu es«, aber wir fanden diese Musik so geil.
Hans Lampe Conny Plank kam ursprünglich aus der Pfalz, wo nach dem Krieg noch einige Zeit die GI’s stationiert waren. Deswegen hat man dort auch amerikanische Sender empfangen. Und so ist Conny an die schwarze Musik geraten, die Geschichte hat er mir mal erzählt: Er ist oft per Anhalter gefahren und einmal hat ihn ein GI in einem schweren Mercedes mitgenommen. Da hat er zum ersten Mal Ray Charles’ What’d I Say gehört, das lief wohl grade im Autoradio. Er war sofort total fasziniert. Das war ein ganz wichtiger Impuls für ihn. Von da an hat er sich alles von Blues bis Soul draufgeschafft, was er finden konnte.
Wolfgang Flür Ein Klassenkamerad und ich hatten schon so eine kleine Skiffle-Band mit Waschbrett, Mundharmonika, Rumbakugeln und einer Klampfe. The Bellos hatten wir uns damals genannt, das fanden wir griffig. Auch die Beatles waren in ihrem Ursprung ja aus einer Skiffle-Band heraus entstanden.
Hans Lampe Gegen die Beatles, vor allem Sgt. Pepper , kam eigentlich nichts an. Man hat mal Kinks oder Stones gehört, doch das war nichts gegen die Beatles, das waren die Heiligen.
Bernd Cailloux Die Musik kippte Mitte der Sechziger um, vom früheren Rock und Beat zum Psychedelic Rock, mehr Pink Floyd als Beatles. Wichtig für den relativ unbeschwerten Psychedelic-Aufbruch in Düsseldorf war, dass man da, vielleicht infolge des rheinischen Schlendrians und des Reichtums, bei weitem nicht so politisch, sprich: SDS-orthodox auf Linie war beziehungsweise sein musste wie in Frankfurt, Hamburg oder Berlin. In Düsseldorf gab es kaum Dogmatiker, die einem dauernd erklärten, wie die Weltrevolution zu laufen hat und was alles konterrevolutionär ist.
Hans Lampe Klaus Dinger hat, abgesehen von seiner grossen Vorliebe für Velvet Underground, er liebte Sister Ray, Beatles und The Who, Doors, und Bob Dylan gehört. Als diese Revoluzzer-Zeit anfing, so 67, 68, 69, kam bei mir noch Vanilla Fudge oder die erste von Deep Purple dazu, auch Cream, Zappa und Hendrix – der musikalische Geschmack hatte sich ein bisschen verändert. Die Fab Four waren plötzlich nicht mehr angesagt.
Bernd Cailloux Damals gab es in der Stadt drei angesagte Beatbands: Die Beathovens, die Spirits of Sound und – etwas später – Harakiri Whoom! Letztere Gruppe wurde berühmt wegen des exzentrischen Sängers Marius Müller-Westernhagen. Gitarrist dieser Truppe war übrigens Bodo Staiger, während der durchgeknallte Engländer Allen Warren am Schlagzeug sass.
Wolfgang Flür Die Beatles haben uns mit ihrem schönen Gesang irgendwann zum Hals herausgehangen, das hatte ich zur Genüge mit meiner ersten Band gemacht, den Beathovens. Unsere Musik wurde schräger, etwas psychedelischer, progressiver.
[Creamcheese]
Bernd Cailloux Dass Hans-Joachim Reinert zur Eröffnung des Creamcheese quasi gezwungen wurde, war für ihn ein Glücksfall, denn der Laden ging vom ersten Tag an ab, war jeden Abend voll. Er war von den Künstlern mehr oder weniger dazu verdonnert worden, mit seiner Frau Bim eine Kneipe aufzumachen. Er war selbst kein Wirt, sondern Filmvertreter, für Agfa oder Kodak oder so, und stand mit anderthalb Beinen in der Kunstszene. Vielleicht gerade deshalb, haben die Künstler ihm gesagt: Pass auf, du machst für uns jetzt ein Lokal auf. Es wurde ein Raum gefunden, in einer ganz kleinen Gasse, nah beim Kom(m)ödchen, dem berühmten Kabarett von Kay und Lore Lorentz und der Galerie Schmela, die Beuys vertrat. Die Künstlerschaft hat den Ort auch, wie versprochen, täglich neu bespielt, mit gedrucktem Programm, eine Art permanente Aktionsgalerie: Concept Art, Performance Art, Op-Art, Pop Art, das hatte in Deutschland ja alles gerade erst angefangen.
Eberhard Kranemann Ja, genau, das waren die Schlagworte der Zeit: Aktion, Agitation, Agit-Pop, Décollage und Happening. Anti-Art, Total Art, Fluxus, Refluxus und was es sonst noch alles gab, spielte sich im Creamcheese ab.
Wolfgang Flür Schräg gegenüber vom Ratinger Hof war zu der Zeit das Creamcheese, da ist heute eine Galerie drin, du bist da rein und dann die Treppe runter, das war eher so ein großes Kellergeschoss. Wir sind immer zum Tanzen und Mädchengucken hin.
Bernd Cailloux Das Creamcheese, dieser Schlauchraum, machte 1967 auf der Neubrückstraße 12 gegenüber vom Landgericht auf. Ständig anwesend waren Ferdinand Kriwet, der Filmer Lutz Mommartz, Günther Uecker, Sigmar Polke; dann dieser Spiegelkünstler, Heinz Mack, von Zero, der die Bar machte. Das Eingangsfoyer war von Uecker, da standen 24 oder 48 Fernseher, alle schön zugenagelt. Weiter hinten war ein Raum mit einer Technikbühne, von wo aus Musik, Licht und Projektionen in den Schlauch geworfen werden konnten. Ganz hinten hat sich der Schlauch ein bisschen geöffnet, das war, wenn man so will, der Aktions- und Tanzraum, wo es auch ein Podium gab. Die Wände waren komplett weiß, da konnte gut drauf projiziert werden – vor allem von Kriwet bei seinen Mixed Media Shows, wo die Zahlen und Buchstaben nur so rotierten.
Eberhard Kranemann Das war so ein langer Schlauch, und hinten links war eine Art Tanzraum. In dem hinteren Raum hatten die für uns eine Bühne aufgebaut. Es wurde voll. Es war ein elitärer Zirkel, und ich glaube, alle Eliten aus ganz Deutschland oder Europa waren da. Eigentlich passten in das Creamcheese nur 100 Leute rein, es waren aber 300 oder 400 gekommen. Die standen wie die Heringe ganz eng, alle haben geraucht. Es war heiß, es hat gestunken! Fernsehen war auch da: Der Auftritt sah folgendermaßen aus: Wir stellten die Verstärker auf die Bühne, drehten sie voll auf, und dann ging es los: Ohne Absprache, ohne jede Regel, ohne eine bestimmte Tonart, ohne einen festgelegten Rhythmus, jeder so laut und so viel und so lange er konnte.
Bernd Cailloux Eine der Beuys’schen Creamcheese-Aktionen bestand darin, dass er und sein Schüler Anatol Herzfeld sich im Dezember 68 stundenlang mit Handschellen an einem Tisch festgekettet hatten: eine sinnige Stammtischparodie.
Eberhard Kranemann Wir spielten nur ein Stück – das dauerte so ungefähr drei Stunden, ein Toben und Schreien gegen Konventionen, gegen Normen und Anpassung. Joseph Beuys stand derweil hinten in der Ecke, etwas erhöht auf einem Sockel. Es war superheiß da drin. Er aber mit einem Pelzmantel, ganz dick angezogen, und mit seinem Hut auf, stand drei Meter hoch oben in der Raumecke, die ganze Zeit lang fast unbeweglich, hat nur seine Hände vorm Gesicht bewegt. Handaktion hieß das. Beuys machte das sehr ruhig, konzentriert, intensiv, minimale Bewegung. Wir dagegen: Klang – Musik – Geräusche – Terror. Drei Stunden Weltuntergang. Laut. Krach. Chaos! Schmerzgrenze.
Roedelius In Düsseldorf gab es die vielen Bierquellen der Altstadt, die Designerszene, eine Szene um die Kraftwerker und Neu! und wie sie davor alle hießen. Aber wir hatten gar nicht so viel mit denen zu tun,wir lebten und handelten ja aus einem ganz anderen Kontext heraus: Unser Bezug war Beuys.
Eberhard Kranemann Früher gab es in den Kellergewölben der Düsseldorfer Kunstakademie berühmt-berüchtigte Karnevalsfeiern. Drei Nächte durch ohne Pause. Da passierte alles, was es gibt und was es nicht gibt. 1967 spielte ich dort mit Piss Off. Drei heiße Nächte. Totaler Kampf. Musik, Geräusche, Klänge, Krach bis zum Umfallen. Das Publikum tobte und tanzte wie irrsinnig. Ich sagte Florian bescheid, er solle mal mit seiner Flöte vorbeikommen. Er kam, setzte sich unauffällig an den Bühnenrand und versuchte mit seiner Flöte, gegen den ohrenbetäubenden Lärm anzuspielen.
Wolfgang Flür Die Sechziger waren eine gute Zeit, weil alles neuartig und äüsserst experimentell war. Der Ratinger Hof war noch ein Untergrund- und Hippieschuppen, da sind die ganzen Künstler hin. Auch Immendorff hat dort abends seine Saalschlachten veranstaltet. Das war ziemlich aggressiv, schon weit vor der Punkzeit. Da sind Kristallaschenbecher geflogen, oft mussten Krankenwagen vorfahren. Die Künstler von der Kunstakademie konnten nicht mit Alkohol umgehen, die sind extrem aggressiv geworden, das waren Kretins, vor allem Immendorff, das war ein Rocker, ein Schläger, ich hatte Angst vor dessen Doofheit. Bei einigen hieß er nur Jörg Immerdoof.
Eberhard Kranemann Beuys hatte eine Vorliebe für erstklassige Kleidung. Er war der bestangezogene Mann der Akademie.Seine Hemden, die Schuhe, der Hut – alles vom Feinsten. Anfangs trug er noch Flanellanzug und schwarze Krawatte, mit einem Hasenkieferchen als Krawattennadel.
Roedelius Wir kamen Ende 1969 nach Düsseldorf. Einen richtigen Kontakt zu Joseph, den alle, auch seine Kinder nur Beuys nannten, gab es nur über Conrad, aber getroffen hat man sich schon gelegentlich. Nicht nur in Düsseldorf, auch später in Berlin.
Bernd Caillioux Die Künstlergruppe Zero: Kurt Link, Heinz Mack, Otto Piene, anfangs auch Charles Wilp, später dann Günther Uecker, waren für das Creamcheese und den frühen Ratinger Hof extrem wichtig, mittelbar wahrscheinlich auch für Kraftwerk. Denn da war, im formalen Rückgriff auf die Vorkriegsavantgarde, aber mit diesem neuen, optimistischen Nachkriegs- und Weltraumfahrer-Spirit, schon viel mit Abstraktion, Licht und Bewegung gearbeitet worden.
Eberhard Kranemann Wir hatten einen Gitarristen, der eigentlich kein Gitarrist war, aber er hatte eine Gitarre. Der war Bildhauer in der Beuys-Klasse. Er war wie wir alle mit Drogen unterwegs, stand total auf Äther. Zu dem Auftritt hatte er sich ’ne Äthermaske mitgebracht, stellte hinter seinen Verstärker ein Ätherfläschchen, die Maske und einen Wattebausch. Wir fingen an zu spielen, wie üblich, immer druff, jeder gegen jeden, und dann bückte er sich nur, nahm seine Ätherflasche, kippte da Äther rein und hat sich die Maske aufgesetzt. Aber es war wohl zu viel. Denn er ist nach hinten umgekippt, vollkommen betäubt, und mit dem Kopf gegen den Verstärker und dann mit seiner Gitarre auf den Boden gefallen. Er lag da wie tot, und die Gitarre war an, voll auf zehn: Rückkopplung. Die Gitarre hat geschrien. Uns war das egal, das heißt, wir haben es gar nicht gemerkt, weil wir selber genug Zeug drin hatten. Also ging es weiter, wir haben Krach gemacht, und der Beuys stand ganz ruhig auf seinem Sockel, als ob nichts wär.
Roedelius Tumulte gab es auch in Berlin, zum Beispiel bei einem Konzert von Human Being in der Akademie der Künste. Das war vom Publikum unter lautstarkem Protest und mit erheblichem Schaden an unserem Tonequipment abgebrochen worden.
Bernd Cailloux Das Auftauchen von Drogen gehörte in Düsseldorf wie überall zum allgemeinen Aufbruch mit dazu. Vor dem Creamcheese stand der Opel Admiral von Sweti, einem 19-jährigen Werbe-Junggenie und Szenestar, wo aus dem offenen Fenster die Schwaden in den Himmel stiegen.
Klaus Dinger Es sind immer die Individuen und ihre Sozialisation, man kann das nicht nur an der Stadt festmachen. In meinem speziellen Fall war es so: Ich bin in Unterrath aufgewachsen, eine ziemlich ärmliche Gegend. Und von da aus plötzlich in die Schule auf der Königsallee, völlig andere Sozialstruktur, mit Nähe zur Altstadt. Das war ein ziemlich harter Sprung.
Michael Rother Klaus Dinger war auf einem anderen Gymnasium, an der Königsallee, glaube ich, aber bei mir auf der Schule war Florian Schneider-Esleben, wie er damals noch hieß. Er war einige Klassen über mir, aber er fiel mir schon auf, da er in gewisser Weise kauzig war und einen seltsamen Gang hatte.
Eberhard Kranemann Ich hatte mir schon mit 14 Jahren das Ziel gesetzt: Ich will Künstler von Beruf werden. Ich wollte kein Musiker werden, das habe ich aus Spaß nebenbei gemacht. Ich wollte Künstler werden. Das lag wohl daran, dass ich einen unheimlich guten Kunstlehrer am Gymnasium hatte. Der war richtig toll. Alle anderen Lehrer hatten noch schwarze Anzüge, weißes Hemd und Krawatte an. Ganz steif, richtig blöde Arschlöcher. Und da lief ein blöder Hund rum mit einem Hawaiihemd, ganz bunt, mit Bart. Das fand ich toll, dass einer ganz anders war.
Wolfgang Flür Bei uns war es, wie gesagt, diese Englischlehrerin, die diesen Prozess beförderte. Kurze Zeit später habe ich zum ersten Mal ein Schlagzeug gesehen. Ich durfte mich mal dransetzen und war sofort begeistert. Das war wie ein positives Schockerlebnis, eine Initialzündung. Ab da wollte ich Schlagzeug spielen. Ich hatte auch früher schon immer auf irgendwas herumgetrommelt. Wenn wir spazieren waren, habe ich Stöcke aneinander geschlagen oder gegen das Geländer getrommelt. Mein Vater hat immer ganz genervt gesagt: »Hör damit jetzt auf, Herr Sohn!« Und wenn ich dann gefragt habe: »Warum?«, hat er nur geantwortet: »Weil ich es wünsche.« Mein Vater war extrem streng, aber auf eine sehr unnötige, diktatorische Art.
Michael Rother Geboren bin ich in Hamburg. Dann ging es über England nach Indien. 1963 sind wir nach Düsseldorf gezogen. Es sollte nur ein kurzer Zwischenstopp werden, aber mein Vater starb zwei Jahre später, und meine Mutter und ich blieben dort. Wir wohnten auf der Achenbachstraße, und ich ging zum Rethel-Gymnasium. Es war anfangs gar nicht leicht für mich, weil mein Deutsch nicht so gut war; ich musste sogar Nachhilfe nehmen. Auch die Lehrer waren ein Problem, die hatten für meinen Begriff eine sehr seltsame Auffassung von Motivation.
Wolfgang Flür Insofern ist Düsseldorf für mich wichtig, weil hier all diese Komponenten zusammengekommen sind: Dass ich das Max-Planck-Gymnasium nicht geschafft habe, dass ich sitzengeblieben und auf die Realschule gewechselt bin, wo alles viel lockerer war. Da habe ich plötzlich gute Noten geschrieben, wurde selbst auch viel lockerer. Vielleicht auch, weil ich endlich von meinem Zwillingsbruder weg war, der nur Einsen geschrieben hat und immer und überall zuerst genannt wurde. Flür I, Flür II, hieß es, wenn wir Klassenarbeiten zurückbekommen haben. Ich war immer die Nummer zwei; wie schrecklich für ein Kind.
Bodo Staiger Das allererste Mal, dass ich Wolfgang Flür gesehen habe, war 1967. Er war bei den Beathovens, und ich spielte in einer Band mit Marius Müller-Westernhagen. Im selben Jahr drehten wir einen Film, der Harakiri Whoom hieß, und da das Schlagzeug schon so schön bemalt war mit diesem Schriftzug, haben wir uns dann gedacht: Okay, geiler Name, behalten wir. Hier habe ich auch Klaus Dinger kennengelernt, der in dem Film mitgespielt hat. Es war ein 45-minütiger Fernsehfilm mit Marius in der Hauptrolle. Es ging um den Sänger einer Rockband, der zur Bundeswehr muss, und was der sich so einfallen lässt, um sich zu drücken. In dem Film spielt Klaus sogar einen Schlagzeuger. Ich hatte vollkommen vergessen, dass er dabei war. Ich kannte ihn vom Sehen aus der Altstadt, er war ja auf dem Görres-Gymnasium und spielte zu dem Zeitpunkt schon Schlagzeug. Seine damalige Band hieß The No. Als ich den Film kürzlich sah, wurde mir erst bewusst, wie lange ich Klaus kannte: von 1967 bis zu seinem Tod.
Wolfgang Flür Unsere großen Widersacher waren Harakiri Whoom, das war die Band von Bodo Staiger und Marius Müller-Westernhagen. Mit denen sind wir auch mal gemeinsam aufgetreten, am Max-Planck-Gymnasium. Marius war ein großer Verehrer von Steve Marriott und Rod Stewart, und als guter Schauspieler hat er diese Jungs überzeugend imitieren können.
Klaus Dinger Die erste Kapelle, in der ich noch auf Amateurbasis gespielt habe, war eine Coverband, bisschen Tanzmusik und so, Swingkombo hieß die Gruppe. Wir haben auf Schulfesten gespielt, im Malkasten und auch mal in der Rheinhalle, Satisfaction und solche Sachen. Dann habe ich mir ein bisschen Geld geliehen, mir ein Schlagzeug gekauft und mich in Oberkassel im alten Schwimmbad ein halbes Jahr mit dem Schlagzeug eingeschlossen. Danach bin ich dann direkt bei einer, ich würde mal sagen, professionelleren Gruppe gelandet: The Smash, mit Houschäng Nejadepour an der Gitarre und einem Sänger, den alle nur »Die Ratte« nannten.
Michael Rother Ich spielte Gitarre in dieser Schülerband, Spirits of Sound, zu der später auch Wolfgang Riechmann und Wolfgang Flür stießen. Wir coverten die Beatles und die Kinks, und ich entdeckte meine Neigung zu Melodien. Wir spielten einige Gigs, verdienten sogar schon Geld.
Wolfgang Flür Die Spirits of Sound waren nicht so erfolgreich wie die Beathovens, also war ich immer klamm. Mit den Beathovens waren wir viel unterwegs, da wir auf jedes Schulfest passten; wir haben auch im Liverpool Club gespielt oder im Club 55. Wir haben in der Zeit in Stockum geprobt, in der Garage eines Bekannten des Sängers, das war so ein reicher Bankier und Kunstmäzen. Sein Sohn war immer mit dabei, hat aufgebaut und so, wir waren fast ein Teil dieser Familie, haben uns auch da am Kühlschrank bedient und bekamen immer was zu trinken. Der Vater parkte seinen Porsche auf der Straße, nur damit wir einen Proberaum hatten. Alles sehr nett.
Michael Rother Musik hatte damals auch immer etwas mit reichen Leuten zu tun, ein spezielles frühes Mäzenatentum. Wir durften in dieser Villa im Düsseldorfer Norden proben. Es waren die wilden sechziger Jahre, und jeder, der nicht spießig war, wollte progressiv sein, wie es damals hieß. Es gab große Partys, auf denen es heiß herging, und irgendwie spürte man, dass auch in der Erwachsenenwelt ein neues Flair Einzug hielt.
Wolfgang Flür Das Größte, was wir als Band geschafft hatten, war ein Auftritt mit den Lords in der Rheinhalle, da haben wir gemeinsam im Vorprogramm von The Who gespielt. Wir hatten als Beathovens die Beatles-Stücke gut drauf, danach spielten die Lords, dann kamen The Who. Man konnte genau sehen, wie die am Ende das Schlagzeug umgeworfen und ihre Gitarren, allerdings nur so Pappgitarren, zerschlagen haben. Das war gegen das Establishment, und hat uns unheimlich gut gefallen, diese Auflehnung.
Michael Rother Wolfgang kam zu uns in der späten Sechziger-Phase, als wir schon etwas experimenteller wurden und keine Coverband mehr waren. Er hatte einen feinen Stil, er spielte minimalistisch, hatte einen guten Beat und war ein viel besserer Backgroundsänger als sein Vorgänger.
Hans Lampe Schon bevor ich nach Düsseldorf kam, also noch in Hamburg, habe ich viel gespielt, viel Percussion gemacht, in diversen Formationen. In irgendeinem der vielen Clubs dort gab es immer eine Session, bei der man mitmachen konnte: In der Großen Freiheit, in kleinen Kneipen, in Szene-Treffs wie dem Gibi am Pferdemarkt, wo sich verschiedene Leute getroffen und einfach gespielt haben. Die Freundin von Ritchie Blackmore kam aus Hamburg, und er war über Weihnachten in der Stadt. Wir saßen eines Abends im Gibi und plötzlich kam er zur Tür herein und fragt: »Kann ich auch mal die Gitarre haben?« So haben wir sogar mal mit Ritchie Blackmore gejammt.
Michael Rother Als Gitarrist habe ich immer versucht, mich aus dem anglo-amerikanischen Bereich rauszuhalten, aber ohne Zweifel sind Hendrix, Clapton und Jeff Beck große Meister an der Gitarre; Jimi Hendrix hatte ich sogar1968 im Robert-Schumann-Saal in Düsseldorf live gesehen. Das war sehr beeindruckend. Nicht nur, was er spielte, auch welche Signale er durch die Effekte schickte. Besonders bei den Studioproduktionen haben wir immer genau auf die Rückwärtseffekte und Bandechos geachtet. Das war ein unheimlich freier, intuitiver Umgang mit Musik und dem Instrument. Ich war damals mit meiner Freundin da, ein bestuhltes Konzert für vielleicht 500 bis 600 Leute.
Heino Riechmann Die allererste Band meines Bruders Wolfgang, in der er von 1966 bis 69 mitspielte, hieß Why. Von dort aus wechselte er zu den Spirits of Sound. Bei denen war er Sänger und Michael Rother Gitarrist, genauer Sologitarrist, da es noch Uwe Fritsch an der Rhythmusgitarre gab. Wolfgang Flür spielte Schlagzeug, und am Bass war Ralf Ermisch. Geprobt wurde bei der Bankiersfamilie Kaminski auf der Mörikestraße, und in dieser Besetzung spielten sie auf Schulfesten, einmal auch auf der Jugendmesse Teenage Fair in Düsseldorf.
Bodo Staiger Harakiri haben wir 69 aufgelöst, die letzte Show war auf der Teenage Fair im Sommer 69, das war eine Jugendmesse hinten an der Fischerstraße in der alten Stadthalle. Da spielte alles, was Rang und Namen hatte, das war ein Riesending und unser letztes Konzert.
Günter Körber Um 1970 herum ging es dann wirklich los mit dieser neuen, progressiven Musik. Ich arbeitete als A&R bei der Metronome in Hamburg. Wir hatten die Sachen von Rolf-Ulrich Kaiser, dem Musikjournalisten und Konzertveranstalter, der zuvor das Ohr-Label gegründet hatte, im Vertrieb. Kaiser, der bereits 1968 die Internationalen Essener Songtage mitveranstaltet hatte, griff auf seine beim Burg-Waldeck-Festival gemachten Erfahrungen und Künstlerkontakte zurück und veröffentlichte seit dem Spätjahr 1969 in schneller Folge eine Serie herausragender Schallplatten: Embryo, Guru Guru, vor allem aber die neue Berliner Elektronik-Szene um den Zodiac Club: Tangerine Dream und Ash Ra Tempel.
Bodo Staiger 70 habe ich dann Karl Bartos kennengelernt und mit ihm die Band Sinus gegründet, das war so eine Jazzrockgeschichte mit Einflüssen von Zappa. Karl spielte Schlagzeug.
Bernd Cailloux Unsere Firma hieß: The Leisure Society. Unterzeile: Experiments in Art and Technology. Und genau das haben wir auch gemacht, mit unseren Stroboskop-Blitzen und anderen Lichteffekten. Durch den Zeitgeist wurde man entscheidend dazu ermutigt, selber was zu machen, denn unter normalen oder heutigen Umständen wäre diese Idee, die uns damals trieb, nämlich mit Stroboskopblitzen und psychedelischen Lightshows die Welt verändern zu wollen, ja einfach Schwachsinn, völlig realitätsfern. Aber da war in der Realität halt gerade etwas Platz. Dass das zur selben Zeit war, wo in Düsseldorf die Ursuppe des Elektronik-Pop köchelte, ist deshalb vielleicht kein Zufall.
Klaus Dinger Es gibt ab und zu mal, alle zehn Jahre so ein paar Wahnsinnige, die es einfach draufhaben. Die so aus dem Nichts kommen. Ich glaube, die Einflüsse waren alle längst nicht so stark wie die Jungs selbst, und was die daraus gemacht haben. Das sind Sternstunden, die man selbst auch nicht erklären kann. Das ist Wahnsinn. Dafür gibt es die Musik, man muss es nicht erklären. Hören und fertig.
Wolfgang Seidel Von Berlin aus waren die Anfänge des Düsseldorfer Krautrocks Ende der Sechziger überhaupt nicht sichtbar. Was aufmerksam wahrgenommen wurde und stark auf die Ästhetik wirkte, war die Bildende Kunst, die Psychedelik, also Beuys und das Creamcheese, Uecker, Polke, diese ganze Szene. Düsseldorfer Bands kannte man damals kaum, auch den Kraftwerk-Vorläufer Organisation nicht.
Roedelius Mit Organisation haben wir einst gejammt., Die Jungs waren okay für mich. Mit ihrer Musik konnte ich mich hingegen nicht befreunden, wohl aber mit Florian Schneiders Schwester Claudia.
Eberhard Kranemann Begleitet von wütenden Protesten wurde im Januar 70 das Düsseldorfer Schauspielhaus eingeweiht. Ich war als Bassist dabei. Als man noch einen Flötisten suchte, hatte ich kurzerhand Florian zur nächsten Aufnahmesession mitgebracht. Es klappte alles ganz gut. Das neue Schauspielhaus wurde mit unserer Musik eingeweiht.
Michael Rother Die frühe Entwicklung in Düsseldorf ist für mich gekoppelt mit Erinnerungen an Menschen und an Orte. Wir haben auf vielen Schulfesten gespielt, auch beim Rethel-Dancing oder in Jugendzentren, etwa in der Lacombletstraße, und beim Karneval. Dieses Düsseldorf war für mich die prägende Zeit.
Wolfgang Seidel Conrad Schnitzler, der später Kluster gründete, und auch ein echter Elektronik-Pionier war, ist ja auch in Düsseldorf geboren, mit kleinbürgerlichem Hintergrund.
Roedelius Unser Bezug zu Düsseldorf war Beuys, mit dessen ersten Schüler Conrad Schnitzler wir Kluster gründeten. Wir waren unterwegs in der Welt der bildenden Kunst, also hauptsächlich in Museen, Kunsthallen, Galerien und nur sehr selten auf Festivals oder in Kneipen.
Eberhard Kranemann Florian Schneider-Esleben und ich spielten ein bisschen zusammen, mal in meiner Wohnung, mal im Haus seiner Eltern, dann mit verschiedenen anderen Musikern in unterschiedlichen Besetzungen. Basil Hammoudi an der Conga war dabei, aber auch Cap, der Trompete spielte, und ein klassischer Gitarrist. Eines Tages schleppte Florian einen Hammond-Orgel-Spieler aus Krefeld an, wir probten gemeinsam. Das ging ganz gut. Er hieß Ralf Hütter und studierte Architektur. Wir bildeten ein Quartett, auch mit Auftritten lief es ganz gut. Besetzung: Florian Schneider-Esleben: Flöte; Ralf Hütter: Hammond-Orgel; Eberhard Kranemann: Bass; Thomas Lohmann: Schlagzeug.
Roedelius Florian war ein äußerst seltsamer, sich selbst zugewandter Bursche, nicht sehr kommunikationsfreudig. Ralf war zugänglich, freundlich, ja fast freundschaftlich.
Eberhard Kranemann Die Arbeit mit Florian und Ralf machte Fortschritte. Wir hatten einen Proberaum in einem Hinterhof zwischen Puff und Hauptbahnhof , da konnte man ungestört laute Musik machen. Es gab damals viele Experimente mit unterschiedlichen Klängen und wechselnden Musikern.
Bodo Staiger Ralf und Florian waren, wie alle anderen auch, immer auf diversen Jam-Sessions. Das war die Zeit der Jugendzentren, der Kolpinghausbühne auf der Bilker Straße, oder dem Jugendzentrum auf der Lacombletstraße. Damals gab es eine ganze Anzahl von kleinen Läden und Kneipen, in denen Bands auftreten konnten.
Eberhard Kranemann Das interessierte am Anfang keine Sau. Das war experimentelle Musik, das war ganz daneben. Da sind die Leute weggelaufen. Es gab nur ganz wenige Insider, die ganz scharf drauf waren und extra immer zu allen Konzerten kamen.
Roedelius Was die musikalisch taten, interessierte mich nicht so sehr. Ich ging, wegen meiner Freundschaft zu seiner Schwester, in Florians Elternhaus ein und aus.
Eberhard Kranemann Zu der Zeit arbeitete Florian vor allem mit elektrisch verstärkten Flöten, die er durch allerhand Filter jagte, um zu Klangverfremdungen zu gelangen. Er hatte alle Querflöten: Piccolo, C-Flöte, Altflöte, Bassflöte, vor allem letztere ist sehr selten und schwer zu spielen. Zwischen elektrischem Flötenmodul und Endverstärker hatte Florian Echogeräte mit unterschiedlichen Echogeschwindigkeiten verkabelt, sodass sich Tongebirge überlappender Flötenklänge verschiedener Tempi und Rhythmen ergaben. Am besten hat mir sein Sound auf der Altflöte gefallen: cool, ruhig, tiefgründig.
Wolfgang Flür Florian war ein paar Monate am Musikkonservatorium, auf der Jazzakademie in Remscheid-Küppelstein, gewesen. Was der richtig gut drauf hatte, war diese experimentelle Frickelei.
Eberhard Kranemann Florian hatte die Flöte elektronisch verfremdet. Das war so eine Übergangsform: akustische Instrumente elektronisch zu verfremden. Die haben es dann so weiterentwickelt, dass sie die Instrumente irgendwann wegliessen und reine Elektronik gemacht haben.
Wolfgang Seidel Kraftwerk und auch die frühen Kluster waren weniger elektronisch als elektroakustisch, das heißt, man hatte ein paar Verstärker, man klebte Kontaktmikrophone an alles dran, was Rattapuff und Tschengtscheng machte, und das Lieblingspielzeug war das berühmte Dynachord Echocord Mini, eine genialische Konstruktion mit verschiebbarem Tonkopf. Damit konnte man es schon ordentlich krachen lassen. Aber von Synthesizern war weit und breit noch nichts zu sehen.
Eberhard Kranemann In dieser Frühphase experimentierte Florian auch mit einer elektrischen Geige, die er im Sitzen auf dem Schoß spielte, mit damals noch sehr fremd klingenden arabischen Tonskalen. Ralf arbeitete daran, der Hammond-Orgel ungewohnte Klänge zu entlocken: Er verzichtete auf die perkussive Anschlagsdynamik und auf Vibrato-Effekte. Blue Notes und Synkopen der amerikanischen Jazz, Soul, und Rhythm’n’Blues-Musik kamen in den Mülleimer. Heraus kam ein neutrales Klangbild, wie es eher in der modernen klassischen Musik anzutreffen ist, zu, Beispiel bei György Ligeti.
Wolfgang Seidel In der frühen Kluster-Zeit waren fast alle Instrumente selbstgebaut. Bei den gekauften wurde zuerst vor allem die garagenpunkige Farfisa-Orgel wichtig, die konnte man ordentlich quietschen lassen, auch Tasten festkleben oder, wie Conrad Schnitzler als gelernter Werkzeugmacher, mit selbst zurechtgesägten Metallstäben niederhalten, woraus die wildesten harmonischen Konstellationen – eben Kluster – entstanden. Wahwah-Pedale gab es auch bald, die waren auch für einen Haufen Lärm gut. Dann kam Klaus Freudigmann mit seinen zweckentfremdeten Geräten aus der Mess- und Rundfunktechnik, das war dann schon Elektronik im engeren Sinne.
Eberhard Kranemann Ich selber spielte einen viersaitigen Elektrobass, ein elektrisches Cello, das ich mir zusammengebastelt hatte, und eine Hawaiigitarre. Den Bass spielte ich sowohl in der Rhythmus- als auch in der Harmoniefunktion, einerseits bassig, andererseits mit Wahwah-Pedal und Verzerrer verfremdet. Heraus kamen merkwürdige Klänge, wie aus einer anderen Welt, eher solistisch einzusetzen.
Wolfgang Seidel Klaus Freudigmann war der entscheidende Techniker, der bei Kluster sowohl für die Aufnahmen zuständig als auch Mitspieler war. Er hatte professionell Tontechniker gelernt und schleppte als Erster einen Tongenerator an, als die anderen noch nicht einmal wussten, was das ist. Er baute auch einen Ringmodulator und dieses für den Industrial-Kluster-Sound charakteristische Saiteninstrument: ein Brett, auf das zwei Saiten gespannt werden konnten, nicht nur Gitarren-, sondern auch Klaviersaiten oder was immer. Diese waren an einer Seite befestigt, liefen am anderen Ende aber über einen Rollenmechanismus, analog wie das Vibrato einer Gitarre, bloß für jede Saite individuell und mit unglaublicher Dehnweite. Da konntest du die absurdesten Sounds erzeugen.
Eberhard Kranemann Dem elektrischen Cello entlockte ich Klänge arco und pizzicato – von weich, harmonisch, lieblich bis aggressiv, verzerrt, laut, kratzend, schreiend. Die Saiten der Hawaiigitarre stimmte ich je nach Gefühl subjektiv um und fuhr mit einem Stück Eisen auf den Saiten spazieren, sehr eigenwillig und damals neu. Charly Weiss, ein Free-Jazz-Schlagzeuger, der aus Berlin zu uns gekommen war, spielte bei Kraftwerk zum Teil in der Rhythmusfunktion, lieferte aber auch freie, perkussive Klangelemente.
Wolfgang Seidel Die ersten beiden Kluster-Platten, auf diesem christlichen Label Koch/Schwann, mit den bedeutungsschweren Rezitationen über dem harschen Industrial-Elektronik-Lärm, das waren Schnitzler, Roedelius und Dieter Moebius. Kurz darauf kam dann der Split. Kluster waren dann erst mal nur noch Roedelius und Moebius.
Eberhard Kranemann Um 1970/71 herum verabschiedete sich Ralf von Kraftwerk. Er hatte wohl das Gefühl, erst einmal sein Architekturstudium zu Ende bringen zu müssen. Wir arbeiteten zu dritt weiter. Florian, Charly und ich. Hartes Brot. Jeden Tag Probe von 17 Uhr bis Mitternacht. Kaum Jobs. Keine Kohle. Kaum Erfolgserlebnisse, die die Arbeit bestätigten.
Wolfgang Seidel Roedelius und Moebius wurden dann bald zu Cluster. Die sahen im westdeutschen Galerienkontext ihre Chance, während Conrad, der diese ganzen Kontakte überhaupt erst angeleiert hatte, wegen seiner Familie nie für länger aus Berlin weg konnte. Die beiden haben sich dann gewissermaßen mit der Kundenkartei und dem Konzept nach Westen abgesetzt, ins Weserbergland – was etliche Jahre für böses Blut sorgte. Und dafür mussten sie, quasi als Kompromiss, immerhin den einen Buchstaben im Bandnamen ändern, Cluster statt Kluster.
Eberhard Kranemann Ein paar Auftritte gab es für Kraftwerk Ende des Jahres noch, zum Beispiel Kraftwerk im Creamcheese am zweiten Weihnachtstag, dem 26. Dezember 1970, 16 bis 22 Uhr, mit Florian Schneider-Esleben, Flöte; Eberhard Kranemann, Bass, Cello, Hawaiigitarre und Charly Weiss am Schlagzeug.
Wolfgang Seidel Charlie Weiss tauchte später übrigens auch in Berlin, in Klaus Freudigmanns Studio, auf. Der hat mir zum ersten Mal gezeigt, dass man ein Schlagzeug stimmen kann.
Wolfgang Flür Ralf war ein Naturtalent. Als ich den kennen lernte, spielte er schon ewig in einer Jazzband Hammond-Orgel. Der hatte da wirklich was auf dem Kasten. Ich weiß gar nicht, warum er zwischendurch auf die Idee kam, in Aachen Architektur studieren zu wollen. Eberhard Kranemann Ralf hatte sozusagen Musikverbot – ich weiß nicht, ob selbst auferlegt oder vom Vater, der sich wohl um seine Ausbildung sorgte.
Klaus Dinger Wir hatten, im Gegensatz zu Florian, keinerlei musikalische Grundlagen. Ich glaube, auch Ralf hatte eine ganz gute musikalische Ausbildung. Ich dagegen bin fast Analphabet, was die Musik betrifft. Ich fand den Musikunterricht in der Schule immer total scheiße, da musste ich mich erst mal von erholen. Das war schrecklich. Obwohl ich als Kind ein ziemlicher Fan von Mozart war. Ich war selfmade, totaler Seiteneinsteiger, also schon so typisch Rock’n’Roll. Keine richtige Ausbildung, immer nur das Wollen. Komm, das müssen wir jetzt hinkriegen. Irgendwie, aber auf unsere eigene Art und Weise.
Eberhard Kranemann Der berühmteste Hammond-Orgel-Spieler der Welt war und ist Jimmy Smith, ein schwarzer Amerikaner. Damals gab Smith ein Konzert in der Tonhalle Düsseldorf, danach kam die ganze Band in den Jazzclub Dum Dum in der Düsseldorfer Altstadt, wo wir gerade ordentlich einheizten: Ralf auf seiner Hammond M-100, Florian Querflöte, ich spielte Baß, und der Schlagzeuger ließ die Fetzen fliegen. Die Blue Notes und Synkopen flogen nur so durch den Raum!
Wolfgang Seidel Viele der wichtigen Krautrocker waren am Anfang Jazzer – und sind es im Herzen oft geblieben. Wenn man Lothar Meid von Amon Düül II fragt, was seine größten musikalischen Erlebnisse waren, dann sagt er: einmal mit dem Coltrane-Drummer Elvin Jones gespielt zu haben; und als zweites: einen Blues-Jam mit dem noch unbekannten Jimi Hendrix.
Eberhard Kranemann Im Dum Dum also super Stimmung, Laden brechend voll, die Post ging ab! Nun ist es in Jazzclubs ja üblich, dass Gastmusiker, die gerade in der Stadt sind, »einsteigen«, also aus Spaß bei anderen Bands mitspielen. Das wurde auch von Jimmy Smith erwartet. Der guckte sich jedoch bloß Ralfs Orgel an, sagte: »Mickey Mouse Organ« und verschwand wieder. Er selbst spielte nur die große B-3 von Hammond, Ralfs M-100, das kleinere Modell, war ihm zu mickrig. Kenny Burrell, sein Gitarrist, blieb aber da, packte Gitarre und Verstärker aus und spielte mit. Es wurde eine schöne Session-Nacht.
Klaus Dinger Irgendwann rief mich Ralf von Kraftwerk an. Ich bin noch am gleichen Tag ins Studio gefahren, nach Köln. Dort habe ich Conny Plank das erste Mal gesehen und habe für die Kraftwerker ein paar Schlagzeugspuren eingespielt. Vom Himmel hoch hieß das wohl, was ich aber erst später erfahren habe. Ich hatte das alles eigentlich nicht so richtig mitgekriegt.
Bodo Staiger Ich kannte Conny schon ewig. Ursprünglich kam er aus Hütschenhausen, bei Kaiserslautern. Er arbeitete beim Saarländischen Rundfunk auf der Europawelle Saar und war gelernter Toningenieur. Von da aus ging es nach Rodenkirchen, beziehungsweise Godorf. Heute ist da ein IKEA, früher war es das Rhenus Tonstudio. Und er war dort der Hauptingenieur, ein freundlicher uriger Wikinger-Typ. Sehr normal, sehr höflich und hilfsbereit.
Eberhard Kranemann Ab 1967 war Conny im Rhenus-Studio, das dem Mann der Schlagersängerin Margot Eskens gehörte. Dort wurden tagsüber Schlager aufgenommen, und nachts nutzte Plank das leere Studio für Aufnahmen mit befreundeten Künstlern.
Bodo Staiger Das erste Mal, dass ich mit Conny aufgenommen habe? Das muss 70 gewesen sein. Mit so einer kruden Bandmixtur aus Marius Müller-Westernhagen, Karl Bartos am Schlagzeug, mir an der Gitarre und dem Lilac Angles-Bassisten. Das waren meine allerersten Aufnahmen mit Conny.
Eberhard Kranemann Ich habe Conny schon sehr früh kennengelernt, noch in den sechziger Jahren. Ich war damals als Studiomusiker mit dem E-Bass im selben Studio. Scheiß Werbefilme für Maggiwürfel oder VW. Da kriegte ein guter Studiomusiker für so eine Session circa 300 Mark. Das war damals gutes Geld. Und Konrad, der da noch nicht der berühmte Conny Plank war, brauchte ebenfalls Geld und hat dann auch solchen Quatsch gemacht. Einerseits groß mit Orchester aufgenommen, aber auch Werbemusik, egal. So habe ich ihn kennengelernt. Ich war zum Bassspielen dort, und wir haben uns irgendwie angefreundet.
Bodo Staiger Das war ein riesiges Studio. Studios waren zu der Zeit noch gigantisch groß. Gerade dieses WDR-Orchesterstudio hatte Turnhallenformat. Damals waren das Regiepult und der Maschinenpark noch in verschiedenen Räumen, zusätzlich zum Aufnahmeraum und der Schlagzeugkabine, da konnte man sich schon verlaufen.
Eberhard Kranemann Conny hatte nach Inspiration gesucht, bei Studiomusikern und anderen. Durch die gute Kommunikation, die er hatte, konnte er ohne vorgefestigte Meinung an Dinge herangehen, die er als neu empfand, immer forschend, immer fragend.
Roedelius Wir sind Conny, beziehungsweise dem Studio, in dem er damals in Godorf arbeitete, vom Düsseldorfer Kantor und Produzenten neuer Kirchenmusik Oskar Gottlieb Blarr zugeführt worden. Von da an ging’s immer weiter mit Conny, als Produzent unserer Alben, aber auch als Tontechniker oder Mitmusiker bei live-Auftritten.
Michael Rother Als mich ein Zufall plötzlich in das Kraftwerk-Studio geführt hat, fing ein ganz neues Kapitel an. Ich machte damals Zivildienst in Neuss in der Psychiatrie des Alexius-Krankenhauses, und ein Kollege von mir erzählte mir Ende 70, dass eine Band in Düsseldorf einen Gitarristen suche und ob ich nicht mitkommen wolle zur Jam-Session. Wir gingen an jenem Tag zuerst zu irgendeiner Demonstration am Tausendfüßler, danach zu Ralf und Florian in die Mintropstraße, dort gab es einen großzügig geschnittenen Raum mit einigem Equipment. Allerdings noch kein Vergleich mit dem späteren Kling Klang Studio. Auf der Couch saßen Florian Schneider und Klaus Dinger, die einfach nur zuhörten. Ich griff zuerst zu einem Bass, der dort rumstand und jamte mit Ralf Hütter. Es war eine wegweisende Erfahrung, selten habe ich bei jemandem solche Ähnlichkeiten in der harmonisch-melodiösen Ausrichtung bemerkt. Sofort hatte ich das Gefühl, mit dem Hammond-Orgel-Spieler einen besonderen Gegenpart gefunden zu haben. Wir spielten und verstanden uns musikalisch hervorragend, auch er hatte ausgeprägt europäische Harmonien und Melodielinien, die er verfolgte; alle im Raum merkten, dass das funktionieren könnte, auch Klaus und Florian haben das so gesehen. Wir tauschten Telefonnummern aus, und dann ging alles seinen Gang.
Die frühe Entwicklung
++ Jan 70 der Kraftwerkvorläufer Organisation veröffentlicht das erste Album Tone Float in England auf RCA Victor, Produzent Konrad Plank
++ März 70 Ralf Hütter und Florian Schneider verlassen Organisation und gründen Kraftwerk
++ April 70 Paul McCartney erklärt das Ende der Beatles
++ Juli/Aug 70 Das erste Album Kraftwerk wird in den Rhenus Studios in Köln von Conny Plank aufgenommen
++ Aug 70 Klaus Dinger spielt Schlagzeug für Track B2 Vom Himmel Hoch und erneut im Sep 70
++ Dez 70 neugegründetes Philips-Label veröffentlicht das Debutalbum mit orangenem Verkehrskegel im Klappcover ++ Ralf Hütter verlässt Ende 70 für einige Monate Kraftwerk
++ Dez 70 Am zweiten Weihnachtstag geben Kraftwerk ein Konzert in der Besetzung Schneider/Kranemann/Weiss im Creamcheese in Düsseldorf ++


